Letztens, man glaubt es kaum, gerate ich in die Situation tatsächlich nahezu privat einige Worte mit der Führung zu wechseln. Also, mit einem kleinen Teil davon, denn meine Führung ist ein gewaltiger Apparat, bestehend aus vielen kleinen Rädchen, und die obersten Rädchen sind selbst den unteren nur vage bekannt, so dass das Gericht aus unendlich vielen Räumen und Gängen besteht, die selbst …

Ihr seht, ich bin gleich bei Kafka.

Ich sage jetzt nicht, um welches Rädchen es sich handelte, ich möchte niemand bloßstellen. In meinem Fall ist leider die Auswahl an plausiblen Kontaktstellen nicht all zu groß, ich wage aber zu Bedenken zu geben, dass im Fall des schulischen Bereichs momentan nicht nur der Bildungsapparat in Frage kommt, sondern auch das baden-württembergische Staatsministerium, das Sozialministerium oder das Gesundheitsministerium. Wie bekomme ich diesen Kafka-Tonfall wieder los?

Ich möchte jetzt auch nicht sagen, dass die betreffende Person, weiß, weiblich und älter war, weil ich es erneut hasse, wenn Klischees so geritten werden, und dann auch noch von der Realität. Ich behaupte also – fälschlicherweise versteht sich – dass ich zufälliger Weise mit Herrn Dugong aus Vietnam, 25 Jahre alt, an einem virtuellen Mittagstisch zu sitzen kam.

Der virtuelle Mittagstisch ist übrigens keine Falschbehauptung.

Der erste Kontakt war einseitig. Herr Dugong loggte sich in den virtuellen Break-Out-Raum einer Fachschulung ein, öffnete Mikrofon und Kamera und begann vor seinem Mikrofon mit dem Papier herumzurascheln. Ich hatte mir gerade einen Teller vegetarischer Bolognese vom Vorabend erwärmt und kam mit einer Cola-Dose an mein Dienstgerät zurück, als ich somit auf meine Führung traf. Herr Dugong war, während ich interessiert meine erste Gabel Nudeln wickelte, weiter mit seinen Papieren beschäftigt. Dann klingelte sein Telefon.

Erst als er sich mit „Dugong, Ministerium der Führung“ meldete, war mir letztendlich klar, dass ich es in der Tat mit unserer Führung zu tun hatte. Herr Dugong begann mit der unbekannten Person am anderen Ende einen strittigen Rechtsfall zu erörtern, sich offensichtlich nicht bewusst, dass er das Gespräch gleichzeitig ins virtuelle Netz streamte.

Als guter Beamter schaltete ich mich jetzt doch ein, ich weiß, welchen hohen Stellenwert der Datenschutz in meinem Bundesland genießt. Meinen Mund voller Nudeln hinab schluckend öffnete ich mein eigenes Mikrofon und wies fürsorglich Herrn Dugong auf sein geöffnetes Mikro hin. Er zuckte und stellt sich auf stumm.

Herr Dugong schien durch diesen Akt der guten Beamtenschaft – man stelle sich vor, ich hätte meiner Führung noch länger beim Arbeiten zugehört – eine mir gewogene Haltung einzunehmen. Jedenfalls – ich hatte gerade den zu meinen Spaghetti gehörenden Salat beendet – wandte er mir seine Aufmerksamkeit nach dem Diensttelefonat zu. Wir waren die beiden einzigen im Break-Out-Room, die nun Kamera und Mikro auf hatten, so dass eine nahezu private Atmosphäre entstand, ein Zusammentreffen mit der Führung, dass nur in seltensten Fällen erreicht werden kann.

Ich habe immer noch diesen ekelhaften Kafka-Tonfall.

Herr Dugong eröffnete unser Gespräch mit der Bemerkung, dass man innerhalb der Führung nicht mit dem hier in der Gewerkschafts-Konferenz eingesetzten Tool arbeite, und man sich somit erst wieder erneut in die Bedienung der Plattform einlernen müsse. Ich hingegen, als Lehrer, sei ja sicherlich mit der Plattform einigermaßen vertraut. Meine Entgegnung, dass dem nicht so sei, weil sich meine Schulleitung für die Plattform eines großen amerikanischen Unternehmens entschieden hätte, stieß auf hochgezogene Augenbrauen. Herr Dugong war überrascht, gab aber zu, dass dies wohl die best- funktionierende Alternative sei, wenn auch datenschutzrechtlich eventuell herausfordernd. Aber ich würde ja wohl nicht unbedingt im Videocall die Namen meiner Schüler*Innen nennen, nicht wahr?

Noch grübelnd, wie ein Unterricht ohne persönliche Ansprache der Teilnehmenden wohl ablaufen könnte – mit Tarnnamen? – , wandte ich ein, dass es ja vor allem um die Übertragung von IP-Adressen und Account-Informationen auf Server außerhalb der EU-Rechtsbestimmungen gehe. Herr Dugong von meiner Führung wirkte von dieser Erhellung der Rechtslage erneut ernsthaft überrascht.

Ich hatte gerade die Führung über die gültige Datenschutzgrundverordnung belehrt.

Entflammt von meinem vermeintlichen Erfolg gegenüber der Führung, entwarf ich weiterhin in einem Anfall von Kühnheit folgende Utopie: Hätte man vor einem Jahr, am Anfang der Pandemie, eine europäische Softwareschmiede mit der Entwicklung einer Lernplattform beauftragt, gar noch auf Open-Source-Basis, dann hätte man nun eine DSGVO-konforme Software, die in allen Funktionen ebenso zuverlässig wäre wie die momentan genutzte US-amerikanische Datenkrake.

Mein Gegenüber, wandte ein, dass vor einem Jahr ja kein Mensch hätte ahnen könne, dass die Pandemie so lange anhalten würde, sondern dass alle Welt ja geglaubt habe, die Sache sei in sechs Wochen ausgestanden. Wie hätte man da Dinge für die Zukunft vorbereiten sollen?

In diesem Moment wurde mir klar, dass hier zwei Welten gerade miteinander in Kommunikation eintraten, die sich fremder nicht sein könnten, ja dass Herr Dugong und ich geradezu auf zwei fernen Planeten existierten, getrennt von Staubgürteln und Sonnenwinden, in völlig unterschiedlichen Biosphären, sogar ausgestattet mit anderen Sinnesorganen und Nervenknoten, aber verbunden durch die Magie des Internets. Ich versuchte, mit meiner Welt in die Welt der Führung einzudringen, mir des Wahnsinns meines Planes wohl bewusst, und zwar mit folgendem Argument:

Tatsächlich hätten viele Virologen, zum Beispiel ein gewisser Herr Drosten, bereits vor einem Jahr mitgeteilt, dass die Pandemie sehr lange gehen werde.

Ja, da hätte es aber auch andere gegeben. Meinungen gäbe es immer viele, zu allen möglichen Dingen. Und letztendlich sage ja dann der Führung niemand aus der Wissenschaft, wie man die Organisation der Pandemie genau umsetzen solle.

Ich versuchte wieder, aufgrund des überaus privaten Charakters des digitalen Essens, eine Einwendung gegenüber meiner Führung zu machen, in dem ich in den virtuellen Raum warf, dass Wissenschaft nicht beliebige Meinung sei, sondern beweisbar, empirisch belegt und mit mathematischen Erkenntnis-Verfahren gesegnet. Und auf dieser Grundlage hätten eine große Zahl von Expert*Innen genaue und übereinstimmende Vorschläge zur Eindämmung der Pandemie abgegeben.

Herr Dugong schien langsam etwas unwohl zu werden. War ich etwa gar nicht auf Seiten der Führung, wie meine schnelle Warnung ob seiner Achtlosigkeit ihn zunächst hatte vermuten lassen? Er verlegte sich auf einen Seitenpfad des Gespräches, wich also dem Disens zwischen meiner Postion der Prognostizierbarkeit und Expertengewichtung und seiner der Meinungskakophonie und der überraschenden Wendung der Geschichte aus. Wichtig sei ja nun, dass wir alle gemeinsam die Hygienemaßnahmen weiterhin gut umsetzten, sie würden uns ja Sicherheit gewähren.

In diesem Moment – dem Schicksal mag dank, muss ich sagen, sonst wäre es eventuell an diesem Punkt zu verbaler Gewalt gekommen – griff die Tagungsleitung ein und bat uns wieder ins Plenum. Einen persönlichen Kontakt zwischen mit und Herrn Dugong gab es danach nicht mehr, ich sah ihn noch in seinem „Workshop“ bei dem verzweifelten Versuch, mit Hilfe der Tagungs-IT seine Präsentationsfolien in das Tool einzupflegen. Wenn es nicht gehe, dann sei das auch nicht so wichtig. Später las er uns die Briefe und Verordnungen seines Vorgesetzten vor, die wir in den letzten Wochen per Email erhalten hatten, und paraphrasierte die einzelnen Absätze noch einmal in einfacher Sprache.

Ich bekomme den ganzen Artikel über beim besten Willen Kafka nicht aus meiner Syntax.

Dieses Gespräch zwischen Spiegelei und Teflonpfanne, zwischen Lipophil und Hydrophil, zwischen Seegraswiese und Latschenkiefer offenbarte mir etwas, was ich bisher nicht ahnte, und das mir zeigte, dass unsere Situation viel schlimmer ist, als ich bisher befürchtet hatte. Was passiert psychisch mit einem Pessimisten, der es gewohnt ist oft Recht zu haben mit seinen geringen Erwartungen, wenn einen das Schicksal rechts überholt?

An diesem Nachmittag lernte ich also unsere Führung näher kennen, und es war gleichsam verblüffend und desillusionierend, in einer Art und Weise, die einem alle Hoffnung für die Zukunft raubt. Die Führung, das waren keine skrupellosen Misanthropen mit einem Masterplan für die Großfinanz, um deren Reichtum auf Kosten unserer Gesundheit abzusichern; Die Führung war eine etwas hilflose ältere Frau, die auf ihrem Posten verloren herumirrte und Schwierigkeiten hatte, die schöne neue Welt zu verstehen – die digitale und die analoge gleichermaßen.

Wir

sind

verloren.

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