Es ist etwas zerbrochen in den letzten Wochen. Etwas, das schon sehr alt ist und das nicht so schnell zu reparieren sein wird. Etwas, das lange Jahre einfach zuverlässig jeden Tag funktioniert hat, das so notwendig zum Bewältigen des Alltags war, dass man seine Endlichkeit, die Möglichkeit, dass es eines Tages seinen Geist aufgeben würde, nicht einmal für erwägenswürdig hielt.

Ich rede von meinem Vertrauen in unser Gesellschaftssystem.

Szenenwechsel. Die Sonne lacht aus einem dunkelblauen Poesiehimmel als ich auf die Stuttgarter Liederhalle zusteuere. Es ist eine Woche zuvor, und ich gehe mit einer Mischung aus Vorfreude und schlechtem Gewissen. Ich habe in 30 Minuten einen Impftermin, und ich freue mich, weil ich ein kleines Stück Schutz vor dem Irrsinn unseres Systems erhoffe und ich schäme mich, weil ich vor meiner 70-jährigen Mutter den goldenen Schuss erhalten soll. Man hat die Liste für Lehrer*Innen in Baden-Württemberg geöffnet. Oha, überraschendes Verantwortungsgefühl meiner Dienstherrin? Nein. Der Astrazeneca-Impfstoff erwies sich als Ladenhüter und machte die Lagerräume voll, also Liste auf. Am Haupteingang ein mit Tesa angeklebter Druckerzettel, Zugang zum Impfzentrum um die Ecke. Könnte eine große Metapher für den Zustand des Systems Deutschland sein.

Ich wuchs auf im treuen Glauben an das glanzvolle Abendland. Der kapitalistische Westen hatte 1945 die Welt von der Geisel des Faschismus befreit, in einer beeindruckenden Demonstration von Schlagkraft und Stärke. Als ich 16 war fiel die Mauer und darüber hinaus der gesamte sogenannte sozialistische Ostblock. Wir Kapitalisten müssen gar nicht mit Krieg kommen, wir können totalitäre Diktaturen auch einfach aushungern und leistungsmäßig übertrumpfen, bis sie die weiße Fahne schwenken. So stark sind wir. So stark waren wir. Unser System, aufbauend auf den Ideen des Humanismus und der philosophischen Gedankenwelt des 18. und 19. Jahrhundert, zeigte sich überdeutlich anderen Konstrukten als überlegen.

Wir zahlen dafür ja auch einen Preis. Echte Gerechtigkeit sucht man im Westen oft vergebens, weil Geld die Moral hier immer aussticht. Wer nicht von Geburt an begünstigt ist, hat nur eine minimale Chance durch Intelligenz oder Leistung in die Riege der Elite aufzusteigen. Wir diskriminieren Frauen, Nichtweiße (und zu viele andere Marginalisierte, als dass dieser Absatz sie fassen könnte) unter dem Argument, dass sich eine gerechte Welt finanziell nicht lohnt. Wir zerstören den Planeten, weil die Jahresbilanz der Firma morgen wichtiger ist als die Zukunft der Kinder in der nächsten Woche. Aber im Vergleich zu Kommunismus und Faschismus sind wir eine A+++-Veranstaltung, für den Preis erhält man auch eine adäquate Leistung.

Oder? Oder? Oder nicht?

Wann haben wir angefangen, Menschen im Mittelmeer lieber ersaufen zu lassen, oder sie in Lagern auf dem Stand der 1920er-Jahre verrotten zu lassen, bevor sie neben uns am Grill voll Schnitzel und Smoked Chicken hocken?

Das Impfzentrum ist heute voller Lehrer*Innen, man erkennt das sofort an Kleidung, Frisur und Verhalten. Am Empfang, an dem meine Berechtigung und meine Dokumente geprüft werden, komme ich mir eher vor, als würde ich mich auf einem großen Medizinerkongress anmelden, was lustig ist, denn ich war ja noch nie auf einem. Man ist tatsächlich im Impfzentrum gut organisiert. Von Station zu Station werde ich mittels eines QR-Codes weitergereicht, das Ganze macht auf mich den Eindruck einer gut geölten Maschine. Ein netter Arzt führt mit mir ein kleines Anamnesegespräch, irgendwelche Allergien, ah so, nehmen Sie Abends bei Beschwerden eine Paracetamol oder Ibu. Dann sitze ich auch schon auf einem Stuhl vor etwas, das aussieht wie eine Reihe geräumiger Umkleidekabinen bei H&M.

Warum funktioniert das Große und Ganze trotz dieser durchaus positiven Eindrücke von der Impffront für mich nicht mehr? Versuch einer Erklärung. Die Corona-Krise ist die erste größere Staats- und Gesundheitskrise der BRD seit Gründung. Gut, es gab den Terror der RAF, es gab Tschernobyl, es gab die Ölkrise, aber im Vergleich dazu wie weitgehend Leben und Alltag der Bewohner*Innen Europas betroffen und bedroht sind, waren diese historischen Krisen „Kriselchen“, die Wenige unmittelbar betrafen und ausgewählte Einzelne erwischten. Man bedenke einmal, die RAF hätte innerhalb eines Jahres über 70.000 Menschen ermordet.

Nur so zum Vergleich.

Selbst meinen alten Impfpass habe ich wiedergefunden, der mich nun fast schon mein gesamtes Leben begleitet. Der Pieks, den mir eine ebenso sympathische junge Ärztin verpasst, ist kaum zu spüren. Selbstoffenbarung: Ich und Nadeln, wir haben kein gutes Verhältnis. Normalerweise starre ich beim Thema Spritzen unverwandt und ernst in die Ferne, darum bemüht meine männliche Tapferkeit nicht einzubüßen. Aber diesen Pieks, den will ich mir ganz genau ansehen, denn in der klaren Flüssigkeit in der Kanüle schwimmt nicht nur der Impfstoff von Astrazeneca, es schwimmt die Verheißung darin, dass mein altes, glücklicheres Leben eines Tages zurückkehren wird. Heute sehe ich zu, wie das Zeug in meine Vene gedrückt wird. Denn nichts will ich gerade mehr, als dass mein altes glücklicheres Leben eines Tages zurückkehrt. Möglichst bald.

Und damit kommen wir zurück zu meinem Grundproblem.

Es ist die erste Krise, in der es notwendig wäre, dass die Verantwortungsträger und die gewählten Repräsentant*Innen unseres Systems alte, hohle Verhaltensrituale ablegen, die Lage erkennen und prioritär Maßnahmen einleiten, unter Bündelung aller vorhandener Ressourcen, die das Problem lösen. So, wie man in den 40ern das Problem mit Hitler gelöst hatte. Mit Erfolg. Denn dass unsere gewählten Vertreter*Innen ein ernstes Problem für uns lösen – das können wir v e r d a m m t n o c h e i n s von ihnen erwarten. Das ist der A+++-Deal mit dem Kapitalismus.

Nur: Wir haben inzwischen 12 Monate Pandemie und bis jetzt blieb diese Selbstermächtigung unseres ökonomisch-politischen Apparates aus. Aus meiner Sicht komplett. Daten zur Lage werden ignoriert, physikalische Messwerte als Verhandlungsmasse angesehen, so wie man eben ein Abschlusspapier eines Koalitionstreffens hin- und herformuliert, Energie fließt in Presseerklärungen und Wahlmanöver, die Ämter beschäftigten sich damit, möglichst viel business as usual zu sichern, der Föderalismus fällt zurück ins 18. Jahrhundert, Ressourcen werden dahin verteilt, wohin sie die politische Parteienlandschaft ideologisch schieben möchte, und nicht dahin, wo die Brände zu löschen wären. Oder, um mal jemand zu zitieren, der Dinge kürzer als ich auf den Punkt bringt:

Mir ist inzwischen egal, ob eigentlich der kleinkleine Föderalismus, die bockige Ministerpräsidentenkonferenz, die bizarre Bürokratie, die kaputtgesparte Infrastruktur, die ständige Angst vor dem Geschrei Rechter und Rechtsextremer, die völlige Fehleinschätzung des Pandemieverlaufs, das parteipolitische Getöse zum allerfalschesten Zeitpunkt, der kreischende Schuldenbremsengeiz der GroKo oder das jahrzehntelange deutsche Digitalisierungsdebakel hinter diesem pandemischen Staatsversagen steckt.“

So Sascha Lobo im Spiegel am 03. März.

Selbst die Programme, auf die man sich als politisch-administrative Klasse noch einigen konnte, scheitern mit Pauken und Trompeten, man steckt die Arbeit in großmäulige PR-Ankündigungen und spart sie danach offensichtlich an den Fachleuten, die Projekte verwirklichen können. Impfstoffproduktion- und Beschaffung, Digitale Strukturen, Schnelltests, Umbau der Schulen im Sinne den Infektionsschutzes – überall tritt der erschütternde Irrsinn zu Tage, der sich in der öffentlichen Behauptung, man hätte etwas erreicht / würde morgen etwas erreichen hervortut, der dann aber im Faktencheck des nächsten Morgens als völliges Verfehlung der gesteckten Ziele demaskiert wird. Und dann? Repeat. Und Repeat. Und Repeat. Ohne Leistungszuwachs.

Ich frage mich zur Zeit: Was würde passieren, wenn eine noch ernstere Krise diesen Staat treffen würde? Wenn es noch ernster um Leben, Gesundheit und Besitz der Bürger*Innen stünde? Würde dann ein Ruck durch diese Klasse gehen, würden sie dann anfangen, nicht mehr politisch sondern leistungsorientiert zu denken? In der Geschichte der letzten 30 Jahre war die rhetorische Nebelkerze immer mehr wert als die konkrete Messung der erbrachten Leistung im Amt. Kann es sein, dass Leute, die in diesem System nach oben gespült wurden, gar nicht anders mehr können, als Dinge nicht auf die Reihe zu kriegen? Hätte man nicht spätestens bei Andi Scheuer merken müssen, dass es nicht mehr um tatsächlich Erreichtes geht, sondern um das sich an der Macht halten durch farbenfrohes Geschwätz?

Das sich an der Macht halten durch farbenfrohes Geschwätz.

Ich bin nun geimpft und sitze noch dreißig Minuten in einem Beobachtungsraum herum. Hier in der Liederhalle war ich beim letzten Mal zu einem Konzert. Wanda rockte das Haus, und obwohl die Stuttgarter Liederhalle ein völlig unrockbarer Klassik-Bunker ist, gelang es Marco Michael Wanda und seinen Jungs das spätestens im zweiten Teil zu drehen, obwohl die winzige Theater-Bar für jede Konzertgänger*in nur ein kleines 0,3-Bierchen ausgeben konnte. Bei Wanda ein Angriff auf das Musikkonzept. Vorband: Voodoo Jürgens. Sehr geil. Jetzt sitze ich am selben Ort und lese mir die Informationen zu meinem Impfstoff durch. Der Sanitäter am Ausgang sieht nicht so aus, als würden hier viele Leute nach der Impfung umkippen, eher wirkt er gelangweilt.

Ich will mein altes Leben zurück.

Ich fürchte, dieses System ist an einem Punkt angekommen, an dem man einfach nichts mehr hinkriegt, so lange man sich an den alten Leitlinien aus der schwarz-gelben Ära orientiert. Und man kann sich nicht umorientieren, weil man diese Leitlinien als Lebensader der eigenen politischen Karriere versteht. Und sowieso nur alle gemeinsam den Paradigmenwechsel einleiten könnten, und die, die von der anderen Partei, die wollen garantiert nicht. Und die Mittel sind sowieso komplett verteilt, für Veränderungen sieht man da keine Spielräume. Unter dieser Brille ist es wurscht, ob in Baltrum ein Deich bricht, die Covid-19-Krise das Land in die Dauer-Depression stürzt, eine resistente Milzbrandversion innerhalb von Tagen Millionen Deutsche dahin rafft oder die rote Armee mit Panzern durch die Uckermark braust: Unser System – die westlich-kapitalistische parlamentarische Demokratie – , das einmal Hitler und Stalin geschlagen hat, wäre in jedem Katastrophenfall nur zu Symbolpolitik und Presseerklärungen fähig. Der alte Deal, der A+++-Vertrag funktioniert nicht mehr, sobald die PR-Fassade der letzten Jahre unter dem Eindruck einer realen schwierigen Situation einbricht. Dahinter: Inhaltsleere und Handlungsunfähigkeit.

Nur damit man mich nicht falsch versteht: Ich bin durchaus noch in der Lage als Landesbeamter meinen Dienst zu versehen. Ich bin ein glühender Verfechter unseres Grundgesetzes. Ich halte die humanistisch-emanzipatorischen Ideen der Aufklärung für eine der größten Fortschrittsleistungen der Menschheit und beklage es zutiefst, dass sie im gesellschaftlichen Entscheidungsprozess nur noch eine marginalisierte Rolle einnehmen. Unsere Verfassung und die Ideen dahinter wären wunderbar dazu in der Lage, einen Staat aufzubauen, der ein leuchtendes Vorbild in der Menschheitsgeschichte werden könnte, davon bin ich ernsthaft überzeugt. Ich will mehr BRD. Viel mehr. Aber das Personal, das im Moment auf Spitzenposten in Politik, Staat und Wirtschaft landet, ist alt, verschlissen und nicht in der Lage, den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts irgend etwas Belastbares entgegen zu setzen. Sie kommen mental aus der träge-lethargischen Helmut-Kohl-Phase, die wie eine Betondecke dieses Land noch immer fesselt, und die eine Gegenbewegung zur Grundidee unseres Staates war, eine sehr erfolgreiche. Selbst wenn nicht noch korrupte Unappetitlichkeiten dazu kommen, wie in den letzten Wochen, zeigt sich, dass wir nur noch wenig von diesen Protagonisten erwarten können, sobald auf uns Schwierigkeiten zukommen..

Ich könnte dieser Ordnung unserer Welt sogar die Korruption, die Ungerechtigkeiten, die Arroganz gegenüber dem Rest der Welt besser verzeihen, wenn es wenigstens die Scheiße in einer Krise gebacken bekäme. Wenigstens nach sechs Monaten Lernphase. Oder neun. Aber: nein. Stattdessen setzen wir Grenzwerte hoch, das ist einfacher als das Problem anzugehen.

Tiefblau.

Als ich aus dem Beobachtungsraum gehe, scheint ein strahlendblauer Himmel auf das weiße Studierenden-Hochhaus gegenüber der Liederhalle. Mein Oberarm ziept ein wenig. Vor der Halle riecht es nach Vorfrühling, als ich mich auf dem Weg zur S-Bahn mache. Aber er weckt keine neue Hoffnung in mir.

Zwischen Januar und März habe ich meinen Glauben verloren. Er ist zerbrochen unter dem unleugbaren Druck der Fakten des kollektiven Führungs-Versagens. Und ich fürchte, das ist noch mehr Leuten passiert als nur bei mir. Es wird für kommende Generationen von Verantwortungsträgern, die unsere heutige Machtelite möglichst schnell als Konsequenz dieser bleiernen Monate in den Ruhestand schicken mögen, ziemlich schwer sein, diese Enttäuschung zu heilen.

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