Ein offener Brief an meine Stadt und den hiesigen Sozialminister

Update, 28.11.: Seit gestern bin ich geboostert. Hurra. Letztendlich nicht durch ein kommunales oder staatliches Angebot, sondern von einem Orthopäden am Schulstandort, der seine Praxis in ein Impfzentrum verwandelt hat. 300 Impfungen pro Tag anstatt Knie und Schulter. Darüber hinaus wurden alle Einnahmen der gestrigen Impfaktion an Waisenhäuser an Myanmar gespendet. Es gibt sie doch, die verantwortliche Einzelinitiative. Erfahren habe ich von der Praxis über Flüsterpropaganda im Lehrerzimmer. DDR reloaded, wer weiß, wo man was kriegen kann. Den Tausenden anderen, die letzte Woche nach Hause geschickt wurden, hilft mein persönliches Glück aber nicht.

New Orleans, 2005, Hurricane Katrina hat die US-Ostküste verwüstet. Tausende Häuser stehen unter Wasser. Vor dem Superdome, dem Football-Stadion der Metropole, spielen sich apokalyptische Szenen ab, während sich Tausende von Verzweifelten in eine Schlange stellen, die zu den letzten Evakuierungsbussen führt. Zwischen den Menschenmassen, die ungläubgig auf die wenigen Busse starren, die ihr Gouverneur für die Vielen auftreiben konnten, bewegen sich zwei überforderte Polizistinnen auf und ab. Die Aufgabe, die Menschenmenge in geordnete Bahnen zu lenken, oder auch nur abzuschätzen, wie viele in einen Bus kommen, wächst ihnen definitiv mit jeder Minute mehr über den Kopf. Absperrbänder, Informationsschilder, Ordner – Fehlanzeige.

Oh, Shit, es ist ja gar nicht 2005, sondern 2021.

Und es ist auch gar nicht New Orleans – was haben wir damals über den unfähigen Ami den Kopf geschüttelt, Sie auch, oder? – es ist der Bahnhof Bad Cannstatt im November. Keine Flut, eine Pandemie. Und ich werde auch nicht zurück in das Stadion getrieben, sondern ich nehme resigniert meinen Roller und fahre nach Hause.

Warum bin ich überhaupt hier? Verzweifelte Hoffnung könnte man es nennen. Letzte Reste von Gutgläubigkeit, dass die verantwortlichen Kräfte schon die Situation nicht ganz aus den Augen verloren haben. Wir Narren! „Mobiles Impfangebot – ohne Termin! Impfteam in der Busbucht am Bahnhof, 24.11.2021, 17.00 – 22.20 Uhr.“ Müssen Sie auch ein bisschen hysterisch Lachen, beim nochmal drüber lesen?

Um 17:40, gut eine halbe Stunde nach dem offiziellen Startschuss, beginnt die entnervte Polizei die verbliebenen 80 % der Schlange wegzuschicken, bzw. ihnen freundlich zu sagen, dass sie chancenlos sind. „Ich kann es leider nicht ändern“, Standartsätze aus der Kommunikationsteamausbildung, Standartreaktionen bei den Betoffenen, frustriertes Abziehen. Wieder ein Stück Hoffnung in die Verantwortlichen weniger, dass man noch irgendwas im Griff hat.

Symbolbild – gilt für alle Tage der Liste

Natürlich war es nicht meine erste Wahl, mich im November Nachts bei -2 Grad vor den Bahnhof zu stellen und den Autoverkehr zu behindern. Natürlich wäre es meine erste Wahl, so geboostert zu werden, wie ich geimpft wurde: In einem wirklich sehr gut organisierten Impfzentrum in der Liederhalle , mit einem festen Termin, der zwar nicht einfach zu bekommen war, aber zuverlässig stattfand. Jetzt wird stattdessen ein großes Glücksspiel, eine Lotterie, ein „rette-sich-wer-kann“-Szenario für die Bevölkerung aufgezogen – ist das wirklich billiger so? Jetzt, im November, stehe ich zwischen einer – für die Verantwortlichen eventuell „überraschend“ aufgetauchten -Baustelle, den schmutzigen Warnbaken am Straßenrand und dem Ostausgang des Bahnhofes, dort wo sich normalerweise die nicht so glanzvolle Seite Bad-Cannstatts auf einen Sixpack trifft, die man jetzt für die „Impfaktion“ verjagt hat, die eigentlich, um 17.40 Uhr auch schon wieder beendet ist, zumindest für die meisten Leute in der Schlange.

Deutschland, immer noch in den Kreisen der Oberenzehnprozent eines „der reichsten Länder der Welt“, ist an der Basis ein Schwellenland geworden, mit deutlichen Anzeichen eines „broken states.“

Meine erste Wahl wäre es natürlich gewesen, einen Termin zu buchen. Und tatsächlich: Die Stadt Stuttgart hat eine schöne Liste mit lauter Stellen, bei denen keine Termine mehr zu bekommen sind, ins Netz gestellt und auch hier kann man sich anschauen, wo man in Stuttgart sich demnächst nicht boostern lassen kann.

Bis Februar.

Ich stehe jeden Tag im Klassenzimmer, in dem Infektionsschwerpunkt der vierten Welle, ja genau, keiner hat’s geahnt, der Schule. Geschützt werde ich von meinem Arbeitgeber nicht, er setzt seit einem Jahr auf billige OP-Masken und geöffnete Fenster. Ich darf mich regelmäßig testen – dann weiß ich wenigstens, ab wann ich es habe. Am 19. November wäre meine Zweitimpfung ein halbes Jahr her gewesen.

Wenn Sie bis jetzt drangeblieben sind, dann fragen sie sich sicherlich, was ich von den zuständigen Stellen fordere. Und wissen Sie was: Das muss ich Ihnen gar nicht erzählen, denn es liegt völlig auf der Hand, was notwendig wäre, jeder mit fünf Pfennig Menschenverstand kann es einigermaßen erschätzen.

Ich bin eher gespannt, was Sie auf die Frage, die diese Missstände aufwerfen antworten würden?

„Wir wurden überrascht!“ Das?

Halten Sie das für eine akzeptable Antwort, in Ihrer Position? Mit all der Verantwortung in der momentanen Situation des Landes? Oder ist das einfach Ihr Kommunikationstraining, so wie bei den beiden bedauernswerten Polizistinnen heute Abend?

Was 2021 verspielt wurde, wird nur durch 10 Jahre gute Entscheidungen zu reparieren sein. Tragen Sie morgen früh einen kleinen Teil dazu bei, und bauen Sie auf Teufel komm raus und um den Preis hoher Schulden unbedingt die Impfangebote aus. Es ist tatsächlich eine Frage von Leben und Tod. Und nicht von Haushaltsdebatten.

So sieht sie aus, die Lage in einer deutschen Landeshauptstadt

Ich bin ein höflicher Mensch. Ich beschimpfe sie nicht, sondern bleibe im Rahmen der respektvollen Kommunikation. Falls das aus Ihrer Sicht eine Antwort verdient hat: Nur zu. Adresse siehe Briefkopf.

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