Ich bin zu müde.

Zu müde um zu schreiben, zu müde um zu bloggen, zu müde um diesen ganzen Wahnsinn noch ätzend, empört oder ironisch zu kommentieren.

Ich stehe jeden Morgen auf, schleppe mich ins Lehrerzimmer (In Landschulen ganz bewusst ohne *In), halte meine Stunden, versuche für meine Schüler*Innen ein guter Lehrer zu sein.

Der Rest kann mich mal.

Was hatten wir alle im September Hoffnung, oder? „Politikwechsel.“ Politikwechsel my ass. Die Liste, was die kommende Regierung alles nicht verändern will, scheint der Schwerpunkt des Koalitionsvertrags zu werden. Wer hätte gedacht, dass Lindners Flachwitz „es ist besser nicht zu regieren“ generell gemeint war und nicht bezogen auf die damalige Situation? Wer hätte gedacht, dass ich eine Partei wähle, bei der ich eigentlich schon davon ausging, dass sie mich auf ganzer Linie enttäuschen wird?

Wir haben mittlerweile im Landkreis eine Inzidenz von ca. 350 (In einer Schule bitte mit zwei multiplizieren) und die Pandemie der Ungeimpften darf fröhlich um mich herum hüpfen und mir demnächst bald im dritten Jahr das Leben versauen. Die amtierende Regierung schaltet währenddessen immer mehr auf ein „aber wir können doch gar nix dagegen machen“ als Kommunikationsstrategie um.

Vielleicht haben sie ja Recht. Das wäre das Schlimmste. Vielleicht hat Europa endgültig den Status der Handlungsunfähigkeit erreicht, wir leben von der Restarroganz, die wir aus unserer vermeintlich glorreichen Kulturgeschichte ziehen, so wie ein spätantiker Römer immer noch davon überzeugt war die Sonne der Kultur zu sein, während längst die Vandalen in Rom das Sagen hatten. Und wir überdecken mit diesem Dogma von der ersten Welt die Tatsache, dass unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Politik längst gar nicht mehr auf Krisen und Probleme reagieren kann, sondern nur noch drüber reden und wortreich weiter auf den Abgrund zuschlittern.

Nehmen wir nur mal das Beispiel einer grünen Kultusministerin, die es schafft, noch katastrophaler, grausamer und verantwortungsloser zu verwalten, als eine extrem unbeliebte konservative Vorgängerin. Wie hält man sich selbst aus, ohne aus seiner eigenen Partei auszutreten?

Ist ja nicht mein Problem.

Ich möchte euch von einer fantastischen Gruppe Menschen erzählen, ziemlich jung, sie treffen sich einmal in der Woche in einem miefigen, heruntergekommenen Musiksaal der genau den Zustand des Bildungssystems verbildlicht, durch das sie sich seit ca. 10 Jahren schleppen. Sie versuchen dort eine Eigenproduktion zu erarbeiten, ein Bühnenprogramm für den Sommer, diesmal alles „from scratch“, ohne Stückvorlage.

Die Leute da sind wirklich großartig. Klug, witzig, kreativ, mutig. Warum sind die Leute über 40, die unser Land zum Stillstand hin verwalten, nicht auch so? Es gibt doch so Menschen offensichtlich?

Wir hätten im Juni eine große Einweihung bei uns am Standort zu feiern, vielleicht schreibe ich da ein andermal drüber, im Moment ist das im Grunde genau so scheißegal wie die täglich düstere Situation für die Menschen im Gesundheitssystem, und die interessiert ja schließlich auch keine Sau. Jedenfalls: Dafür entwickeln die Kids diese Produktion. Ich bin Teil des AG-Leitungs-Teams.

Ich mache das ja schon eine ganz Weile in meinem Berufsleben. Für Uneingeweihte: Man improvisiert bei so was relativ viele Szenen. In all den Jahren, vor diesem düsteren Herbst hier, waren diese Improvisationen echt witzig: Parodien, schnelle Gags, abgedrehte Karikaturen, immer auf der Suche nach einem guten Lacher. So war Theater-AG 2015. Oder 2008. Oder 2018.

Das Furchtbare: So ist es nicht mehr. Was meine Kids heute auf den dreckigen Teppich im Musiksaal, den wir Bühne nennen, zaubern, ist eine Sammlung düsterer und berührender Szenen und Themen, gespielt mit großem Talent, feinsinniger Beobachtungsgabe und tiefem Sinn für das Emotionale. Wir haben inzwischen alles in unserem Stück: Alkoholismus, Missbrauch, Mobbing, Weglaufen, Armut, Drogenmissbrauch (sorry, doppelt sich mit Alkoholismus), Krankheit, dem Vermieter ausgeliefert sein, Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung – you name it. Die Generation von 2021 schafft es, diese Themen nicht albern oder satirisch aufzuarbeiten, sondern mit dem großen Ernst von Leuten, die Wissen, dass diese Themen das Zentrum ihrer Generation darstellen.

Als Betroffene.

Wir proben das und entwickeln ein Stück, während wir zusehen, wie draußen die Zahlen explodieren, ohne dass die Verantwortlichen etwas anderes tun, als die Pandemie zu befeuern und dafür andere Verantwortliche zu suchen. Wir tun dies, während eine kleine Minderheit von Radikalen und esoterischen Irren die Mehrheit in diesem Land terrorisiert und einen Einfluss auf die Richtlinien des vernunftgeleiteten Handelns entwickelt, den ich nie geahnt hätte in einem von der Aufklärung geprägten Land. Wir tun dies, während die Schulleitung Drohbriefe erhält, die mit „SHAEF“ unterzeichnet werden.

Wir tun dies in der Erwartung, dass unser Stück nicht vollendet wird, weil das erste was man im Namen der effektlosen Symbolpolitik canceln wird, wenn das große Sterben wieder beginnt, werden die AGs an den Schulen sein.

Ich bin jetzt ja so langsam ein älterer Mann. Ich hatte meine guten Zeiten. Es geht ja eigentlich nicht mehr um mich.

Aber das, was meine Generation und die, die zehn Jahre älter sind als ich, dieser kommenden Generation antun, ist eine unanständige Abkehr von der Verantwortung für die Zukunft, die in Europa eigentlich keinen Raum zur Entfaltung hätte bekommen sollen.

All die Laschets, Lindners, Schoppers und Spahns, und ja auch die Göhring-Eckarts, die Mockridges, die Prechts, die Schwarzers, die Kretschmanns, die Streecks, die Reichelts, die Wagenknechts und die Boufiers, die Klöckners, die Brinkhaus‘, die Joops, die Heidenreichs und auch die Liefers‘, die jetzt dieses Land als Karikatur einer Elite prägen: Diese Jugend hat euch nicht verdient. Oder sie verdiente zumindest, dass ihr euer Denken und Handeln der aktuellen Lage anpasst.

Aber wir alle wissen: Das werden sie nicht machen.

Und wir sind zu müde, um weiter gegen die fehlerhafte Konstruktion dieser Weltordnung anzukämpfen. Also sitzen wir weiter jeden Dienstag im ranzigen Musiksaal, entwerfen ein Stück, für eine Zukunft, die höchst zweifelhaft ist, während draußen die Blaulichter flackern.

Beteilige dich an der Unterhaltung

3 Kommentare

  1. Normalerweise hätte ich gesagt, komm auf ein Bier vorbei, aber da wäre dein Nachhauseweg zu weit und schon andere haben bei deutlich kürzeren Distanzen erhebliche Abenteuerreisen nach einem Besuch bei mir absolviert 😉

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