Holy Moly, Kaunas!

Man weiß ja nie, was einen an einer Grenze erwartet. Vom spannender Machen des Lebens her gedacht ist die wiedererwachte europäische Grenzfreudigkeit definitiv eine Steigerung. Diesmal: Alkohol-Test um 8:30. Ich muss zwar nur in eine Art Trichter pusten, aber alleine die Idee um diese Uhrzeit den Alkoholpegel eines Wohnmobilisten zu messen fordert zu leicht rassistischen Osteuropa-Witzen auf oder aber zu einem erneuten Rant gegen diese Scheiß-Linien auf der Landkarte, die unsere Reisefreiheit ausbremsen.

Ich bin natürlich frühmorgens nicht betrunken.

Gleich danach bin ich nicht nur nüchtern, sondern im Baltikum. Es ist echt frisch geworden. Der Himmel ist ein wilder Mix aus dicken weißen Wolken und gleißendem Sonnenschein, der Wind ist wirklich kühl. Die Autobahn nach Kaunas ist links und rechts von Rapsfeldern und Wäldchen gesäumt. Alles wirkt ziemlich neu und wohlhabend, die Autos, die Firmengebäude, die Autobahn selbst. Inzwischen dämmert mir, dass die Deutschen mit die kaputtesten und ranzigsten Autobahnen in der EU haben. Jahrelange Vernachlässigung zugunsten von Neubau-Fantasien, unkontrolliertes gebührenfreies Nutzen, teures Kaputtrasen als verqueres Freiheitsideal.

There is no glory in prevention.

Und dann: Kaunas. Die nur viertgrößte Stadt Litauens, ein bisschen zwischen Ludwigsburg und Stuttgart von den Einwohnendenzahlen. Und mir geht es mit Kaunas wie mit Zagreb im März: Dann, wenn ich von einem Zwischenstop wenig erwarte, haut es mich ziemlich weg.

Kaunas hat genau diesen Vibe zwischen Geschichte und Modernität, den Städte in Tourismusbüro-Broschüren so gerne beschwören, und so selten haben. Es gibt die fast niedliche Altstadt mit Kopfsteinpflaster, Kirchen und niedrigen Häuschen. Es gibt die Neustadt mit einem höllenbreiten Prachtoulevard, einer Allee in der MITTE der Straße, alles komplett autobefreit und zum Flanieren einladend.

Ich entdecke die letzte stehende Synagoge von Kaunas, ein sehr schöner weißer Bau aus den 1870ern. Vor dem Krieg waren 30 % von Kaunas jüdisch. Dann waren die Deutschen hier. Geschichte.

Dahinter ist gleich die Yard-Gallery. Modernität. Kaunas ist nämlich auch ein Street-Art-Zentrum, man kann Murals quasi überall entdecken. In der besagten Yard-Gallery, ein ehemals ganz normaler Wohn-Hinterhof, ist so eine Art Nukleus der Street Art Bewegung in Kaunas. Das Projekt begann um einerseits die in der Moderne entfremdet von einander lebenden Bewohner der Häuser um den Hof in Kontakt zu bringen. Andererseits wird der im Krieg ermordeten jüdischen Bewohner der Häuser mit Murals gedacht. Das Ganze schwankt so elegtant zwischen Augenzwinkern und Ernst, dass man sich einfach in den Hinterhof verlieben muss. Eindrücke:

Danach stolpere ich in die Cyberpunk-Seite von Kaunas: Auf einer Memel-Insel steht die sehr futuristische Arena in einem grünen Inselpark. Daneben liegt ein Shopping-Center, das einfach mal ein paar historische Gebäude mit einer riesigen Halle überdacht hat. Die alten Häuser dienen als Läden und Restaurants, obwohl ich fürchte, dass nicht viel mehr übrig ist als die Backsteinfassaden.

Insgesamt wirkt das Baltikum so, wie ich es mir erhofft habe: Sehr cool und modern. Ich bleibe heute Nacht mal in town und suche mir keinen Wald. Habe mir für nachher Kino-Tickets für „Thunderbolts“ geholt, hier sind nur Kinderfilme auf Litauisch. Danach vielleicht noch ein Bier in einer Bar?

Irgendwie so.

HitlerHitlerHitler!

Mich erinnert Polen sehr an Deutschland. Und damit das nicht so falsch klingt: Ab jetzt werde ich klar erkennen, dass die Deutschen eigentlich ziemlich polnisch sind. Die Häuser hier sind sauber und gepflegt, mit Adretten Vorgärten und gestrichenen Fassaden; Man fährt gediegene Autos. Man hält sich meistens an die Verkehrsregeln. Alles sieht hier sehr vertraut aus. Nur die Fahrradfahr-Kultur und das Radwege-Netz: Das ist weiter entwickelt als im VW-Staat.

Wenn man aber zur Wolfsschanze will, dann gibt es dahin keine Autobahn. Ironie der Geschichte. Ich habe lange hin und hergemaped, wie man von Warschau nach Litauen kommt, denn in einem Rutsch wäre es ziemlich anstrengend. Dann fiel mir auf, dass ja ein weiterer Ort aus meinen Geschichtsarbeitsblättern so halb auf dem Weg läge. Somit quäle ich mich an einem regnerischen Sonntag-Morgen über Landstraßen und durch Dörfer, in denen alles sehr adrett aussieht.

Die Wolfsschanze, Hitlers Hauptquartier in Ostpolen, Lieblingsaufenthaltsort nach den ersten Niederlagen, Platz des letzten Anschlages auf ihn, der hätte ganz gut klappen können. Man kennt die Geschichte, spätestens seit Tom Cruise.

1944 wirft heute wieder spannende Fragen auf. Darf man einem Tyrannen den Tod wünschen? Darf man ihn aktiv zu Tode bringen, obwohl er ein menschliches Wesen mit Grundrechten ist? Hätten die Pläne des Kreisauer Kreises 1944 funktioniert, dann wäre vermutlich ein guter Teil der Opfer des Holocausts nicht ermordert worden, und der größte Teil gefallener deutscher und west-allierter Soldaten hätte gar nicht Sterben müssen. Millionen Eltern hätten noch Söhne gehabt. Demokratie hätt’s keine gegeben, aber weniger Opfer des NS.

Als kürzlich wieder jemand versuchte, einen Tyrannen zu ermorden, konnte sich die rechts-konservative Presse und Politik weidlich aufregen. Aber so was von aufregen! Wie könne man es wagen, öffentlich zu äußern, dass man es schade finde, dass der Schuss nur ein Ohr, aber keine Schädeldecke perforiert habe! Dies sei wahrlich ein öffentlicher Skandal, wenn große öffentliche Accounts diesem Menschen unverblümt den Tod wünschten.

Als ich vor den Trümmern der Besprechungsbaracke des Jahres 1944 stehe, die leider erst 1945 von den Nazis selbst kräftig zersprengt wurde, denke ich mir, dass es manchmal völlig ok ist Menschen den Tod zu wünschen, und zwar dann, wenn sie Tausende anderer Menschen bedrohen. Oder gar Millionen. Und deswegen wäre ich äußerst erfreut, wenn jemand Typen wie Trump, Putin und anderen Großnazis den Schädel wegpusten würde. Geradezu feiern würde ich den Tag.

Oder wenigstens an einer Salzbrezel ersticken lassen, lieber Gott.

Leider gibt es diesen gerechten Gott nicht, schon gar nicht, wenn man durch die gigantomanischen Trümmer der Wolfsschanze schweift. Je schlechter der Krieg lief, desto mehr Beton türmten Hitler und Konsorten auf ihre Schaffensräume, bis es dermaßen gut verbunkerte Klötze waren, dass es ihnen selbst schwerfiel, sie vor der Flucht zu sprengen. Das Innere liegt heute meistens in Trümmern, aber die Klötze selbst wirken im Wald seit 80 Jahren düster und massig.

Ein bisschen erwartete ich in der Wolfsschanze auf einen Nazi-Wallfahrtsort zu treffen, denn damit ließe sich trefflich Braunkohle scheffeln. Teils stimmt das gar nicht. Der Eintritt ist mit 6 Euro ziemlich ok. In erhaltenen Baracken gibt es eine Ausstellung zum NS-Terror in Polen, die keinem AfD-Anhänger recht schmecken dürfte. Spannenderweise werden hier die Mordwellen der Roten Armee nach dem Einmarsch 1939 der deutschen Vernichtungspolitik gegenübergestellt, das würde man so in einer deutschen Ausstellung zu Polen nicht sehen.

Man kommt ja als Deutscher um Hitler nicht herum. Ich finde, es geht zuweit, uns als „Besessene“ zu beschreiben, aber die meisten von uns sind mit dem Thema irgendwie verknüpft. Hier hatte ich heute die Gelegenheit, als Demokrat auf den Trümmern der Unmenschen zu stehen, und tief einzuatmen. Am Ende waren nämlich die Bunkerchefs alle tot.

In einer anderen Baracke wird Geld für die Restaurierung eines deutschen Jagdpanzers gesammelt. Erst dachte ich: Panzerrestaurierung – ihr könnt mich mal. Wenn man sich ein wenig in die Ausstellung einließt stellt man fest, dass der dort gezeigte Panzerjäger 38t 1944 beim Prager Aufstand eingesetzt wurde, von der polnischen Heimatarmee zerstört und dann repariert wurde, um ihn auf Seiten der Aufständischen im Ghetto einzusetzen. Dummerweise wurde die Werkstatt der polnischen Heimatarmee vor seinem Einsatz von der Luftwaffe bombardiert und der Panzer unter Trümmern begraben. Es handelt sich also um ein ziemlich historisches, eng mit der Geschichte Polens vernküpftes Fahrzeug.

Ich spende 5 Zloty.

Wenn man dann letztendlich in den Museumsshop tritt, hat man wieder volle Nazi-Vibes. Ich bin mir sicher, dass der junge, stramme Nationalsozialist mit einem „Wolfsschanze!“-Shirt in feinster Fraktur auf jedem Rechtsrock-Festival in Thüringen gut ankommt. Und auch der Rest richtet sich irgendwie an ein Publikum, bei dem es aus der Unterhose nach Tarnfleckmuster müffelt.

Das schöne an der Wolfsschanze wiederrum ist, dass es eine „Zone 1“ gibt, mit den wichtigsten und größten Bunkern bekannter NS-Bonzen. Die ist kostenpflichtig und museal aufgearbeitet und wer sich mal richtig gruseln will, der googlet jetzt schnell „Göring- Wolfsschanze – Skelettfunde.“ Es gibt aber auch eine „Zone 2“ südlich der Bahnlinie, in der so ein bisschen die Nebengebäude im Wald vor sich hin bröckeln. Auch die Nebengebäude sind durchaus gewaltig. Und auch sehr zersprengt. Natürlich steht an den Eingängen viersprachig „Betreten verboten“, aber da ist halt kaum auch jemand, der kucken würde …

Na ja, hier ein paar Eindrücke.

Nordostpolen ist wunderschön und im Gegensatz zu meinen ersten Fahrten im Westen sehr abwechslungsreich. Hügel, Wälder, Dörfer und große Seen wechseln sich entlang der gewundenen Sträßchen ab. Storchenpaare brüten auf Wagenrädern. Über allem heute Abend ein gewaltiger Himmel, der zwischen Regenwolken und strahlendem Sonnenschein wechselt. Der Wahnsinn.

Der Himmel so weit.

Übrigens bin ich an diesem See hier („Weltkriege, Parks und Nächte am See“?) nur noch 50 Kilometer von der russischen Staatsgrenze entfernt. Kaliningrad. Vor fünf Jahren wäre ich noch hingefahren. Heute ist der Gedanke daran ein bisschen gruslig.

Dann morgen lieber Litauen.

Einmal Polen rot-weiß, bitte!

Ich erreiche jetzt das letzte Drittel meines Auszeitjahres. Das heißt, dass noch viele schöne Wochen vor mir liegen, aber nicht so viele, wie ich bis jetzt verbracht habe. Zeit für mein erstes Resumé.

Es geht wieder alles schneller als man denkt. Ich habe mich in weniger besondere Aktivitäten gestürzt als im ersten Sabbatical und mich vor allem dem Reisen gewidmet. Das ist gut so. Von meinem Lieblingskontinent Europa habe ich ne ganze Ecke jetzt bereist, vor allem Ecken, in denen ich sonst noch nie war. Insgesamt belohnend für mich. Aber man könnte sich an dieses freie Leben zu sehr gewöhnen. Mir wird die Rückkehr in den alten Trott sicher nicht leicht fallen. Jetzt ist erst mal der Nordosten des Kontinents dran, meine Zukunft ist dann das Problem von Future-Achim.

Ich habe mich gestern Abend für Warschau statt Danzig entschieden.

Auf der Fahrt dahin bleibt Polen ziemlich gleich. Flach, Felder, einige Wäldchen. Durchaus idyllisch, aber eben nicht vielseitig. Die Autobahn ist noch immer bolzengerade, dafür sind heute an den Mautstellen alle Schranken hochgeklappt. Liegt es an einem technischen Defekt oder am Nationalfeiertag? Wir brausen durch.

Warschau selber ist … groß. Und eigentlich eine ganz würdige Hauptstadt. Viele Ecken erinnern mich an Berlin. Dann gibt es die Viertel im stalinistischen Zuckerbäckerstil einschließlich des großartigen Kulturzentrums-Wolkenkratzer. Eine Altstadt gibt es auch, wie in Posen nach dem Krieg ziemlich gelungen restauriert.

Stalinistisch und trotzdem hübsch.

Am 03. Mai ist hier die Hölle los. Aber der Gegensatz zu Berlin ist krass. Wo an der Spree kräftig Party gemacht wird, geht es an der Weichsel gediegen zu, man flaniert in guten Kleidchen, nirgendwo spielt laute Musik, man sitzt gepflegt im Café. Viele Frauen haben rot-weiße Blumenkränze und sehen ein bisschen damit aus wie aus dem Folklore-Museum. Vor dem Präsidentenplalast reihen sich schwarze Limousinen mit kleinen Nationalflaggen aus aller Welt auf dem Kühler. Sieht aus wie ein Diplomatenempfang. Ich suche in der Reihe die Karre, die ich mitbezahlt habe, finde aber nur die österreichische Karosse. Vielleicht hat der deutsche Botschafter heute etwas anderes vor oder er fuhr mit dem Fahrrad hin.

… zur Dihiplo-mahaten-jaaaagd …

Warum hat eigentlich Deutschland keinen Nationalfeiertag im Mai? Wir hatten mal einen am 17. Juni, um die DDR zu ärgern. Aber dann hat ihn irgendjemand in den trüben Oktober verlegt. Wir sind einfach das dümmste Volk ever. Ach so, das war Helmuth Kohl und Konsorten und die hassen bekanntlich Feiertage. Mal sehen ob Merz bald Nationalfeiertag am 06. Januar beantragt.

„Durfte Brand knien?“ titelte die BILD damals,

Ich verbringe den Tag mit dem Abklappern der wichtigsten Stationen. Ehrenmal der jüdischen Gefallenen des Warschauer Aufstandes; Kulturpalast, Altstadt. Alles ist kilometerlang voller Prachtbauten, Theater, Repräsentationsgebäude. Ein Museum macht mich heute nicht an, obwohl mir einige schwerstens ans Herz gelegt werden. Dafür esse ich einen fantastischen Kürbis-Humus-Toast in einer architektonisch atemberaubenden Bar neben dem Kultur-Stalin-Wolkenkratzer.

Übrigens haben da drin mal die Roling Stones eines der seltsamsten Konzerte ihrer Karriere gespielt. Die Karten waren fast komplett an verdiente Mitglieder der kommunistischen Partei verteilt worden, so dass sich die Stones anstatt mit ausflippenden Teenies mit einem Publikum aus älteren Amtsträgern in sozialistischen Anzügen begnügen mussten.

Nachher mal kucken, ob es davon noch Filmaufnahmen gibt.

Am Ende bin ich ziemlich erschöpft und mache Nickerchen in einem Park. Gaspard steht neben einem anderen Park. Dieser Blog könnte auch sehr gut „Weltkrieg und Parks“ genannt werden. Sind immer wieder Leitlinen meiner Reisen.

Gegen Spätnachmittag mache ich mich aber auf, obwohl Wahrschau sicherlich Stoff für viele Tage bietet. Aber ich habe keine Lust neben dem Park zu übernachten, eventuell wird es da gegen Abend für polnische Feierverhältnisse doch noch laut und spät.

Jetzt stehe ich in der Pampa tief im Wald. Alles um mich rum ist voller Stellungen, Schützenlöcher und Verteidigungsgräben. Sieht eher nach Zweitem aus. Zufällig genau drauf geparkt.

Weltkrieg und Parks.

Polen als Überraschung gesehen

Es hat schon etwas, seinen Morgenkaffee auf einer Parkbank am Tegeler See zu schlürfen und den Enten beim Aufwachen zuzusehen. Aber kurz danach bin ich weg. Ich hatte noch stark überlegt, einen zweiten Berlin-Tag einzulegen, aber irgendwie entwickelte sich dann doch der Drang, neues Gelände zu betreten. Also ab nach Osten. Von Berlin zur polnischen Grenze ist es nur ein Katzensprung.

Ich weiß nix über Polen.

Erste Überraschung: Polen ist nicht so ganz EU. Peinlich, aber wahr: Mir war absolut nicht bewusst, dass man in Polen noch in Zloty bezahlt und nicht in Euro. Das ist ärgerlich. Man muss also wieder lange online-Berichte durchlesen, wie man am besten zu Landeswährung kommt, und immer läuft es auf das eine raus: Das beste ist, du tauschst in einer Wechselstube Papiergeld gegen Papiergeld und bezahlst nur in bar. Also so wie 1879 auch. Bei jeder anderen Zahlungs-Art haut dich irgendein Gauner in einem teuren Vorstandsanzug über das Ohr und zockt wirklich prozentual irrsinnige Gebüren ab. Ich habe nicht so viel Euro dabei, und das, was mir der polnische Bankautomat und meine Deutsche Bank für eine Abhebung in Zloty abverlangen, ist wirklich außerhalb jedes kaufmännischen Anstands. Aber außerhalb der EU ist halt auch immer irgendwie WildWest.

So schlecht kenne ich also unsere direkten Nachbarn.

On the bright side: Die polnische Autobahn ist fantastisch. Bolzengerade, kaum befahren, dank Maut-Gebühr. Hier bekomme ich aber eine Leistung für mein Geld. Ruckzuck bin ich in Poznan, deutsch Posen.

Posen ist schön. Die Altstadt erinnert mich ein wenig an Prag. Mit dem Fahrrad ist man flott und auf guten Radwegen unterwegs, das Wetter ist blendend, die Cafes sind voll.

Posen und Deutschland haben aber auch eine ganz schön finstere Geschichte. Hier sitzt im Krieg die deutsche Gauleitung des „Wartegaus“ und tut dem polnischen Teil der Bevölkerung Schreckliches an. Heinrich Himmler hält hier 1943 seine „Posener Rede“, in der er einerseits die Ausrottungspolitik offen anspricht, zweitens rechtfertigt und drittens die Täter zu Opfern macht. Es ist ein absolut widerliches Machwerk in deutschen Worten, so wie eigentlich auch noch heute bundesweit rechtsextremistische und verfassungsfeindliche Parteien aus meiner geliebten Sprache ein widerliches Machwerk fabrizieren. 1945 brauchte es dann viel um eine reichsweit rechtsextremistische Partei zum Schweigen zu bringen. In Posen ganz besonders: Kurz vor knapp erklärt Hitler die Stadt zur „Festung“ und eingekesselte deutsche Einheiten verteidigen sie fast einen Monat lang. Danach steht kein Stein mehr auf dem anderen.

Hoffentlich schaffen wir es diesmal zu geringeren Kosten, die Nazis wieder loszuwerden.

Der Wiederaufbau der Stadt ist im Kommunismus definitiv gelungen. Die Altstadt wirkt historisch und harmonisch und ist ein bekannter Touristenmagnet. Ansonsten gibt es genau die Läden und Restaurants, die man erwartet. Gelungen ist auch der Umbau der alten preußischen Zitadelle, in der dann die Wehrmacht im Februar 1945 ihr letztes Gefecht um Posen liefert: Sie ist der größte Park der Stadt geworden. Überhaupt macht Posen einen grünen und parkreichen Eindruck.

Am Ende will ich aber für die Nacht hinaus in die Einsamkeit und tuckere über schlechte Straßen aufs Land. Auf dem Weg fällt mir dann die konsequente Beflaggung der Dörfer auf. Alles in rot-weiß … was ist da los.

Ich kenne unsere direkten Nachbarn sehr schlecht.

Polen hat nicht einen Mai-Feiertag, sondern Mai-FeiertagE: Am 01. den Tag der Arbeit (kommunistisch), am 02. den Tag der Nationalflagge (nationalistisch), am 03. den Tag der Verfassung (18. Jhdt. bzw. Solidarnosc). Drei Maifeiertage! Wie geil. Bei uns sägt der Wirtschaftsflügel bereits am 01. Mai herum, für den Aufschwung und so.

Am ersten See, der mir als Platz empfohlen wird, hat sich ein spontaner Campingplatz von feiernden Polen gebildet. Es wirkt nett, aber die erhoffte Einsamkeit finde ich hier sicher nicht; Ich schlage mich tiefer auf Forstwegen in den Wald und stehe nun in einer Schneiße im Nirgendwo, auf Sandboden, umgeben von roten Kiefern. Oder sinds Pinien?

Egal, jedenfalls allein.

Berlin kickt anders

Eigentlich hätte der Beginn nicht widriger sein können. Ich bin auf dem Weg ins Baltikum – erste Station Berlin. Schon das war nicht einfach.

Ich erwache an einem Badessee im Hohenlohischen. Weiter bin ich gestern nicht mehr gekommen, weil die Inspektion von Gaspard viel länger gebraucht hat, wie gedacht. Offensichtlich kamen Ersatzteile nicht. Der Zahnriemen ist bis heute nicht da, jetzt muss der alte eben noch mal 4000 Kilometer durchhalten.

Dann platzte am Dienstag wohl bei der Probefahrt der Krafstofffilter. Man machte sich – zur Ehrenrettung des Autohauses – gleich daran, aber bis ich den guten Gaspard dann geholt hatte, beladen hatte, war es Abend. Und so komme ich gerade noch bis kurz hinter Crailsheim, bis es dunkel wird.

Also Nacht am Badessee.

Dort treffe ich, nennen wir ihn in Ermangelung eines nie ausgetauschten Vornamens: Kurt. Er lebt dauerhaft an dem See in seinem Camper, zumindest unter der Woche, weil er in dem Kaff neben dem See arbeitet. Am Wochenende fährt er heim zu seiner Familie. Ich frage ihn nicht, warum er am Abend vor dem 01. Mai an dem See herumhängt und auch über Politik rede ich mit ihm lieber nicht. Aber Camper-Themen, das geht. Ich gebe Tipps für Albanien, er für das Baltikum.

Am nächsten Morgen früh raus. Kaffee machen, dann auf die Autobahn. Zuerst läuft alles super. In Sachsen-Anhalt aber dreht sich das Blatt, ein Laster voll Gas hat sich auf der A9 quergelegt. Vollsperrung. Eine Stunde kostet mich die Umfahrung. Auch Berlin selber am 01. Mai ist nicht gerade flüssig zu durchfahren. Mein Lieblingsparkplatz an den Tegeler Wiesen ist natürlich jetzt voll belegt, aber ich kann ja Gaspard erstmal ins Villenviertel nebenan stellen und mich auf den Weg ins Zentrum machen.

Erster Mai in Kreuzberg.

    Wie kann man es beschreiben? Eine Mischung aus Volksfest, Polit-Demo und Urban Party. Es ist wahnsinnig voll. Im Görlitzer Park drückt sich alles in den Schatten der wenigen Bäume. Alle paar Meter spielen Bands oder legen DJs auf. Die Laune ist hier in der Regel glänzend. Leute, die garantiert keine Schankgenehmigung haben, verticken Bier und Drinks von Tapeziertischen aus. Meine Schulgemeinde wäre über diese Variante des Alkoholverkaufs entsetzt. Das Wetter ist glänzend. Alles hier organisiert sich ein bisschen selbst und, auch hier wäre meine Schulgemeinde völlig in ihrem Weltbild zerstört, es funktioniert. Ab und zu wallen Hanfschwaden über die Massen.

    Ich besorge mir ein Wegbier.

    Man kann sich hier getrost treiben lassen. Erst denke ich, dass nur der Görli so ein Party-Zentrum ist, aber nein, quasi in ganz Kreuzberg sieht es heute so aus. Von der berühmten revolutionären Demo kriege ich nichts mit, aber überall stehen Polizisten vor Bussen herum. Auf dem Kanal patroulliert sogar ein Polizei-Boot, zwischen fröhlichen Bier-Schlauchbooten. Viel zu tun haben sie aber bis jetzt nicht. Ich sehe mir eine Weile eine wirklich gute Funk-HipHop-Band an und einen weniger guten Singer-Song-Writer, der über seine Mental Health und Selbstmord singt.

    Dann treffe ich … Lukas.

    Auch hier in Ermangelung eines Vornamens rein von mir erfunden, wir tauschen zwar unsere halbe Lebensgeschichte aus, aber Namen wären zu intim. Ohnehin habe ich bei Lukas den Eindruck, dass er auf einen Männerflirt aus ist, aber die Erwähnung von „Stuttgart“ und „Lehrer“ bläst jede Sexyness aus dem Kennenlernen meiner Person. Aber wir latschen sicherlich 20 Minuten nebeneinander her und quatschen über Berlin, Schulsystem und seine Bewerbung. Er ist Software-Entwickler. Als wir uns an einer der Kanalbrücken trennen, war es ein wirklich netter Smalltalk mit einer Bierflasche in der Hand.

    Nach der zweiten Halben beginnen ich ein bisschen durch die Situation zu schweben. In den letzten Jahren stecke ich Alkohol entweder weg wie ein erfahrener Brauerei-Gaul oder bin quasi instant angetrunkten. Die Schatten werden länger. Die Leute um mich herum besoffener. Die Flaschenberge an Laternenmasten und an Bäumen sind der Traum eines jeden Pfandsammlers, aber die wenigen, die ich sehe, picken sich nur die Dosen heraus – bestes Preis-pro-Kilo-Verhältnis. Irgendwo klirrt ständig Glas, irgendwo heult immer eine Sirene. An jeder dritten Butze legt einer auf.

    Alles ist irgendwie ein sehr schönes Chaos.

    Dennoch mache ich mich nach einem Seitan-Döner auf den Rückweg. Ich brauche ja immerhin eine Stunde zurück nach Tegel, dann noch Gaspard umparken – toll, hätte ich mir vor den zwei Bieren überlegen müssen – Spaziergang durch den dämmrigen Park, diesen Text schreiben.

    Ich bin wieder drin.

    Home again

    Letzter Tag der Fahrt – nicht viel passiert. Früh morgens raus, alles liegt im Regen. Traviso ist ein ziemlich trostloses Grenzkaff zwischen Eisenbahnlinie und Autobahn. Man ist in wenigen Minuten in Österreich, dann zwei Stunden über die Wegelagerer-Autobahn zur deutschen Grenze. Die Strecke ist wahrscheinlich ohne Regen und niedrige Wolken sehr schön. Heut halt net. Dann wieder BRD. Fühlt sich schon wieder sehr vertraut an, denn der Verkehr ist so beschissen wie in keinem anderen Land der Reise. Jeder andere fährt irgendwie freundlicher durch die Welt als eine* Deutsche*r.

    Gegen halb elf dann in der Geburtsstadt angekommen. Mittagessen bei Mama in der alten Wohnung.,

    Mehr Heimkommen geht nicht.

    Was bleibt ist ein Rückblick. Wie war meine Balkanreise und – falls ihr das auch tun wollt – was würde ich empfehlen?

    1. Meine Reise war absolut großartig. So viele Menschen getroffen, so viele Städte und Länder gesehen, die ich bisher gar nicht oder nur flüchtig kennengelernt hatte.
    2. Der Balkan ist wunderschön -vor allem landschaftlich. Besonders Fans von dramatischen Küsten und noch dramatischeren Bergen sind hier gut aufgehoben. Auch Wanderwütige finden definitiv absolut umwerfende Ziele.
    3. Balkan ist nicht gleich Balkan. Zwischen Slowenien, Bosnien-Herzegowina und Albanien gibt es deutliche Unterschiede, und mit denen muss man klarkommen. Nett sind die Menschen hier überall, je weiter man nach Süden kommt, desto netter und entspannter. Man wird dich als Touri ein bisschen ausnehmen, aber nur ein bisschen und sehr freundlich. Gib dicke Trinkgelder, vor allem in Ländern, wo du für nen Zehner ein Abendessen mit Getränken kriegst.
    4. Je weiter man nach Süden kommt, desto mehr Müll liegt herum. Das einfach so mit gerümpfter Nase zu konstatieren ist sehr von westlicher Arroganz geprägt und von der Illusion, mein eigener Plastikmüll würde sich in Luft auflösen, nur weil ich ihn als braver Deutscher in eine gelbe Tüte stopfe. Er liegt halt womöglich dann in einem anderen Land im Gebüsch herum. Aber Natur ohne deutliche menschliche Spuren ist in Albanien nur in den entlegendsten Ecken zu finden.
    5. Nehmt Hunde- und Katzenfutter mit, außer ihr habt sehr harte Herzen.
    6. Das Land riecht auch im Frühling schon nach Trockenheit, Staub und Hitze im Sommer. Die Waldbrandgefahr ist hoch und ich habe einige verkohlte Gebiete durchfahren. Ich würde sagen, die perfekte Reisezeit ist im April oder im Oktober. Im Sommer kann es sicher anstrengend bis lähmend hier werden. Der Klimawandel wird dem gerade aufblühenden Tourismus in der Ecke wie überall am Mittelmeer sehr zusetzen.
    7. Je weiter man nach Süden kommt, desto mehr muss man seinen Autofahrstil anpassen. Standhafte Teuton*Innen werden sich mit inneren Krisen konfrontieren müssen. Der Verkehr ist chaotisch, manchmal todesmutig, aber immer freundlich. Überholmanöver passieren auch in den Gegenverkehr hinein, wenn die Straße breit genug für drei Fahrzeuge ist. Straßen sind oft nagelneu. Oder aber noch nicht. Dann wird Fahren ziemlich aufregend. Man lernt schnell auf der Autobahn um Tirana auch bei Tempo hundert Schlaglöchern auszuweichen. In Albanien installieren die Gemeinden künstliche Bodenwellen von brutaler Größe, ohne sie wie z.B. in Frankreich mit Warnschildern anzukündigen. Übersehe da am besten keine. Werde nie unaufmerksam. Du hast zwei Rückspiegel, damit du weißt, was hinter deinem Fahrzeug gerade geschieht, also benutze sie auch.
    8. Fahr dahin, es lohnt sich.

    Ich sitze nun wieder am heimischen Schreibtisch, habe eine Kaffeetasse, eine vollständige Küche und eine ständige bereite Dusche. Mehr als eine Sitzgelegenheit. Das ist schön. Und trotzdem denke ich mir gerade schon wieder: Ach, so mit Gaspard on the road …

    Bis zum nächsten Mal.

    Heimweg

    Das Soca-Tal (Auf Italienisch heißt der Fluss „Isonzo“) ist spektakulär. Steile Felswände, schneebedeckte Berge und ein wilder Fluss voller Stromschnellen der – komplett himmelblau ist. Die Albaner machen daraus ein großes Ding, wenn sie ein „Blue Eye“ in den Bergen haben, hier ist halt einfach mal der komplette Soca so.

    Ich treibe mich heute ein wenig in Nordslowenien herum.

    Es liegt sicherlich auch wieder am grauen Himmel heute, aber die Dörfer am Grund dieser Täler wirken durchaus wohlhabend, aber lichtarm und eng. Ich glaube, in so einer Berglandschaft würde ich nur ungern länger leben, man fühlt sich quasi permanent von Felsmassen überschattet.

    Die größte Entdeckung heute: Gibanica.

    Als ich in Bovec an einem Dorfkaffee halt mache, sehe ich in einer Vitrine eine Reihe von nicht sehr auffällig wirkenden grau-braunen Kuchen-Quadern und denke mir: Besser als schon wieder Croissant. Normalerweise bin ich nicht der Food-Reise-Blogger und esse halt, was mir auf der Karte nett erscheint. Aber hier reiße ich dann die Augenbrauen hoch: Das Ding wird warm serviert und stellt eine Mischung aus Topfen-, Mohn- und Apfelstrudel dar. Gibanica ist das beste aus drei Welten vereint, und eine echte Köstlichkeit.

    Kein Almhüttenidyll

    Wo treibe ich mich herum? Auf Schlachtfeldern natürlich. Insgesamt verbringe ich einen grauen und nieseligen, aber schön einsamen Tag im Wald, der mich sehr an meine Frankreich-Ausflüge erinnert. Bei Bovec wurde ein ganz hübsch restauriertes Outdoor-Museum errichtet, das eine österreichische Verteidigungs-Stellung auf einem Hügel über den Fluss im Original-Zustand zeigt. Das Ganze ist etwas in die Jahre gekommen und vor allem einige Geländer würde ich mal dringend erneuern. Aber ich konnte wieder ganz allein mit Taschenlampe durch einen verzweigten unterirdischen Maulwurfsbau stromern und war damit sehr happy.

    Auch sonst finden sich auf dem Hügel Befestigungen. Hier gelang übrigens der Durchbruch bei der letzten erfolgreichen Offensive einer KuK-Armee, 1918, 11. Isonzo-Schlacht, unschönerweise mit deutschen Giftgasexperten. Arme Italiener.

    Ansonsten bin ich direkt an die Österreichische Grenze vorgestoßen und übernachte noch einmal im letzten Zipfel Italien. Wieder stelle ich fest, was für gewissenlose Räuber Deutschlands direkte Nachbarn im Süden sind. Neben nem 10er für ein Tagespickerl verlangen sie zusätzlich Maut auf bestimmten Abschnitten. Da sind mir die Franzosen mit ihren flächendeckenden Mautstationen irgendwie lieber.

    Na ja, viel FPÖ halt bei denen.

    Morgen geht es dann heim. Wird noch mal ein längerer Trip und ich möchte früh los, denn ich bin zum Mittagessen bei Mama in Ulm angemeldet. Und dann wird noch ein längerer Balkan-Rückblick notwendig.

    Es war eine tolle Reise.

    Isonzo

    Ich schrecke aus dem Schlaf hoch, weil jemand mit der Faust gegen meine Tür hämmert. „Carabineri! Open up!“ Schlaftrunken gehe ich davon aus, dass man jetzt den ungeliebten Camper verjagen wird, brülle „uno momento“ und nudele mich aus dem Schlafsack, taste nach der Brille (natürlich die mit dem Klebeband, damit ich möglichst kaputt aussehe) und knipse die Lampe an.

    Als ich die Tür aufziehe steht da kein Carabineri.

    Auch nicht zwei. Nein, es stehen da 20 Polizisten, alle in Combat-Suites und Sturmmaske und grinsen mich an. Der gerade noch leere Parkplatz ist nun voller Jeeps mit Blaulicht, irgendwo steht auch schemenhaft etwas mit 6 Rädern.“I was already asleep,“ nuschele ich entschuldigend.

    Hier findet heute Nacht eine Übung statt. Man bittet mich freundlich, mich zu verpissen. Die Polizisten – sie wirken alle unter dreißig – sind komplett nett, als sie merken, dass ich mich ziemlich erschrocken habe, sagen sie: „Take your time“ und: „Don’t forget your bike.“

    Jedenfalls bin ich 5 Minuten später on the road, im Schlafi hinterm Steuer und irre im nächtlichen Friaul umher, auf der Suche nach einem neuen Stellplatz. Am Ende lande ich auf der Zufahrt einer verlassenen Fabrik im Wald 15 Kilometer weiter.

    Schlaf.

    Mit dem Frühlicht werde ich wach und durchstöbere erst mal die ziemlich gruslige Fabrik. War wohl eine Art Maschinenfabrikation. Beim Frühstück stelle ich fest, dass ich nicht weit von einer „Galleria“ aus dem Ersten Weltkrieg sitze und noch vor acht streife ich durch den Bergwald und blicke über das Tal.

    Es ist ein super Ausflug. Die italienische Ersatzlinie ist grandios erhalten, aufwendig restauriert und begehbar. Und die Galleria entpuppt sich als kostenloses Mini-Museum. Schon als Bauwerk beeindruckend: Die Italiener haben eine verdeckte Feuerstellung in den Berg getrieben für sechs schwere Geschütze. Kasematten, riesige Gewölbe, Mannschaftsräume. Das ganze ist dazuhin noch didaktisiert und mit eher künstlerisch angehauchten Installationen versehen, die dennoch Zeugnisse der hier stationierten Soldaten verarbeiten. Es ist grandios, um da einfach zur frühen Morgenstunde hineinzustolpern.

    Die Stellungen sind allerdings relativ fundarm, ich kann kaum ein rostiges Splitterchen in der Gegend ausmachen. Dafür kommt mir beim Abfahren eine Schulklasse entgegen. Kollege mit Barett und weißem Vollbart voran, dann die übliche Meschpoche um die 14 und dahinter – vier Reenactor in Österreichischen und Italienischen Uniformen, das Gewehr über der Schulter.

    Sieht nach nem geilen Ausflug aus.

    Es ist noch nicht mal 10.00, als ich in Gorizia/Gorica/Görz einfahre. Ich besuche das Grenzstädtchen, weil es gemeinsam mit Chemnitz und seinem slowenischen Stadtteil Nova Gorica Europäische Kulturhauptstadt 2025 ist und wenn man quasi nebenan ist, kann man sich das ja anschauen.

    Gorizia ist ein verschlafenes, fast totes Kleinstädtchen mit hübschen alten Häusern und ziemlich leeren Straßen. Was hatte ich auch von einer Europäischen Kulturhauptstadt erwartet? Performance-Artists, die in fantastischen Kostümen auf der Straße tanzen? Abgefahrene Kunst im öffentlichen Raum hinter jeder Straßenbiegung? Hinweisschilder zu dutzenden Installationen?

    Irgendwie schon.

    Nur am örtlichen Museum ist was los, eine Andy-Warhol-Ausstellung zieht noch mehr Schulklassen an. Marylin lacht in knalligen Farben von der Fassade. Mainstream. Ich finde noch einen ganz netten Markt und einen belebten Platz, mache mich aber gegen Eins auf in den slowenischen Teil, um den darüber sitzenden Hausberg zu besteigen. Der hat im Krieg drölf dutzend mal den Besitzer gewechselt, weil jeder auf der Spitze hocken wollte. Es geht ziemlich steil rauf, erst mit Gaspard, dann zu Fuß.

    Fast wäre ich dem unscheinbaren Schild „Spitalo“ in ein Seitental nicht gefolgt aber nur einhundert Meter, dann bin ich ganz zu Hause. Na ja, doch nicht, es ist anders als Verdun. Dutzende Stolleneingänge durchbrechen die Felswand. Die Italiener haben die Ecke durchlöchert wie einen Schweizer Käse, weil das enge Tal relativ beschussicher war. Gallerien voller Zeug zwischen den Steinen. Artefakte überall, Gasmaskenfilter, Flaschenscherben, Patronen, ein paar Batterien, Ledersohlen … das übliche Sammelsurium, das zurückgelassen wurde. Nur diesmal Italienisch.

    Ich bin happy.

    Gegen Abend fahre ich noch eine Stunde raus ins Soca-/Isonzo-Tal. Steile Schluchten, tiefe Klüfte, irrsinnig blaues Wasser im FLuss. Irre, aber auch eng und einsame Dörfer. Wieder ein Parkplatz. Mann, heute ist ganz schön viel passiert.

    Die heutige Nacht dann bitte mal ohne Polizei.

    Bella Italia

    Habe ich schon mal einen Eintrag so betitelt? Egal. Jedenfalls liegt mein heutiger Start- und Endpunkt ziemlich auseinander. Ich habe Strecke gemacht.

    Ich muss hier die Straße des Heiligen Antonius bei Šibenik, die ich gesten vorschnell einfach als „See“ bezeichnete, noch einmal hervorheben. Das Beitragsbild jedenfalls ist eben jenes Stück „bella Kroatia.“ Wenn ihr mal die kroatische Küste entlangfahrt – macht Station und spaziert rum. Man hat hier – mit EU-Geldern – einen wunderbaren Spazierpark entlang der Küstendurchfahrt angelegt, die alle paar Schritte neue Naturperlen und historische Gemmen offenbart. In meinen paar Stunden hier habe ich gesehen:

    • Eine Hafenfestung aus dem 19. Jahrhundert
    • Kiesstrände mit Miesmuscheln und glasklarem Wasser
    • Eine jugoslawische Marinebasis, Drehort der ersten größeren kroatischen Spielfilmkomödie („Wie der Krieg auf meine Insel kam“)
    • Eine Erimitage/Höhlenkirche
    • Zahlreiche seltene Pflanzen, die einen salzgehalt zwischen Meer und Fluss brauchen.
    • Fossilien im Kalkstein
    • Einen deutschen Torpedo-Boot-Tunnel durch die Küstenfelsen.
    Torpedoboot-Tunnel gefällig?

    Besucherzentrum und Toiletten waren zu, aber im Sommer ist das sicherlich ein Hotspot für schöne Sommernächte. Mückenschutz nicht vergessen.

    Danach bin ich gefahren – lange. Mir war danach. Irgendwie bin ich jetzt an dem Punkt, wo ich näher nach Hause will.

    Eventuell hängt mir die Dubrovnik-Episode noch in den Knochen.

    Über ganz Kroatien hängen dicke graue Wolken. Aber dann, 100 Kilometer hinter Zadar, nach einem Tunnel: Sonnenschein!

    Slowenien – an der Grenze kontrolliert man mich mal wieder. Bus. Könnte ja voller POCs sein, die ich schmuggele. Ey, Leute, das ist eine EU-Grenze, ich will endlich mal reisen, ohne ständig an überkommenen Nationalgrenzen Station machen zu müssen!

    Die Menschheit war schon mal weiter.

    In dieser Ecke weißt du dann plötzlich nicht mehr so genau, wann du nach Italien reinrutscht. Jetzt bin ich im Land wo die Zitronen blühn, und zwar in vertrautem Terain.

    1. War hier die Isonzofront. Also die äußerst heiße Ecke bei Triest, wo sich Italiener und Österreicher etliche sinnlose Schlachten geliefert haben. Ich wandere am Spätnachmittag gleich noch ein paar ziemlich gut erhaltene gemauerte Gräben ab und fühle mich instant an St. Mihiel, südlich von Verdun, erinnert. Bilder:
    2. Google Maps, das selbst in Albanien ok funktionierte, kackt wieder komplett ab, sieht Straßen, wo nur Gebüsch ist, lotst mich auf Feldwege und in überwucherte Sackgassen, Pfade, die definitiv ein „Befahren verboten“ – Schild haben, sprich: Italien-Google, das gute alte Sicherheitsrisiko für dich und dein Fahrzeug.

    Aber ich kann hier wieder mein Bastard-Italienisch aus Sizilien auspacken. Ich sitze jetzt zwischen den Frontlinien auf einem sehr großen, Komplett leeren Wanderparkplatz. Die Sonne ist gerade untergegangen, der Himmel ist klar. Noch etwa eine Woche bis aufgrund der Regenfront in Europa alles voller Moskitos sein wird, aber nein: Nicht heute Abend.

    Könnte schlechter sein.

    Lucky old Boy

    Ich habe Glück. Ziemlich viel sogar. Und schönerweise umfasst das deutsche Wort „Glück“ sowohl die Bedeutung „Happyness“ als auch „Luck.“ Ich sitze gerade in der Abendsonne auf dem Parkplatz vor einem schönen Naturschutz- und Naherholungsgebiet an einer Bucht.

    Gaspards Reparatur war klein und billig.

    Dabor hatte ich aber einige schwere Stunden. Abends bin ich dann noch im Nieselregen in die Altstadt von Dubrovnik geradelt und waar zuerst einmal komplett geflashed: Was für ein Architektonisches Ensemble, was für ein einzigartiger Look! Nach ein paar Torbögen und Kurven beschleicht mich allerdings ein schwer zu greifendes Gefühl, das sich schließlich verdeutlicht:

    Die Altstadt von Dubrovnik wirkt tot.

    Es sind nur ein paar Touristen unterwegs, niemand sonst. Es gibt wenige Läden und Restaurants, alle in der weißes-Tischtuch-Klasse mit Kronleuchter, alles ist sehr sauber und slick. ich radele durch ein großes Museum für Besucher, aber das echte Leben ist draußen. Abgesehen davon ist anscheinend das bedeutendste an Dubrovnik eine TV-Serie namens „Game of Thrones.“

    Schließlich lande ich am neuen Hafen in einem italienischen Restaurant und beruhige meine Nerven mit Pasta. Als ich vor die Wirtschaft trete regnet es nicht, es gießt. Die Straßen sind tiefe Pfützen. Die steilen kleinen Sträßchen, die ich hinaufmuss haben links und rechts gurgelnde Bäche. Bis ich in meinem Ferienapartment bin, bin ich klatschnass und wieder voll sinnloser Wut auf das Wetter.

    Die Sorge um die Zukunft treibt mich Nachts um. Was wenn man keine Ersatzteile herbekommt oder nur nach Wochen? Was wenn der Schaden so teuer ist, dass es nicht lohnt und der ADAC Gaspard nicht rücktransportiert. Dann muss ich Flug organisieren, alles aus dem Bus ausbauen und verpacken, das ich retten will, versuchen das Fahzeug hier zu entsorgen. Alles super Scheiße. Und wie kommt Pegasus nach Stuttgart zurück? Wie viel Geld kann ich in das Auto noch theoretisch stecken, bevor ich zu klamm werde?

    Aber das Schlimmste ist …. GASPARD!!!!

    Es ist ziemlich dumm, sich so emotional an eine Maschine zu binden, aber ich konnte es irgendwie nicht vermeiden, ihn brutal zu anthropomorphisieren, so wie Hunde- oder Katzen-Besitzer*Innen irgendwann anfangen, einen Menschen in ihrem Tier zu sehen.

    Damit ist die Nacht um 5.30 für mich beendet und ich koche mir eine Tasse von dem Instant-Kaffee, den die Vermieterin dankenswerterweise hier stehen hat. Der Regen ist einer feuchten Waschküche vor dem Fenster gewichen.

    Ich warte.

    Ich traue mich nicht aus der Wohnung, aus Angst die Werkstatt könne anrufen und ich wäre dann weit weg. Ich vertreibe mir die Zeit am Laptop und schaue auf Arte einen mir bisher unbekannten Steven Frears Film aus den mittleren 80ern. „Grifters.“ Er ist ziemlich gut und lenkt mich eine Weile ab. Dann gegen 11.00 der erwartete Anruf: „Your car is finished.“ Ich lese das zunächst als „Diagnose fertig“ und eile zur Werkstatt, begreife aber dann allmählich: Gaspard ist bereits repariert.

    Unendlicher innerer Jubel.

    Fast wäre ich dem kroatischen Mechaniker (er sieht ein bisschen aus wie Isaac Asimov) um den Hals gefallen. Am Ende war es nur eine defekte Magnetspule und mit knapp 200 Euro ist die anfallende Summe mehr als erträglich. Als ich mit Gaspard unter dem Arsch wieder vor dem Apartement stehe, weine ich tatsächlich ein bisschen. Vor Erleichterung und Freude.

    Ich verliere nach dieser kleinen me-time keine Zeit und packe, zahle, und düse los. Mein Bus ist ganz der alte, wenn nicht sogar ein bisschen knackiger am Gas. Kurz hinter Split verzieht sich der Dunst und ich sehe Sonne.

    Jetzt sitze ich am See und bin einmal dem Universum dankbar.

    Erneutes Suchbild

    Ein ganz besondere Dank geht an all die lieben Menschen in Deutschland, die ich Freund*In nennen darf und die mich gestern per Handy moralisch unterstützt haben.