Porto ist Shit

Es ist der 17. August 1998 in Florenz und ich schiebe mich durch das Gewühl. Hier vor der Ponte Vecchio ballt sich die Touristenmasse zusammen und strömt im Kriechgang durch die Gassen, ein vielköpfiger Tausendfüßler der über das Kopfsteinpflaster schlurft, vorbei an den immer gleichen Souvennir-Läden und Schnell-Restaurants, auf der Suche nach dem authentischen Erlebnis, das der Reise-Heerwurm selbst längst vernichtet hat. Durch die überfüllten Gehwege knattern Kleinwagen und schieben sich hupend Busse, es ist unerträglich, ich will nur noch raus.

Halt – das ist eine Lüge. Es ist gar nicht 1998, es ist 2024, auch nicht August sondern der 20.09. und ich bin auch nicht in Florenz, sondern in Porto, dem ehemaligen Geheimtipp, Endpunkt meiner langen Tour-Planung, der mich nun maßlos enttäuscht. Sonst ist alles wahr: Das Gewühl, der Massentourismus, die komplette Umgestaltung der Altstadt. Es stinkt nach Abgas. Presslufthämmer dröhnen.

Über dem Straßenbild noch ganz hübsch: Porto

Zunächst einmal roch es in der Nacht ganz im Wortsinn nach Scheiße. Ich weiß nicht, ob es Rolf aus Regensburg war oder ein anderes großes Wohnmobil. Aber ich erwache, weil es in Gaspard hineinriecht. Das ist der Grund, warum irgendwann Camper nur noch auf Campingplätzen parken dürfen: Weil es eklige Arschlöcher wie dich gibt, Rolf. Die nachts heimlich den Kakawassertank ablassen. Wenn man schon zu den Perversen gehört, die unbedingt ihre eigene Scheiße in ihrem Riesenbus mit sich rumfahren müssen, anstatt sie auf der Raststätte oder im Restaurant zu lassen, dann hat man seinen privaten Ekel-Tank auf den offiziellen Serviceplätzen abzupumpen.

Dann riecht es kurz hinter der portugiesischen Grenze nach verbranntem Holz. Ja, da war mal was auf der vierten oder fünften Seite der Meldungen: Waldbrände in Nordportugal. Klimakatastrophen-Berichterstattung klickt aber leider nicht so richtig, lieber die Messerattacken ganz vorne featuren, aber ja: Hier kann man das Phänomen eben schlechter ignorieren.

Und dann war da Porto: Eine Ansammlung von Fehlern, von Overtourism und von Flüchen, die auf der Stadt liegen.

Mein Stellplatz war tatsächlich echt gut. Abgelegener Park am Grund einer Stadtschlucht, Picknicktische, kleiner Bach, nur 4,5 Kilometer von dieser Brücke gelegen:

Und das war gerade der Fehler Nummer eins: Porto ist eine Stadt, in der ganz selten Fahrradfahrer zu sehen sind, und das hat Gründe. Erstens: es gibt so gut wie keine Fahrradwege. Nirgendwo. Zweitens: Die steile Lage am Douro-Tal macht das Fahren zur Qual. Hoch, runter, Lunge brennt, Beine Gummi. Drittens: Porto besteht quasi fast nur aus Kopfsteinpflasterstraßen. Shit.

Aber ich schaffe es ins Zentrum. Und Wow, ist diese Brücke hoch und cool und der Blick davon fantastisch. Wenn man es schafft stehen zu bleiben. Ich frage mich, mit wie viel tausend Menschen Gustav Eifel bei der Konstruktion gerechnet hat, aber Porto reizt das Maximum ziemlich sicher aus. Durch diese Massen pflügt wild klingelnd die Metro, und das ist gut so, denn sonst kämen täglich dutzende Touris unter die Räder.

Ja, das da hinten sind alles Menschen. Und das ist noch eine breite Straße.

Zugegeben: Es sind kaum Familien mit Kindern in der Masse unterwegs. Der Touri-Heerwurm besteht zur Hälfte aus Rentner*Innen (maßlos überfordert) und jungen Pärchen (maßlos romantisch). Ich kann Pegasus hier eigentlich getrost vergessen – was auch noch passieren sollte. Fahren kann man ihn nicht, und schieben eigentlich auch nicht. Die Bürgersteige sind extrem schmal, durch die Altstadtgassen pflügt ungehemmt Autoverkehr, Motorrikscha, Oldtimertour und Rund-Doppeldecker-Bus. Ampeln bleiben für Fußgänger mehrere Minuten rot, so dass sie beim Warten von den engen Bürgersteigen quellen wie aufgehender Hefeteig, was zu empörten Hup-Attacken führt. Überall nur Souvenirshops, Sushi-Läden und Snackbars. Vor allen Kirchen Warteschlangen von Besichtigungsfreudigen.

Wie wenn Walt Disney eine Altstadt aufkauft und effektiv verwertet.

Es reicht. Ich muss hier raus. Egal welche Richtung, weg vom Zentrum. Osten, Richtung Fluss entlang. Folgender Plan: Abends soll in einer Bar eine Schweizer Hard-Rock-Band spielen. Zeit totschlagen, was Essen, dann zur Bar, Eintritt hinlegen, Kontrastprogramm zu Walt-Porto-World finden.

Ich finde in einem Arbeiterviertel eine kleine Bar mit Fast-Food. Publikum sieht nach Gang aus, aber die Wirtin ist nett und das Essen ok.

Ich schließe Pegasus, weil ich noch Zeit habe, nahe des Parkplatzes Trinidade an ein Verkehrsschild und gehe zu Fuß weiter. Eine Stunde später stehe ich wieder auf besagter Brücke und starre in den Sonnenuntergang. „Schöööön“ denken sich 3500 Tourist*Innen um mich herum- und ich halt auch. Dann schnell in die Metro hüpfen, zur Station Trinidade düsen, Pegasus holen, Bar finden, Konzert hören.

In der Metro treffe ich auf eine Gruppe junger Menschen aus Hogwarts. Als ich sie anspreche, erfahre ich, dass ihre Uniform gar keine Harry-Potter-Convention darstellt, sondern das traditionelle Outfit ist, mit dem hiesige Stundent*Innen die Studienanfänger*Innen begrüßen. Aber J.K. Rowling, die man vielleicht als bekannte Haß-Tweet-Autor*In auf X kennt, war mal in Porto und hat ihnen das Design geklaut.

Dann beginnt der Fluch von Porto. Aber eigentlich ist es nur meine Inkompentez: Ich finde Pegasus nicht mehr. ICH FINDE PEGASUS NICHT . In der Dämmerung sehen alle Straßen plötzlich gleich aus, außerdem schiebt sich jetzt eine unübersehbare Masse aus Hungrigen und Autos durch die Sträßchen. Warum habe ich mir keinen Punkt auf Maps gesetzt? Am Parkplatz Trinidade, es war so einfach! An diesem Casino bin ich doch safe vorher vorbeigekommen? Wie oft gehe ich diese Straßen jetzt schon ab und suche mein Fahrrad? Wo ist mein Rad abgeblieben?

Ich hasse aber auch alles andere hier, keine Sorge. Die fressenden Touris, die herumwieselnden Bedienungen, die auf der Straße herumpalavernden Kleingruppen von Freunden, vor allem aber die fackkackstörenden Autos, die trällernden Gitarrenhansel in jeder Bar, die Italoschlager und Buena-Vista-Social-Club schrammeln, die Leuchtreklamen, alles, alles hasse ich an dieser Stadt, während ich jeden Pfahl auf meinem Weg abscanne. Nach über einer Stunde Gewandere, Konzert kann ich längst vergessen, bin ich mir sicher: An dieser Ecke war es. Hier steht ein Parkschild, da muss es gewesen sein. Der Platz ist leer, Pegasus wurde geklaut.

Wir drei sind ein Team. Gaspard, Pegasus und ich. Wir haben alles zu dritt gemacht. Ohne Pegasus wäre alles weitere leer und bedeutungslos.

Schwer schluckend, denn ich hänge an diesem Drahtesel, gehe ich zurück zur U-Bahnstation gleich neben dem Parkplatz. Ich biege in eine letzte Gasse ein und blicke auf einen breiten Altherrensattel: Pegasus! Warum hatte ich diesen Weg bis jetzt übersehen? Warum merke ich mir Dinge so schlecht!? Oder ist es der Fluch, der ein UNGESEHEN-UNGEMACH über das Sträßlein legt???

Kein Bock mehr auf irgendwas, schnell den Weg zum Park gesetzt. Nach 20 Minuten merke ich, dass Google mir den Weg für Autos sucht. Riesen-Umweg. Mein Frontlicht ist kaputt. Es geht immer bergauf. Mein T-Shirt ist scheiß-nass. Noch 15 Minuten laut Maps. Da, am Rand, eine Snackbar! Vollbremsung.

Porto (Symbolbild)

Der Laden ist nüchtern in einer Betonblockecke verbaut. Davor auf den Hofplatten ein Zeltdach und mehrere Super-Bock-Tische, neben dem Eingang ein Take-Away-Fenster. Ich reiße mir den Fahrradhelm vom Kinn und wanke an die Außentheke wie ein Ertrinkender an einen Strand. Paco sieht mich und weiß genau was los ist.

Paco heißt nicht Paco, das ist mir klar. Paco ist vielleicht 10 Jahre älter als ich, hat einen Schnauzbart und ihm gehört der Laden. Paco spricht nur Portugiesisch. Ich nicht. Aber wir führen, und das schwöre ich, folgenden Dialog in der universalen Thekensprache, bei der man sich ohne gemeinsame Begriffe versteht.

Paco: „Na, mein Freund, wie kann ich dir helfen?“
Ich: „Ich brauche jetzt ein Bier. Wirklich.“
Paco: „Das sehe ich, Amigo. Ich habe das für dich. Großes oder kleines Bier?“
Ich: „Auf alle Fälle ein großes.“
Paco: „Kommt sofort“ (er zapft) Hier, setz dich. Lass dir Zeit beim Trinken.
Ich: „Danke, Paco. Bist’n Guter.

Das Superbock ist genau zwei Grad unter der perfekten Temperatur, um ihn richtig geil zu machen. Der erste gute Moment an diesem Abend. 30 Minuten später liege ich mit schmerzenden Beinen in Gaspard und schwöre mir:

Instastau am Ende der Welt

Während ich meinen Salat putze beobachte ich mit wachsender Faszination das ältere französische Pärchen mit dem Kangoo vor mir. Sie, spindeldürr und hochgeschossen, hat inzwischen den dritten Plastikbecher Tetrapack-Rotwein und eine Zigarette in der Hand, er, Typ Joachim Kroll, zieht ein Baumarktpaket ganz unten aus dem Kofferraum, nachdem er sämtliches Campingequipement zuvor auf der Wiese gestapelt hat. Das Paket entpuppt sich als Blechsteckregal. Beide beginnen auf dem Parkplatz neben ihrem Campinghaufen das Blechregal zusammenzufieseln, was sehr viel lautes Gedengel auf einzelne Presstahlelemente des Möbels mit einem Radmutterschlüssel erfordert, so viel, dass ich der Meinung bin, dass die Konstruktion eigentlich anders gedacht gewesen sein muss. Ich bin mittlerweile beim Abwasch angekommen, da steht ihr Regal endlich, nach über einer Dreiviertelstunde und zwei Bechern Rotwein. Sie lächeln sich verliebt an, süß und hässlich gleichzeitig. Was fangen die beiden mit einem Kellerregal auf dem Parkplatz an? Spannend. Joachim wuchtet dann das Lagermöbel flach in den Kofferraum des Familienkistchens und schnmeißt auf das nun längs liegende Regal zwei große Leimholzbretter, fängt danach an eine Luftmatratze aufzupumpen. Olivia (die von Popeye) fängt an den Kladeratsch von der Wiese in die liegenden Regalfächer zu schieben.

So sieht es aus: das Ende des Abendlandes

Jetzt wird mir schlagartig die Idee dahinter klar und ich kann das You-Tube-Video förmlich vor mir sehen, dass die beiden Franzosen dazu angestiftet hat: „So machst du mit 50 Euro in 15 Minuten aus deinem Kombi ein CAMPINGMOBIL!“ Thumbnail, Click. Der französische Fynn Kliemann präsentiert.

Natürlich funktioniert das abseits des Schnitttisches nur so halb. Das Regal und die Bretter liegen nicht stabil, weil der Kofferaumboden nicht flach ist sondern Riffel und Wulste aufweist. Beide unterfüttern ihre Konstruktion mit Wäschestücken, aber es wird wohl dennoch eine eher unbequeme Nacht werden.

10 Stunden zuvor: Aus meinem perfekten Sonnenaufgangmorgen, nur ich, Gaspard und der Strand, wurde nix. Grund: Es ist bewölkt. Statt dramatischer Wolkenbilder ist es eher so, dass eine gelangweilte Göttin sehr langsam das graue Licht hochdreht, mit geringer Motivation. Dennoch ist es sehr schön so einsam zu stehen, vom wach Werden bis zum Losfahren sehe ich keine Menschenseele an meinem Strand.

Die spanischen Autobahnen sind nicht so mein Fall. Wo in Frankreich alle 15 Kilometer ein schöner Parkplatz kommt und alle 50 eine großzügige Raststätte, wird in Spanien nur angeschrieben bei welcher Ausfahrt man raus soll, um Dienstleistungen zu bekommen. Dafür ist die Strecke von Gijon nach A Coruna (ich weiß dass da irgendwelche weirden spanischen Krakel irgendwo auf die Worte müssen, aber ich suche die nicht wirklich jetzt raus …) landschaftlich der Hammer.

Als ich wirklich dringend meine Nase pudern muss (damit meine ich, dass ich wirklich dringend kacken musste) nehme ich schweren Herzens die nächste Ausfahrt und lande bei der Cooperativo … nennen wir sie mal „Cooperativo Villa Estrella“, einer Bauerkooperative im Niemandsland, die schon sehr cool ist. Der riesige Laden ist zu 50 % Baumarkt und zu 50 % Supermarkt. Das Klo ist sehr sauber, es gibt hier auch ungewöhnliche Sachen wie Riesennuckelflaschen für Kälbchen oder Sensen zu kaufen. Außerdem eine Automatentankstelle (drei Zapfsäulen) und eine riesige, nagelneue Stromtankstelle. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, für 19 € eine gefütterte Jäger*Innenweste mit dem Aufdruck „Cooperativo Villa Estrella“ erstehen, aber ich kann mich noch zurückhalten. Cool wäre die schon gewesen.

Zwei Stunden später parke ich Gaspard auf dem Parkplatz der offensichtlich großen und weitverzweigen Universität A Coruna. Mit Pegasus in die Innenstadt: 15 Minuten. Mein Versuch einen Ersatz-Kapuzenpulli mit Futter zu finden scheitert: Einziges Modell ist von Ralph Lauren und soll 299 Euro kosten. Abgesehen vom Preis will ich nicht aussehen, als treffe ich mich mit meinen Nazi-Freunden im Pony auf Sylt.

A Coruna hat was: einen Faible für Fenster

In A Coruna nehme ich alte Fährten wieder auf. Hier habe ich 2019 meinen Überführungstörn gestartet, im ersten Sabbatical. Schon damals fand ich die Stadt faszinierend, nicht nur, aber auch wegen ihrer großen Leidenschaft für Fenster. A Coruna ist groß, hässlich, funktioniert aber trotzdem. Ich radele die Seepromenade ab bis ich die Festung sehe, an der ich damals vorbei hinaus ins große Abenteuer gesegelt bin. Ich will nun rein, und sie ist ein Museum.

Hübsche kleine Festung

Absurder wirds nicht mehr. In der sehr hübschen kleinen Renaissancefestung befindet sich das archäologische Museum der Präfektur und dies ist mein absoluter Museums-Supertip: Geht da rein. Zwar besteht die Sammlung aus sehr viel Zeug in Vitrinen mit spanischen Schildchen, aber für den Spottpreis so viel Funde von der Steinzeit bis ins 18. Jahrhundert zu sehen, ist einfach unschlagbar. Dazu lernt man am Ende doch eine ganze Menge über die Geschichte der Stadt und der Region, so dass ich sagen muss: Bisher das beste Museum. Und alleine die Festungsanlage wäre den doppelten Eintritt wert.

Die Rückfahrt aus der Innenstadt ist mal wieder die Hölle und beweist einmal mehr, dass sechs und achtspurige Trassen das Problem mit den Autos nicht lösen. Bis ich Gaspard vor der Uni sehe, ist mir ungelogen übel von den Abgasen. Aber wer braucht Realitätsbeweise, wenn Volker Wissing eine Weltanschauung hat.

Hier ist viel los, weil danach nix mehr kommt. Weil man von diesem Spot nach Westen blicken kann, wo lange außer Wasser wenig stattfindet, hat man da vor einigen Jahren ein großes Steintor errichtet. So ein bisschen wie auf Naxos und deshalb ist hier allabendlich großer Zirkus. Wohnmobile batteln sich um die Frontrow: Windschutzscheibe Richtung Wasser! Ich parke natürlich als Zeichen der Verachtung für die anderen mit dem Arsch zum Meer. Dafür ist um mich rum Platz. Alle möglichen Leute treffen mit dem Fahrrad oder dem Auto ein, um einen Schnappschuss der roten Sonne durch das Tor zu kriegen. Alle versuchen alle anderen nicht auf dem Bild zu haben. Joachim und Olivia bauen ein Regal. Rolf beschwert sich, dass er hier sein Grauwasser nirgendwo ablassen kann (fahr zurück nach Regensburg Rolf, ok?). Jugendliche knattern mit dem Moped hier hoch und schreien sich erregt Dinge zu. Mädchen haben sie keine dabei, so eine Überraschung.

Ein paar Schritte die Straße runter betreiben zwei gefühlte Abiturient*innen eine sehr sympathische Strandbar, eigentlich ist es eher so ein Foodtruck mit großer Sitzwiese. Da lasse ich mich erst mal nieder und genieße ein Bier. Danach ein wenig noch auf Pegasus den absolut fantastischen Küstenradweg entlang düsen. Hoffen, dass sich der Zirkus am Parkplatz legt, so dass ich mich auch legen kann.

Das nenne ich mal einen Radweg, Leute.

P.S.: Cidre ist ein völlig überschätzter Dünnmost. Hätte wohl mal besser damit rumgespritzt.

Life’s a Beach

Der heutige Morgen war der Aufrechterhaltung der Infrastruktur gewidmet. Zunächst Fahrt nach Gijon, das so hässlich ist, dass ich der Stadt erst gar keine zweite Chance gegeben habe. War vielleicht ein wenig grob. Aber es gab einen gigantomanischen Supermarkt, W-Lan, Bloggen, Zeug einkaufen. Dann fünf Straßen weiter zum Waschsalon. Ich habe zwar genug Klamotten für zwei Wochen eingepackt, aber der Wäschesack wurde mir etwas voll und wenn ich heute schon mal den Morgen den allgemeinen Notwendigkeiten opfere, dann kann das gleich mit.

  1. Aus Mangel an Sprachkenntnissen packe ich meine Schmutzwäsche zunächst in den Trockner, merke das aber erst nach Ende des Programs, nachdem meine Wäsche zwar schön warm, aber immer noch verspackt aus der Trommel kommt.
  2. Die richtige Reihenfolge beim zweiten Versuch produziert saubere, aber immer noch feuchtklamme Wäsche. Entweder habe ich den Trockner falsch bedient oder das Ding bringt’s einfach nicht.
  3. Als sich Abends ein kühler Wind erhebt und ich mich Frage, wo mein fließgefütterter Kapuzenpulli wohl ist, fällt mir ein, dass ich ihn im Waschsalon in Gijon, 30 Km hinter mir, an eine Regalkante gehängt habe, wo er wohl noch immer langsam trocken wird.

Das nehme ich mit einem Schulterzucken, was wieder auf den Oh-so-happy-Achim hinweist. Ich habe den perfekten Spot für heute gefunden. Strand, Bucht, umgeben von Steilklippen, viel Parkplatz, Stand jetzt, 18.09./19.45 noch kein zweites WoMo aufgetaucht. Bus steht mit Blick aufs Meer, so dass ich morgen früh mit Buddha-Miene in den Sonnenaufgang starren kann. Ein paar Schritte oberhalb: kleine, einfach wirkende Strandbar. Hier kann ich Abends gleich oberhalb von Gaspard was essen und mit zwei Wein dann den Schieferplattenweg zu meinem Schlafplatz hinunterschweben.

Oder ich gebe mir was von diesem hier so gefameden Cidre, den man immer aus zwei Meter Entfernung ins Glas spritzen muss. No, das ist mir zu posig als Getränk, ich habe mir davon eh eine Flasche im Laden zugelegt, den ich irgendwann ohne Rumgespritze hier im Bus aus der Blechtasse süffeln werde.

Nachmittags die Gegend mit Pegasus erkundigt.

Feststellung: ich bin ein negativer Typ. Die Freude darüber, die Straßen an der Steilküste mühelos herunterrollen zu können, wiegt bei mir den Ärger über das anstrengende Hochstrampeln klippauf nicht auf. Ich verbuche das als Negativbilanz. Dumm.

Übrigens:Wäre diese Steilküste in Großbritannien oder Irland wäre sie total berühmt und ein Markenzeichen, aber hier ist sie nur ganz normales Nordspanien.

Dafür aber ein kleines Küstenörtchen erkundigt, in einer Bar Kaffee mit Hafenblick getrunken, einen breiten Sandstrand dahinter entdeckt, bis zu den Knien drin gewesen (der Atlantik ist echt frisch), die Stranddusche benutzt, von einer Klippe auf die gischtenden Fluten darunter geglotzt, eine versteckte Katze im hohen Gras entdeckt, leider keine Freundschaft geschlossen, schönen roten Stein gefunden. Im Kopf macht sich anscheinend grad das Biedermaier breit. Wenn ich hier fertig getippt habe gehe ich hoch in die Bar und esse irgendwas.

Zwei Stunden Bilbao

Ich sitze auf meinem Regiestuhl, der mit auf die Reise ging – ein Geschenk einer langen vergangenen Theater-AG zum Abschied. Vor mir dampft auf dem Teller ein Haufen Pfannenkuchen – Haufen ist korrekt, denn ich war nicht in der Lage, sie elegant und komplett zu wenden. Sie schmecken mit Apfelmus dennoch köstlich. Beim Schmausen blicke ich auf sanfte, grüne Hügel, auf denen weiße Kühe im Sonnenuntergang grasen. Ihre Glocken klingen wohlig durch die Abendluft. Dahinter kühne, bewaldete Gipfel. Ich könnte in Österreich sein.

Zurück zum Morgen: Der gute Gaspard kämpft tatsächlich mit den Anstiegen ziemlich und geht dabei ganz schön in den Keller. Rechte Spur nehmen und sich überholen lassen. Dafür belohnt die Strecke mit dramatischen Ausblicken auf das Meer, in das die Berge münden. Vor Bilbao liegt noch ein Ziel auf der Strecke, das nur einen kleinen Abstecher bedeutet: Gernica.

Die meisten werden den Namen aus der Kunst der Moderne kennen, einige wenige aus der Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs. Als ich in die Kleinstadt einfahre, frage ich mich zunächst, ob ich mich im Ort vertan habe und ich in Wirklichkeit ein anderes Gernica/Guernica in Spanien suche. Nichts, aber auch nichts weist am Ortseingang und zwischen den langweiligen Mehrzweckbauten auf die tragische Vergangenheit hin. In Frankreich hätten wir mindestens zwei braune Schilder am Rand der Autobahn gehabt und einen dramatischen Untertitel auf dem Ortsschild.

Gernica gilt als Zentrum des baskischen Nationalbewusstseins. Das liegt unter anderem an einer Eiche, die hier steht, unter der seit Alters her die Basken ihre Angelegenheiten verhandelt haben sollen. Mittlerweile ist es die fünfte Eiche, sie wird immer durch einen neuen Baum ersetzt, wenn der alte stirbt, zuletzt geschah dies in den 90ern. Man züchtet die neuen Eichen praktischerweise neben der aktuell gültigen.

Die Baskischen Nationalisten schlagen sich im spanischen Bürgerkrieg auf die Seite der Republik, nicht weil sie groß linke Demokraten gewesen wären, sondern weil eine Autonomie mit der Republik machbarer schien als mit den Frankofaschisten und den verbündeten katholischen Traditionalisten. 1937, der Bürgerkrieg läuft nicht besonders für die Demokratie, beschließt ein Franko-General-Arschloch zusammen mit den Nazis, dass Gernica ein sehr gutes Versuchsfeld für neue Luftkriegstaktiken wäre:

Im April 1937 sprengen und brennen mehrere Geschwader deutscher Flugzeuge Gernica in Grund und Boden, laut Reichsluftfurzminister Göring während der Nürnberger Prozessen, weil man leider anders keine Luftkriegsforschung hätte betreiben können. Die Opferzahlen sind nicht ganz klar, vor allem weil die Daten unter der Franko-Diktatur vernichtet wurden, aber mehrere tausend scheinen realistisch. Gernica ist die erste Stadt die einer Massenbombardierung unterzogen wird. In der Franko-Diktatur waren dann alle dazu gezwungen, zu sagen, dass die Kommunisten in Wirklichkeit die Stadt angezündet hätten, was ich ganz besonders widerlich finde.

Denkmal für die Kämpfenden der Republik vor der Schule

Noch 1937 beauftragt die Republik Pablo Picasso ein Wandgemälde des Bürgerkriegs anzufertigen. Er nennt es Guernica und es gilt als Schlüsselwerk zu seiner Kunst.

Ich habe mir vom Friedensmuseum in Gernica nicht viel versprochen und dann eine über weite Strecken hervorragend gemachte Ausstellung gesehen, die mich sehr nachdenklich und betroffen machte. Es ist ein modernes, sehr gutes Museum, ich würde jedem empfehlen, den Abstecher zu machen.

Bilbao hingegen ist nach Biarritz und La Rochelle richtig erfrischend. Bilbao ist laut, ein bisschen schmutzig und heruntergekommen, lebendig, divers, mit vielen kleinen Läden und Imbissbuden. So stell ich mir eine Stadt vor.

Hallo, ich bin ein Mammut und stehe im Wald.

Ich beschließe trotzdem wieder zwei Stunden Citywalking hinaus in die Pampa zu fahren um weit weg von allem zu campen. Ich lande in den Bergen auf einem Picknickplatz neben einem prähistorischen Minipark. Da gibt es ein Betonmammut, ein paar Hinweistafeln auf Eiszeitjäger (alle Spanisch) und eine prähistorische Höhle, die ein Phänomen ist. In Deutschland wären da drei Eisengitter davor, und eine eindringliche Sicherheitsbelehrung, oder aber taghelle Ausleuchtung und betonierte Wege mit Absperrung, natürlich nur mit Führung und Schutzhelm. Hier kann man einfach zwischen den riesigen Felsbrocken im Inneren herumkraxeln, wenn man eine gute Taschenlampe hat und am besten gute Schuhe an. Ich habe Sneakers mitgenommen und es geht ziemlich tief in den Berg rein, ich gehe lieber nicht ganz bis zum stockfinsteren Ende.

Ich habe hier drei nette Begegnungen: Eine Spanierin mit ihrer älteren Mutter, mit denen ich zusammmen die Höhle erkundige, ein junges Liebespärchen, dessen Hund mich belästigt und eine Gruppe älterer Herrschaften, deren Anführer ein sehr gepflegtes Franösisch spricht (ich leider nicht). Ach ja: Und das Betonmammut.

Zurück zum Wald

So, da habt ihrs, unverblümte, echte Lebensfreude bei Grumpy Old Boy. Der pessimistische alte Hippie mit Bus, Stänker-Achim, Nörgel-Pauker, linker Apokalyptiker, ist fast so was wie glücklich. Manchmal, wenn richtig gute Mucke auf meinem Radio läuft, die Landschaft sich öffnet und Gaspard treu vor sich hin schnurrt, dann muss ich tatsächlich laut auflachen vor Freude über meine derzeitige Situation. Vor allem, wenn mir klar wird, was sonst so normalerweise Mitte September mein Lebensmittelpunkt wäre. Happy, go lucky, dummbesoffen vor Dusel, Epikuräer-Achim.

Apropos Gaspard. Mittlerweile hat sich zwischen uns eine innige Zweierbeziehung entwickelt. Ich freue mich, wie brav er die Meilen abspult, meine Handgriffe werden immer routinierter und das meiste funktioniert so, wie ich es mir ausgemalt habe. Gaspard und ich sind jetzt Freunde. Manchmal streichele ich sein Lenkrad, als wäre er ein treuer alter Esel, der Zuneigung genießt. Zwar bezweifle ich rein rational, dass ein über 20-Jahre-alter Nissan-Bus viel Liebe empfinden kann, aber auf emotionaler Ebene wünsche ich mir, dass der alte Racker auch für mich etwas empfindet, weil ich gut zu ihm bin. Wir werden sehen, wie wir über die Pyrenäen kommen, denn bergauf ist Gaspard genau so schlecht wie ich. Gemeinsamer Makel verbindet.

Jedenfalls stehen wir kurz vor der Bergkette, genauer gesagt cruisten wir heute, Montag den 16.09.2024, von La Rochelle nach Biarritz. Die Nacht auf dem Parkplatz am Park war ok und sehr ruhig, morgens vor dem großen Verkehr raus auf die Straße und runter nach Süden, bis wir das große alte Seebad erreichen. Wie so oft ist der erste Stop der größte Supermarkt der Stadt – Benzin, Proviant und free WiFi um mit dem Uralt-Laptop den Blog mit den neuesten Einträgen bestücken zu können. Dann an den mondänen Strand. Napoleon hat hier seiner Frau eine Kur-Villa errichtet. Danach traf sich in Biarritz das Adels-Pack bis in die Fifties hinein und das sieht man der Stadt auch an.

Biarritz sieht aus wie ein zweieinhalb Stunden langer Claude Chabrol Film aus seinem Spätwerk, gedreht 1986, spielt aber 1912 in einem Seebad, im Zentrum steht eine großbürgerliche Familie, und bis nach 45 Minuten klar ist, worum es eigentlich geht, bist du vor dem Fernseher eingeschlafen und es bleiben nur großartige Kostüme und Kulissen in deinem Gedächtnis zurück. Biarritz ist genau so. Man sieht vielen Gebäuden das lange, geldgeschwängerte Erbe an, dem immer noch protzigen Hotel Imperial, dem architektonisch beeindruckendem Casino. Dazu die atemberaubende Küste und der auf der Klippe thronende Leuchtturm. Zwischen die historische Substanz des alten Seebads hat man offensichtlich in den 70ern und 80er-Jahren versucht, neue Hotelbunker für die breite Masse zu setzen, nachdem die Adligen vermutlich langsam etwas knapp wurden.

Biarritz: Ein stuckgewordener Claude Chabrol

Die Betonburgen aus dem späten 20. Jahrhundert sehen mittlerweile schlechter und vergammelter aus als die Bauten der Belle Epoque und trüben etwas den Eindruck von Hochklasse und Mondänität. Biarritz hatte bessere Tage, aber die Karren vor dem Imperial sind immer noch sauteuer und die Ladenstraße ist mit Edelmarken zugeklatscht. Interessanterweise funktioniert Biarritz besser als La Rochelle als Stadtarchitektur. Wo bei ersterem Touri-Magnet alles an einem Punkt zeitaktuell hingestaged wurde und dadurch nach Fake riecht, zeigt Biarritz bei aller Kommerz-Orientierung gewachsene Strukturen und historische Schichten, die mehr sind als nur Geschichtskulisse.

Trotzdem hält es mich hier nicht lang, außerdem sind die Kreisverkehre die Hölle hier, mit dem Fahrrad genau so wie mit dem Bus. Keine Chance, dass ich schon wieder auf dem Parkplatz neben einem Naherholungsraum schlafe, denn diesmal ist der längst nicht so großzügig und abgeschieden wie gestern in La Rochelle. Ich suche mir am Abend noch einen Stellplatz ganz weit draußen, Picknickplatz im Bergwald.

Leider sind noch zwei andere, eher verkniffen grüßende Camper angekommen, aber gut, der Traum von der Waldeseinsamkeit ist wohl zu vermessen. Ich hatte Gemüsereis, Bohnen und Tomatensalat, ich stehe einigermaßen eben und habe noch ein kühles Bier in der Truhe. Sogar Schoki liegt bereit. Morgen habe ich nach den beiden langen Schlägen eine ziemlich kurze Strecke vor mir, bis Bilbao. Damit sage ich Adieu zu Frankreich (fürs Erste) und grüße Spanien so, wie ich es als Kind gelernt habe:

La Rochelle sehen und sterben

Der Sonnenaufgang über dem Fluss ist genau so bombastisch wie der Tags zuvor am Grabhügel. Flott jetzt Kaffee (Zucker gibts jetzt auch) und dann wird eine Schüssel mit Seifenlauge warm gemacht, es ist Waschtag. Heute habe ich eine lange Strecke vor mir, ich muss an die Atlantikküste runter. Da will ich von Kopf bis Fuß sauber sein. Und früh los.

Wer aus der Bretagne kommt, auf den wirkt die Landschaft südlich davon wie ein ausgeblichenes Bild, auf das zu lange die Sonne gebrannt hat. Es ist trockener, alles ist flach, überall sieht man am Horizont Industrieanlagen. Landschaftlich gefiel mir der Norden wesentlich besser.

La Rochelle hingegen ist schön und strahlt massiv den Charme des 18. Jahrhunderts aus, als die Stadt das Tor zu Frankreichs Kolonien war. Übrigens: Das Migrationstor schlechthin für Franko-Kanadier.

Darüber hinaus ist es ein Tourismusstrudel. Am alten Hafen konzentriert sich Alles. Hier gibt es nur noch Restaurants, vielleicht nochmal ein Souvenir-Geschäft dazwischen, eines steht neben dem anderen, man kann sich aussuchen: Muscheln, Burger, Crepes oder Pizza. Dann geht es von vorne los. Überhaupt Muscheln, Muscheln, Muscheln, der Spargel der Atlantikküste. Straßenmusiker begleiten die Szenerie, Breakdancer schlagen Salto, vor den Hafentürmen legt Sonntags ab 18.00 ein DJ auf.

Sobald man drei Straßen davon wegkommt ist La Rochelle tot. Zumindest an einem Sonntag. Man hat Mühe, abseits offene Cafes und Restaurants zu finden. Eine so schöne Stadt hätte eigentlich etwas Besseres verdient.

Was La Rochelle aber hat, ist ein geiles Fahrradwegenetz.

Von dem Vorort, in dem ich Parke bis zum Hafen: durchgängige Fahrradspur. Am Hafen: Fahrradstraßen. Für den Autoverkehr gesperrte Bereiche und Brücken. Fantastisch, habe ich in dieser Konsequenz noch nie gesehen und holla, fahren viele Leute hier Fahrrad. Man kann sich überall welche leihen. Davon könnten sich deutsche Städte viel abkucken, wenn die deutsche Verkehrspolitik bereit wäre, irgendwelche internationalen Ergebnisse zur Kenntnis zu nehmen.

Oder hätte einen schweren Beinahe-Unfall. Auf der Rückfahrt, im Kreisverkehr. Ich bin im Rund, auf dem Fahrradweg, habe ganz klar Vorfahrt. Dieser Typ im weißen Transporter von rechts, der langsam heranrollt, kuckt mich eindeutig an, sieht mich. Marke Bürstenhaarschnitt und Sonnenbrille, sonnengebräunt, Tatoos am Oberarm, Type südfranzösischer Mafiosi. Aber er sieht mich ja, oder? Er kuckt mich ja direkt an, ja?

Als ich erkenne, dass ich jetzt selbst kaum noch eine verhindernde Aktion einleiten kann, und unweigerlich auf seiner Kühlerhaube landen muss, haut er dann volle Pulle auf die Bremse. Ich wette, er hatte die ganze Zeit schon den Fuß auf das Pedal aufgesetzt. Ich brülle ihn vom Fahrrad auf Englisch an, das war volle Absicht um ein Zeichen zu setzen. Das Auto ist der Stärkere, ich habe Vorfahrt. Was für ein dummes, dummes Arschloch, was für ein Generalsbeispiel dafür, dass man dem Machtmittel Auto auf gar keinen Fall mehr die Städte überlassen darf. Oder Männer ans Steuer ohne psychologische Begutachtung. Ich wünsche mir, dass der Kerl für diese Aktion für die nächsten 10 Jahre mit heftigen Erektionsproblemen und Brennen beim Wasserlassen gestraft ist. Und seine Mama ihm nie mehr sein Lieblingsessen kocht.

Ich bin zwar tot, aber ich hatte Vorfahrt.

So, nachdem ich mir jetzt das von der Seele geschrieben habe, auf einem Parkplatz neben einem kleinen Park, geht es mir etwas besser. Ich drehe jetzt noch eine Runde durch das Viertel und schaue, ob ich noch ein Glas Wein bekomme.

Auf rosa Granit

Die erste Morgenröte schiebt sich über das Stoppelfeld und tuscht ein unfassbares klares Rosa in das Dunkelblau. Letzte Sterne bilden kleine blasse Punkte dazwischen. Ein grauer Kirchturm erhebt sich hinter dem niedrigen Wäldchen, ein dunkler Schatten, unverrückbar seit Vorzeiten. Dann beginnt es. Zuerst beginnt das Dorf hinter dem Hügel seine Glocke zu läuten, dann fällt das zweite ein und letztendlich gesellt sich der von hier aus sichtbare Turm mit hellem Schlagen dazu. Der Himmel wird heller, während ringsum die Türme den Tag einläuten. Über dem kühlen Feld ein Haleluja.

Samstag. 14.09. Ich sitze eine Stunde später fluchend in Gaspard, weil die Frontscheibe mal wieder fett beschlägt und nun auch noch die niedrig stehende Morgensonne aus einem wolkenlosen Himmel direkt von vorne strahlt. Ich fahre quasi blind über eine enge Landstraße und erkenne schemenhaft noch rechts einen Parkplatz mit ein paar Fahnenmasten.

Ich bin durch schlechte Sicht am kanadischen Friedhof der Normandie zum Stehen gekommen, welch ein Zufall. Kanada scheint mir auf diesem Trip als Thema zu folgen. Ein relativ beeindruckendes weißes Tor mit zwei Türmchen lädt zum Blick aufs Gräberfeld ein. 2000 sollen hier laut Infotafel liegen, im Vergleich zu den mir vertrauten Dimensionen aus dem Ersten Weltkrieg ist das eine überschaubare Opferzahl. Ohnehin finde ich Militärfriedhöfe meistens semi-spannend.

Fünf Minuten später kämpfe ich mit den Tränen und merke wie meistens, dass ich verlieren werde. Auf allen anderen Kriegsgräberfeldern, auf denen ich in den letzten Jahren war, herrschte nüchterne Datenverarbeitung vor. Grabstein, Name, Einheit, Lebensdaten, natürlich nur, falls bekannt. Die Kanadier haben sich offensichtlich die Mühe gemacht, den Angehörigen anzubieten, einige Zeilen unten auf den Grabstein eingravieren zu lassen. Plötzlich werden aus Namen damit Individuen – vor allem in Form von Müttern, Vätern, Geschwistern, Frauen und Kindern der Gefallenen. Herzzerreißende Trauerbotschaften von nahestehenden Menschen zeigen die individuelle Bedeutung jedes Einzelnen hier auf, zeigen das Loch, das ein Tod in der Normandie in eine liebende Gruppe von Menschen riss. Damit erwischt mich der kanadische Friedhof voll.

Gegen 13.00 bin ich dann in der Bretagne. Die Küste vor meinem Parkplatz sieht aus, als hätten ein paar Riesen Eimer voll Murmeln in das Wasser gekippt, nur dass die Murmeln aus der Nähe teilweise mannshoch und tonnenschwer sind. Cote de Granite Rose heißt dieser Küstenabschnitt, und ich bin hier, weil ich in den 90s schon mal hier war, Studentenurlaub mit meinem Freund Markus damals. Ich wollte das noch mal sehen.

Einmal mehr habe ich Glück, es ist gerade Ebbe bzw. einsetzende Flut und der Strand ist riesig. Ich kann die Wasserlinie zwischen den Felsen entlangwandern, es ist wärmer und windstiller als in der Normandie. Ich habe sogar die Pariser Badehose dabei, knallorange. Und am Ende stehe ich sogar bis zum Bauch im Meer – weiter nicht. Niemand da, dem ich was beweisen muss, nur ich.

Irre, wie schnell die Flut zurückkehrt, in den Sielen kann man ihr quasi zukucken. Mein Rückweg ist wesentlich länger, weil Buchten, die ich vor einer Stunde locker durchlaufen habe, nun voll Wasser stehen. Das Ende des Tages begehe ich in Finisterre, auf einem schön großzügigen Parkplatz an einem breiten alten Fluss. Noch eine Stunde Waldspaziergang, dann Bratkartoffeln mit Spiegelei, ein bisschen noch den Laptop auf, dann Bett basteln.

La Mer

Drücken Sie hier für den passenden Song im Hintergrund!

Auch Juno-Beach ist eine französische Strand-Idylle wie aus dem Bilderbuch. Es ist frisch, aber unendlich sonnig, wieder pfeift der Wind, aber die Wolken und der Regen sind weg. Freitag, 13. September, zweiter Tag in der Normandie.

Bayeux ist übrigens sehr hübsch. Ich bin zwar zu früh dort, um den berühmten Teppich, der ein Wandbehang ist, zu sehen, aber das Städtchen selber ist wie aus einem Disney-Film entsprungen. Ich bin trotzdem nur da, um im Einkaufszentrum das kostenlose WiFi für den Laptop zu nutzen, um die ersten beiden Episoden in den Blog zu laden.

Man kann hier tagelang herumfahren und kriegt nicht alle D-Day-Museen durch. Jeder Landungsabschnitt hat mindestens eins, dahinter liegen die Museen der Gemeinden und in den größeren Städten die größeren Museen der größeren Städte.

Alle haben sich groß für 2024 rausgeputzt und mindestens eine Kanone vor die Tür gestellt. Die Frage, welches ich mir ankucke – ich habe weder Zeit noch die Kohle für 10 + davon – ist also essentiell, denn ein Gutteil der musealen Angebote könnte aus Vitrinen mit Miltärschrott, alten Fahrzeugen und Schaufensterpuppen in Uniformen bestehen. Und das bringt mir meistens wenig.

Meine Wahl fällt auf das Juno Beach Museum, das den kanadischen Truppen gewidmet ist und einigermaßen neu gebaut. Die Ausstellung entpuppt sich als gründlicher Rundgang durch die kanadische Geschichte zwischen 1900 und 1945 – durchaus interessant, weil man nicht so viel darüber weiß, aber ich bin dann am Ende von so viel Textinformation doch ein wenig erschlagen. Ich spreche dennoch eine Empfehlung aus.

Und da ist ja dann noch der gigantische Strand dahinter. Ich habe immer das Gefühl, dass ich am Meer klarer durchatme und ruhig werde. Lustigerweise habe ich das in den Bergen nicht. Aber alleine die salzige Luft und das Möwengeschrei (ansonsten sind Möwen natürlich Bastarde) wecken normalerweise den Romantiker in mir.

Am Nachmittag düse ich noch bei den Resten des provisorischen Hafens der Alliierten vorbei. Auf der Klippe oberhalb ist eine regelrechte Parkindustrie entstanden, aber auch vor dem Hafendorf findet sich etwas Ruhigeres. Alleine die Dimensionen der Anlage lassen einen nur staunen. In einem gigantischen Halbkreis liegen die Betontrümmer im Wasser. Ich habe Glück: Es ist Ebbe und man kann die Reste am Strand aus der Nähe begutachten.

Wenn er will. Oder glaubt zu müssen. Dann entsteht in Tagen ein riesiger künstlicher Hafen, der Stürme übersteht und einen ganzen Feldzug am Laufen halten kann. Wenn der Westen nicht muss, bekommt er nicht mal das Ende der halbjährlichen Zeitumstellung auf die Kette. Oder eine digitale Bildungsplattform, die auch funktioniert.

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Die Sonne scheint. Die Möwen schreien. Wellen rauschen. Der Strand ist riesig. Ich hänge meine Beine in die Wasserlinie und schaue zu, wie der nasse Sand zwischen den Zehen hochwächst.

Am Abend finde ich Unterschlupf am Parkplatz neben einem neolithischen Grabhügel. Unter Bäumen, hinter Hecken und die Landstraße daneben wird nachts auch ruhiger werden.

Antifaschismus, aber halt mal konsequent

Der Himmel ist, als habe ein Barockmaler und eine Sturm- und Drang-Dichterin sich zusammengeschlossen, um das maximale aus ihren Programmatiken herauszuholen. Vor gleißendem, glasklaren Blau jagen sich weiße, graue und sturmschwarze Wolken. Der Wind pfeift um deine Ohren, während sich auf dem breiten hellen Strand gleißende Sonnenflecken und tiefe Wolkenschatten jagen. Dazwischen Regengüsse, selten aber dann heftig. Draußen auf dem Meer tosen die Wellen.

In Versailes wache ich nach einer kühlen Nacht früh auf und schaffe es, mir den mühsam erspielten Kaffee zu salzen. Ich kenne mich mit meinen neuen kleinen Döschen noch nicht aus. Dann raus auf die Autobahn, die Scheibe taut Ewigkeiten nicht ab, halber Blindflug, dann Pariser Rushhour (Deutschland-Gefühle kommen auf), dann raus nach Norden und schlagartig wird der Himmel weit und die Straße leer.

Die Normandie steht 2024 ganz im Zeichen eines Jubiläums. Deshalb ist es ein äußerst schlechter Zeitpunkt, sie zu bereisen. Überall kurven englische Wohnmobile wie Hummeln mit Motivationsproblemen herum, an jeder Straßenkreuzung kann man beim zu scharf Abbiegen einen aufgestellten Weltkriegspanzer anschrammen und alle Dörfer sind mit alliierten Fähnchen geschmückt und versuchen irgendwie, wie auch immer, einen kleinen Teil des großen Gedenk-Geschäft-Profits rauszuschlagen. Weh über das Dorf, an dem 1944 gar nix passiert ist! Es kann nur Unterkünfte bereit stellen.

Zunächst lande ich bei einer deutschen Batterie im Gold-Sektor, aber nur, weil mir der Stellplatz dort im Internet angepriesen wurde. Das hat sich inzwischen erledigt – der mit EU-Förderung aufgestellten nagelneuen Beschrankung und Parkraum-Verwaltung sei dank – aber der Blick von der Klippe auf Omaha, Gold und Juno ist wahrhaft atemberaubend. Auch die typischen deutschen Bunker mit den dicken Kanonen sind einen Blick wert, aber tatsächlich habe ich das Gefühl, ich kenne die Dinger so gut aus Spielen und Filmen, dass sie mich gar nicht groß faszinieren und ich vor allem die hohe Auflösung und den Detailgrad der Texturen schön finde.

Die Normandie ist ein hartes Pflaster für Camper, weil es so viele gibt. So ziemlich alles ist ein Feld, Straßen sind bolzengerade und Wälder eine Sensation. Es gibt also gar nicht groß Auswahl, wohin man sich mit einem WoMo verziehen kann, wenn man die offizielle Versporgungsstruktur meiden möchte. Aber ich finde dennoch eine Gemeinde, die Über-Nacht-Steher auf einem ihrer Parkplätze akzeptiert, gleich hinter dem Ortsschild an der Bundesstraße. Ironischerweise stehe ich neben der Schule.

30 Minuten Fahrradfahrt von hier bis zum Omaha Beach und ich muss nur einmal Schutz unter einem Baum vor dem Starkregenguss suchen. Dann entfaltet sich vor mir jene oben beschriebene traumhafte Szenerie. Es ist schon grotesk: Hier, wo im Juni 44 ein großes blutiges Gemetzel stattfand, präsentiert sich mir eine Meeresidylle wie aus einem französischen Familienfilm. Allerdings steckt hinter dieser kognitiven Dissonanz auch eine bedrohliche Aktualität. Hier stellten sich demokratische Nationen in einer direkten Konfrontation dem Scheusal des Faschismus entgegen, um seiner Herrschaft über Europa ein für alle mal ein Ende zu setzen. Zwar mit hohem Aufwand an Mitteln, Technik und Menschenleben, weil konservative und liberale Politiker schon damals jeden Schritt der Bekämpfung von Rechtsextremisten vor dem Angriffskrieg mit durchgängiger Ausbremserei behinderten, aber dann, als man die Gefährlichkeit der Extremisten für jeden und alle nicht länger leugnen konnte (die Konservativen und Liberalen auf der Welt konnten das unglaublicherweise bis zum September 1939), dann halt doch und erfolgreich.

„Ein für alle Mal“ hat leider nicht funktioniert, und angesichts der bröckelnden Betonbunker wird mir immer unverständlicher, wie man europaweit das Wählen von Faschist*Innen wieder zulassen kann, ohne dass man sich die Sinnlosigkeit des Verhandelns mit diesem Pack angesichts der rostigen Kanonenrohre der Normandie wieder ins Gedächtnis ruft.

Hier war mal konsequenter Kampf gegen den Extremismus

Der Regen ist ein Arsch. Während ich es schaffe, wenigstens in einer Regenpause mir Parmesan-Spaghetti zu machen, verregnet er mir das Abspülen. Natürlich nur 15 Minuten lang. In der Nacht werde ich dann wach, weil es in Gaspard hineinregnet. Panikmodus. Wo kommt das Tropfen im Innenraum her? Fuck,das Wasser läuft durch die seitliche Schiebetür! Das hat es noch nie gemacht, bei allen Güssen der letzten Tage, bei Gaspards Canstatter Aufenthalt seit Februar in X Gewittern – immer war es trocken im Innenraum. Warum jetzt?

Bon Jour, Jimmy!

11.September2024. Ich erwache, weil es auf Gaspard regnet, es ist ganz schön laut. Draußen ist es stockfinster (natürlich, du pennst in einem Wald), nur der Regen rauscht auf mein Blechdach und trommelt mich aus dem Schlaf. Dafür ist die Matratze jetzt mit dem neuen Topper drauf endlich schön weich für mich. Hör auf zu trommeln, ja?

Der morgen ist leider noch immer verregnet. Also nix mit Brühkaffee, meinen Gaskocher kann ich nur bei geöffneter Hecktüre unter dem Bett hervorziehen, und die Vorstellung im Regen draußen zu stehen bis der Kaffee gar ist – Na ja.

Aber ich bin findig und kann mittels Tauchsieder, 240-Volt-Dose und Thermobecher eine Tüte Instant-Plörre hinbasteln. Lang lebe meine Solaranlage. Dazu ein Pain de Chocolat von gestern – perfekt. Allerdings hilft es danach nix: Im strömenden Regen muss im matschigen Laub Pegasus wieder auf den Heckträger gewuchtet werden, der war gestern abmontiert und übernachtete an der ab-hier-Eichenspinner-Gefahr-Schranke hinter dem Parkplatz. Die Franzosen nehmen das Räupchen ziemlich ernst. Gegen 7.00 fahre ich im Dauerregen aus dem Argonnerwald Richtung Westen.

Gegen 11.00 stehe ich im Dauerstau um Paris. Das Wetter ist nun besser, der Verkehr aber nicht. Paris ist mein Sorgenkind, denn mit einem Camper in der Stadt der Liebe ist es wie mit seiner Liebe in der Stadt der Camper: Niemand will das so recht. Der einzige Campingplatz im Stadtgebiet verlangt Preise wie ein Hotel, und alle Frei-Steh-Möglichkeiten werden im Internet mit Horrorszenarien umkleidet: „… Voller Fensterglas von den aufgebrochenen Autos …“ „… wenn dich die Drogendealer nicht stören …“ „… Gelegentlich klopfen Freier an deinen Camper, weil sie dich für eine parkende Prostituierte halten …“ etc.

Aber Versailles sah auf der App schon besser aus. Und tatsächlich stehe ich hier völlig legal am Straßenrand etwas abseits der Schlossgärten. Von Versailles aus ist man in ca. 45 Minuten mit dem Zug in Paris, für 4,20 € einfach.

Nur zwei mal umsteigen und ich stehe an der Station Père Lachaise benannt nach meinem Ziel: Anfang des 19. Jahrhunderts wird hier eine gewaltige Totenstadt errichtet, um die übervollen und sehr sehr ekligen bisherigen Friedhöfe der Großstadt abzulösen. Und hier lässt sich zur Ruhe betten, wer in Paris wer ist.

Wer in Père Lachaise eintaucht, versinkt in einem gewaltigen Memento-Mori-Traum aus Nekro-Architektur, Design und allgegenwärtigem Verfall. Père Lachaise ist eine gigantische Ansammlung aus Jahrzehnten von Trauer um geliebte Menschen und großbürgerlicher repräsentaiver Darstellung. Viele der Mausoleen und Kunstwerke sind vom Zahn der Zeit gründlich benagt worden, und geben ein beredetes Zeugnis davon, dass kein Ruhm und kein Ansehen lange überdauert, sondern alles irgendwann dem Verfall anheimfällt. Hier ein Minister dessen Ornamente vom Moos weggefressen werden. Dort ein Direktor der polytechnischen Akademie, dessen Engel nur noch einen halben Kopf hat. Das Mausoleum jener Industriellenfamilie hat statt einer Tür nur noch einen Haufen Rost.

Man kann sich hier herrlich verlieren in einer morbiden Tour der Details. Die gesamte französische, nein europäische Geschichte modert hier zwischen breiten Boulevards und engen Gässchen für den Totentanz des 19. Jahrhunderts. Dazwischen immer wieder moderne Gräber.

Eigentlich geht man hier her, um Promis zu besuchen, die sich gegen den Besuch nicht mehr wehren können. Hier liegt jede Menge Berühmtheit herum. Ich will zum Grab von Jimmy Morisson – warum eigentlich? Glaube ich an eine Art transzendete Präsenz des Doors-Sängers nach seinem wenig ruhmvollen Tod?

Von den Doors komme ich bis heute nicht los. Kennengelernt habe ich sie zu Abiturienten-Zeiten, und es gibt nicht viel Musik, die ich seitdem immer wieder rezipiere, genieße und darüber hinaus für ziemlich genial halte. Sowohl lyrisch als auch musikalisch war diese Band ziemlich einzigartig, Jimmys Grab ist eine Art Wahlfahrtsort für Fans.

Es ist darüber hinaus vergleichsweise klein und unscheinbar, liegt in zweiter Reihe und ist überhäuft mit Devotionalien, die langsam vor dem Stein genau so vergammeln wie Jimmy darunter.

Danach mache ich einen Besuch bei Moliere und La Fontaine, die nebeneinander liegen und vor denen eher geschmackvolle Blumensträuße als Zeichen der Verehrung abgelegt werden. Ganz anders Oscar Wilde: Sein Stein gleicht einem Opiumtraum, in dem sich eine Sphinx und eine siamnesische Göttin paaren, passenderweise bekommt Oscar eher Lippenstiftküsse auf die schützende Glasplatte verpasst und ranzige Kondompackungen dahinter geschmissen.

Danach bin ich satt mit morbider Todesatmosphäre, ich verzichte für heute auf Gertrude Stein, Edith Piaf und alle anderen, doch ich kann euch nur sagen: Vergesst den Louvre. Wenn ihr in Paris seid, geht dahin.

Letztendlich fahre ich zum Eifelturm, nur um festzustellen, dass die Kack-Olympiade einfach mal das gesamte Marsfeld von der Bevölkerung gesnatched hat, um da eine Art Athlet*Innendorf ohne Öffentlichkeit hinzubauen. Alles schön mit blickdichtem Bretterzaun statt öffentlicher Erholungsraum. Aber Sport ist ja wichtiger als wir alle.

Ich erstehe zwei Dinge, die mir im Bus noch fehlen: Duschgel und eine Badehose. In den letzten 20 Jahren war jede meiner Badehosen ein Notkauf on the road. Und so sehen sie auch aus.

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Ich spaziere ewig an der Seine entlang, entdecke die kleine Freiheitsstatue, finde eine Pizzeria, die nicht ein Vermögen verlangt, finde den Zug zurück nach Versailles, hole Pegasus am Bahnhof ab und radele am Palast vorbei. Jetzt sitze ich in Gaspard,tippe und werde ziemlich müde.

Tja, Versailles … wäre auch noch so eine Walfahrtsstätte. Geburtsstunde der demokratischen Revolution 1789 – anders als dieser Aufstand der Dummen vor der Bastille – Geburtsstunde unseres Nationalstaats 1871, Ort des Friedensvertrags von 1918. Aber den Zugang kriegt man nur über vorgebuchten Timeslot und den hätte ich vorgestern buchen sollen. Vor morgen Nachmittag ist nix mehr zu haben.