Last Man on Earth

Der Tag kam und ging wieder.

Ich hatte ihn: Meinen letzten Schultag. Und es war der erste Ferientag.

Überreste eines Berufslebens: Der Anteil für den Papierkorb.

Gleich vorneweg: Wer unbedingt am Abend des letzten Schultages noch vor den großen Ferien eine Kulturveranstaltung durchziehen will, der muss damit rechnen, dass er am nächsten Morgen den Saustall samt Bühne wieder wegräumen muss. Das war nichts Neues, das war die letzten Jahre immer das Ende des Arbeitsjahres und man hat ja auch treue Seelen mit dabei, die das mit einem gemeinsam tun.

Also alles wie immer.

Als das gemeinsame Aufräumen dann durchgezogen war, kam der Teil der Veranstaltung, der neu war: Alles muss raus. Also nicht nur den Platz aufräumen und das Postwurffach endgültig leeren, sondern auch das Schließfach und das Regal. Nix mehr mit: „Die Kaffeetasse schließe ich über die Sommerferien ein. “ Eher ausziehen als Pause machen. Eher Wohnortwechsel wie Heimaturlaub.

Alles in allem war das ganz schön viel Scheiß, der von der Schule mit nach hause musste, ziemlich genau ein Kofferraum voll. Und natürlich war ich zu dem Zeitpunkt ganz alleine im Schulhaus unterwegs.

Ein Schulhaus ohne Drogenzirkus kann die entspannendste Sache der Welt sein. Oder die unheimlichste. Vor allem wenn du in dem Bewusstsein hindurch gehst, dass du lange nicht wiederkehren wirst. Du kennst jeden Zentimeter in und auswendig, zehn Jahre lang bist du die Wege abgegangen, der alte Teppichboden, die verwaisten Gruppenarbeitstische in der Aula, dass sinnlose Summen des Kaffeeautomaten, in die sommerlichen Lichtstreifen hinein, die von Außen in die Gänge fallen.

Und plötzlich kriegst du Endzeitstimmung. Und hast das Gefühl, das ganz dicht hinter deinem Schiebewagen gleich der Sensenmann schleicht und dich hungrig angrinst.

Der Schiebewagen war notwendig, weil ich den vielen Scheiß nicht von Hand zum Auto tragen wollte, das nur zur Erklärung.

Warum ist das so: Dass man sich 7 Jahre lang auf einen Moment freut, und wenn er da ist, fühlt man sich einsam und wie der letzte Mensch auf der Erde?

Fiese Scheiße.

Als ich dann im Auto sitze und mir eine Runde Podcast mit Oli Schulz und Jan Böhmermann gebe wird es etwas besser. Danach erst einmal übernächtigt eine Runde Schlaf im heimischen Bettchen nachholen.

Abends geht es dann in die Stadt, mit guten Freunden treffen, Partytrubel ankucken und Bier trinken ist eventuell eine ziemlich gute Gegentherapie. Das Wetter ist zwar gottserbärmlich regnerisch, aber wenn ich mich schon davon abschrecken ließe, wäre es wohl wirklich besser im September wieder seinen Nachnamen an eine Tafel zu schreiben und einer Klasse zu erklären, was sie für einen Ordner bei mir brauchen.

Dann, auf dem Weg zur S-Bahn, reißt der Himmel etwas auf und dramatische Gewitterwolken treiben über die Gärtnereien. Ein Bild, ein wenig so wie von einem deutschen Romantiker gemalt, der Strommasten ungeheuer gut in das dramatische Konzept integrieren kann.

Die Angst vor dem Gehen verfliegt.

Vom Drogen-Zirkus in die Chill-Out-Lounge

Wann kommt man eigentlich raus?

Ende eines Alltags – Taschenchaos in der Diele.

Also ich in der letzten Woche des Schuljahres definitiv nicht. Dazu tobt zu sehr der alltägliche Schuljahresendwahnsinn. Das Irre ist, dass seit Mitte Juni von „Alltag“ allerdings nicht mehr die Rede sein kann, das Szenario gleicht eher einem wilden Terry-Gilliam-Streifen aus den frühen 90ern.

Man stelle sich also folgendes Set vor: Es geht auf einen neuen Hitzerekord zu, schon morgens um 10.00 hat es 30 Grad im Schatten. Der 40 Jahre alte Teppichboden, der großzügig in unserem Schulhaus verlegt wurde, verdampft einen Gestank, der irgendwo zwischen brennender DDR-Fabrik und einer Tüte toter Mäuse liegt. Dazwischen stehen und sitzen drei Dutzend Gestalten in roten Zellstoff-Overalls und Gruselmasken, also für Eingeweihte der Cast aus „Haus des Geldes“, der sich in den falschen Film verirrt hat.

Wer jetzt denkt, ich dichte mir das Bild zusammen, der kennt das Bildungssystem nicht. Die herumlungernde Netflix-Besetzung ist der „Abi-Gag“, der jedes Jahr stattfinden muss, obwohl er nie wirklich gelingt. Fällt aber auch nicht auf: „Muss jedes Jahr sein, bringt aber nix“ ist ja so etwas wie das Motto des Deutschen Bildungssystems, was erwarten wir auch, dass unsere Abgänger am Ende besser sind, als die Schmiede, die sie acht Jahre lang behämmert? Pun intendet.

Dazwischen stromern ca. 100 Unterstufenschüler, die darauf warten, dass irgend etwas Gagiges passiert, aber ihrer Enttäuschung nicht entkommen können, weil man den Abiturienten aus Sicherheitsgründen untersagt hat, vor 11.25 Uhr mit irgendwelchen Aktionen in Klassen zu gehen. Nun hocken die Zwölfer in ihren Kostümen rum, sind frustriert und lassen unmotivierten Trap Rap aus einer Boombox dröhnen. Na ja, die Box ist schlecht, die Bluetooth-Verbindung auch, der Spotify-Stream regelt die kpbs im Schulhaus wegen schlechten Empfangs sowieso automatisch runter, der Track krächzt und scheppert so im Hintergrund und stellt damit eine ziemlich gute Metapher auf den Digitalisierungs-Hype im Schulsystem dar.

Die herumirrende Unterstufe (meistens Jungs) sind irgendwie ihren Klassen entkommen, werden gerade von ihrem Lehrer nicht vermisst oder haben sich aus einem von 12 Filmen geschlichen, die in der letzten Woche pro Unterrichtsblock irgendwo laufen. Filme gibt es vor Weihnachten und vor den Sommerferien, die gewiefte Sekundarstufler*in weiß das, der Film zeigt das Ende einer Phase an, so wie das Flimmern der Augenlider den eintretenden Tod eines Patienten. Es kann etwas Erlösendes haben.

Um das Chaos zu vervollständigen wird irgend ein Wagen mit Kuchen und Kaffee für eine verspätete Besuchsdelegation durch die Halle manövriert, 2-3 Handwerker liefern schon einmal Material für die anstehenden Sommerferienrenovierungs-arbeiten an und ein älterer Herr wird furchterfüllt von einer liebevollen Begleitlehrerin durch das Inferno geführt, weil er ganz am Ende des Schuljahres noch von seinen Erfahrungen in der DDR / seinem Alkoholproblem / seinen Bioziegen auf der schwäbischen Alb berichten muss. Vielleicht ist es auch ein Elterngespräch mit dem erziehungsberechtigten Großvater.

Jetzt käme natürlich der paradigmatische Vergleich der Schuke mit einem Irrenhaus, wenn man noch Irrenhäuser hätte und nicht Psychatrien, in denen Tagesabläufe eher strukturiert und zielgerichtet ablaufen sollen. Und selbst die durchgeknallste Psychatrie wäre wohl nicht fair behandelt, wenn man sie mit unserer Schuljahresendapokalypse vergliche. Also vergleichen wir das oben flott gepinselte Sittengemälde lieber mal mit einem Zirkus auf Drogen oder einem Fiebertraum aus Dantes Vorstellungskraft. Fies, aber nicht unzutreffend.

In diesem Chaos versuche ich mit einer Kollegin im geöffneten Musiksaal (da gibts so Wände, die man aufklappen kann, egal, kompliziert, strange, wie alles) eine Bühne hochzuzimmern für die nächsten zwei bis drei Kulturveranstaltungen, die in dieser Woche noch über die Bretter müssen. Ich bin irgendwie immer der, der an der Bühne endet, das finde ich auch gar nicht schlimm, im Gegenteil, man hat beim Bugsieren von Podestteilen und Stellwänden durch das Chaos einigermaßen das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun, weil am Ende was Konkretes da steht, und das ist ein rares Gut am Ende des Schuljahres. Den ca. 10 Achtklässlern der Realschule, die zum Helfen verdonnert wurden, scheint es ähnlich zu gehen, sie wirken nicht undankbar, das Geschraube, Geschiebe und Gewuchte ist geradezu eine Oase der Ruhe und des Sinnstiftenden in dem uns umgebenden Gemälde aus der Feder von Hieronymus Bosch.

Die Bühne steht, die fünfte Stunde beginnt, die verbleibenden Zwölfer gehen mit Süßigkeiten beladen in irgendwelche Klassenzimmer, ich könnte eigentlich nach Hause, klebe noch schnell eine eingerissene Gasmaske mit Gaffatape zusammen (brauchen wir für ne Aufführung, egal, kompliziert, strange, wie alles), stelle verblüfft fest, dass sie aus dem Zweiten Weltkrieg stammt, finde es dann doppelt schade, dass der Gummi gerissen ist, leere mein Postfach, weiche kreischenden Unterstufenschülern aus oder schiebe sie aus dem Weg, gehe gegen Zwölf Richtung Parkplatz.

Und jetzt kommts: In meinem Kopf läuft das für mich unter dem Stichwort „Alltag.“

Wie abgefahren.

Nur bleibt die Frage: Wie kommt man da „raus?“ Wie lange braucht es, bis man mental in einer weniger durchgeknallten Welt angekommen ist?

Und: findet man dann hinterher jemals wieder zurück in den Drogenzirkus?

Nun, ich habe eine Website.

Update, 18.11.2019

Etwas weniger als ein halbes Jahr läuft jetzt mein Blog. Er ist technisch noch immer laienhaft, aber er tut das, was ich mir versprach: Er fasst meine Erlebnisse in diesem Auszeitjahr zusammen und bietet mir eine Plattform, Dinge zu dokumentieren und Ideen und Gedanken zu verschriftlichen.

Ob du selbst als Lehrer*in mit Sabbatical-Plänen nach Erfahrungsberichten suchst, ob du hier reingestolpert bist oder ob du mich persönlich kennst und gerade wissen möchtest, wo Achim steckt und was er treibt: Fühl dich eingeladen hier zu lesen. Wenn du’s gut findest, dann like es, sobald du online aktiv bist wirst du leider geil auf Clicks. Wenn du es noch besser oder ganz schrecklich findest, dann kommentiere es.

Inzwischen im Freistellungsjahr angekommen kann ich folgendes Zwischenfazit ziehen: Die beste Entscheidung, die ich seit langem getroffen habe. Denn das eigene Leben ist tatsächlich ein sehr, sehr schöner Ort. Man neigt nur dazu, ihn im Alltag zu vergessen.

Originalpost, 20.07.2019

Eigentlich möchte ich dokumentieren, was mir dieses Jahr bringt.

Im Moment sitze ich aber eher da und versuche mich in die Gestaltung dieses Blogs einzulernen. Irgendwie ziemlich sperrig, und ich stehe ganz am Anfang. Im Grunde schreibe ich diesen Eintrag nur, weil mir das Tutorial hier vorschlägt, ich solle meinen ersten Blog-Content nun schreiben.

Und dabei hat mein Sabbathjahr noch gar nicht angefangen. Es ist einfach nur ein verdammt schwüler Juli-Sonntag,

Da ist er wieder, der ewigwährende Zwiespalt: Eigentlich strebt Mann (Mitte Vierzig, bindungslos, wills noch mal wissen) nach Selbstbestimmung und Selbstentfaltung, und stellt dann fest, dass er Dinge tut, weil es ihm eine Software empfiehlt.

Ob ich aus dieser Falle noch einmal entwischen kann? Erste Befürchtungen machen sich breit, zum Beispiel die: Ich sauge mir einen Text aus den Fingern, und mit einem Klick ist alles weg.

Es hilft nichts, Mann-der-es-wissen-will. Du musst es nun wagen abzuspeichern.

Introduce Yourself

„Introduce Yourself“ schlägt mir WordPress vor. Alles, was mir einfällt, ist „Loose Yourself“ von Eminem.

Vor sieben Jahren war ich 39, Die Briten waren selbstverständlich in der EU und niemand wäre auf die Idee gekommen, das die Amerikaner jemals einen offensichtlich gefährlichen Vollidioten zum mächtigsten Mann der Welt machen würden.

Nun, damals war es einfach bei meinem Dienstherren ein Formular abzugeben, das die Ansparung eines sogenannten „Sabbath-Jahres“ beantragte. Warum heißt es in der freien Wirtschaft offensichtlich „Sabbatical“ und für Beamte „Sabbath-Jahr?“ (Gut, offiziell heißt es „Freistellungsjahr“, aber das ist Amtsdeutsch, benutzt im vernünftigen-menschlichen Sprachgebrauch keiner.)

2012/2013 war ich bereits lange genug dabei, um im Job als Lehrer Ausfallserscheinungen und Burnout-Ängste zu entwickeln, kurz genug, um zu wissen, dass die Strecke bis zur Pension noch elendig lang werden würde (und, sind wir ehrlich, hinter der Pensionierung steht doch schon der Sensenmann in Lauerstellung) und alt genug, um zu wissen, dass ich nicht mehr jung bin und nie wieder sein werde. Alt genug, um zu ahnen, dass man das letzte bisschen Power, das in den müden Knochen noch steckt, vielleicht auch für was Schöneres einsetzen könnte, um noch einem Jahrgang Abiturienten Gedichtinterpretation und Reformpolitik der Sozial-Liberalen Koalition beizubringen.

Und jetzt sitze ich da mit diesem Jahr, das ich mir selbst geschenkt habe, und es steht an.

Es macht mir ehrlich gesagt ein wenig Angst: Ich habe beim Organisieren gepennt und eigentlich steht noch gar nix. Aber ab September wird alles anders werden, als es all die Berufsjahre davor war undschauenwirdenTatsacheninsGesicht: Wenn man älter wird nimmt man Veränderungen gar nicht mehr so gut auf.

Ich freue mich auf dieses Jahr Zeit andererseits wie ein Schneekönig.

Wobei sich die Frage stellt, auf was sich Schneekönige eigentlich genau immer freuen (auf Schnee?) und wer auf diesen blöden sprichwörtlichen Vergleich überhaupt kam.

Egal.

Ich bin Achim, 46 Jahre alt, seit 2002 Lehrer und nunmehr seit 10 Jahren Stuttgarter.

Ich habe Pläne.

Davon ein andermal mehr.