Zugegeben, ich gehe ganz gerne auf Konzerte. Musik bedeutet mir sowieso irgend wie etwas, und wenn man dann noch begabten Leuten am Instrument zuhören kann, die etwas drauf haben, Zeug spielen, das man mag und dazu den alten Arsch schütteln darf, dann ist das eigentlich zwar in der Regel teuer, aber ein schöner Abend.

Wären da nur nicht die anderen Menschen, für die ich nicht bezahlt habe. Oder genauer gesagt die Leute, für die ich Geld ausgeben würde, damit man denen keine Karten mehr für Konzerte verkauft. Leider erkennt man auf der Ticket-Website nicht, wer ein ordentlicher, normaler, musikinteressierter Kunde ist und wer ein dummes Arschloch.

ich habe den Eindruck, das Problem mit den dummen Arschlöchern vor der Bühne ist größer, wenn man in meine Generation geht. Traurig aber wahr: Die Jugend von heute ist ein viel besserer Musikhörer als diejenigen, die noch ohne mp3 und Spotify aufgewachsen sind. Ich fürchte aber, das Hereinbrechen der Alexa in das Leben der Umdievierzigrum-Leute hat viele der schwächeren Geister unter ihnen für immer für’s Life-Musik hören versaut.

Beispiel gefällig? Gerne doch, ich habe zahlreiche, denn irgend eine ungnädige Musikgottheit hat mich vermutlich in meiner frühen Jugend für zwei Jahre 80er-Metal-Hören verflucht, der Fluch sieht folgendermaßen aus: Ganz egal, wo ich mich beim Gig hinstelle, ich bin von drei Seiten zielsicher von den Leuten umstellt, für die ich nicht bezahlt habe und die den Genuss deutlich schmälern. Also das ist mein Fluch für kurz schlechten Musikgeschmack haben. Falls es kein Fluch ist, ist die einzig bleibende Schlussfolgerung noch niederschmetternder: Die dummen Arschlöcher sind mittlerweile auf den Umdievierzigrum-Konzerten längst die Mehrheit, es gibt im Saal keine störerfreie Zone mehr, in der man ohne Aufmerksamkeitsdefizit-Eltern Musik hören kann.

Ich hatte Beispiele versprochen.

Wie wär’s damit: Kürzlich auf einem Konzert einer Band, die von den mittleren Neunzigern bis heute mit Qualitätsmusik aufgefallen ist und einen gewissen Namen hat. So 1000 Leute geschätzt. Viel ergrauendes Haar, meines ja auch.

Direkt vor mir, mittlerer Bereich zur Bühne: Das Pärchen mit dem Stock im Arsch. Nicht, dass ich von hässlichen Leute verlange, dass sie unbedingt tanzen müssen, auch bei flotten Rock-Rythmen nicht. Aber dass der Typ etwa die Hälfte des Konzerts mit seinem Handy mitschneidet und sein klodeckelgroßes I-Phone direkt über die dicken Brillengläser und seinen schütteren Haarkranz hält, nervt. Und zwar so, dass ich um den Sänger zu entdecken immer um sein hässliches superhelles 850-Euro-Display herumlinsen muss, das zwar das Geschehen abbildet, aber eben digital gefiltert, und damit scheiße. Warum gehe ich auf ein analoges Life-Konzert, wenn ich eh nur durch einen Bildschirm starre? Neben Mr. I-dont-do-dances steht seine Freundin/Ehefrau, irgend was dazwischen, im Jeans-Minirock – das mag ja noch gehen – aber halt leider auch mit Sofakissen-Explosionsfrisur, die ihre gar nicht mal so umfangreiche Hirnschale zur Größe eines mittleren Marstrabanten aufbläst. Vermutlich Naturlocken, Dauerwelle und Sprühkleber in Kombination, und dieser klumpige Busch aus dem Horrorsumpf schiebt sich mit jedem Schwanker beim Akkordwechsel in mein Sichtfeld wie der Erdschatten vor den Vollmond. . Natürlich hätte man sich auch die Haare nach hinten binden können, aber wenn man mit Signore Reaktionslos schon mal auf ein Konzert gehen kann, dann möchte man das ja auch so aufgebrezelt wie möglich tun und seine Lockenpracht entfalten, wie eine hässliche Kröte ihren Kehlsack beim Balzquaker.

Jetzt könnte ich natürlich einfach einen Schritt nach links machen, wenn vor mir die Aussichten so wenig rosig sind. Allerdings steht Links leider bereits Miss It-Girl und ihre OhmyGod-bestFriendsforlife-wearesooooclose Freundin. Sie wohnt ziemlich sicher in Stuttgart-Ost in einer sauteuren Maisonette-Wohnung, die BFF sieht eher so aus als käme sie aus Waiblingen und ihr Mann hätte ihr Ausgang erlaubt. Auf alle Fälle haben sie sich viel zu erzählen, seeeeehr viel, und sie empfinden es wohl nur als leichte Störung ihrer Themenlage, das von vorne laut Musik dröhnt, die andere tatsächlich hören wollen. Also müssen sie schreien, und zwar so laut, dass ich während der leiseren Passagen des Sets alles ziemlich gut verstehe, was dazu führt, dass ich von ihrer Ideenwelt mindestens so abgeschreckt bin wie von ihrem 2014-Berlin-Hipsterlook. Was hat sie nicht alles seit dem letzten Eisessen mit BFF in Waiblingen erlebt: Der Kollege soundso meinte zu ihr neulich diesundso, Fliegen müsste ja viel teurer werden, ob sie, die BFF, auch meine, dass der Haiko immer fetter würde, ob sie, die BFF, meine, dass Medin und Carola glücklich seien, dass sie, das It-Girl, im Herbst wieder nach Thailand fahre … Eines Gutes hat die Sache: Ich merke deutlich, dass es bedauernswertere Leben gibt als meines. Trotzdem würde ich die Musik gerne ohne diese Erkenntnis genießen. Vielleicht sollte ich einfach fünf Schritte nach Rechts machen.

Kann ich aber nicht. Da steht nämlich der Rest aus Waiblingen. Damit nun nicht Leute glauben, es gehe im Kern um Waiblingen als Quelle aller musikalischer Totalausfälle: Das Klientel könnte genau so gut aus Esslingen, Leonberg, Ludwigsburg oder Waldenbuch kommen, überall daher, wo man an einem Freitag-Abend mit den Öffis gut zu den Stuttgarter Locations kommt und dann mit drei Bieren / 2 Gin-Tonic im Kopf auch wieder heil zurück aufs Land. Aber bleiben wir der Kontinuität des Bildes halber mal bei Waiblingen, rechts steht die Nachbarschaftsgemeinschaft Masurenstraße, das heißt vier mittelalte Pärchen, die schon vor sechs Monaten beim Angrillen im Februar beschlossen haben, das man doch alle gemeinsam auf das Konzert gehen könnte, so wie früher, hihihi. Und weil sie das alles so von langer Hand und toll organisiert haben, Oma ausgeladen, Babysitter für die 12 Kinder der vier Pärchen organisiert, noch mal die alten Alben mit der Alexa in der offenen Küche gehört (die CDs haben wir doch 2012 alle in den Müll geschmissen, hihihi), sind sie jetzt ganz schrecklich ausgelassen. So wie früher, als die Kindern noch nicht da waren, hihihi. Um es auf den Punkt zu bringen: Jörg, Hannah, Jonas, Hilde, Jan, Hedwig, Jason und Helena versuchen heute Abend ihre Jugend nachzuholen. ALLES. Klar, das geht jetzt nicht mehr, 10 Jahre Kinder und Haus abzahlen kann man nicht mehr rückgängig machen, Aber man kann es GOTT VERDAMMT NOCHMAL VERSUCHEN! Hihihihi. Also wird getanzt, getrunken und gescherzt, ganz viel gescherzt, vor allem die mittelalten Männer sind ganz überaus witzig und schreien sich gegenseitig und ihren kreischenden Frauen im Sekundentakt witzige Ideen bezüglich des Konzerts ins Ohr. Auf dem Höhepunkt ihres Versuchs, ihre Lebensentscheidungen zu vergessen, entschließt sich die Waiblinger Masurenstraße dazu, im Kreis zu tanzen, hihihi. Im Kreis. In einer fucking überfüllten Konzerthalle. Ist doch nur Spaß, mach dich doch mal locker, gestörte Umwelt. Dafür werden Hannah, Hilde, Hedwig und Helena aber dann auch spätestens bei der zweiten Zugabe nervös und suchen hektisch im Handy (850-Euro-überhelles-Display) nach den nächsten S-Bahnverbindungen, denn der Babysitter wollte eigentlich gegen Elf selber noch weg und ist eventuell beleidigt, wenn sich der Nachbarschafts-Hilfsverein unnötig verspätet, nur weil dieses Publikum jetzt noch dummerweise Zugaben verlangt.

Manchmal wünsche ich mir in diesen Momenten mein Geld zurück oder einen imperialen Blaster zur Hand.

Nicht, weil die Musiker schlecht sind, sondern ihr Publikum.

Vergessen zu erwähnen: Der Deutsche Klatschzombie, der „Take off your Jacket“ – Brüller während der Ansage, der Durch-die-Menge-Taumler-Bierverschütter und viele andere Stars aus dem Dschungelcamp der Konzerthalle. Ich könnte noch ein paar Prototypen des grotesk schlechten Konzertbesuchers mehr aufzählen, aber das sind zumindest die Highlights ähm Möment Lowlights vom letzten Samstag. So sieht er also aus, mein Fluch. Er hat ein Gesicht, das fremdschamauslösende Gesicht meiner Generation. Erwähnen wir nur in einem Nebensatz, das übrigens beim letzten HipHop-Konzert diese Zuhörer-Unfälle mir nicht unterkamen. Aber da war ich ja auch mit meiner Konzertbegleitung mit bei den ältesten im Saal und die Generation um die Vierzig deutlich in der Minderheit.

Machen wir uns nix vor: Es liegt an uns. Wir, die satten, die Wohlstandskinder, die Häuserhaber, Mittelklassewagenabzahler, 200-Euro-Schuhe-Träger, wir sind einfach sauschlechte Musikhörer geworden. Wir haben als Generation nicht wirklich etwas gebacken bekommen, die Wiedervereinigung haben Leute gemacht, die 20 Jahre älter waren, und wir haben die BRD danach eigentlich nur noch in den Sand gesetzt, in dem wir uns vor allem ums Private gekümmert haben. Und dieser Fokus auf den eigenen Bauchnabel, diese Masurenstraße als Mentalität, führt dazu, dass wir uns ungeheuer wichtig nehmen und auch auf dem Konzert eigentlich die volle Aufmerksamkeit der Umstehenden haben wollen. Im Wichtigsein sind wir rücksichtslos. Und je unbedeutender unsere Lebensentwürfe werden, desto mehr wollen wir wenigstens, dass uns jemand zuhört. Auch wenn wir gar keine Themen haben. Und deshalb hören wir im Gegenzug nie zu.

Musik verkommt damit zur Nebensache.

Was kann man tun? Ganz einfach: Aufhören sich so bedeutend zu fühlen. Aufhören die eigene Blase und die eigene Privatheit als ganz zentrales Element der Welt aufzufassen. Aufhören, sich selbst als Normalität zu verstehen. Und: Vor allem mal wieder einfach zuhören. Eventuell erkennt man dann auch tatsächlich mal Botschaften an sich selbst in einem Song.

Das Konzert am Samstag wär’s nämlich wert gewesen.

Beteilige dich an der Unterhaltung

2 Kommentare

  1. Lieber Achim, ich verfolge deine Texte mit schallend lautem Gelächter. Ich lach mich Grad mal wieder schlapp und möchte dich gerne wissen lassen, dass ich Deine Seite auf meinem Handydesktop gespeichert habe und mich freue von dir zu lesen und gerade heute habe ich den Gedanken, dass du nächstes Sj nicht da bist, sehr unschongefunden…. Egal, Sentimentalitäten. Klodeckelgroßes Iphone vor der Linse bei Konzerten, nur geil und bestens bekannt, auch Aufreger dazu oder so Stocksteife…. Liebe Grüße von Britt

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