Ja ja, was waren das für Zeiten: Dienstag Nachmittage in einem langsam zerfallenden Klassenraum, vor mir 24 mehr oder weniger am Thema desinteressierte Abiturent*innen, unten vor dem Fenster ein dröhnender … Abrissbagger.

Moment mag sich da der eine oder andere Leser außerhalb des Bildungssystems fragen, sich an die eigene weit zurückliegende Schulzeit erinnernd, ein Bagger gehörte noch nie zur üblichen Nachmittagsunterrichtausstattung. Und das will ich normalen Leuten auf normalen Schulen auch ruhig zugestehen, doch an meiner Schule im vergangenen Frühjahr gehörte der Bagger zum 12er-Unterricht wie die Potsdammer Konferenz oder das Frauenbild bei Hermann Hesse.

So ein Bagger ist ein zweischneidiges Schwert: Zum einen ist er recht laut, vor allem wenn er mit dem Abriss des Parkdecks vor der Schule beschäftigt ist, entwickelt er ein relativ breites Frequenzspektrum, das er mit hoher Dezibelzahl relativ zuverlässig noch durch die dickste Fensterscheibe transportiert. Die Bässe werden vom sonoren Dröhnen des Dieselaggregats abgedeckt, gelegentlich bei Fahrtstrecken zum übertönenden Crescendo anschwellend; Im mittleren Tonbereich haben wir diverse Hydraulikzylinder, die zum Bedienen des Greifarmes notwendig sind und die Hochtöne werden vom Kratzen der Baggerschaufel über den im Todeskampf kreischenden Beton geliefert oder durch das Zerreißen der Stahlarmierungen im Parkdeck. Ganz besondere Specialeffects liefern verschiedene Aufsätze am Arm, denn auch ein blechscherenartiger Riesenkneifer oder ein Hydraulikhammer, der schön laute BPMs beisteuert, können für die abwechslungsreiche Setlist des Parkdeck-Requiems genutzt werden.

Ein Höllenlärm. Vor allem wenn man auf das Deutsch-Abi lernen will, und ich kann im Nachhinein nun nicht verneinen, dass am Ende der 12. Klasse einige Leute im Raum diese Absicht entwickelt hatten.

Der Bagger war also der tägliche Begleiter unseres Weges zur Reifeprüfung.

Andererseits ist so ein Bagger ein faszinierendes Ding. Ausgestattet mit brutaler Kraft, der das Stahlbetongerüst des alten Parkdecks ungefähr so viel Widerstand entgegenzusetzen hatte wie eine Schachtel alter Butterkekse einem hungrigen Flusspferd, zerpflügt er eine doch bisher stabil wirkende Struktur mit der Beiläufigkeit eines Metzgers vor seiner 400sten Schweinehälfte. Dazu kommt eine fast elegante Agilität des Baggerarms, der wählerisch die Bautrümmer durchstöbert, um hier Eisenstangen, dort Bodenbleche herauszupflücken und auf der Seite zu sortenreinen Stapeln auftürmt, ganz als wäre das kein 1000-PS-Monster sondern eine wählerische ältere Dame vor einem griechischen Salat.

Man sieht, ich hatte einige Zeit diesen Bagger zu beobachten. Im Laufe jeder Stunde kommt der Punkt, an dem die Schüler*innen schwer beschäftigt sind (sein sollten). Einer meiner geschätzten Fachleiter vertrat damals, als Bildungspläne noch bilden und nicht nur kompetent machen sollten, den Wahlspruch: „Der Lehrer arbeitet am Schreibtisch, die Lerner im Klassenzimmer„, etwas was ich immer ziemlich beherzigt habe. Irgendwann kommt also der Punkt, an dem alle mephistophelische Knittelverse aus dem 1. Akt heraussuchen, die Argumentation von Carlo Schmid über den Charakter der 1949 zu gründenden BRD zu verstehen versuchen oder die Krähenmetapher in „Käme doch Schnee“ auf den Punkt bringen sollen. Bagger-Time for me! Das ist der Zeitpunkt, wo ich mir in Ruhe einen Bagger beim Abreißen einer Betonstruktur ansehen kann und im Nachhinein betrachtet ist das eventuell auch keine schlechte Metapher auf die alte 12d am Ende ihrer Karriere.

Irgendwann muss ich bei so einem Blick aus dem Fenster geäußert haben, dass ich wirklich einmal Lust hätte mit so einem Gerät selber durch die Botanik zu heizen.

Schwerer Fehler. Denn wenn sich mein Klientel eins aus meinem Munde merkt, dann nicht, wo die wichtigen Knittelverse für Mephistos Spötterei stehen, oder dass Carlo Schmid die BRD zunächst als Reorganisation eines Deutschen Staates sieht und nicht als Neugründung oder dass die Krähen den schwierigen Entscheidungsprozess der jungen Mutter versinnbildlichen, sondern dass der Alte gerade geäußert hat, er, der Deutschheini, würde gerne einmal Bagger fahren.

Folgend war eine solche Stunde „Baggerspaß“ das Abschiedsgeschenk meiner Schäfchen auf dem Abiball an mich und ich muss sagen, es hat mich wirklich, wirklich sehr gefreut. Es hatte etwas Persönliches und zeigte, dass sie mir einmal zugehört hatten.

Mit einem Gutschein in der Tasche fahre ich also an einem etwas kühlen und regnerischen Septemberwochenende Richtung Oberbayern, da der einzige baden-württembergische „Baggern für Nichtbaggerer“ – Anbieter kürzlich sein Geschäft eingestellt hat. Ich bin guter Dinge, die A8 ist morgens ohne Probleme zu bewältigen, spätestens auf der A7 wird der Verkehr dünn und die Hälfte aller Autos haben sich Mountainbikes auf die Heckklappe geklebt. Eigentlich ein seltsames Hobby, Fahrräder mit dem SUV herumzufahren, aber gut, wem erzähle ich etwas von seltsamen Hobbies.

In Burggen, Landkreis Weilheim-Schongau gibt es nicht viel außer einigen großen Wellblechhallen, einem großen Haufen Dreck neben einem Maisfeld und Stefan, den Getriebekonstrukteur, der als Ausgleich zum Schreibtisch-Job am Wochenende Hinz und Kunz, und ja, auch Deutschlehrer, in Baggerkabinen setzt und sie zum Dreckbuddeln bittet.

So ein Bagger ist ein ziemlich sensibles Ding, oder eben ein Gerät, in das man sich einfühlen muss, denn statt Gas und Lenkrad (das Konzept ist mir gut bekannt) oder Mast und Ruder (auch immerhin grundsätzlich bekannt) herrscht hier die Regel: Zwei Joysticks – acht Funktionen. Das alles bedient dann also einen hydraulischen Arm, der einem menschlichen Arm gar nicht so unähnlich ist. Weil man sich daran gewöhnen muss, setzt Stefan seine Gäste zunächst in einen Minibagger zum Üben.

Niemand sieht in einem Minibagger gut aus, maximal so ein bisschen wie ein 14-Jähriger der auf dem rosa Pony vom Kirmes-Karusell gelandet ist, aber ich baggere brav den Dreck weg. Und versuche mich an den „Spielen“ die man mit der Baggerschaufel lösen muss: Ein Pendel an einem Ring greifen und von einer Röhre in die andere schieben (Ähmmm – als ich’s getan habe, habe ich gar nichts Schmutziges gedacht, aber jetzt wo ich’s schreibe …) und vier Autoreifen stapeln.

Meine ehemaligen Schüleris würden sich freuen, mich mal bei einer Sache zu sehen, die ich im Gegensatz zu Deutsch und Geschichte nicht besonders gut kann. Während mir das Dreck Baggern einigermaßen gelingt und ich mit viel Gefrickel auch das Pendel rübertauschen kann, scheitere ich beim Stapeln der Reifen im Grunde komplett. Aber dann ist die halbe Übungsstunde auch rum und Stefan macht mich bereit für den großen Bagger.

Hell yeah, I’m ready.

Gegenüber sitzt ein achtjähriges Kind im zweiten Minibagger und stellt sich noch etwas dümmer an als ich. Das freut mich. Gut, er ist erst acht Jahre alt, aber immerhin war ich ein bisschen besser. Ich habe aber keine Zeit mich mit meiner eigenen Jämmerlichkeit als Persönlichkeit zu konfrontieren, denn jetzt werde ich in den großen Dicken eingewiesen. Leider ist Fahren auf dem Platz verboten, dafür ist er zu klein (bzw. der Bagger zu groß), das ist ein bisschen schade, wenn ich schon mal Ketten unterm Hintern hätte. Aber gut, bleibt Drehen und die Schaufel einsetzen, man muss nehmen, was man kriegt. Ich werde noch dezent darauf hingewiesen, dass eine volle Schaufel an dem Teil drei Tonnen wiegt und man hier mit dem langen Arm, wenn man sich blöd anstellt, die eigene Windschutzscheibe herausdrücken kann. Ich nehme das als Aufforderung, mich nicht blöd anzustellen.

Machen wir es kurz: Der große Bagger ist ein Mega-Spaß. Die Joysticks reagieren wesentlich sensibler und das Gefühl, richtig viel Kraft unter dem Arsch zu haben, spricht mich schon an. Auch hier meistere ich das Pendel mit einigen Versuchen, und Mühe mich an den Reifen ab, bis ich beschließe, dass ich meine halbe Stunde großer Otto zu dem nutzen sollte, was Spaß macht: Dreck schaufeln. Und so baggere ich den Dreckhaufen, den mein Vorgänger aus einem Loch geholt hat, in das Loch zurück. Hirnloser, sauberer Spaß. Und dann, wenn es dir gelingt, mit einer relativ flüssigen Bewegung von kurzem Arm, langen Arm und Baggerschaufel, eine wirklich große Schaufel voll Dreck aufzuheben und sie lässig herumzuschwenken, die Freude zu genießen wenn das braune Zeug mit diesem typischen Braunes-Zeug-rutscht-über-Blech-Geräusch im Loch verschwindet … dann werden da Träume wahr. Zugegeben, kleine-Jungen-Träume. Aber nichtsdestotrotz Träume.

Dem aufmerksamen Leser entgeht nicht das Fehlen eines Schmierkäses auf diesem Brotzeittischbild.

Leider ist an dem Punkt, an dem ich so weit bin flüssig zu schaufeln, auch meine halbe Stunde abgelaufen. Kam mir kürzer vor, also muss ich Spaß gehabt haben. Ergebnis des Tages: Sinnlos Diesel in ein Maisfeld gepustet (ich bin mir sicher, die waschen das Zeug, bevor sie es den Schweinen in der Wellblechhalle geben, oder?), sinnlos einen Dreckhaufen systematisch weggebaggert, um ein Loch zu füllen, dass es ohne diese Aktion gar nicht geben würde. Insgesamt kein schlechter Samstag Morgen, Aufsätze korrigieren lässt einen stärker an der Sinnhaftigkeit der eigenen Zeitgestaltung zweifeln.

Noch ein schnelles Foto, dann ab in das Golfklasse-Gefährt und weiter Richtung Ammersee. Da kenne ich von früher einen hübschen Biergarten und ich denke ich habe mir nun nach dem harten Alltag im Baugeschäft ein Radler und einen bayrischen Obatzda verdient. Aus dem CD-Player dröhnt extra mitgebrachte bayrische Rap-Musik: „Wooaah – Dompf döa Giganten, wenn dia Bullen Wossa weafa, weafa mia Hydranden …

Irgendwie kein unpassender Soundtrack zum Tag. Eventuell berichte ich vom Ammersee mal in einem Folge-Beitrag. Um es kurz zu machen: Mit Obatzda war da nix. Aber dafür Spicy-Maracuja-Eis.

Edit: Den zweiten Teil des bayerischen Samstags gibt’s hier.

P.S.: Danke 12d!

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