Vorspiel: This is just a Test.

Das Testzentrum ist in einer Shisha-Bar. Einer fucking Shisha-Bar.

Ok, ich dramatisiere. Die Bar in der Theodor-Heuss-Straße ist von jenem Typus, der mit weißen Wodka- und Whiskey-Labels auf schwarzem Hochglanzplastik um Kunden buhlt und unter der Theke eine dunkelblaue LED-Leiste leuchten hat, überhaupt gehören LEDs zum Kernkonzept dieser Art von Kneipe, vermutlich dazuhin dünne Happy-Hour-Cocktails aus der Top-10 der allseits bekannten Mixgetränke. Eine Shisha kann man vermutlich aber, das muss ich fairerweise wohl hinzufügen, hier nicht bestellen. Wie gesagt, „Sisha-Bar“ hört sich eben witziger an. Normalerweise würde ich trotzdem nicht reingehen, sondern in Stuttgart darauf setzen, irgend etwas Cooleres zu entdecken. Aber heute muss ich rein.

Ich benötige einen negativen PCR-Test. Als zweifach Geimpfter.

Als mir als Solidaritätsverweigerer von der Bundesregierung meine Impfprivilegien auf einem goldenen Tablett vorgelegt wurden, ergriff ich die erste Gelegenheit, bei der ich nicht mehr zwei Wochen lang nach Rückkehr in Isolation müsste, und buchte eine Ferienwohnung in Frankreich. Selbes Konzept wie immer.

Nur, dass den Franzosen meine Impfprivilegien scheißegal sind. Macron ist neo-liberal, und wie alle aus dieser politischen Nische verortet er Probleme gerne jenseits der Grenze, bevor es irgendein linker Gutmensch in den Produktionshallen der heimischen Wirtschaft verortet. Jeder, der nach Frankreich einreist (natürlich Berufspendler und Warentransporteure ausgenommen – die sind ja Teil der Wirtschaft) benötigt einen negativen PCR-Test, egal wie oft er schon geimpft wurde.

Also stehe ich am Samstag Morgen in der Schlange vor der Shisha-Bar (ihr wisst, es ist eine leicht andere Art Bar) um mich testen zu lassen, vor mir eine Familie (hat wohl ebenfalls Reisepläne), hinter mir zwei junge Frauen mit goldenen Handtaschen an farbig passenden Metallketten (Termin-Shopping-Vieh, kostenloser Schnelltest). Der Test kostet mich 79 €, ich verbuche es unter sonstige Reisekosten. Bis jetzt war ja 2021 ziemlich billig. Die Shisha-Bar (ja, keine Shishas, schwachbrüstige Longdrinks, ich weiß) nennt sich „Testzentrum Stuttgart-Esslingen“, ihr Logo ist ein Coronavirus in Nationalfarben.

Kannste dir nicht ausdenken.

Oder vielleicht konnte man sich schon, wenn man bedenkt, dass hinter der Strategie „Testen statt schließen“ unsere Taskforce Jens Scheuer und Andi Spahn steckt, die Projektmanager des Vertrauens für konservative Regierungsparteien. Vielleicht ist die Kneipe deshalb so ganz in schwarz gehalten. Jedenfalls lasse ich mir ein Wattestäbchen in den Rachen rammen, würge ein paar Mal unflätig und spaziere dann aus der Pinte. Wenigstens ’n Caipi obendrauf hätte für das Geld ja drin sein können. Das Testergebnis kommt am Sonntag Abend, ein bisschen ungeschickt, dass ich da bei lieben alten Freunden in Freiburg sitze. Aber irgendwie kommt das schon in meine Reisetasche.

Übrigens: Fickt den Mythos von der Informationsgesellschaft. Es ist schlechterdings unmöglich im gesamten WorldWideWeb herauszufinden, ob der negative Test für die französischen Behörden in Papierform mitgeführt werden muss, oder ob er auch elektronisch akzeptiert wird. Keine offizielle Stelle gibt Hinweise auf die vorgeschriebene Form. Schließlich finde ich ein Deutsch-Französisches-Freundschaftsforum, in dem irgend jemand schreibt, vor ein paar Tagen hätten die Flics auf dem Parkplatz vor’m Cora in Straßburg auch ein Dokument auf dem Handy akzeptiert.

Ein Nachbar meiner Freiburger Freunde druckt Abends die beiden Seiten für mich aus. Jetzt brauche ich nur noch eine „Declaration de Honeur“, dass ich kein Fieber habe und auch keinen außergewöhnlichen Durchfall. Ich suche nach dem Feld, wo ich ankreuzen muss, dass ich weder Millionenboni für windige Maskendeals erhalten habe noch in Asserbaidschan auf Kosten der dortigen Regierung zwei Wochen in einem Luxusresort residiere, bis mir einfällt, dass das ja die deutsche Ehrenerklärung für Abgeordnete einer Law-and-Order-Partei ist.

France, ich komme!

Tag 1 – nichts Los auf le Mont

Als ich morgens um 6.00 über den Rhein fahre, bin ich mutterseelenallein. Kein Auto vor mir, keines hinter mir, die Maisonne lacht über dem Grenzfluss, so dass man sofort „der Rhein von oben“ für den SWR drehen will. Niemand hält mich an der Grenze auf. Nie – m a n d . Da ist wirklich niemand. Ich kann mich nicht so recht über meine Rückkehr nach Frankreich und das tolle Wetter freuen, ich denke über 79 Euro nach und was man sich dafür hätte Geiles kaufen können.

Ich bin ein Kleingeist.

Einmal durch das Elsass gurken, dann durch Lunéville gurken und weiter Richtung Pont-à-Mousson. Auf dieser Strecke bin ich mautfrei unterwegs (Na ja, einmal gibt’s nen Tunnel, der 6 Euro kostet), aber auch ziemlich langsam. Dörfer, Traktoren und französische Rentner in Kleinwagen verschwören sich gegen mich. Hinter Lunéville werde ich geblitzt. Kommt auf die Liste der „sonstigen Reisekosten“, bekomme ich wenigstens mal wieder Post aus Paris. Frankreich hat eine sehr gut zentral verwaltete Bußgeldstelle, wieder ein Punkt, an dem der Föderalismus klar verliert.

Es ist kurz nach 9.00 als ich meine schwarze Hausmeisterkutsche am Le Mont auf halbem Weg am Feldrand abstelle. Alles ist wie immer. Sonne-Feld-Wald-Fuchs-Hase. Wie es immer so war. Nur dass ich diese Ausflüge so beschissen vermisst habe, noch mehr, als ich Konzerte und Kneipen vermisse. Während bei Tönnies und bei Onkel Ottmars Spargelplantage die Wirtschaft ungestört weiterlief, mussten wir die Pandemie mit Beschnitten im Privatleben runterfahren. Räder müssen rollen für das BIP, nur meine durften halt deswegen nicht rollen, die trugen zu wenig zum Volkseinkommen bei.

Ich bin sehr glücklich, als ich meine lange vernachlässigten Outdoor-Stiefel schnüre.

Der Le Mont ist ein langgestreckter Ost-West-Höhenrücken zwischen dem Bois Brûlé und dem Montsec. Im Bois Brûlé gibt’s wie an anderer Stelle beschrieben viele Zünder, auf dem Montsec steht heute das prominenteste amerikanische Kriegsdenkmal (obwohl er 1918 zunächst von französischen Kolonialsoldaten besetzt wurde, talking `bout Marginalisierung). Der Le Mont war eigentlich ein Paradebeispiel für einen wirklich glücklich angelegten Frontabschnitt. An seinem steilen Südhang konnte man Gräben und Maschinengewehrnester anlegen, um den einige Kilometer südlich im Flachland herumhängenden Franzmann einzuschüchtern, hinter seinem steilen Nordhang saß man beschusssicher im Ruhelager.

Der Montsec wurde nie erstürmt, sondern aufgegeben, weil der amerikanische Powerblitz von Norden und von Süden den Frontbogen von St. Mihiel abschnürte und man einer Einkesselung in die unattraktive Fratze blickte. Weltkriegsforen in den Untiefen des Netzes sprechen von beeindruckenden Grabensystemen, zahlreichen Betonbauten und einem ausgedehnten Stollennetz.

Das ist nicht ganz falsch. Aber der Wald wirkt doch sehr aufgeräumt. Das, was mich interessiert, das hinterlassene menschliche Zeugnis, die leere Flasche, das Stück Stiefel, die fallen gelassene Patrone, nichts davon sehe ich auf meiner Tour. Dafür ist das Tierleben aktiv und sagt hallo. Aus einem Stolleneingang springt ein panischer kleiner Fuchs hervor und erschreckt mich zu Tode. Vor einem anderen bröckeligen Loch im Hang flattert eine nervöse Fledermaus auf und ab, in brennender Sorge, ich könnte ihre Schlafhöhle betreten. Ich bin nett und lasse es bleiben. Gegen später schnürt noch ein Reh etwas hektisch über meinen Weg, aber na ja, Rehe, Rehe sind für den Wald das, was Zeichensetzungsfehler in Aufsätzen sind: eigentlich immer vorhanden.

Ansonsten finde ich in den tiefen Gräben nur ein paar Scherben und eine Schrappnellkugel auf dem Weg. Aber der steile Wald ist als Gelände anstrengend wie Harry und ich bin diese Art von Tag einfach nicht mehr gewohnt. Verdammtes Versumpfen auf dem Gaming-Chair! Als ich gegen vier wieder am Auto bin, fühle ich mich fertig wie Schnitzel, außerdem meldet sich meine Gräserallergie.

Trotzdem – schöner Tag, ich hatte dich vermisst.

Nun sitze ich bei Claude in der Einliegerwohnung. Claude hat offensichtlich einen Verleih für Hebebühnen, lebt alleine in einem alten Haus in Lacroix-sur-Meuse und vermietet eine günstige Ferienbleibe. Leider ohne WiFi, obwohl ich dachte, ich hätte es auf der Homepage gesehen. Zu faul, um mit dem Handy nachzukucken, ist jetzt ohnehin nicht mehr zu ändern. Dafür ist Claude sehr nett und kommunikativ, gibt gute Tips über den Ersten Weltkrieg in der Gegend, schade, dass ich so wenig davon gut verstehe.

Morgen geht es in meine Lieblingsecke: Die Argonnen.

Tag 2: Der Horror in den Argonnen.

Ich stehe am jenseitigen Ufer des Baches und starre auf die Hänge gegenüber. Fassungslos. Ich kann kaum glauben, was ich da sehe.

Die Argonnen sehen in Teilen wieder so aus wie 1915.

Nackte weiße Kalkbrocken bilden eine mondartige Landschaft am Abhang, dazwischen sind die Reste der alten Linien und Krater zu erahnen. Der ONF hat die toten Stämme abgeräumt, bevor sie umfallen und man sie gar nicht mehr zu Geld machen kann. Einige überlebende Bäume recken anklagend ihre dünne Stämme in den Himmel. Nackte, tote Erde, knochenbleich, wenn jetzt Einschläge hochspritzen würden, es wäre nicht unpassend.

1915 revisited

Nur, dass diesmal nicht der Krieg die Bergrücken mit Verwüstung überzieht, sondern der Klimawandel. Schon auf der Herfahrt, über die Varenner Straße, blickte ich fassungslos auf den Skelettwald, der sich da (noch) in die Höhe reckt. Lauter braune, tote Stämme, kilometerlang, ein kleiner Vorgeschmack auf das Schicksal der meisten europäischen Nadelwälder in der nächsten Zeit. Ich erinnere mich wie ich vor vier Jahren durch diesen Wald ging, vom aufgegebenen deutschen Regimentsfriedhof hin zu den Betontrümmern der „Blinkanlage Walhalla.“ Satte, grüne Moosmatten in einem traumhaft hohen Fichtenwald. Vermutlich waren die Bäume schon damals todkrank, nur ich als Bodenkucker und Laie konnte es nicht sehen. Jetzt ist es unübersehbar, in der Phalanx der Fichtenleichen steht kein lebendiger Baum mehr, Dürre und Borkenkäfer haben einen Leichenwald produziert. Die Sonne knallt auf die freigelegen bröckelnden Betonmauern des bisher eingewachsenen Weltkriegsfriedhofs. Wie passend, wie metaphorisch.

Wie erschütternd.

Willkommen im Knochenwald

Der Klimawandel ist eine feine Sache, wenn man ihn aus den Medien heraus konsumiert. Ein paar Fridays-for-Future-Tweets da, ein paar Nachrichten von der Polarstern hier, eine statistische Kurve in der Tagesschau, pünktlich zum Abendbrot. Wenn man direkt vor der Klimakatastrophe steht, von Angesicht zu Angesicht – nun, cette une chose différente.

Ob auf den nackten Kalkböden jemals wieder etwas Vergleichbares wachsen wird, wie die mächtigen Argonnenwälder? Wie lange wird es dauern, bis der Friedhof wieder von Wald umgeben ist? Wir haben die Argonnenwälder der Zukunft geraubt, wir haben sie denen geraubt, die heute Kinder sind, wir haben sie verheizt im Namen der Braunkohlereviere und der SUV-Designer, zwei Kinder, Loft, Stuttgart-Ost. Waren es die Arbeitsplätze, war es die Dividende für Daimler-Aktionäre wert, dass diese Wälder nun Geschichte sind? Steht ihrem Verlust ein einigermaßen fairer Gewinn für die Leute gegenüber, die möglichst langen und ungebremsten CO2-Ausstoß wollen?

Zynische Frage, natürlich wird der Clusterfuck, der über die junge Generation hereinbricht, nicht einen Hauch vom erwirtschafteten Gegenwert der Industrie ausgeglichen. Wir haben unschätzbare Werte für einen monetären Furz in der Quartalsbilanz eines Dax-Konzern verzockt. Aber die Rendite holen sich die Herren im Anzug heute, das Drecksleben hat ja später ihre Enkel*In und nicht sie. Hoffen sie. Da zögert man nicht, wen kratzt, was in zwei Jahren ist.

Ich bin, wie ihr seht, ernsthaft geschockt.

Wenn die Forstbehörde so einen toten Wald wegräumt, dann nimmt sie dafür schweres Gerät. Es muss ja schnell gehen, jeder Tag kostet, nur das beste System ist rentabel schnell beim Arbeiten. Acht Reifen in Mannsgröße, die sich 40/50 cm in den Boden eingraben, automatische Baumernter, geländegängig, kommen überallhin, räumen Bäume effektiv und in Reihe ab, Entastungsautomatik.

Die halbautomatischen Monsterernter fahren an alle Stellen des Hanges, alle 10 Meter zieht sich eine tiefe Schneise den Berg hoch. Interessant, was der Baggerreifen so alles aus dem Boden wühlen: natürlich 1000 rostige Splitter, Stacheldrahtstücke, leere Granatenhüllen, eine einsame deutsche Patrone.

Archäologie und Umweltschutz

Man könnte das auch als die Zerstörung von Bodendenkmälern bezeichnen, aber wer denkt bei der momentanen Bauholzknappheit schon an Archäologie. Einmal stehe ich vor einem Loch, das entstand, als sich der Bagger direkt durch den alten Unterstand für die Soldaten fräste. Zufall, das Bodendenkmal war halt im Weg. Einige Flaschenscherben und Stacheldraht zeugen davon, eine undefinierbare Metallscheibe, eine Koppelriemenschnalle und ein flachgerollter Gasmaskenfilter. Ein wenig, wie wenn man eine sehr große und kräftige Harke durch ein keltisches Hügelgrab zieht.

Wenigstens haben sie offensichtlich diesmal die hochgewühlten scharfen Blindgänger nicht einfach liegen lassen, wie auf dem Toten Mann im letzten Jahr.

Irgendwann in den 2000ern verglich jemand für das Schlachtfeld von Verdun die Bodendenkmalkarte aus den 30er-Jahren mit dem aktuell noch vorzufindenden Stand. Er stellte in seiner Forschungsarbeit fest, dass in 80 Jahren Forstwirtschaft ca. 70 % der menschengemachten Bodenstrukturen durch Waldarbeiten eingeebnet wurden. Daraufhin wurden Schutzzonen für die letzten paar Kilometer Grabenrest von Verdun ausgerufen. In den Argonnen ist man noch nicht so weit.

Ich bin wütend und frustriert. Vielleicht gibt es ja keine andere Möglichkeit, vielleicht muss man das borkenkäferwimmelnde Totholz in aller Hast herausholen, um (noch) Schlimmeres zu verhindern. Aber wohin ich blicke sehe ich sinnlose Zerstörung von Natur- und Kulturschätzen, die den Menschen nach mir gehört hätten. Wir rauben sie ihnen, wegen Geld.

Wegen fucking Geld.

Ich könnte jetzt noch viel schreiben über den heutigen Tag, über das alte Lager in der Schlucht, das ich finde, mit seinen Flaschen, mit seinen verzierten Gusseisernen Öfen, wie ich ein Zigarettenetui (den Messingrahmen) im Flussbett entdecke oder ein Stück Flaschenscherbe auf dem noch deutlich lesbar „Maggi Würze“ steht; Ich hatte durchaus meine schönen Sachensucher-Momente heute. Was bleibt sind aber die Eindrücke von der gnadenlosen Misshandlung eines meiner Lieblingsorte.

Ich zeige daher einfach noch ein paar Bilder und dann ist gut.

Tag 3: Ravin de lai Fuont

Was für ein seltsamer Name für einen äußerst malerischen Ort. Zwischen der Höhe 304 und der Kraterkette von Vauquois verläuft im rückwärtigen Argonnengebiet ein breites Wiesental, gesäumt von flachen Hügel-Ketten, fast genau in Ost-West-Richtung. In seiner Mitte plätschert ein kleiner Bach, ohne die Weidezäune könnte man fast die Gefährten des Ringes in einer langen Drohnenfahrt hindurch ziehen lassen.

Wären nicht am Nordrand die vielen Gräben und Bunker.

Entlang der Ravin basteln die Deutschen ihre dritte oder vierte Verteidigungslinie. Die wievieltegenau weiß der Teufel die OHL. Sie haben dafür lange Zeit, also wird betoniert und gebuddelt was geht. Irgendwann im Oktober 1918 kommt die amerikanische Maas-Argonnen-Offensive, die zwar nicht so geil läuft wie die Beseitigung des Frontbogens von St.-Mihiel, aber die Front weit nach Norden drückt. Übrigens ist diese heute fast völlig vergessene Offensive die längste und verlustreichste Schlacht der US-Geschichte, sowohl Gettysburg als auch die Strände der Normandie müssen sich hinten an stellen. Die Ravin mit dem unübersetzbaren Namen findet ein paar Mal in den US-Regimentsgeschichten Erwähnung, wegen der großen Schwierigkeiten durch zahlreiche Maschinengewehrnester, die einzeln von den Amerikanern flankiert werden mussten. Nach zwei Tagen war die Sache durch und man zog weiter Richtung Montfaucon.

Bunkerturtle

Der Spot ist bis heute als Schlachtfeld weitgehend vergessen. Geblieben sind zahlreiche Gräben, Artillerie-Stellungen und betonierte Anlagen, häufige Wellbrechröhren führen schräg in die Erde, die darunter liegenden Räume im Kalk sind allerdings konsequent eingestürzt. Wenn man mit offenen Augen durchgeht, dann braucht man einen halben Tag die Schlucht hinauf, und den anderen halben wieder zurück.

Ich finde eine hübsche kleine Flasche (Medizin?). Ansonsten ist hier wohl aufgeräumt worden, der damals sicher üppig gezogene Stacheldraht ist fast komplett futsch. Es ist sehr heiß und ich merke am ganzen Körper die beiden vorherigen Tage. ich bin nicht mehr so fit, wie vor einem Jahr, wie auch, wenn durch Kampfzonen kriechen die einzige aktiv ausgeübte Sportart ist. Nach dem Mittagsvesper schlafe ich auf einem Bunkerdach im Sitzen ein, bis mir ein kleiner Ast auf den Kopf fällt und mich weckt.

Kein Witz.

Auf dem Rückweg entdecke ich die Holzfäller, der Südrand ist Nadelwald, wird gerade abgeräumt. Motorsäge, Motorsäge, Baumernter, Traktor, Ratatatatata. Das bleibt also ein Leitthema.

Tag 4: Wo die Wege Geschichten erzählen.

Es ist gut, dass mich so gut wie nie jemand auf meinen Exkursionen beobachten kann, mangels anderer Menschen um mich rum. Wenn der Holzfäller-Traktor an mir vorbeifährt ändere ich schnell mein Verhalten zu normaler Wanderer, aber sonst muss ich einen lustigen Anblick bieten. Im Schneckengang, die Augen fest auf den Quadratmeter Boden vor mir fixiert, ein Kilometer dauert so eine Stunde. Jetzt habe ich es ins Internet herausgeschrien, kann mir nicht all zu peinlich sein.

Es ist ein hochinteressanter, sehr langsamer Kilometer.

Ich bin wieder auf dem Toten Mann unterwegs, die Ecke, wo es dermaßen knallte, dass der Erdboden zu einem Gutteil aus Zivilisationsresten besteht. Ich bin inzwischen geübt darin, auf Farbunterschiede anzuspringen. Rostbraun, in 99 % aller Fälle ein Granatsplitter, manche sind Armlang. Zu 1 % ein interessantes anderes Objekt. Blaugrau, Blei, zu 99 % Schrapnellkugeln, lustige kleine Metallmurmeln und eine perfide Massenvernichtungswaffe, manche noch perfekt rund, manche bis zur Unkenntlichkeit deformiert. Grünlich: Kupfer und Messing, meistens Splitter vom Führungsband der Granaten, gelegentlich Patronen oder deren Hülsen, manchmal etwas sehr Interessantes.

Was kreucht und fleucht am Wegesrand?

Heute ist das ekelhafteste Wetter der Welt: Dampfbad. Schon um 8.00 Uhr dünsten die Wälder und Wiesen vor sich hin, so dass einem am frühen Morgen der Schweiß unterm Mützenband quillt. Die Stechmücken drehen völlig durch, wer auch immer dachte, die Biester kommen aus dem Sumpf, der ist noch nie durch einen feuchten Buchenwald mit Unterholz geschlichen. Wenn die Sonne zwischen den dicken Quellwolken herausbricht, dann kommt sie als gnadenlose Lasersonne zum Vorschein, die neue Wasserwolken aus dem klatschnassen Schwamm der Erde kocht. Einmal verlaufe ich mich und gehe durch eine hohe Wiese weiter. Schwerer Fehler, danach bin ich bis zum Oberschenkel geduscht.

Das Schlachtfeld ist am besten im Winter zu besuchen. Die warme Jahreszeit ist komplett scheiße. Nicht nur Hitze und Insekten (Zeckendreckskackrotzviecher) machen mir meine Obsession schwer. Dornenranken sind eine allgegenwärtige Pest, Unterholz und Laub, das den Blick verstellt. Am liebsten bin ich hier an einem klaren, schneefreien Januartag. Aber ich muss nehmen, was ich kriegen kann, wer weiß, ob ich im kommenden Winter hierher darf.

Irgendwann erwische ich das Stück Weg, das für die riesigen Holzlaster verbreitert wurde – oh, habe ich vergessen zu erwähnen, dass sie die toten Wälder wegräumen? Die Planierraupe hat hier rechts am Weg die Deckerdschicht aufgetürmt, bis zu einem Meter hoch lockerer Kalkboden. Ich bin hin und hergerissen. Einerseits wird hier ein Quadratkilometer Erdbefund durcheinandergewirbelt und für immer zerstört. Wärs ein militariageiler Holländer mit Metallsonde gewesen, wäre weniger kaputt und es eine Straftat. Andererseits legt die Holzindustrie hier tausende Objekte frei, die sonst meinem Auge verborgen geblieben wären.

Ich sammele die interessantesten auf, immer wenn ich drei bis fünf in der Hand habe, lege ich auf einem der zahlreichen Baumstümpfe am Wegesrand damit eine kleine Installation an. Vielleicht kommt in ein paar Tagen ja noch jemand durch, der kein Forstamtsmitarbeiter ist.

Ich schleiche durchs größte Freilichtmuseum der Welt und bin sein allmächtiger Kurator.

Irgendwie macht mich das glücklich. Alle Fragen – Corona, Schule, das restliche Jahr – treten in den Hintergrund, sind quasi wie weggeblasen, wenn ich einen Zünder aus dem Boden kratze und den Kalkdreck abwische. Warum bin ich bei so was so entspannt, wie sonst nie? Ich bin einfach seltsam, thats it. Seltsam und Happy.

Als ich am Spätnachmittag völlig durchgeschwitzt am altgedienten Auto ankomme, donnert es vernehmlich und dicke schwarze Wolken wallen über der Maas. Mehr Feuchtigkeit für die Waschküche. Das einzige, was nach so einem Tag hilft, ist umziehen. Ich hab gerade die Schuhe halb auf, da geht die Welt unter. Fluchend kicke ich die völlig verschlammten Stiefel unter den Wagen, haue die Beifahrertür zu und versuche mich in meinem Auto in eine saubere Hose und ein nicht völlig nassgeschwitztes T-Shirt zu zwängen.

Danach ist mir unverständlich, wie man in Autos Sex haben kann.

Im strömenden Regen fahre ich los und brumme die einsame Landstraße hinab. Im Dorf Marre fällt mir auf, woran ich seit 20 Minuten nicht mehr gedacht habe: Meine schlammigen Stiefel. Sie liegen immer noch auf dem Waldweg, völlig eingeregnet. Sie waren erstens keine billigen, zweitens quasi das letzte Geburtstagsgeschenk meines Papas. Also umdrehen, zurück, die inzwischen völlig versifften Stiefel, die ich wenigstens nicht überrollt habe, aufsammeln.

Der Zeitverlust macht nix. Als ich eine halbe Stunde später im Riesensupermarkt in Verdun meine Vorräte an Orangina, Crème Brûlée und Camerbert aufstocke, sind alle Kunden auf eine halbe Stunde im Einkaufszentrum gefangen, weil es so schüttet, dass sich niemand auf den Parkplatz traut.

Klimawandel ist, wenn sich Dürre und Flut verbünden, um die Menschheit zurückzukorrigieren.

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