Zwischendrin

Ich sehe aus wie ein Penner aus einer ZDF-Kommödie. Kein Kompliment will ich meinen. Grüner Ami-Parka, alte Jeans, grobe Stiefel, Mütze und diese Strickhandschuhe mit abgeschnittenen Fingern. Wenn man mir noch eine Geige und einen traurig dreinblickenden Bobtail verpasst, dann bin ich absolut ready für die große Weihnachtskommödie im ÖR, 19.30, dritter Advent, „Ein Engel voll Glühwein“ mit Moritz Bleibtreu und Palina Rojinsky.

Aber wer im Dezember campen will, muss Opfer bringen.

Ein bisschen Zeit vergangen, seit meiner Rückkehr aus dem verlängerten Sommer in Westeuropa und dem heutigen Dezember in Gaspard. Zwischendrin habe ich übrigens:

  • in Berlin gecamped, Konzerte besucht, mich von der Trump-Wahl runterziehen lassen.
  • Leute besucht.
  • Viel Theater begleitet, vor allem bei meiner heiß geliebten Bühnen-Family SPIEL-Betrieb.
  • Mit meiner Mama 8 Sorten schwäbische Weihnachtsbretla gebacken

Aber dann sitze ich wieder vor meinem Computerspiel, nachdem ich You-Tube und Reddit leergekuckt habe und denke mir: Was fange ich mit meinem Jahr in der kalten Jahreszeit an? Sollte ich nicht irgendwas damit machen? Außer den Tag mit meinem Nerddom zu verbringen?

Die Lösung ist offensichtlich, dass ich wie ein Penner aus der Kostümkammer aussehe.

Wintercamping war das Zauberwort und irgendwie konnte ich auch nicht mehr so richtig ohne den alten kleinen weißen Bus. Als ich heute morgen mit Gaspard vom Parkplatz rolle, überkommt mich ein Grinsen, weil ich endlich wieder mit ihm verreisen darf. Natürlich habe ich mich nach Frankreich mit ihm verzogen, das hat zwei ganz einfache Gründe: Zum einen bin ich, wenn es ganz kacke wird, in fünf Fahrstunden an meinem warmen Bett. Zum anderen wird mir hier nie langweilig. Nie.

Ich habe diese alte Karte auf meinem Tablet. Eigentlich ist es eine Artillerie-Karte vom Juni 1918, das heißt die Deutschen haben ziemlich großflächig jede französische Batterie, die sie lokalisieren konnten, eingezeichnet, mit Kaliber, Feuerfrequenz und Ausrichtung. Aber sie haben darüber hinaus blau schraffiert alle französischen Lager hinter der Front markiert, von denen sie wussten. Und ich muss sagen, bis jetzt wussten sie ziemlich genau, wo Jacques schläft, kocht, seine Verwundeten pflegt oder Munition stapelt. Ich streune also in jenen markierten Schluchten von blau schraffiertem Hang zu blau schraffiertem Hang und starre in Löcher. Freue mich, wenn ich eine schöne Flasche finde, oder einen Uniform-Knopf oder eine löchriges Feldgeschirr. Kein Unterschied zum Sommer, nur dass ich noch alleiner bin und die Brombeeren nicht so nerven.

Doof nur, dass es nun so viel Nacht und so wenig Tag gibt. Ich sitze schon seit 16.00 (Dämmerung) in Gaspard und gegen 17.00 wurde mir dann ziemlich frisch. Jetzt ist es kurz vor acht und der kleine Gasofen, den ich mir bestellt habe, bullert und grummelt vor sich hin. Mit ihm ist es auszuhalten. Ich habe ein heißes vegetarisches Chilli gegessen und werde nach dem Schreiben dieses Textes die Weihnachts-Bretles-Dose öffnen, die mich begleitet. Den Gasofen darf man zwar in Innenräumen laut Anleitung gar nicht betätigen, aber ich ficke mal wieder die Sicherheitsvorschrift und bis jetzt fühle ich mich sehr lebendig.

Mein Leben könnte schlechter sein.

Bald ist Weihnachten und Neu-Jahr und die meisten Menschen wissen ja dann, wo sie sein werden. Ich auch, es ist nicht aufregend, aber ich bin sicher versorgt. Am 03. Januar breche ich dann nach Sizilien auf. Da ist es hoffentlich schon wärmer wie die drei Grad, die ich jetzt vor dem Bus habe, und dann sehen wir, wohin mich 2025 führt.

Mag die Welt zur Hölle fahren, ich möchte sie noch ein wenig genießen.

Au Revoir für’s Erste

Dies ist der letzte abendliche Eintrag am kleinen Klapptisch im Bus. Morgen Abend sitze ich wieder zuhause. Ich könnte mir noch ein paar Tage länger leisten – spätestens am 04.10. hätte ich einen Termin – aber es ist erst einmal genug.

Zum einen finde ich es schön, demnächst wieder etwas aus einem Schrank holen zu können, ohne dass mir dabei drei andere Sachen entgegenfallen; Einen Herd mit vier Platten zu nutzen; Morgens einfach einen Hahn für eine warme Dusche aufzudrehen; sich einfach in ein Bett legen, ohne erst einen Umbau der Räumlichkeiten initiieren zu müssen. Camper-Life war geil, aber jetzt ist es dann auch wieder gut.

Zum anderen ist das Wetter jetzt deutlich kühler, verregnet und auch windig. Die Tage, an denen ich mit Shorts und T-Shirt über Strände ging sind vorbei; Schon seit einigen Tagen mummel ich mich nachts wieder in den Winter-Schlafsack anstatt in die Decke; nachher zum Kochen werde ich Fließpulli, Softshell UND Daunenweste tragen. Zeit für einen warmen Tee in meiner Wohnung.

Zum Dritten habe ich angefangen Gespräche mit einem Fahrrad und einem Bus zu führen und ihnen gelegentlich Dinge mitzuteilen.

Nein, keine Wilson-Beziehung für mich, Stuttgart, here I come. Heute morgen hatte ich den prächtigsten Sonnenaufgang über dem Wald vor mir bei – laut Wetter-App – fucking 4 Grad Außentemperatur. Heute ist Waschtag, und ich habe angesichts der kalten Luft lange gezögert, aber nun kann ich sagen: 14 Grad und starke Böen ist schlimmer als 4 Grad und windstill. Dafür stand ich so einsam, dass ich es ohne Badehose gewagt habe – ja, hier hättet ihr weglesen sollen – und alter Fasan, war das interessant nackig vor dem Bus zu stehen.

Hier in der Gegend brauche ich nicht mal ein Navi, ich kenne mich aus. In St. Mihiel hat am Sonntag der Supermarkt sogar auf; praktisch. Gegen 9.30 steuere ich die Parkbucht an der Ferme des Chambrettes an und schlage mich ins Gelände.

Ein Haufen Heringe. Glaube ich.

Nur noch der Ort auf der Karte heißt nebenbei so, von der namensgebenden Farm findet man im Gebüsch nur noch drei größere Ziegelhaufen auf dem Schlachtfeld von Verdun.

Ich bin den ganzen Tag hügelauf-hügelab getrappelt: Gewehrpatronen, komplett, nur als Hülse, nur als Geschosspitze; zwei Porzelanknöpfe; Millionen Granatsplitter; Ein paar Blindgänger, ziemlich sicher 75 mm und 15 cm; Stacheldrahtstückchen; Flaschenscherben; eine französische Feldflasche; Zünderköpfe; ein Schuh; viele eindrucksvoll verbogene Schweineschwänze und andere Drahtverhaupfähle; zwei Spaten; eine Hacke; ein Stapel Zeltheringe (?); eine Telefondrahtrolle; diverse obskure Metalltrümmer, meist wohl Teile des Geschosskopfes; ein Blecheimer.

An einem kürzlich gerodeten Hang entdecke ich eine Handgranate neben der anderen – verschiedene Modelle, aber alle aus französischer Produktion. Sie sind hier wirklich so zahlreich verstreut, wie es mir noch nie untergekommen ist, als hätte jemand oben einfach ein paar dutzend Kisten mit den Dingern den Hang hinuntergeleert. Ich bewege mich hier sehr, sehr vorsichtig durch die Botanik, denn alle Blindgänger sind gefährlich, aber die kleinen leider ganz besonders. Wird spannend, wenn der Hang nächstes Frühjahr zuwächst.

Heute kein einziges Tier gesehen, außer ein paar Vögeln.

Nun stehe ich auf dem Parkplatz der Festung Froideterre und hoffe, dass kein anderer Camper ihn kennt. Ganz neue Schlösser und Ketten an den Gittern, andererseits fehlen die Gitter an einigen Eingängen seit ca. 1920 oder so. Man fragt sich nach dem Sinn. Muss aber heute nicht drin rumgeistern, habe ich vor drei Jahren schon getan, war unheimlich.

Ich esse jetzt noch, lese etwas und mache den letzten Rest von diesem furchtbar süßlichen Rosé alle.

P.S.: Natürlich rollt gerade jetzt einer dieser Kack-Riesenbusse an …

Alte Pfade

Ja ja. Er kann halt nicht anders. Wald. Erde. Laub. Die Rufe der Vögel, der Matsch an den Sohlen, ab und an knackt ein Reh im Gebüsch. So schon uffzig-mal erlebt.

Wenn ich schon über die alte Westfront fahre, dann mache ich da natürlich auch Station. Und hier weiß ich auch ganz genau, wo man einen Bus stellen kann, denn einige dieser Landsträßchen kenne ich inzwischen bedeutend besser als die Gemeinden um meinen Schulort herum.

Ich bin also von Dijon nach Apremont-la-Forêt gedüst, etwa 180 Kilometer, einen Ort, den keiner kennt, weil er winzig ist. Er liegt hinter Saint-Mihiel, was auch keiner kennt, aber da gibt es Restaurants, eine Post und einen Supermarkt. In Apremont war 1914/1915 ein bisschen was los und dann bis zum September 1918 nichts Größeres mehr. Also haben die Deutschen zwischendrin aus Langeweile alles betoniert, betoniert, betoniert, so dass das Stellungssystem im Wald quasi in Stein gemeiselt ist. Ein paar Stellen sind für Besucher zugänglich gemacht und mit ein paar Tafeln versehen, das meiste liegt unter dickem Moos abseits der Parkplätze, eines Menschen auf Spurensuche harrend.

Hier: ein mit Zement gefültler Sandsack. Kein Sand und auch kein Sack mehr.

Ich verbringe hier einen schönen, kühlen und sonnigen Tag. Ich finde nichts wirklich Berichtenswertes, nur das übliche Zeug. Hier, ich kann euch einen mit Zement gefüllten Sandsack zeigen. Zweimal schrecke ich Rehe auf. Fuchsbaue am Wegesrand.

Pegasus bleibt heute bei Gaspard. Als ich Abends zurückkehre bin ich ziemlich eingesaut von den feuchten Wegen, aber tiefenentspannt. Vielleicht waren es doch ein bisschen viel Städte in den letzten Wochen. Ich habe andere Menschen nur aus der Ferne gesehen und das war gut so.

Die Nacht wird heute frisch werden. Prächtiger Sonnenuntergang. Morgen lege ich noch einen Verduntag ein und dann geht es am Montag nach Hause.

Senf und Kunst

Die eine oder andere Küchenschabe wird es am Header erahnen: Ich schreibe diese Zeilen in Dijon. Um genau zu sein: über Dijon (Hügel, wie immer), aber diesmal musste ich nicht hinaufstrampeln, sondern habe tagsüber ganz zentral vor einer Grünanlage geparkt.

Der Morgen brachte mir mein liebstes Stück Frankreich: Eine extrem einsame Landstraße. Wer mitgezählt hat weiß, dass heute Waschtag war, und ich konnte in Badeshorts um meine Seifenschüssel tanzen, ohne dass ein Auto an einem Freitag morgen dabei meiner nackten Brust angesichtig wurde.

E.Leclerc: Internet funktioniert nicht. Carrefour: Netz funktioniert, Filiale liegt aber in einem echt ekligen Edel-Einkaufszentrum für die Wohlstandsschicht. Und alle Parkplätze bei zwei Meter Höhe abgeriegelt. Reiche Ärsche, was macht ihr wenn der Dodge Ram vom Twitch-Sternchen kommt? Unerfreulicher Ort, kann von der Revolution dann später mal plattgemacht werden. Habe davor da noch Senf gekauft.

Dijon selbst macht einen wirklich schönen Eindruck. Tolle Innenstadt, aber mit diversem und natürlichem Publikum; Fahrradfahren funktioniert hier gut. Was mich hier aber vor allem beschäftigt hat war das Musée des Beaux-Arts.

Der erste ist sehr materiell: Die ständige Sammlung kostet nix. Und das finde ich, bei einem Museum dieses Kalibers, höchst bemerkenswert.

Der zweite Grund: Das Museum liegt in den Räumlichkeiten des alten Herzogpalasts der Burgunder und zeigt gleichzeitig auf, wie der Palast vom Mittelalter in die Neuzeit hinein wuchs. Es ist ein ganz schöner Brecher an Palast, in der Mitte der Altstadt gelegen, aber die Sehenswürdigkeit der Räume endet nicht bei der historischen Substanz. Dijon schafft es, moderne Museumsräumlichkeiten so mit dem alten Gebäude zu verschmelzen, das beides nebeneinander existiert und zu seinem Recht kommt. Das ist außergewöhnlich gut gemacht, vor allem wenn man es mit modernen Raumkonzepten für Kultur vergleicht, die einfach scheitern. Hat hier jemand „Humboldforum“ gehustet?

Und drittens und an erster Stelle : Die Sammlung. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf mittelalterlichen Werken und Renaissance-Exponaten, und oh boy, ich dachte bis jetzt, dass das die Epochen sind, die in mir am wenigsten abseits des Historikerinteresse auslösen. Weit gefehlt. Die Burgunder haben wohl schon zu Lebzeiten das eine oder andere Schätzchen angehäuft und ich war hin und weg von einigen Exponaten. Auch modernere Epochen werden durchaus abgedeckt, aber ich muss zugeben: Bis ich in der neuen Pariser Schule stand, war mein Kopf so voll mit Kucken und Details Studieren, dass ich dort gar nicht mehr so viel aufnehmen konnte.

Ich zeige hier nur ein paar der Sachen, die ich wirklich geil fand. Sonst hätte ich den halben Laden knipsen müssen.

Abgesehen davon bin ich ein bisschen mit dem Fahrrad herumgefahren. Lastwagenfahrer beschimpft ältere reiche Frau im Mercedes als „Putain“ (kann ich übersetzen …), weil sie der Meinung ist, man kann auch mal 5 Minuten auf der Straße mit der S-Klasse warten, bis rechts einer der vier Parkplätze frei wird; Lieferwagen parken gewohnheitsmäßig auf dem Fahrradweg, wenn man den nicht konsequent mit Pfosten absperrt; Straßen, die für Fußgänger und Pferdewagen gebaut wurden, sollen nun unbedingt von SUVs befahren werden, was natürlich nur klappt, wenn man andere Menschen in der Stadt an den Rand drückt.

Ich bin jetzt schon wieder recht nah an Zuhause. Man merkts am Wetter und an der jahreszeitlichen Stimmung. Morgen bin ich quasi schon wieder in heimatlichen Gefilden.

Not so Belle Epoque

Es regnet. Seid Oradour, ohne Unterlass. Es trommelt auf Gaspards Dach, dicke Tropfen ploppen durch die Bäume, unter denen ich stehe, es regnet wenigstens nur ein bisschen, als ich mir meine Reispfanne koche, es regnet sehr, als ich mich hinlege, mitten in der Nacht wache ich auf, weil der Regen so auf das Dach trommelt und als ich im grauen Licht erwache, regnet es zur Abwechslung Bindfäden.

Es war mir schon klar, dass ich bis jetzt auf der Tour unglaubliches Schwein hatte, was das Wetter betrifft, und dieses Glück nicht ewig halten konnte, aber nun ist der Herbst echt mies da, Blätter kleben nass auf dem reflektierenden Asphalt und sie sagen mir deutlich: Achim, dein Sommer ist nun zu Ende.

Limoges ist eine nicht sehr bemerkenswerte kleine Stadt mit ein paar schönen alten Straßenzügen und einer ziemlich bemerkenswerten Kathedrale, die den Besuch sehr lohnt. Es gibt hier außerdem ein Resistance-Museum, das eigentlich den logischen Anschluss an den Oradour-Besuch bietet. Es ist nicht teuer, besteht aber aus sehr viel Text auf Französisch. Inzwischen lese ich die Sprache nicht schlecht und das ist hier auch nötig. Dann kann man einiges über die Resistance als komplexe Organisation und die Vorgänge um Limoges lernen, dazuhin ganz allgemein über Frankreich im zweiten Weltkrieg und das Vichy-Regime. Star ist ein erbeutetes italienisches Jagdflugzeug als Ausstellungsstück, ansonsten, Text und Dokumente, intensiv, dicht, gründlich.

Apropos Vichy: Auf der Fahrt eben dahin lösen sich Gaspards Scheibenwischer auf – na klar, es regnet, was sonst – und flitschen mir in Fetzen über die Windschutzscheibe. Es gelingt mir an einer Renault-Werkstatt im Niemandsland ein paar Neue zu erstehen, auch wenn die Konversation mit dem Mechaniker sicherlich sehr lustig für ihn war.

Tja, Vichy. Philippe Petain ist auch so eine Figur, die mich durch alle Frankreichreisen hindurch verfolgt. Erst 1916 als der große Stratege der Schlacht bei Verdun, französischer Volksheld, dann am Ende Chef einer brutalen Marionettendiktatur von Hitlers Gnaden. Den letzten Akt seiner Karriere nach unten spielt er in Vichy, einer kleinen Bäderstadt mit schönen Bauten, die er zur Hauptstadt des unbesetzten Frankreichs macht, so dass man bis heute vom „Vichy-Frankreich“ spricht. Man sagt, es habe am guten Ausbau des Telefonnetzes im reichen Kurnest gelegen.

Stille Tage in Vichy. Wer’s mag.

Davon merkt man in Vichy aber nix mehr. Die Stadt macht ganz auf Belle Epoque und Bäderkultur und stellt ihre Geschichte vor allem als Kur-Historie dar. Spannend. Ich hätte echt erwartet, dass es so etwas wie ein Kollaborationsmuseum gibt, aber nein: Ich konnte nicht mal herausfinden, von welchen Gebäuden aus Petain und Konsorten damals eigentlich regierten.

Ansonsten besteht Vichy aus historischen Bauten, großen alten Parks und viel Renovierungsarbeiten. Ne Oper (geschlossen). Ich mache mich nach zwei Stunden vom Acker, weil ich die Kleinstadt öde finde, da hatte noch Limoges mehr zu bieten.

Jetzt bin ich wieder ins Niemandsland geflüchtet. Das Massiv Central ist dünn besiedelt und ich stehe auf einem Kiesparkplatz am Waldrand. Alle halbe Stunde fährt mal ein Auto vorbei und um mich herum heult ein schauerlicher Wind heute Abend. Es regnet nur noch gelegentlich.

Oradour

Es ist mehr ein großer Zufall, als das Ausfahrtsschild an mir vorbeizieht und der Name in mir etwas klingeln lässt, was ich eigentlich kenne. Kurz entschlossen wird Gaspard auf den nächsten Parkplatz gezogen und im Handy ein neues Ziel eingegeben, denn abseits der Strecke liegt etwas, das ich gar nicht hier vermutet hätte. Weil ich keine Ahnung hatte, wo in Frankreich es liegt.

30 Minuten später stehe ich in einem Gang mit über 600 Portraitfotos aus uralten Pässen und einer Bandstimme, die endlos Namen von einer Liste ließt. Vorname. Nachname. Alter. Immer wieder. Über 600 mal und dann von vorne.

Kurz etwas nüchterne Geschichte. Im Massive Central ist die Ressistance stark und aktiv. Vier Tage nach der Landung der Alliierten in der Normandie, zieht die SS-Division „Das Reich“ durch die Gegend um an der neuen Westfront zu helfen. Die Nazi-Elite-Einheit war zunächst von der Ostfront zur „Erholung“ nach Frankreich verlegt worden, bis sie um Limoges herum zur „Partisanenbekämpfung“ stationiert wird. Eindeutig formulierte Befehle verbrecherischer Wehrmachtsgeneräle legen der Division nahe, dass jede Widerstandstätigkeit mit größtmöglichen Bestrafungsaktionen gegen die unbeteiligte Zivilbevölkerung zu erwidern ist.

In diesem Szenario aus hochideologisierten SS-Leuten, kriegsverbrecherischer Oberleitung und einer aktiv die Landung unterstützenden Ressistance liegt die Ortschaft Oradour einfach nur im Aufmarschweg der SS-Division. Auf ihrer Route haben die sich als Elite definierenden Mannschaften und Offiziere des Verbandes immer wieder Schwierigkeiten mit Partisanen-Angriffen, die an ihrem Image als unaufhaltsame Superkrieger kratzen, weil ein paar Baskenmützenträger mit englischen MPs sie regelmäßig aufhalten können.

In Oradour dreht die Division durch und tut das, was man im Ostkrieg an Vernichtungsideologie als SS-Mann absorbiert hatte. Ein paar Stunden später verbrennen über 100 Kinder in der Kirche des Dorfes.

Heute ist Oradour ein stiller Ort. Die Last der Ruinen liegt schwer auf deinem Herzen. Es ist ein bewölkter Tag, als ich die kahlen Mauern betrete. In den Trümmern liegen rostige Hinweise auf ein einstmals ganz normales Zivilleben einer französischen Landgemeinde. Nähmaschinen, Heizkörper, Bettgestelle, Autowracks.

Das Ruinenfeld ist größer, als ich dachte. Man kann sich direkt verlaufen. Natürlich kannte ich die Geschichte vorher. Aber mir war nicht klar, was für ein großer und wohlhabender Ort der Nazi-Ideologie hier zum Opfer viel. Vier Cafes. Ein Restaurant. Drei Friseure. Arzt. Schlachter. Müller.

Bis ich in der Kirchenruine bin, dem Zentrum des faschistischen Mordes, ist mir zum Heulen zu mute. Man sollte besser den Wikipedia-Eintrag zu Oradour nicht lesen. Falsch: Alle sollten diesen Eintrag lesen, 2024 mehr denn je. Wenn man for dem alten Beichtstuhl unter den dachlosen Kirchenmauern steht und weiß, was sich beim Eintreffen der Helfer darin befand, dann wird einem klar, für was der NS letztendlich steht. Und in mir wächst die hilflose Verzweiflung darüber, wie Menschen so etwas tun können.

Wut über die juristische Aufarbeitung dieser undenkbar niedrigen Verbrechen. Darüber, dass man kein einziges SS-Schwein an einen Galgen gehängt hat, an den sie alle gehört hätten. Nur die DDR hat einen auf ihrem Staatsgebiet befindlichen Täter einigermaßen konsequent verfolgt. Wie kann in Europa Gerechtigkeit ein Wert sein, wenn Oradour quasi keine Konsequenzen hatte? Wie können wir einen heutigen Kindermörder anklagen, wenn hundertfacher Kindermord bereits 1956 als abgegolten galt?

Wut darüber, dass auf meinem Kontinent die selbe Ideenwelt, die Oradour angeordnet hat, wieder zu Wahlen antreten darf. Dass wir nicht daraus gelernt haben, dass das neuerliche Auftreten der Erben der SS-Männer von Oradour erbitterten Widerstand aller demokratischen Organe, die Pflicht zur Selbstverteidigung gegen die Diktatur aufrufen müsste, bei allem, was sich die Zivilisation nach dem 08. Mai 1945 schwor. Wut, dass wir Parteien, die geistig nachfolgen, nicht im Keim verboten haben. Oder es morgen tun werden.

Wut darüber, dass junge Menschen in Brandenburg Faschist*Innen wählen. Warum? Damit wieder Babies brennen? Ist es wirklich das, was ihr wollt? Seid ihr nur so unendlich dumm, dass ihr den Zusammenhang nicht fressen könnt, oder seid ihr überzeugte Befürworter rechtsextremistischer exterminatorischer Fantasien? Jeden von euch AfD-Wählenden möchte ich am Schopf durch Oradour-sur-Glane zerren, eure Nasen in die Trümmerhaufen und Rostbleche drücken, bis ihr selbst endlich riechen könnt, wie braune Gesinnung riecht, mit blutender Nase, nach Scheiße nämlich, nach Angstpisse und Mündungsrauch, nach verbranntem Fleisch, und wenn ihr AfD-Anhänger euch selbst dann noch zu den Faschos bekennt…

Mehr gibt es heute nicht zu sagen. Im Vergleich dazu ist heute sonst nichts Wichtiges passiert.

Uh la la, Bordeaux!

Irgendwas macht mich sehr früh wach. Sei es das Gefühl, von dutzenden Wohnmobilen umgeben zu sein, sei es die schiefe Lage des Stellplatzes, die mich gegen die Bordwand drückt. Wie auch immer: Um 6.00 rolle ich vom Platz und aus San Sebastian. Und bin eigentlich instant in Frankreich. Endlich wieder Rastplätze!

Von Porto hatte ich mir viel versprochen und war underwhelmed. Bordeaux hingegen war nur ein Name auf der Karte und eine gute Station. Wein kam mir noch irgendwie in den Sinn. Und holy moly (schreibt man das so?) ist diese Stadt cool und geil! Danger Dan hat hier Autos geknackt und ein Lou Reed Konzert gesehen (falls er nicht lügt).

Und ja ja, stimmt alles: Unesco Weltkulturerbe, quasi komplett erhaltener historischer Stadtkern an der Garonne, wunderhübsch, mehr Kirchen und Museen als man an einem Tag schaffen kann. Aber nicht als verkaufsfördernde Kulisse, sondern Bordeaux lebt und pulsiert in den alten Gassen. Die Garonne ist randvoll und schlammig, aber der große Regen scheint vorbei.

Irgendwann stolpere ich in den Karthäuser Friedhof. Er hat eine Gemeinsamkeit mit Pierre Lachaisse, den ich ja hier schon vorgestellt habe: Er wurde etwa zur selben Zeit und mit der selben Absicht errichtet, nämlich eine Art Park der Toten für die Lebenden zu bilden. Er ist mindestens so gigantisch und auch hier übt der Verfall und das Bröckeln der Denkmäler auf mich diese unwiderstehliche, vielleicht leicht ungesunde Faszination aus. Bei den Mausoleen aus dem späten 19. Jahrhundert ist es jetzt so weit, dass die eisernen Türen alle wegbröckeln. Man kann in die Innenräume kucken, sieht den gammelnden Müll der Funeralkultur. Ein halb zerfallenes Zinkblechmausoleum ächzt und klappert bei jedem Windstoß, das Giebelkreuz hängt im atemberaubenden Winkel über dem Weg. Kunstwerke aller Epochen gehen langsam den Weg derer, zu deren Ehren sie angefertigt wurden. Ich bin hier fast alleine – im Gegensatz zu Paris – und unwillkürlich wird mein Blick und mein Gang langsam, sehr entspannt. Hier trifft die Vergangenheit auf die Gegenwart und das Ende auf das Leben. Details erzählen hier Geschichten.

Gegen Nachmittag bin ich zurück bei Pegasus, den ich diesmal direkt vor einem unverkennbaren und ausreichend großen Denkmal zurückgelassen habe. Ich mache nicht den selben Fehler nochmal! Fahrradfahren kann man in Bordeaux ganz gut. Endlich mal bin ich in einer flachen Stadt! Es gibt viele breite Fahrradwege. Nur manchmal führen sie aus unerfindlichen Gründen ins Nichts oder mir wird einfach nicht klar, wo meine Fahrradspur nun weitergehen soll. Guter Ansatz mit absurden Wurstenden.

Das nenne ich mal Platz für Radfahrer und Fußgänger!

Am Ende lande ich im Darwin-Quartier. Das war mal eine Kaserne, doch in den Ruinen ist ein urbanes alternatives Projekt gewachsen, das … sagen wir mal, Berlin hätte gerne so eine coole Szene-Ecke wie Bordeaux. Street-Art vom Feinsten an jeder Wand, Gastronomie ohne Franchise-Scheiße, Werkstätten und Workspaces, Projekte, Konzerte, Skate-Halle, Urban Gardening. Man kann hier einfach nur fasziniert rumwandern und entdecken.

Allerdings macht sich hier auch schon langsam Gentrifizierung an der populären Schokoladenseite der Anlage breit. Turnschuhe für 130 Euro oder Lastenräder für 4500 Steine sind nun wirklich nicht mehr links, sondern maximal noch württembergisch-grün, für Ulla und Klaus aus der 180 Quadratmeter-Wohnung, er bei Bosch Auspuffdesigner und sie bei Facebook Datenanalystin, doppeltes Einkommen im Akademiker*Innenberuf, aber dann schön auf dem Bio-Markt Kartoffeln für 12.99 das Kilo mit dem Lastenrad nach Hause kutschieren.

Gaspard parkt heute außerhalb an einem Teich, wahnsinnig idyllisch, diesmal habe ich die Frontrow und nur ein anderer Camper ist noch aufgetaucht. Jetzt stecke ich in einem Dilemma: Es ist hier nachts alles komplett mückenverseucht und Gaspard innen aber gerade noch stechfliegenfrei. Andererseits müsste ich dringend raus und Wasser lassen. Wie löse ich diesen Konflikt nur?

Grumpy Old Surfer Boy

Heute mache ich Strecke. Leon – San Sebastian sind fast 400, da werde ich lange zuckeln. Aber danach bin ich dann schon wieder fast in Frankreich, also lasst uns heute Meilen runter reißen!

Also komme ich spät los von dem wunderschönen Waldparkplatz, durch dessen Bäume man nachts beim Pinkeln unten die Lichter von Leon glitzern sehen kann. Die Landschaft hinter Leon ist, man kann es nicht anders sagen, echt langweilig und es ändert sich über 150 Kilometer nicht viel. Trockene Erde, Hügel, braunes Gras, einige Baumgruppen. Außerhalb der weit verstreuten Dörfer kaum menschliche Bauten.

Je näher, das Baskenland kommt, desto grüner und bergiger wird es. Plötzlich könnte man wieder in Österreich sein, so sehr erinnern die Nadelbäume, die Kühe und die schroffen Felsen an die Alpen. Nur, dass man in Österreich nicht um eine Kurve biegt, und auf das Meer blickt.

Der 23.09. ist ein ziemlich ereignisloser Reisetag. In San Sebastian steuere ich erst mal ein großes Einkaufszentrum an. Über eine Stunde bin ich dann da, bestücke den Blog und erledige Besorgungen. Das Einkaufszentrum ist ziemlich nobel mit vielen Marken, versprüht aber den Charme des Duty-Free-Bereichs eines Flughafens. Niemand mag Flughäfen.

Zielsicher suche ich mir wieder den Parkplatz mit den steilsten Hängen zur Stadt aus. Spannender Berg: Hier war mal ein Vergnügungspark des späten 19. Jahrhunderts, als San Sebastian Treffpunkt der Belle Epoque war. Heute treffen sich auf dem Parkplatz die Camper, ehrlich, gegen Abend ist es wie auf einem Campingplatz, nur ohne Gebühren, Service und Einrichtungen. Überall irgendwelche Mobilisten, inklusive mit einem Stock herumfuchtelndes Arschlochkind. Wenigstens hat er (natürlich ein er!) vor dem Hund im Wohnmobil nebenan Respekt. Ich bin auch so spät dran, dass mein Platz nicht wirklich gerade ist. Muss nur für eine Nacht langen.

Diesmal gehe ich zu Fuß hinunter in die Stadt, ich kann das bergauf Strampeln nicht noch einen weiteren Tag ertragen. Ich merke, dass ich die Reste des alten überwuchteren Parks faszinierender finde als mein eigentliches Ziel San Sebastian. Überall kleine Ruinen und bröckelnde Mauern. Auch die Pflanzen hier im Dschungel zwischen den Pfaden wirken exotisch – Bananen und Bambus sind sicher Reste der alten Gartengestaltung.

Ausflugslokal? Kaffeeterasse?

Als ich unten bin, gehe ich schnurstracks zur Küste. Zwei Tage ohne Meer waren jetzt aber auch echt genug. Und Oha: San Sebastian ist ein Surfer-Paradies! Die Wellen, die da an den Stadt-Strand branden, sind ziemlich beachtlich. Viele dutzend Köpfe blicken aus dem Wasser der Brandungszone, um sich im richtigen Moment auf ihr Brett zu schwingen – um meistens gleich darauf im Wasser zu landen. Aber einige kommen auch ganz gut an den Strand.

Ich hingegen schlendere mit nackten Füßen durch den Sand und steuere einen Surfercontainer an. Der verkauft Bier und Cola und lässt chilligen Reggae laufen. Wahrscheinlich vertickt er auch Spliffs, wenn ich frage. Die Toilette ist riesig und verfügt über eine rostige Gasschutz-Tür. Muss wohl früher mal ein Bunker gewesen sein, heute ist es eine Surfer-Strandbar. Wäre ich jünger und sportlicher … ach vergessen wir das, ich war nie sportlich!

Wanderer über den Dingen

Die Nacht war fast unbeschreiblich still. Morgens der Bergstraße weiter folgen, Richtung spanische Grenze. Nebel wallt aus dem Tal, aber ich fahre höher, in der Morgensonne. Dann, rechts am Straßenrand: Ein kleiner Parkplatz, ein großer Felsen und eine überdimensionale Schaukel. Von hier kann man die ganze Welt sehen, zumindest den Teil, der über dem Nebel liegt, der in großen, dicken Schwaden durch die Nadelbäume zieht. Ganz selten fährt ein Auto. Aus dem Kloster, zu dem der gestrige Parkplatz gehörte, ist manchmal, ganz schwach Gesang zu hören, der durch den Nebel schallt.

Ich erzeuge mit Selbstauslöser eine völlig schamlose Caspar-David-Friedrich-Parodie. Um mich anchließend wieder zu erden, verfahre ich mich in dem ersten spanischen Bergdorf hinter der Grenze, die übrigens nirgendwo angeschrieben ist, in viel zu engen Gässchen und dann kommt mir auch noch eine missbilligend blickende Bäuerin mit vier Kühen entgegen. Kurzer Rangierstress, denn ich habe noch immer nur ein schwammiges Gefühl, wo hinten Gaspard aufhört, wenn der Fahrradträger mit Pegasus bestückt ist. Uffz.

Zunächst führt mich meine Strecke durch bergige Gegenden mit dramatischen Ausblicken. Gaspard muss oft ganz schön schnaufen, wenn die Anstiege kommen. Dann wird die Gegend flacher und es fängt an nach Klischee-Spanien auszusehen: Dürre, gelbbraune Gräser, Hügel, schwarzgrüne Baumgruppen.

Was bemerkenswert ist: Wie menschenleer ist es hier doch. Kaum eine Siedlung ist zu sehen, ganz selten durchbrechen Höfe das eintönige Bild. Man könnte genauso in New-Mexico oder einem Italo-Western unterwegs sein.

Dann bin ich in Leon, der großen alten Hauptstadt, Pilgerstation. Ich stelle Gaspard wie im Unverstand auf dem höchsten Berg der Umgebung ab. Fantastischer Blick, Platz unglaublich mit Picknick- und Grillmüll versaubeutelt. Steile Abfahrt nach Leon über ausgespülte Wanderwege, noch unangenehmere Rückfahrt nach oben nicht zu vermeiden.

Leon von oben. Leider muss ich nicht nur da runter, sondern danach auch wieder hoch.

Leon wirkt angenehm authentisch auf mich. Viel los, aber kein Overtourism. Kleine, verwinkelte Altstadtgässchen mit ganz normalen Geschäften. Große Prachtstraße mit den üblichen Shops. Es ist ein Sonntag, ich bin gegen 15.00 unten an der Kathedrale, und ganz Leon sitzt um diese Uhrzeit in den Bars und Restaurants, kippt Wein und futtert warmes Essen. Als wäre es in Wirklichkeit 19.30 am Samstag und nicht Sonntag Nachmittag.

7 Euro für ein kuratiertes Museum mit Ausstellung sind ok, aber für eine Kirche? Kommt mir ein wenig frech vor. Es ist einer jener extrem sonnigen Septembertage, in denen sich der Herbst schon bemerkbar macht. Zum Beispiel daran, dass es in der Sonne schön heiß ist und man im T-Shirt sitzt, aber die kleinste Veränderung – Schatten, Wind frischt auf – bringt einen dazu, nach einem Pulli oder einer Weste zu greifen.

Erstaunlicherweise finde ich in Leon nicht viel zu tun, außer herumzustreunen, ein Eis zu essen und einen Kaffee zu trinken. Vielleicht habe ich mir einfach inzwischen zu viele Städte angeschaut. Schon um fünf bin ich wieder auf meinem Berg, ausgepumpt, aber nicht so fertig wie in Porto. Ab und zu fahren hier mal Autos hoch und bewundern das Panorama, Jugendliche betreiben hier Dirtbiking. Ansonsten bläst der Wind durch die Bäume und im Gras.

Adendum: Mein Aussichtspunkt ist in Wirklichkeit der Aussichtspunkt der Jugendlichen von Leon. Viele Autos, Mac-Donalds-Tüten, Haschischtüten, lautes Gelächter. Ich bin eben jetzt gerade der alte Hippie, der das nicht so mag. Nach dem Abwasch vertäue ich wieder alles und ziehe zwei Minuten den Berg runter um, auf einen Waldparkplatz.

Ja, wer versteckt sich denn da im Wald? Ja, wer versteckt sich denn da im Wald?


Walle, walle Nebula.

Wie man Porto doch noch genießen kann. Eine Anleitung in vier Schritten


Erstens: Schlaf ein bisschen länger als sonst
Zweitens: Wasche dich.
Drittens: Wenn du es noch nicht getan hast, geh über diese verfluchte Brücke. Genieße das Panorama. Geh einmal in eine Richtung, dann dreh um und geh zurück. Verpiss dich danach schnell.
Viertens: Such dir einen Außenbezirk. Irgendeinen, nur nicht das Zentrum. Schritt vier kannst du dann die nächsten Tage beliebig wiederholen.

Porto ist wie Berlin: Solange du Mitte vermeidest, kannst du ne gute Zeit haben. Ich beschließe tatsächlich am 21.09.2024, der Stadt eine zweite Chance zu geben. Es war eine gute Entscheidung. Ich will noch einmal ans Meer und tuckere deshalb mit Gaspard (und Pegasus hinten dran, Yay!) in den Stadtteil Matosinhos im Westen. Es folgt: Eine Erlösung in fünf Kapiteln

Vor allem ist hier ein großer Parkplatz, aber hey, der Park ist schön. Auch wenn alles in dichten Nebel gehüllt ist. Ich kenne diesen portugiesischen Küstennebel, 2019 hatte ich eine schwierige Hafenansteuerung vor der nordportugiesischen Küste in dieser Suppe. Aber der Park wirkt im Nebel wie verzaubert. Es gibt freilaufende Hühner, fast ohne Scheu. Englische Landsschaftsgärtnerei, große Flächen mit Bäumen, ein Amphittheater. Dann rauscht dahinter das Meer.

Es ist Ebbe. Es ist Nebel. Es muss ein Surferhotspot sein, eine Gruppe Kinder macht mit einem Lehrer Trockenübungen im Dampf. Man sieht nicht weit und die nasse Sandfläche ist flach und riesig. Ich laufe mit nackten Füßen durch den feuchten Sand und hänge die Zehen in die kalte Brandungslinie. Die wenigen anderen Menschen hier sind undeutliche, verschwommene Gestalten. Der Nebel malt alles weich, er gleicht auch die Farben aneinander an und macht aus dem Strand eine mystische kleine Märchenwelt. Caspar David Friedrich hätte das gemalt. Heine gleich noch ein weiterens Meer-Gedicht geschrieben. Eine kleine Bar hat schon auf. Ich bin der einzige Gast.

In A Coruna hatte ich ja Glück mit frühneuzeitlichem Gemäuer. Diese Küstenfestung ist noch viel kleiner, jedenfalls so weit der Nebel diesen Vergleich zulässt. Sie gehört den Portugiesischen Kommandos, wohl so eine Art Elitetruppe. Der ältere Herr am Eingang schaut überrascht auf und verlangt von mir 50 Cent Eintritt. Die Ausstellung besteht aus einem Raum mit viel Commando-Klimbim und ein paar Waffen. Einige seltene leichte Maschinengewehre, die ich nur aus Battlefield 1 kenne, aber noch nie in real gesehen habe. Es gibt eine Dachterasse mit rostnarbigen Kanonen und einem sicherlich tollen Blick auf das Meer (wenn man Sicht hat) und die hohen Wellen für die Surfer*Innen. Der Nebel verbirgt das meiste.

Fisch, Fisch, Fisch. Eine Konservenfabrik reiht sich an die nächste. Hier stinkt es überall nach dem Tagesfang. Ich habe diese Fischesserei nie verstanden, ich finde, das Tier riecht eigentlich immer vergammelt. Riesige Markthalle. Egal, es ist ein authentischer Ort, nicht so wie Walt-Porto-World im Zentrum.

30 Minuten mit der Metro ans andere Ende der Stadt. Der junge Soldat am Eingang will drei Euro. Im ersten Stock Waffen, Uniformen und Memorabilia aus drei Jahrhunderten. Alles sehr verstaubt, aber man lernt tatsächlich ein bisschen was über portugiesische Geschichte. Zweiter Stock: Eine riesige Sammlung historischer Zinnfiguren, aus der Zeit, als Zinnfiguren beliebte Jungen-Spielzeuge waren. Das Museum hat alle bekannten Zinnfigurenmarken der Jahrhundertwende vereint und zu lackierten Miniarmeen der verschiedenen Hersteller unter Glas gestellt. Alle sind hübsch bemalt, es müssen viele 10.000 sein, die in fünf großen Räumen thematisch sortiert herumstehen. Ich finde die Zinnfiguren spannender, als ich gedacht habe. Eine Halle mit Kanonen, Knarren und vorindustriellen Blankwaffen und einem kleinen Panzer. Portugals Engagement im Ersten Weltkrieg. OK. Nix besonderes, aber für drei Eier? Kann man machen.

Danach bin ich fertig mit Porto, ich fahre zu Gaspard und düse raus, will schon mal einen Teil der Strecke bis nach Leon zurücklegen. Mein Ziel: Heute Nacht am Arsch der Welt! Jetzt sitze ich mutterseelenalein in den stockdunklen Bergen an der Grenze. Spanien ist 3,5 Kilometer entfernt, ich könnte hinlaufen. Der riesige Parkplatz gehört anscheinend zu einem Kloster, das einen Kilometer weiter hinter dem nächsten Hügel liegt. Hier ist gar niemand, außer ich hier in Gaspard.

Geil!