Seit die Lage zunehmend düsterer in der CORONAtion wird, grüßt mich meine Chefin seit neuestem immer handschriftlich. Sie dankt mir hinter ihren freundlichen Grüßen für mein unermüdliches Engagement, in dynamisch geschwungenen, königsblauen Lettern, mit Ausrufezeichen, und dass sie nicht noch ein Herzchen dazu malt, liegt nur daran, dass dieses Symbol niemand mit ihr verbinden würde.

Ich hingegen suche zunehmend unwohl nach einem Weg, das abzustellen, und ihr höflich und maßvoll, wie das Beamtenrecht mir vorschreibt, zu vermitteln, dass sie diese Dankesgrüße an mich bleiben lassen soll. Der Zynismus hinter der Grußfloskel greift mich zunehmend an, in dem Maße, wie ich dünnhäutiger werde, gegen die Schein- und Wunderwelt, in der die Kultusverwaltung vor sich hin schwebt, und den bitteren Zuständen draußen im Land, und ganz besonders in den Gängen meiner Schule.

Sagen wir mal so: Das Virus lernt bei uns fleißig mit.

Zum Beispiel in unserer Unterstufe. Meine Geschichtsklasse ist jetzt ganz oder teilweise das dritte Mal in Quarantäne, das verf***** dritte Mal seit September. Super-Spreader-Event im Oktober war wohl eine illegale Halloween-Party, die für einige der lieben Kleinen geschmissen wurde. Der aktuelle Lockdown für die Klasse stammt aus dem Sportunterricht, in dem nach wie vor ohne Maske herumgeturnt wird, wie auch, die Sportlehrer sollen offensichtlich 1,5 Meter Abstand sicherstellen. Ausfallen darf er natürlich nicht. Wenn Sportunterricht nicht mehr abgehalten würde, wohin käme dann unsere Gesellschaft – dann doch lieber Klimawandel, rechte Polizeichats und Amokfahrten durch Fußgängerzonen. Daher ab jetzt: Spazierengehen. Viele Sportkolleginnen haben angesichts der hohen Gefährdungslage die Schnauze voll und unternehmen in ihren Stunden Spaziergänge mit Maske als sichere Alternative. Mit Einverständnis der meisten Schülerinnen in den Klassen, die auch live zusehen können, wie immer mehr Leute mit einem positiven Test in der Tasche aufploppen.

Also ich hätte schon so um 1988 einen Spaziergang in Sport für die sichere und angenehme Alternative zum Kicken mit meinen völlige enthemmten und hirntoten Schulfreunden gehalten, aber gut, ich bin ja da auch ein fanatischer Einzelfall an Sport- und Ballfeindlichkeit.

Spazierengehen als sichere sportliche Tätigkeit

Zum Beispiel in meiner eigenen Klasse. Hier gibt es seit Donnerstag Gerüchte über eine Geburtstagsparty: mitten im Lockdown-Lite, ob geknutscht wurde weiß ich nicht, jedenfalls gab’s genug Kontakt für einen erfolgreichen Austausch. Zwei Schülerinnen sind jetzt positiv getestet, mal sehen ob es dabei bleibt. Dem Schicksal sei Dank ohne ernsthafte Symptome. Quarantäne gibt es ja nur noch für unmittelbare Nebensitzer, die ersten Eltern haben begonnen, ihre Kinder selbst erst mal vom Unterricht abzumelden, weil sie an den Maßnahmen des Gesundheitsamtes ernsthaft zweifeln. So langsam steckt Weihnachten seinen Kopf zur Tür herein, da wird man je näher das Fest rückt ja nervöser.

Jetzt könnte man sagen: HAM DIE DEN ARSCH OFFEN!?! MACHEN PARTY MITTEN IN DER SCHWERSTEN PANDEMIE SEIT GRÜNDUNG DER BRD! DIESE JUUUUGENDDD!

Aber wisst ihr was: Ich kanns ihnen gar nicht vorwerfen.

Wie will ich vor diesen jungen Menschen die Notwendigkeit des Regeln-Einhaltens, der Selbstbeschränkung begründen, wenn die Verantwortlichen für diese Regeln selbst bei jeder Gelegenheit Absprachen brechen und ihre selbst-gewichteten Motive in den Vordergrund rücken? Und das sind ja immerhin erwachsene (meistens sogar alte) Leute, die für ihre Verantwortungsposition in der momentanen Situation hoch bezahlt werden.

Ja ja, natürlich rede ich wieder von meiner Chefin, ihr erinnert euch: die mit dem großen Dank an mich, für mein unermüdliches Engagement. Kaum hatte IHR Chef, der Ministerpräsident (Ex-Lehrer, Pass-Grüner, Boomer) den Länder-Bund-Beschluss zu Weihnachtsferien ab dem 18.12. verkündet, kassierte Sie den Bund-Länder-Kompromiss, und legte fest, dass Baden-Württemberger bis zum 23. in die Schule zu gehen haben, zum Wohle der Kinder, des Landes, der rollenden Räder in den Daimler-Werken.

Um genau zu sein: Am 21. und 22.12. ist Schule freiwillig – außer natürlich für mich. Ich muss. Wer gewinnt durch diese Regelung: Die Baden-Württembergische Wirtschaft, die bis zur letzten Minute ihre alleinerziehenden Mütter ausbeuten kann. Damit da niemand noch notgedrungen Betreuungsurlaub einreichen muss. Zwei Tage vor Weihnachten!

Wer verliert: Ich.

Sowie alle meine Kolleg*innen, die sich jetzt alle nicht in ausreichende Selbstquarantäne begeben dürfen, im Grunde auf Weihnachten mit ihren Eltern besser verzichten sollen und den Wahnsinn, der momentan an den Bildungsanstalten im Land um sich greift, noch zwei Tage länger betreuen dürfen. Denn um etwas anderes als Betreuung geht es ja dem System schon lange nicht mehr, sonst hätte man diese digitalen Strukturen, von denen immer alle in Sonntagsreden und Interviews mit der WELT faseln, seit März mal schaffen können.

Und weil sich meine eigene Chefin keine fünf Minuten an eine Abmachung halten kann, ohne ihre eigene Agenda durchzusetzen, kann ich auch den Bürger*innen eigentlich nicht übelnehmen, dass sie den Verfassungsgrundsatz „gleiches Recht für alle“ beanspruchen. Wir dürfen auch querschießen. Also lüften wir in der Schule stur weiter, hoffen, dass es uns nicht erwischt und müssen uns von diversen föderalen Bildungsminister*innen anhören, dass Bildungsanstalten keine Infektionsschwerpunkte wären. Also mit meiner empirischen Erfahrung bisher geht das nicht einher, man kann nur mit Grausen ahnen, wie hoch die Dunkelziffer bei uns ist, wenn die Kids zwar infektiös sind, aber symptomfrei. Anyway: wir machen weiter, Entscheidungen, die schon im August falsch waren, muss man im Dezember eisern weiter durchziehen, denn sonst verliert man erst sein Gesicht, dann die Landtagswahl und am Ende noch das Selbstbild von sich als unfehlbarem Entscheidungspanzer.

Man muss dazu sagen, dass sich kurz nach der Verkündung ihrer Entscheidung – also wie immer gegenüber der Presse, das Informieren ihrer Schulen war gewohnt zweitrangig – ein kleines süddeutsches Shit-Störmle im Netz entwickelte, wo nicht nur Lehrer sondern auch zahlreiche Eltern ihrer absoluten Fassungslosigkeit ob der Beknacktheit der Regelung Ausdruck verliehen. So ein Shit-Störmle, dass sich das Ministerium erstmals bemüßigt fühlte 24 Stunden später ein You-Tube-Video mit einer Erklärungsbotschaft meiner Chefin nachzuschieben, das überhaupt erste Influencer-Video jemals von der Digitalisierungs-Kultusministerin schlechthin. Eine Erlösungsbotschaft wäre allen an Weihnachten lieber gewesen. Kommentare wurden vorsorglich deaktiviert, am Ende passiert sonst noch so etwas wie ein Dialog im Netz, aber den Like-Button konnte man nicht deaktivieren. Nur, dass kaum jemand auf den Like-Button drückte, sondern halt auf den anderen.

Während ich diese Zeilen schreibe steht der Beliebtheitsscore der Aufnahme bei 263 Likes und 4866 Dislikes.

Mein altes Mütterchen hat gerade ein neues Kniegelenk bekommen. Die Erholung läuft sehr gut, in der Reha besuchen darf ich sie nicht. zwischen dem 31.11. und dem 21.12. gibt es für uns nur Telefonkontakt. Weihnachten wäre das erste seit gefühlten Äonen ohne meinen im August verstorbenen Papa. Wenn ich alles richtig machen würde, dann säße ich nach dem 22.12. erst einmal 5 Tage in Selbstquarantäne. Echt: meine Mama alleine mit meinem Bruder und seinem Hund? Wegen meiner Chefin?

Bitte Chefin: Danken Sie mir nicht. Nie wieder für irgend etwas. Alles, was ich in meinem Job tue, tue ich für meine Schüler*innen, für Eltern, für meine Kolleg*innen, eventuell für die Grundideen dieses Staates, eventuell für eine bessere Zukunft und den Weltfrieden, aber, bei aller maßvoller beamtenrechtlicher Zurückhaltung: Nie, nie, nie wieder tue ich etwas für Sie, Chefin, zu dem man mich nicht zwingt.

Manchmal träume ich von meiner Chefin. Sie trägt einen russischen Stahlhelm und bellt Durchhalteparolen in ein altes Grundig-Standmikrofon, während um sie herum verängstigte Lakaien die dunkel verhängte Bühne blankscheuern. Darüber zieht eine endlose Reihe von großen Bomberflugzeugen mit dröhnenden Rotoren und beiderseits strömen Panzer vorbei, aus den Luken salutieren grinsende Skelette, bereit auch im Angesicht der Fakten den theoretischen Pandemieplan weiter stählern durchzuziehen, weil ihnen ja nichts mehr anderes übrigbleibt, nachdem sie schon alles verloren. Irgendwie hat da wohl Pink Floyd meinen Traum gestaltet.

Aus solchen Träumen erwache ich schweißgebadet und wünsche mir ernsthaft eine Merkeldiktatur.

So weit bin ich also.

Adendum, 06.12.:

Hohoho – Frohe Weihnachten allerseits! Hast du auch brav gelüftet?

Und heute morgen dann: so. Eine dunklerote Coronawarnapp. Warum bin ich so blöd, und schaue nicht vorher rein? Warum kommt die verdammte Push-Up vier (vier!) (VIIIIER!!!!) verdammte Tage nach der Begegnung? Warum stürzt das Handy beim zweiten Aufrufen der App komplett ab? Warum geben wir eine gewaltige Summe für diese Warn-App aus, und sie ist genau so scheiße und phoney wie jedes andere staatliche digitale Projekt in diesem Land? Ist das jetzt ein, coca-cola-rotes Nikolausgeschenk aus dem Militärstiefel über dem eiskalt gelüfteten Kamin?

OK, Antwort eins: Vermutlich wurde der positive Test einer meiner Schülerinnen erst heute morgen der App gemeldet. Zumindest das wirkt logisch. Das ändert aber nichts daran: ich bin scheiße-sauer auf die Bildungspolitik in meinem Bundesland und im kompletten Bundesgebiet angesichts des Infektionsgeschehens. Weil ich inzwischen den Eindruck habe, dass man uns bewusst gefährdet, um finanzielle Interessen zu befriedigen.

In Sachsen-Anhalt wurde ein Innenminister entlassen, weil er querschoss. Kann man das nicht insgesamt mit der gesamten Kultusminister*innen-Konferenz dann auch so machen? Und neue, junge, wissenschaftsorientierte Leute in den Bildungsbereich einsetzen? Die Empfehlungen des RKI nicht als ärgerliches Störfeuer betrachten? Ja? Ja? Können wir?

Steile These 1: Auch Frauen können in Leitungspositionen richtig schlecht sein.

Steile These 2: Wer das chemische Element Fe im Nachnamen führt, macht Ärger.

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3 Kommentare

    1. Oh, vielleicht sollte ich hier mal updaten: Am Sonntag war Test (sehr nette Ärztin), am Dienstag kam das Ergebnis: negativ. Uffz. Als ich der Dame den „Gutschein“ für den Test von meiner Schule geben wollte sagte sie: „Behalten Sei den mal – sie sind Lehrer. Den werden Sie in nächster Zeit noch dringend brauchen.“

      Danke der Nachfrage. 🙂

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