Heute habe ich mit einem etwas mulmigen Gefühl meinen nagelneuen Reisepass in einen braunen Umschlag geschoben und ihn per Einschreiben nach Erfurt geschickt.
Wenn man jahrzehntelang im Umfeld der EU gereist ist, meistens sowieso innerhalb, nur einige Tage in Istanbul waren so weit ich mich entsinne außerhalb des Schengenraumes, dann erübrigt sich irgendwann die Notwendigkeit eines Reisepasses. Mein alter Reisepass ist demnach am 01.05.2002 abgelaufen, ich habe ihn tatsächlich wiedergefunden, inklusive Einreisevisum in die USA, wo ich 1998 ein Auslandssemester absolviert habe, wofür dieser ganze Reisepass eigentlich erst beantragt und ausgefertigt wurde.
Seitdem war ich Mr. Personalausweis.
Jetzt, über 20 Jahre später, gehe ich durch den selben Prozess nur in die entgegengesetzte Richtung, und zwar geographisch und politisch. Vom 20. April ab bis etwa zum 11. Mai werde ich mich auf dem Gebiet der russischen Föderation aufhalten, und ja, das war im Vorfeld dieses Jahres raus von mir nie so geplant gewesen und ja, der Plan zu dieser Reise hat sich in einigen Tagen im Dezember relativ schnell entwickelt.
Auf Youtube kann man sich den ganzen Tag extrem viel Scheiß anschauen, wenn man im dunklen Winter ein wenig an die Wohnung gefesselt ist und auch nicht mal schnell auf die Malediven fliegen will, um da im Hotel-WLAN Youtube zu schauen. Manchmal findet man aber auch richtig spannende Sachen, so z.B. die Videos des jungen französchischen Forensikers Jean-Loup Gassend, der einige sehr berührende Videos über die Exhumierung vergessener Kriegstoter in Frankreich und auf dem Balkan online gestellt hat. Als Forensiker hat er auf die lehmigen Knochen, die da aus der Erde kommen, einen ganz anderen Blick, als irgendwelche rechtslastigen Militariasammler, die eine rostige MP viel spannender finden, als den Menschen, der sie benutzen musste. Und die auch zu Hauf auf Youtube ihr meinungsfreies Unwesen treiben.
Jean-Loup hatte auch eine Homepage verlinkt und auf der findet sich eine Kontaktadresse. In einem Anfall von Faszination schrieb ich ihn an, denn vieles schien da auf mein Profil zu passen: Lehrerheini in mittleren Jahren, seit einiger Zeit frankophil und weltkriegsbewegt, hat gerade viel Zeit und scheut auch nicht anstrengende Tage im Wald. Jean-Loup antwortete rasend schnell und sehr freundlich, er selber organisiere keine Suchen, könne mich aber, wenn ich wollte, gerne an eine Gruppe „White Searchers“ in der Region St. Petersburg vermitteln.
So kam ich an Iskender Yasaveyev.
Russlands Boden ist stellenweise vollgestopft mit den Resten des Zweiten Weltkriegs, auch mit menschlichen. Seit vielen Jahren ziehen sogenannte „Black Searchers“ über die Schlachtfelder und plündern die toten Soldaten aus. Waffen, Helme, Orden und Gürtelschnallen wandern auf Ebay (Gut die Waffen nicht, die werden auf düstereren Wegen verkloppt), die Gebeine der Toten landen im Straßengraben. Man kann das jetzt als verabscheuungswürdigen Akt gegen die Totenruhe verurteilen, muss aber dazu sagen, dass ein idiotisches Eisernes Kreuz für diese Leute ein Monatslohn ist, und zwar nur, weil idiotische Halbnazis in der westlichen Welt auf diversen idiotischen „Sammlerbörsen“ idiotische Mondpreise für diese Militaria hinlegen. Wie bei jedem hässlichen Markt könnte man ihn trockenlegen, wenn man die Kunden stärker ins Visier nähme, denn die haben oft viel zu verlieren, die Anbieter nicht. Wo war ich?
Die Gegenbewegung zu den „Black Searchern“ sind die „White Searcher“, die sich in den letzten Jahren zu einer Art Volksbewegung in Russland entwickelt haben. Ihnen geht es im Gegensatz zur kommerziellen Suche darum, die Toten wenn möglich zu identifizieren, im Idealfall sogar Angehörige zu finden und zu benachrichtigen, und den Überresten eine etwas würdevollere Ruhestädte auf einem Militärfriedhof zu geben.
Iskender ist Professor an der Universität von Kasan, einer Stadt, von der ich zuvor nie gehört hatte, ich ignoranter Westler, die aber die sechstgrößte Stadt Russlands mit 1,24 Millionen Einwohnern ist, Provinzhauptstadt von Tatarstan und Zentrum des russischen Islam. Er leitet eine Gruppe von White Searchern, die seit Jahren 150 Kilometer südlich von St. Petersburg im Sumpfwaldgebiet Myasnoi Bor nach vergessenen Toten sucht. Trotz Sprachbarriere und sagen wir mal „Vorgeschichte“ zwischen mir als Deutschen und ihnen als Russen zeigte er sich offen und erfreut über mein Interesse und bot mir sofort an, ihnen im Frühling zu helfen. „Мясной Бор“ heißt übersetzt „Fleischnadelwald.“
St. Petersburg ist von Kasan rund 1200 Kilometer entfernt.
St. Petersburg hieß im zweiten Weltkrieg noch Leningrad und war Schauplatz einer der übelsten und menschlich grausamsten Belagerungen der Geschichte. In Myasnoi Bor unternahm die Rote Armee einen Entlastungsangriff auf die Frontlinie der Heeresgruppe Nord, der völlig hoffnungslos war und mit einem extrem hohen Blutzoll an russischen Soldaten erkauft wurde, ohne der Stadt die erhoffte Erleichterung zu bringen. Seit 70 Jahren holt man aus diesem Wald Tonnen von Gebeinen heraus.
Um ein Visum für Russland zu bekommen geht man auf das russische Konsulat mit dem in Fleißarbeit erstellten Papierkram oder man beauftragt eine sogenannte Visaagentur, die das gegen Geld für einen übernimmt. Deshalb habe ich heute morgen meinen nagelneuen Pass mit der Post verschickt, ich wünsche ihm, dass er gut ankommt. Die Agentur übernimmt auch das vorzulegende „Einladungsschrieben“, das von der Idee her eigentlich von jemand in Russland kommen sollte, der mich einlädt, damit der russische Staat sieht, dass ich keine Invasionsarmee bin, aber man kann es sich offensichtlich auch einfach von der Agentur kaufen.
Um es kurz zu machen: Zwischen April und Mai buddele ich in einem russischen Wald nach vergessenen Toten des Zweiten Weltkrieges. Und ich weiß, dass mich jetzt wieder alle für ziemlich bekloppt und leicht krank halten.
Aber.
Seit Jahren laufe ich mit dieser Geschichte im Rücken herum. Dass tun wir alle hier in der BRD, Steinmaier nannte es kürzlich „Verantwortung.“ Manche ignorieren diese Verantwortung von Geburt ab geflissentlich, zu viele hetzen aktiv dagegen an, seit einigen Jahren werden das zunehmend mehr, das Hetzer-Virus grassiert in unserem Land und im Gegensatz zu dieser Corona-Geschichte macht mir diese Seuche in unserer Mitte eher Angst. Ich habe den düsteren Eindruck, dass mein Staat, von dem ich eigentlich Schutz erwarte, nicht wirklich etwas gegen diese zerstörerischen und kriminell agierenden Kräfte in unserem Land unternimmt. Aber ich bin mir dieser Geschichte im Rücken, die noch lange nicht fertig für den „Schlussstrich“ ist, sehr bewusst.
Mein Großvater, Karl Vetter, überlebte den Russlandkrieg und stand die meiste Zeit im Dienst des Ulmer Infanterie-Regiments 5 (später 5. Jägerdivision), Teil der Heeresgruppe Nord. Er war, wenn ich das richtig recherchiert habe, 150 Kilometer südlich von Mjasnoi Bor stationiert, in Demjansk, ein Name, der mir noch aus seinen Erzählungen im Gedächtniss bleibt. Vielleicht blogge ich über meinen Opa und seine Zeit im Krieg einmal an anderer Stelle.
Ich finde es völlig in Ordnung, dass sein Enkel nun hilft, die vergessenen Toten dieses Krieges zu finden und zu bestatten.
Mehr zu der Suche, dem Ablauf, meiner Reise, den Bedingungen, was ich erwarte, was ich erhoffe, was ich befürchte bei Gelegenheit. Übrigens: Das erste, was man bekommt, wenn man mit einer deutschen IP-Adresse „Myasnoi Bor“ googelt, sind Websites von Freunden des Paranormalen und Schauer-Videos mit dem Untertitel „Der verfluchteste Wald Russlands.“ Ich werde am Wochenende mit Natalya, einem gut englischsprechenden Mitglied der Gruppe skypen, und ich werde sie dabei auch nach Gespenstern fragen.
Es ist ein kalter Januartag als ich gegen 9.00 am Sentier de Mémorial aussteige. Das Wasser in den Granattrichtern, die den bois de caures übersähen, ist mit einer schwarzen Eisschicht überzogen. Man muss keine ausgesucht lyrische Person sein, damit einem in den Sinn kommt, dass die Trichter den Augenhöhlen von Schädeln ähneln . Als ich das letzte Mal hier war, um in der Nähe meinen Wagen für das Abenteuer Schlachtfeldübernachtung zu parken, war alles noch bewaldet, aber kürzlich muss ein Holzfällertrupp ganze Arbeit geleistet haben. Das Gelände, auf dem Leutnant Colonel Emile Driant seinen letzten Widerstand leistete, sieht wieder so baumlos aus wie 1918. Im Hintergrund kann man die Trikolore über dem Denkmal wehen sehen.
In Deutschland kennt kaum jemand den bois de caures.
Ich möchte nicht behaupten, dass den Wald in Frankreich jedes Kind kennt, aber die Gedenkkultur ist hier zumindest ganz stark. „Ici est tombé le Lt Colonel DRIANT“ steht auf seinem Grabstein, er könnte auf das gigantische Mausoleum für sein Jäger-Regiment 300 Meter gegenüber schauen, den Holzfällern sei Dank, wenn er noch sehen könnte. Oder wenn er hier noch läge. Aber man merkt sofort: Der Betrachter steht hier am Gedenkstein eines echten Helden.
Im Fantasy-Rollenspiel „Das schwarze Auge“, das mir seit vielen Jahren eine weitere Nerdheimat ist, wurden Helden früher ausgewürfelt, mit sechs- und zwanzigseitigen Würfeln, die – ebenfalls sehr früher – vom System „Würfel des Schicksals“ genannt wurden. Ich habe den Eindruck, dass auch echte Helden im Ersten Weltkrieg auf eine ähnliche Weise ausgewürfelt wurden. Nur dass sie schon vorher da waren und im Status des Helden eben nicht mehr da sind. Sondern tot. Ganz logisch.
Aber der Reihe nach.
Die mechanischen Holzernter der Forstbehörde haben an Driants Grabstein ganze Arbeit geleistet, sogar die Hinweistafeln und Richtungsschilder, die man 2014 zum großen Jubiläum ganz neu aufgestellt hat, haben sie umgesägt. Sie liegen nun im angefrorenen Dreck, der vor einigen Monaten noch ein Wald war. Wenn das der Lt. Col. wüsste. Sollte man sich aus dem traurigen Kahlschlag hinausbewegen, beginnt hinter dem großen Mausoleum mit der wehenden Trikolore der übrig gebliebene Wald. Einige der Leute, die Driant befehligte, sind hier begraben, in hübsch gefassten Gräbern, „Chasseur Inconnu – mort pour la France“ steht auf den Betonkreuzen, anstatt eines Namens. Dahinter kann man das eindrucksvolle Stellungssystem zwischen den Bäumen entdecken, dass der Colonel auf dem Höhenrücken des Caures-Waldes anlegen ließ – oder waren es die Deutschen nach der Eroberung 1916? Schwierig zu entscheiden wer die Unterstände, Kampfgräben, Minenwerferstellungen nun am Ende gegraben hat, Graben graben, ein Graben ist ein Graben, ein Grab ist ein Grab. Es ist bewölkt an diesem Donnerstag Morgen, die Temperaturen sind knapp unter Null, noch liegt nächtlicher Raureif auf den nicht überwucherten Ecken des Waldes. Es ist abgesehen von seltenen Autos auf der Bundesstraße sehr still.
Der Bois des Caures sollte das erste und wichtigste Ziel der deutschen Offensive von 1916 sein, sozusagen das Schlüsselloch für den Plan der Obersten Heeresleitung unter General Erich von Falkenhayn, der Plan, der das blutige Schachmatt zwischen den Armeen an der Westfront, das seit dem Herbst 1914 vorherrschte, durchbrechen und beenden sollte. Die Front liegt an der Maas auf einem Hochplateau über Verdun, Verdun die Symbolhafte, die ehrwürdige Bischoffsstadt aus dem Mittelalter, Karl der Große (oder lieber Charlemagne?) hat hier gastiert, niemals gibt Frankreich Verdun auf. Wenn also die Deutschen Divisionen die Franzosen vom Plateau werfen, zurück in die Ebene, so dass Verdun an die Deutschen fällt, zumindest direkt im Fadenkreuz der Kanonen seiner kaiserlichen Majestät liegt, dann werden die Franzosen Armee um Armee gegen die steilen Hügel um Verdun anrennen lassen, geostrategisch hoffnungslos unterlegen, sozusagen am Fuße der Hochebene verblutend, als Armee, als Nation. Bis sie nicht mehr können. Bis das französische Militär vor Verdun zu Klump geschossen ist. Frankreich kapituliert. Muss – unbedingt. Russland wird mit freigewordenen Kräften aus dem Westen zerquetscht. Großbritannien bittet verzweifelt um Frieden. Siegesparade mit dem Kaiser auf dem Champs-Élysées.
Soweit der Plan.
Und der Schlüssel dazu ist im Norden des Schlachtfeldes der Caures-Wald, eine gut befestigte Anhöhe, die vom 56. und 59. Jägerregiment der Franzosen besetzt ist, unter Émile Driant, Lieutenant-Colonel und Parlamentsabgeordneter. Niemand rechnet im Winter 1915 mit einem Angriff bei Verdun, und das muss auch so bleiben. Deshalb werden die unzähligen deutschen Bataillone und tausende Geschütze in aller Stille nach Verdun verlegt. Den deutschen Soldaten sagt man vorerst nichts von der bevorstehenden Operation aber die meisten können sich anhand des nicht enden wollenden Stroms an Menschen und Munition in den Frontabschnitt zusammenreimen, dass eine Großoffensive bevorsteht.
Und Driant reimt sich das auch alles zusammen, von seinem Hügel aus, indem er die Deutschen beobachtet und bemerkt: Hier kommt was auf uns zu. Es beginnt nun das Narrativ, das wir als medialen Topos inzwischen aus allen möglichen Genres kennen: smarter Typ an der Front blickt, was die Generäle und Politiker im warmen Hauptquartier nicht blicken. Ob Vietnam oder die Ostfront, der Prototyp des klugen Frontoffiziers, auf den keiner von den Verantwortlichen hört, ist hiermit geboren. Driant schreibt unermüdlich Warnbriefe an seine Vorgesetzten und an Parlamentskollegen, in denen er prophezeit, dass in Verdun etwas Großes herangärt.
Ganz stimmt es allerdings nicht, dass ihn alle nur verächtlich abtun, wie es das Erzählmuster eigentlich verlangt. Aber es herrscht Uneinigkeit über die Problemlösungsstrategie. Während Driant beharrlich fordert, dass man seinen Frontabschnitt mit Männern und Geschützen verstärkt, schlägt ihm der Generalstab vor, sich auf die nächste, besser zu verteidigende Anhöhe im Süden zurückzuziehen. Wie so häufig, wenn für ein drängendes Problem mehrere stark unterschiedliche Lösungspräferenzen im Raum stehen, entscheidet man sich für den Kompromiss, gar nichts gegen das Problem zu tun. Weder Rückzug noch Verstärkung, Loose-loose.
Ganz schön dumm. Aber Driant ist ja demkriegseidank ein Held.
Die deutsche Offensive muss wegen schlechten Wetters zwei mal verschoben werden, am 21. Februar 1916 aber bricht um 8:12 der Deutsche Angriffsplan mit einer Gewalt los, die bisher in diesem an blutigen Superlativen nicht armen Krieg ihresgleichen suchte. Sieben Batterien Feldartillerie, 40 schwere Batterien und etwa 50 Minenwerfer bombardieren alleine die Stellungen der französischen Chasseure im Caures-Wald, in acht Stunden Vorbereitungsfeuer gehen etwa 80.000 Granaten auf den knappen Quadratkilometer nieder, auf dem sich Driants Männer verzweifelt in den Boden krallen. Als gegen 16.00 die hessischen Füsliere losstürmen, um die zerwalzten Gräben des Feindes zu nehmen, sind von Driants 1300 Männern noch etwa 500 übrig. Und die eilen zu den verbleibenden Maschinengewehren und Resten der Kampfstellung und leisten Widerstand. Erbittert.
Heldenhaft.
Am 22. Februar, nachdem sie die Deutsche Dampfwalze stundenlang aufgehalten haben, befiehlt Driant den verbleibenden Jägern den Rückzug auf das Dorf Beaumont auf dem Pfefferrücken. Er selbst will mit 80 Freiwilligen die Deutschen, die nun auch mit Flammenwerfern das Widerstandsnest angreifen, weiter aufhalten. Kurz darauf fällt Driant mit Schläfenschuss und verstirbt auf dem Schlachtfeld. Der Caures-Wald fällt. Aber – und hier beginnt die Geschichtslegende – weil Driant unter Selbstaufopferung die Deutsche Offensive stundenlang verzögert, kann die französische Armee zusammenkratzen, was zusammenzukratzen ist. Nun, durch Driants Heldenopfer, steht eine Verteidigung, das Plateau wird gehalten, Verdun fällt nicht, Frankreich ist gerettet.
Von den ehemals 1300 Chasseuren überleben den 22. Februar nur ca. 110 bis 160. Der Rest fällt. Heldenhaft.
Wenn man den nach Südwesten verlaufenden Höhenrücken des Bois de Caures überquert und den rückwärtigen Abhang erkundigt, findet man dort ein verschachteltes und tiefes Grabensystem. Sogar eine Schmalspurbahn führte im Kriege hier durch. Dazwischen stehen überwucherte, aber auch nach 100 Jahren immer noch recht solide Betonbunker, die über den Eingangslöchern bis heute lesbare Namensschilder zieren. „Büffel“ oder „Hai“ heißen die Bunker, darunter steht „1918 Minkdo“. Das heißt „Minenwerferkommando.“ Die Deutschen behielten Driants Wald bis in den November 1918. Heute ist es ruhig und einsam um die Bunker, zumindest im Winter. Ein Rudel Wildschweine flieht bei meiner unerwartenden Annäherung, sie sind weniger widerstandsfreudig als die Soldaten von 1916. Ich bin froh darum. Und die Wildschweine – sind sie eventuell nicht klüger als die Helden vom Bois de Caures?
Ketzerei. Helden werden ausgewürfelt.
Wer war eigentlich dieser Driant, der spätestens im Sommer 1916 als Verteidiger Frankreichs in aller Munde war? Der Juristensohn absolvierte 1877 die Militärschule von Saint-Cyr als Viertbester seines Jahrgangs und verbringt als junger Offizier zunächst einige Jahre im Garnisionsdienst. Ab 1883 dient er Frankreich als Kolonialoffizier in Tunesien und als sein Chef 1886 zum Kriegsminister (damals war die Bezeichnung des Resorts noch unverblümt ehrlich) ernannt wird, folgt er ihm ins Ministerium nach Paris, denn sein Schwiegerson ist Driant ja ohnehin schon einige Zeit. Der Herr Minister Boulanger stürzt über seine eigenmächtige und kriegstreiberische Militärpolitik, Driant kehrt als Kolonialoffizier nach Nordafrika zurück. Einige Zeit später verfasst er unter dem unendlich kreativen Pseudonym „Capitaine Danrit“ einige Technik-Romane im Stil Jules Vernes, aber mit einem kolonialen, militaristischen und antiparlamentarischen Einschlag. 1898 kehrt er nach Frankreich zurück und wird Battalionskommandeur, doch er strauchelt über die Dreyfuß-Affaire, in der monarchisch-katholische Offiziere sich gegen einen jüdischen Kollegen verschwören, um die Armee judenfrei zu halten. Im Zuge des Skandals muss Driant 1905 seinen (Offiziers-)hut nehmen, doch für den Gang in die Politik ist so ein Skandalrücktritt allemal noch gut. Ab 1910 sitzt er als Abgeordneter einer christsozialen Partei für den Wahlkreis Nancy im Parlament. Er bereist Deutschland, warnt vor der preußischen Kriegsmaschine, bewundert aber den wenig skrupelbehafteten Umgang des Kaiserreichs mit den Sozialdemokraten. Er unterstützt den antisemitischen und konservativen „Gelben Sozialismus,“ kämpft für höhere Rüstungsausgaben und wird 1914 wieder gewählt. Mit Kriegsausbruch bittet er um seine Reaktivierung und wird zum Kommandeur der Chasseure. Anderthalb Jahre später stirbt er im bois des caures.
Unser Held ist also ein antisemitischer, antiparlamentarischer, militaristischer Imperialist.
Die Deutschen behalten Driants Wald, bis kurz vor Kriegsende die Amerikaner kommen. Das nicht weit entfernte Dorf Beaumont wechselt bis 1918 17 mal den Besitzer. Die Verdunschlacht gilt bis heute als eines der sinnlosesten Gemetzel der Militärgeschichte, in dem das Deutsche Reich und Frankreich sehr ungenau geschätzt jeweils etwa 350.000 junge Männer verheizen, nur um im Dezember 1916 wieder da anzukommen, wo die Sache im Februar ihren Anfang nahm. Und Driant liegt während dieser ganzen Zeit in einem relativ simplen Grab, dass die Deutschen Eroberer seines Waldes ihm gruben. Immerhin mit allen militärischen Ehren. Im April erhält Driants Witwe über die neutrale Schweiz die persönlichen Dinge ihres Mannes mit der deutschen Versicherung, man habe ihn ehrenvoll mit seinen Männern beerdigt. Ab da explodiert die Sage um den Caures-Wald. Die französische Regierung braucht dringend Helden, um die Moral in Truppe und Bevölkerung stabil zu halten. Die Zeitungen sind plötzlich voll mit Driant, in Notre Dame wird ein staatlicher Gedenkgottesdienst abgehalten. Driant ist jetzt ein offizieller Held, das bleibt er bis heute. An jedem 23.02. gibt es eine Gedenkfeier an seinem Mahnmal.
Über dem Bois de Caures ist Ruhe eingekehrt, wenn nicht ausgedehnte Baumfällarbeiten tagelang die Hänge leermachen oder die französische Armee auf dem nahegelegenen Schießplatz trainiert. In den Gräben steht Wasser, im Sommer muss hier ein Mückenparadies sein. Ein kühler Wind raschelt in den trockenen Blättern auf dem Boden. An einem Baum lehnen einige vergessene Weinflaschen und ein zerfetztes Stück Stahlträger.
Im Wald selbst fallen die letzten Schüsse einige Stunden vor dem offiziellen Kriegsende am 11. November. Obwohl der Waffenstillstand bereits vereinbart ist, befiehlt die amerikanische Heeresführung kurz vor Abpfiff noch Angriffe auf die deutschen Stellungen im Wald. Die Deutschen wehren – ebenso sinnleer – den Angriff noch einmal ab, Dutzende junger Amerikaner werden Stunden vor Kriegsende noch getötet. Sieht irgend jemand Helden?
Was, wenn Driant seinen Wald nicht verteidigt hätte?
Spekulative Geschichtsschreibung ist schwierig. Wir wissen immer genau, wie Entwicklungen ausgingen und nehmen die Ergebnisse als zwangsläufig oder unveränderlich war. Hätte Driant nicht ausgehalten, wäre Falkenhayns Plan geglückt, wäre Frankreich verloren gewesen, so das Narrativ. Davon können wir doch ausgehen – oder etwa nicht? War doch so – – – oder?
Die Idee hinter der Verdunschlacht war an mehr als an einer Stelle irrsinnig und verblendet. Wer könnte beschwören, dass ohne Driants Opfer die Deutschen wirklich bis nach Verdun vorgestoßen wären, dass der französische Generalstab tatsächlich blind seine gesamte Armee aufgeopfert hätte, dass nicht der Krieg denselben Ausgang genommen hätte, mit leicht verändertem Frontverlauf und einem völlig zerschossenen Verdun? Wer sagt, dass die Chasseure nicht bei Beaumont viel weniger verlustreich die Deutschen hätten abwehren können? Aber dann wäre Driant heute kein Held sondern nur ein weiterer Weltkriegsteilnehmer.
Driants Opfer war die Opferung seiner Männer. Die Überlebenden schilderten Driant als beliebten und fürsorglichen Kommandeur, dem sie gerne ins Feuer folgten. Aber am 23. Februar 1916 endeten auch 1200 zumeist junge Leben, Familienväter, Verlobte, Jungverheiratete, Söhne, die nie ihre Kinder aufwuchsen sahen, die nie im Leben ankommen sollten. Hätten sie die Wahl gehabt, was sie sein wollten: Helden oder lebendig? Wie hätten sie wohl geantwortet?
Aber die Entourage des Helden fragt man nicht.
1922 wird Driant nach langer öffentlicher Diskussion aus seinem deutschen Grab exhumiert, er soll anhand seiner Uniform leicht zu erkennen gewesen sein. Er ruht im Kreis seiner toten Männer/Jungs im großen Mausoleum mit wehender Trikolore. Emile Driant heißt Emile Driant. Seine Männer um ihn heißen „Soldat Inconnu.“
Es ist immer schwer die nationalen Symbole von anderen Nationen anzugehen, vor allem wenn es sich um ein Nachbarland handelt, das mir von allen Nachbarn der Liebste ist. Aber es geht nicht anders. Wenn ich durch die tiefen, stillen Wälder wandere, wenn ich die Trichter und Gräben passiere, die zerschossenen Essgeschirre und die rostigen Granaten, dann sehe ich da keine Helden, nirgendwo, auf keiner Seite. Ich sehe nur bedauernswertes Leid von geschundenem Fleisch. Zu jungem Fleisch.
Helden werden ausgewürfelt.
Und zwar dann wenn sie tot sind, von Leuten, die an Schreibtischen sitzen, weit weg von jeder Granate und jedem Schützengraben. In jedem Februar wird am Mahnmal bei der Kreuzung von D125 und D905 eine offizielle Feierstunde abgehalten.
So, es ist passiert: Gerade eben, seit ca. 13.00, ist zum ersten Mal seit Beginn meines Jahres draußen der Punkt erreicht, an dem mir langweilig ist. Ein Gefühlszustand, den ich eigentlich nur sehr selten empfinde. Gerade machen mich all meine üblichen Hobbies nicht an, alle Spiele sind ausgiebig gezockt oder müssten angespielt werden (keine Lust), alles außerhalb der Wohnung kann mich nicht locken. Shit.
Immerhin: Von Juli bis Januar hat es gedauert, bis mir zum ersten Mal langweilig wurde.
Der Winter ist eine doofe Zeit, viele geplante Aktivitäten liegen brach und man sitzt an einem Punkt, der geheizt ist und wettergeschützt. Die nächste größere Aktion, die bis jetzt auf dem Zettel steht, startet erst Mitte April. Näheres an dieser Stelle in einigen Wochen. Dabei war ich durchaus aktiv, ich habe im örtlichen Baumarkt Holzmaße recherchiert, ausgewählt und den Bauplan für den Tisch an die real existierenden Maße angepasst. War ein ganz schöner Brainburner für einen wie mich, der mit Zahlen nie so recht warm wurde (wenn es keine Jahreszahlen sind, versteht sich). Und wahrscheinlich stecken immer noch 1W6 Logikfehler in dem Konzept.
Weiß eigentlich jemand, warum es kaum quadratische Querschnitte in der weiten Welt der Holzlatten und -balken gibt?
Jetzt ist er also soweit mal fertig, der Bauplan, überlegen muss ich mir noch, was für Schraubengrößen ich brauche und wo eventuell noch ein Beschlag hin muss. Neu ist auch ein Farbcode für die einzelnen Bestandteile, damit ich weiß welches Stück aus welchem Material gebastelt werden soll. Ach ja, und noch nicht entschieden ist das Material für die Bodenplatte – nicht zu schwer, aber so stabil, dass sie Spielmaterial bedenkenlos hält. Eine Matte zur besseren Griffigkeit für Spielcounter sollte da auch noch drauf. Die Planung ist halt nie am Ende.
Die mittlerweile dritte Version des Tisches finden Interessierte hierals Bauplan.
So in Einzelteilen sieht alles sauber, ordentlich und logisch aus …
Damit könnte es losgehen, langweilig ist mir gerade ohnehin, aber ich scheue zurück: Zunächst mal ist klar, muss ich alles noch einmal durchrechnen und durchdenken, und dann noch mal, und dann noch mal. Wenn der Holzschnitt nicht passt, wird das ärgerlich.
Zudem bin ich ab dem 16.01. ein paar Tage bei Freunden in Hamburg, ab dem 28.01. habe ich mir eine knappe Woche Frankreich (ja wo wohl …) gegönnt. Aber eigentlich müssten drei Tage am Stück reichen, es ernsthaft zu versuchen, zu scheitern und dann im Internet seine Unfähigkeit einzugestehen, oder?
Mal sehen, ob ich nach meinem Besuch bei meinen Eltern morgen am Freitag zum Holzkaufen losziehe.
Was ich da mache? Ihr werdet lachen:
Ich muss da einen Tisch abschleifen und neu lackieren.
Neckarstraße, Urbanstraße und weiter nach Südwesten trinken.
Zwei auf dem Weg quer durch den Braukessel
Es gibt noch Achsen durch Großstädte, die abseits der hippen Partyzentren und gefönten Szene-Locations liegen, an denen man entlang noch eine gewisse Diversität und Originalität entdecken kann. Diese Achsen sind nicht hübsch, nicht designed und stellenweise nicht einmal renoviert, aber sie verströmen ein gewisses Feeling.
Mein sehr guter Freund und Tresenkumpel Ulrich, der sichtlich etwas angenervt davon war mit der usual crowd am usual spot zu enden, entwickelte im Sommer letzten Jahres das Projekt, sich an einer dieser Nebenachsen entlang zu trinken, immer ein Bier pro Kneipe, und dann zu sehen, wohin man kommt. Saugute Idee! Unsere Spur beginnt nicht unweit des Neckars und führt dann grob südwestlich einmal durch den Kessel.
Ich muss sagen, dass diese Entdeckungstour über Stuttgarts Barhocker abseits der ausgetretenen Pfade mir sehr große Freude bereitete. Auch wenn wir das Projekt immer nur mit einigem Abstand weiterverfolgen, führt es uns doch zu spannenden Entdeckungen und zu einem sicheren Kater am nächsten Morgen. Ich will die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, diese Sauftouren hier zu dokumentieren und einen völlig subjektiven alternativen Kneipenführer aufzulegen, zur gefälligen Beachtung von allen Stuttgartern und Gästen, die nach dem „echten“ Stuttgart abseits vom Hans-im-Glück-Brunnen suchen.
Die drei Regeln der Tour:
Erstens: In jeder Kneipe nur ein Bier
Zweitens: Wir nehmen jede Location, die von außen minimal akzeptabel wirkt (Gummiparagraph)
Drittens: Wenn wir besoffen sind gehen wir nach Hause.
Die erste Tour: September 2019, von den Mineralbädern zum Stöckachplatz
Station 1.1: Flora & Fauna, Schlosspark, ggü. Mineralbäder.
Als willkürlichen Startpunkt hatten wir uns kurz nach den Sommerferien das „Flora und Fauna“ ausgesucht, im Grunde nicht viel mehr als ein Pavillion gleich neben der U-Bahn-Haltstelle. Die Location ist etwas schwer zu beschreiben, es ist nicht ganz Biergarten, nicht ganz Lokal, nicht ganz Weggehszene, das Publikum ist für einen Biergarten zu jung und urban, der Bierfluss für ein Lokal zu üppig, für einen Szeneschuppen das Konzept zu unzeitgeistig. Der Laden war gut voll (ich glaube, es war ein Freitag), wir hatten uns über die Ferien nicht gesehen und viel zu quatschen. Also verstoßen wir gleich gegen Regel Eins: Pro Kneipe nur ein Bier! Wir trinken zwei, das geht im Flora und Fauna auch gut und wird sich noch rächen.
Station 1.2: Café Dream Bar, Neckarstraße
Ab hier begann sie, die ungeliebte Neckarstraße, das hässliche Entchen, das zum SWR-Gebäude und weiter führt, in dessen Mitte die Straßenbahn scheppert (In Stuttgart etwas großkotzig „U“ genannt) und der Verkehr sich schiebt. Wir folgen der Regel Nr. 2, bis jetzt kam auf dem ersten Kilometer nicht viel außer ein Thai-Restaurant und eine Shisha-Bar. Also landen wir im „Café Dream Bar“, einer Kneipe, die sicher eine ziemliche Tradition hat (rustikale schwäbische Wirtshausarchitektur), wenn auch eventuell nicht unter dem aktuellen Pächter. Sie ist noch nicht mal auf Google Maps verzeichnet, ungentrifizierter geht’s also nicht. Ulrich und ich steuern die Bar an, wie es sich für eine Kneipentour gehört, und werden sofort von dem unbestimmten Gefühl einer gewissen Exotik, einem Eindruck von kulturellem Exil umfasst. Die freundliche Dame hinter dem Tresen lächelt uns mit diesem Blick an, der sagt: „Ich weiß nicht, wie ihr euch hierher verirrt habt, aber schön, dass ihr uns gefunden habt.“ Während der dritten Halben an diesem Abend (es zeigt seine Wirkung) rätseln wir über den Standort der schmachtenden Musik aus dem Lautsprecher, der kehligen Sprache und der dunkelhaarigen Locken um uns. Schließlich beim Zahlen fragen wir mutig: und siehe da, die meisten hier sind Griechen, anscheinend aus der Ecke um Thessaloniki. Na, dass ich das nicht erkannt habe … Griechischer Wein 2019. Weiter geht’s, bei zwei Tresen können wir es nicht belassen, das wäre ein peinlicher Start.
Station 1.3: Bonnie & Clyde, Neckarstraße
Im Wissen, dass der nächste Humpen ziemlich sicher unser letzter für den Abschnitt sein wird, entdecken wir zwischen Metzstraße und Stöckach das „Bonnie & Clyde“, in der Kneipenszene offensichtlich kein gänzlich Unbekannter, für uns beide aber neu. Innendrin empfängt uns gepflegte alternative Atmosphäre, nicht Mainstream, aber unprätentiös. Den Zapfhahnturm bedecken Aufkleber diverser Bands, Spezialität sind hier anscheinend Burger, eine Schale mit Gummibärchen lädt zum nebenher futtern ein. Publikum wirkt sehr sympatisch, die Musikauswahl auch. Schade, dass wir schon so betrunken sind. Wir leeren unsere Krüge, zahlen und gehen heim. Ende Teil 1.
Die zweite Tour: Dezember 2019, vom Stöckachplatz zum Charlottenplatz
Station 2.1: Bonnie & Clyde, Neckarstraße
Am Sonntag vor Weihnachten gehen wir die Fortsetzung unseres Querschnitts an. Da wo man im Herbst aufgehört hat muss man im Winter wieder starten, so das eherne Gesetz der Kneipentour. Außerdem ist das Bonnie & Clyde auch nüchtern nochmal einen Besuch wert. Ambiente, Publikum, Musik – check. Bisher der schönste Tresen auf der Tour. Diesmal bleiben wir aber eisern bei der Regel – jeder Laden nur ein Bier. Man lernt aus seinen Fehlern und zieht hinaus in die vorweihnachtliche Kälte im Kessel. Ich bin mir sicher, der Winterabschnitt unseres Querschnitts wird uns relativ schnell wieder in irgend eine Location treiben, ab hier beginnt das thekentechnische Neuland.
Station 2.2: Super China & Pizza Service, Neckarstraße
„Kuck mal, das ist ja fast schon ein Späti!“ ruft Ulrich mit der tiefen inneren Liebe in der Stimme aus, die nur der Schwabe zustande bringt, wenn er etwas Berlinähnliches entdeckt. Tatsächlich offenbaren drei Kühlschränke und mehrere Regale ein relativ üppiges Getränke- und Süßkramangebot. Ich bin von den kalten Neonkacheln in dem Lieferdienstkabuff weniger überzeugt, aber Uli erinnert mich eisern an Regel Nummer 2. Also trinken wir zwei thailändische Nulldrei, während der etwas bullig wirkende Pizzaservicechef in einer nicht erkennbaren Sprache am Telefon auf seine Fahrer einbrüllt. Diesmal fragen wir nicht nach, es klingt ein wenig so als keifen Rote Khmer auf vermeintliche Feinde des Kommunismus ein. Gegen später kommt noch ein Typ mit Iro, südländischem Teint und Tarnfleck-Pulli dazu. Gemütliches Bier ist anders, aber mehr unprätentiöse Unverfälschtheit ist in Stuttgart vermutlich nicht zu bekommen. Alle wirken froh, als wir gehen.
Station 2.3: Kraftpaule, Kreuzung Neckarstraße/Heilmannstraße
Kontrastprogramm und Kulturschock in Megawattstärke. Der „Kraftpaule“ ist ein Craftbeer-Edelschuppen, der von unserem innigen Wunsch das Authentische zu finden nicht weiter weg sein könnte. Dafür sitzt man an der Bar gemütlicher als man im Pizzaspäti herumsteht und das Fräulein hinter der Theke ist sehr nett. Wir sind auch die einzigen, die an der Bar rumhängen, der Laden ist einigermaßen gefüllt, aber alle hocken gesittet an Designer-Bistrotischchen. Wir schlürfen ein Bier aus nem Cognag-Schwenker zu Cognac-Literpreisen und ich betone, wenn die Barfrau gerade nicht hinhört, sequenzergleich, wie sehr ich diese Craftbeer-Scheiße eigentlich verachte. Dafür ist das Zeug ziemlich stark, wir erreichen mit dem Kraftpaule das Stadium des Besoffenseins und ziehen zu unserer letzten Station für heute – wo immer sie liegen mag. Shit, das Craftbeer war tatsächlich lecker, so was Dummes.
Station 2.4: Goldmarx, Charlottenplatz
Die Urbanstraße ist ewig lang und führt an zahlreichen höheren Bildungsanstalten vorbei, was heißt, dass hier kein Geld zu holen ist, was sich in der Abwesenheit von Kneipen äußert. Uli erzählt mir von Erlebnissen auf der hiesigen Musikhochschule, eine private Weihnachtsfeier in einem beheizten Partyzelt winkt hastig ab, als wir zwei grinsende Gestalten durstig darauf zu wanken. Schließlich landen wir im „Goldmarx“ in der Unterführung am Charlottenplatz, in dem wir beide schon mal bei einem Konzert waren, mit angenehmen Erinnerungen an die Band und den Tischkicker. Das Goldmarx“ rangiert irgendwo zwischen Club und Veranstaltungsschuppen.
Am Eingang raunt Uli irgendetwas von „Holla ist da etwa Black Night?“, aber bevor ich das verarbeiten kann stehen wir vor dem Türsteher, der uns mitteilt, dass der Eintritt eigentlich 10 Euro ist, aber uns würde es nur noch zwei Euro kosten. Für beide.
Lachend bewerfen wir die Security mit zwei Euro (natürlich nur innerlich) und stehen dann – in der Black Night. Das ist wörtlich zu nehmen. Es gibt nämlich keine Weißen hier. Also, außer Ulrich und mich, alle anderen hier sind People of Colour. Als Resultat stehen wir beide als die weißesten Weißbrote, die jemals krustenfrei aus dem Ofen kamen, an der Bar und fühlen uns endlich einmal als Minderheit. Das ist heilsam. Die Stimmung scheint am Siedepunkt zu sein, alle rennen wild zu den dröhnenden Beats durch den Stagebereich, eine ganze Horde von DJs und MCs produziert einen echt tanzbaren Sound. Von Madagassen, Senegalesen bis Kariben scheint sich hier alles zu versammeln, was dunkle Hautfarbe hat. Punkt 12 – es ist ja Sonntag – macht das DJ-Team so plötzlich Schluss, als habe man der Veranstaltung dem Stecker gezogen. Bis Ulrich vom Klo zurückkommt ist der Laden wie leergefegt, wir kapieren plötzlich, warum man uns vor einer halben Stunde „nur noch“ einen neuen Heiermann abverlangte. Aber gut so: Denn wir sind wieder pegeltechnisch am Point oft Return und schlingern zur Haltestelle. Bis zur nächsten Tour.
Denn das kann noch nicht das Ende des Kessels sein! To be continued in 2020 …
Wir alle kennen Begriffe, die so sehr hohle Modeparole wurden, dass sie nach ein paar Jahren für den öffentlichen Sprachgebrauch verbrannt waren. Man erinnere sich an längst verblichene Phrasenstars wie „Multimedia“, „Globalisierung“, „ergebnisoffen“ oder „nachhaltig“, die solange von irgendwelchen Schaumschläger*innen und politischen Schausteller*innen öffentlich ausgespuckt wurden, bis sie heute nichts mehr, aber auch gar nichts mehr bedeuten, außer dass da jemand redet wie aus einer anderen Zeit.
Auch in meinem Hometurf, dem Bildungsbereich, kann ich längst verstorbene Phrasen aus der Mottenkiste ziehen: „Produktionsorientierung„, „Kritischer Unterricht„, „Standardorientierung“ haben längst hübsche Grabsteine auf dem Friedhof der Schlagworte erhalten, bei Begriffen wie „Inklusion„, „Binnendifferenzierung“ und „Freiarbeit“ (alleine der Begriff – auf Deutsch! Ohne Latein oder Englisch in der Phrase!) ahnt der erfahrene Arzt am didaktischen Puls der Zeit, dass ihre Atemzüge sehr schwach geworden sind und man ihre Namen an der Tür zum Sterbezimmer nur noch leise und verhalten ausspricht.
Wenn der Kaiser stirbt wählen die Kulturfürst*innen einen Neuen und in der Blüte seiner Herrschaftsperiode steht gerade vor uns in Hermelin und Krone: der neue Begriffskönig „Digitalisierung.“
Man merkt übrigens auch hier, der Zenit seiner Epoche ist eigentlich bereits überschritten, ein Nachfolger sollte dringend gezeugt werden.
Panik in den Höflingskammern der Bildungspolitik.
Aber noch gilt in den überalterten Kreisen der Bildungsverwaltung die Entdeckung des Neulands Internets als wahnsinnig gegenwärtige Entwicklung: „Diese-Jugendlichen-werden-in-der-Informationsgesellschaft-aufwachsen„, „Digital-Natives-von-heute„, „Für-diese-Kinder-ist-das-Smartphone-so-alltäglich-wie-für-uns-das-Fernsehen“ und so weiter und so fort, man kennt die reflexhaften Halbsätze aus den Reden und Pressemitteilungen zu Genüge.
Ich behaupte, dass hinter der Verwendung des Begriffs „Digitalisierung“ im unterrichtlichen Bezugsrahmen in der Regel eine bewusste oder unbewusste Verscheibung, ja Verfälschung des Begriffes vorgenommen wird, ja ich versteige mich zur These, dass der digitale Unterricht, wenn er heute denn irgendwo passiert, in der Regel keinerlei Digitalität zum Inhalt hat, und zwar weil die Organisatoren dieses Unterrichts selber absolut analoge Existenzen sind. Mehr noch, dass sowohl Lehrer*innenschaft, als auch Schulverwaltung, ja die gesamte deutsche Gesellschaft nicht digitalisiert sind und gar nicht digital denken und leben wollen.
Um es kurz zu machen: Ich behaupte, dass das, was im Bildungsbereich als „Digitalisierung“ des Unterrichts verkauft wird, in 90 Prozent der Fälle nur ein schnarchiger, zyklisch wiederkehrt Medienwechsel ist, wie die Menschheit ihn seit Erfindung der Höhlenmalerei regelmäßig vornimmt.
Machen wir uns nix vor: Medienwechsel können durchschlagende Effekte auf Gesellschaften und Systeme haben.
Gedenken wir der Erfindung des Buchdrucks, die klassische Medienrevolution aus dem Geschichts-Lehrplan (Oh – Entschuldigung! Meinte natürlich „Bildungsstandards!“ Ach scheiße, Sorry, Begriff verbrannt! Was haben wir gerade als Substitut für „Lehrplan“ im Phrasenschwein … äh … Mom … Ja, da ist’s, „Bildungsplan“, genau!). Die günstigere und schnellere Verfügbarkeit von Texten, Ideen und Meinungen löste in ihrer Folge eine langsame Alphabetisierung des Westens aus, spaltete die römische Kirche, führte in 300 Jahre Religionskrieg und letztendlich in die Verbreitung der Ideen der Aufklärung und die bürgerliche Revolution. Keine schlechte Bilanz für ein frisch eingewechseltes Medium. Aber: mittlerweile ist die Geschichtsforschung ziemlich der Meinung, dass sich am mitterlalterlichen Weltbild des Normaleuropäers durch die Verfügbarkeit von Büchern erst einmal nix änderte. So zwischen 1450 und 1750 grob.
Oder die Wirkung des Mediums Fernsehen bei seiner Einführung: Die Bedrohung des Leitmediums (Spiel-)film als Unterhaltungsquelle, die Verfügbarkeit von Nachrichten-bildern außerhalb einer staatlich geführten Wochenschau im Kino, die Möglichkeit der Lifeunterhaltung, der Aufstieg des Formats „Show“ – ein massiver Wandel der Medienwelt, unbestreitbar. Nur, dass es Life-Shows eigentlich schon seit den 20ern gab (nur eben im Rundfunk), dass Nachrichten, auch bildlich-bunt illustrierte, über die klassischen Printkanäle in jeder politischen Färbung längst schon verfügbar waren (Buchdruck, Leute, Buchdruck) und dass nun eben das Filmformat von der öffentlichen Leinwand ins heimische Wohnzimmer wanderte – klassischer Medienwechsel eben.
Um auf den Punkt Digitalisierung zurück zu kommen: Ob ich einen Chemie-Film über COOH-Bindungen nun als Zelluloid-Streifen, VHS-Kassette, DVD, Blueray oder YouTube-Video abspiele, hat nur am Rande mit analog / digital zu tun.
Das ist Medienwechsel.
Ob ich Kaiser Wilhelms Rede zum Kriegsausbruch 1914 von Schallplatte, CD oder aus dem Netz dudeln lasse – Medienwechsel. Ob ich meine bescheuerte Einstiegskarrikatur mit einer räudigen Transparent-Folie auf einen Tageslichtprojektor schmeiße oder an einem Smartboard den Schrott vom USB-Stick vor das Schülerhirn klicke – Medienwechsel. Immer nur das.
Sorry, Pädagog*innen, Schulleiter*innen, Bildungsminister*innen – das ist Medienwechsel, was ihr da der Öffentlichkeit als Digitalisierung verkauft.
Aber es ist halt einfach und billig.
Prüfen wir aber diese „aktuellen“ Bildungsprogramme weiter auf Digitalität: Die Jugend soll in der Lage sein „Fake-News“ zu identifizeren, das ist ja wohl digitaler Unterricht, oder? Bullshit, schon ich habe als 14-jähriger in den 80ern auf der Realschule kritisch Bravo- und Bildzeitungs-Lügen entlarven müssen (kritischer Unterricht ist ja aber seitdem aus der Mode gekommen). Jetzt machen wir das halt im Netz. Medienwechsel. Wir sollen uns anschauen, wie YouTuber und Influencer mit methodischen Kniffen ihre Zuschauer beeinflussen, weil ja im gefahrenstrotzenden Internet junge Menschen von Typen mit blauen Haaren angelogen werden könnten. Und wir machen das mit den Mitteln und dem (sehr guten) Methodenbaukasten der klassischen Filmanalyse, seit in den Dreißigern der Tonfilm aufkam, hat sich da außer ein paar stilistischen Moden eigentlich nix dran geändert. Funktioniert zuverlässig. Aber es ist halt nur ein Medienwechsel, vom Videorecorder zum Videostreamer, von Maos Propagandafernsehen zum Reichsbürgervideo auf der Videoplattform.
Damit ist die digitale Bildungspolitik allerdings absolut passend zur deutschen Normalo-Existenz gebastelt, denn auch die tonangebende Generation in diesem Land – weiße Akademiker mit ein paar vereinzelten *innen um die 40 oder 50 – ist genausowenig an digitalen Lebensentwürfen interessiert, wie ihr Lehr-, Bildungs-, Unterrichtsplan. Aber sie glauben es von sich. Weil sie nun ihre Biogemüsekiste über das Internet bestellen, ihre CDs in Sonos-Bluetooth-Streamingdienst-Begeisterung auf den Flohmarkt tragen und am Wochenende mit der Lebenspartner*in auf der Couch Game-of-Thrones-Seasons per Netflix glotzen, weil sie 6 Mal pro Stunde whatsapp checken und von der Türklingel über den Kühlschrank bis hin zur Vögel-Beleuchtung über dem Ehebett alles auf Smarthomesteuerung umgestellt haben, halten sie sich für digitalisiert, sind es aber gar nicht. Wer auf seinem Touchscreen herumfummelt anstatt am Lichtschalter das Rotlicht anzuknipsen hat eben nur sein Medium gewechselt und nicht mehr. Nur weil ich dabei nun eine Datenkotzspur in der Breite eines brennenden Öltankers hinterlasse und mir von einem Algorithmus der Kühlschrankfirma sagen lasse, wann ich Milch kaufen muss, habe ich beim Wunschziel, Teilnehmer*in im digitalen Raum zu sein, noch nichts, aber auch gar nichts erreicht.
Ich weiß, es ist erschütternd, aber Videokucken auf dem Smartphone ist keine Mitgliedschaft in der digitalen Gesellschaft.
Warum sollte Unterricht besser und weiter sein als die ihn umgebende Gesellschaft?
Zerlegen wir also weiter ein Schminktipp-Video in Deutsch mit den Mitteln der Filmanalyse und nicht mehr Chaplins „Great Dictator“ und fühlen uns dabei als digitale Schule, nur zu, was alle gerade machen muss irgendwie auch wahr und richtig sein, oder?
Wenn das Analysieren von Netzinhalten (Texte – Bilder – Tondateien – Bild/Ton-Dateien) aber gar nicht digitales Handeln ist, sondern nur frisch digitalisierter Medienkonsum, den es auch schon lange analog gab, was wäre dann ein digitales Projekt in der Bildungsarbeit? Kann das Netz denn dann überhaupt etwas, was es vorher ohne Digitalformat nicht längst gab?
Ja, es kann. Es erfordert aber etwas, was den meisten Deutschen (übrigens auch den jungen Deutschen) und Pädagog*innen recht schwer fällt. Es erfordert die Überwindung der eigenen Passivität als Teilnehmerin in der Gesellschaft. Ob das nun die deutsche Gesellschaft ist oder die global-digitale ist egal, jeder kann sich die nehmen, die ihm l(i)ebenswerter erscheint.
Denn was das Netz und Digitalität über den Konsum hinaus anbietet, und was wirklich das Potential zu einer großen, sozial-kulturellen Revolution in sich trägt, ist die erleichterte Möglichkeit zur Integration in eine (Welt)Gemeinschaft durch Teilhabe am digitalen Produktionsprozess. Oder um wieder mit dem Beispiel des Spätmittelalters zu sprechen: Was an Johannes Gutenberg revolutionär war, war nicht die Bibel, sondern die Tatsache, dass jetzt mehr Leute sie lesen konnten.
(Na gut, vorausgesetzt man gehörte zu den 5 % Bevölkerungsschicht, die das Geld für eine Druckbibel hatte und man konnte lesen, was immer noch ein Sonderfall in der Gesellschaft war, also eventuell ist das jetzt ein echtes Scheißbeispiel, denn die wirkliche Revolution dauerte noch gut 300 Jahre, aber das ist eigentlich von den Wartezeiten her sehr deutsch.)
Digital arbeitende Rechner, weltweit vernetzte Computer ermöglichen es in unserer Lebensperiode jedem und jeder produktiv zu sein, Werke zu schaffen und zu veröffentlichen. In einer Weise, die zuvor einer ganz kleinen Minderheit vorbehalten war. Wer einen Rechner mit Netz, wer ein Smartphone besitzt, kann zum Beispiel mittels einer kostenlosen Software einen eigenen Film zusammenschneiden und veröffentlichen, wenn er will in abendfüllender Länge und mit O-Ton, Musik und Soundeffekten. Sind wir ehrlich, in 99 Prozent der Fälle, in denen das passiert, kommt nicht-konsumierbarer Schrott dabei heraus, aber die Revolution liegt in der Ermöglichung, nicht in der Qualität der Produkte. Wo früher bereits die Kamera für die meisten Menschen unerschwinglich war, ganz zu schweigen vom nur ganz exklusiv bestehenden Zugang zu einer Verbreitungsmöglichkeit des einzelnen Werkes, reicht heute ein Billighandy aus. Ähnliches ließe sich für die Bereiche Musik, Fotografie, Text und Softwareprogrammierung als Beispiel anführen.
Digitalität bedeutet die Ermächtigung zur Produktivität in allen kulturellen-sozialen-politischen Bereichen.
Genau genommen selbst ökonomisch, nie war es so leicht einen Online-Shop für selbstgestrickte Socken aufzumachen. Auf Soundcloud werden jede Sekunde musikalische Werke/Verbrechen veröffentlicht, Blogger generieren Texte, Podcaster liefern Unterhaltung und Informationen zu allen denk- und undenkbaren Interessensgebieten. Wer früher daran scheiterte, dass die Publikation seines Produkts das Privileg einer kleinen Elite war, kann heute mit einem Klick Dinge heraushauen. Natürlich ist das auch ein Problem, Fake-News, rechte Hetze, Malware und Katzenvideomüllhalden sind eine Folge dieser verschwundenen Zugangsbarriere, aber das macht die Sache nicht weniger revolutionär. Digitalität ist Ermächtigung zur öffentlichen Produktion.
Nur dass es die meisten Deutschen eben nicht tun.
Peter und Petra Müller liegen lieber nach Feierabend vor Netflix herum und Nutzen ihre Möglichkeiten eben nicht. Vielleicht sind sie zu dumm und unkreativ. Vielleicht zu faul und zu träge, um etwas anderes zu sein als Konsumenten. Jedenfalls leben sie nicht digital, trotz 25 netzfähiger Gadgets in ihrem Reiheneckhaus neben der Bundesstraße. In Deutschland hat der digitale Sektor leider das Gesicht von Hasso Plattner, das sagt schon alles.
Aber wenn wir wollen, dass unsere zukünftige Generation weniger sinnlos vor sich hinlebt als Peter und Petra, dann müssten wir ihnen eigentlich in der Schule beibringen, diese digitalen Produktionskanäle zu gestalten und zu nutzen. Das wäre tatsächlicher digitaler Unterricht, nicht nur gefakter Einsatz eines digitalen Mediums. Auf der kleinsten Ebene ist die Teilnahme an der Digitalität das Setzen eines Likes auf Instagram oder das Verfassen eines Kommentars unter einem YouTube-Video (auch das ist vielen schon zuviel Arbeit und Öffentlichkeit). Auf der obersten Ebene ist das die Gründung von Wikipedia. Aber mit einem Portfolio, das aus Werkzeugen zur Nutzung des Internets für publizistisch-produktive Zwecke dient, wäre die momentane Generation an den Schulen tatsächlich digitaler als ihre Eltern.
Geht aber leider gar nicht.
Oder nur sehr, sehr schwer, so schwer, dass auch ich auf derartige Projekte im deutschen Bildungssystem lieber verzichte, obwohl ich behaupte, ich habe das Problem mit der nicht stattfindenden Digitalität im Unterricht erkannt. Auch ich zeige lieber einfach meine Deutsche Kriegswochenschau als Stream auf dem Smartboard und behaupte, das sei jetzt ein digitales Stück Schule. Warum?
Es fehlt für digitalen Unterricht hierzulande jeder positiv ermöglichende rechtliche Rahmen, ja es ist noch paradoxer: Die juristischen Möglichkeiten und Hürden für Lehrer*innen und Schüler*innen für angewandte Digitalität sind in den letzten 10 Jahren konsequent reduziert und zugenagelt worden. Um z.B. mit einer Klasse ein YouTube-Video zu publizieren … Ähm, nein, das geht leider wirklich überhaupt nicht, denn die Server von YouTube stehen in den USA. Insta auch. Aber nur um dieses Video zu drehen wäre bereits ein solcher Verwaltungs- und Dokumentationsaufwand von Nöten, dass ich jeder Referendar*in davon abraten würde. Hier schlägt die DSGVO und das Recht am eigenen Bild dermaßen hart und unversönlich zu, dass sich Digitalität im Klassenzimmer eigentlich verbietet. Rein der vorgeschriebene formale Aufwand, der nötig ist, um einem Dreizehnjährigen rechtlich sicher ein öffentlich bezahltes Tablet in die Hand zu drücken ist dermaßen beknackt, dass man es aus guten Gründen lieber bleiben lässt und Kriegswochenschauen auf dem Smartboard vorführt. Datenverarbeitungseinverständniserklärung, Datenschutzbelehrung, Gefährdungsanalyse, Verfahrensverzeichnis, Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten … Begriffe die als Folterinstrumente für alle die gedacht sind, die versuchen mit Jugendlichen etwas Digitales auf die Beine zu stellen. Was die DSGVO an digitalem Unterrichtsmodell nicht tötet, fällt dem Komplex Urheberrecht zum Opfer, einem verordnungstechnischen Dinosaurier, den wir durch die Jahrhunderte stumpf mitschleppen. Was, wenn das Jingle für unseren Klassen-Podcast gar nicht CC ist, bzw. wenn übermorgen jemand die Rechte daran kauft? Lassen wir das lieber. Smartboard an, Doppelklick, Karikatur.
Natürlich machen das einige Lehrer*innen trotzdem, in dem sie einfach auf die Vorschriften scheißen, was eventuell das beste ist, was man mit diesem Rechtsrahmen machen kann.
Gegen diese Bremsklötze am Bildungsystem hilft es auch nicht, mit einem Digitalpakt Technik unter das Volk zu schmeißen. Man setzt sie ohnehin nicht digital ein, dafür fehlt es an der Erlaubnis. Und an Personal, das Netze und Geräte sachkundig am Laufen hält. Aber man kann so tun, als ob damit der Digitalisierung geholfen wäre.
Wir sollten Kindern beibringen, wie man eine Alexa hackt, so dass sie nur Quatschdaten sendet, wie man Smartphones per Jailbreak zugänglich für den User macht, wie man öffentlicher Überwachung entgehen kann. Jemand, der das kann, wäre ein digital Native, nicht nur ein irrelevanter weiterer User. Aber es gibt weder die Leute, die das lehren können, noch wäre so ein Unterrichtsstoff erlaubt.
Die BRD ist ergo für die Digitalität nicht bereit und hat sie längst verpennt – netzausbautechnisch, mental und – am verheerendsten – verordnungs- und verwaltungsrechtlich. Wenn eine europäische Mehrheit aus konservativen alten Menschen mit grauen Haaren verzweifelt daran arbeitet, alte, analoge Rechtspfründe in den digitalen Kosmos hinüberzuretten – Beispiel Leistungsschutzrecht -, dann hat eine digitale Orientierung der Jugend einfach geringe Chancen.
Gut möglich ist nur der Medien-Nutzer.
Aber vielleicht ist das ja kein Bug, sondern ein Feature – wer möchte schon aktive und teilhabende junge Menschen haben, wenn er auch stumpfe Konsumenten haben kann? Wer will schon eine kommende Generation, die ambitionierter und fähiger ist, als die alten, grauen Konservativen die noch immer auf dem Diesel-Mindset der frühen 90er Jahre durch die Zeitgeschichte irrlichtern?
Wer heute bei einem Bildungsministerium in der BRD Unterrichtspläne und Digitalisierungsleitfäden schreibt, hat in der Regel – das behaupte ich – keine K/D-Ratio bei Call of Duty, kann ein Pepe-le-Frog-Meme politisch nicht einschätzen, hat keinen einzigen Blog-Post bei Reddit und glaubt Disco Dingo wäre eine Pop-Band. Vermutlich müsste diese Person sogar den oben stehenden Satz mit Google für sich entschlüsseln. Natürlich teilt er diese Nichtdigitalität seiner Lebensführung auch mit den meisten 14-Jährigen, die seine Handreichungen betreffen. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her.
Eventuell kann man hoffen, dass die kommende Generation langsam begreift, dass diese Führungsebene keine Lösungen für aktuelle Probleme anbietet, sondern nur Teil des Problems ist, das sie selber nicht versteht. Dass man mit weißhaarigen Traumschiffkapiän*innen aus dem Seniorenzombie-ZDF einen digitalen Sternenkreuzer nicht steuern kann, und man eigentlich zunächst mal diese Generation kaltstellen und endlich in Rente schicken müsste. Und leider kann ich meine eigene Generation an dieser Stelle von der Erkenntnis der Taten- und Bedeutungslosigkeit nicht freisprechen. Eventuell sind die jungen Proteste gegen die aktuelle Klima- und Digitalgesetzgebung aber ein Zeichen der Hoffnung.
Aber so lange wir in selbsttrügerischen Zirkelschlüssen gefangen sind, solange wir glauben Netflix-Kucken sei digitales Leben, so lange werden wir uns weiter abhängen lassen bei gleichzeitiger Hybris bezüglich unserer eigenen Grandiosität in technischen Dinge. So lange wird das Netz die Sache einer kleinen Elite sein, die eine gehörig blödsinnige Masse williger Lemminge steuert und nutzt. Solange wird man das Internet und unsere netzfähigen Geräte ungenutzt liegen lassen, wenn die Menschen hierzulande nicht anfangen sie für das zu nutzen, für das sie erfunden wurden: produktiv sein.
Schöner wäre aber diese brave new world, wenn sie anders wäre. Jeder kann daran mitarbeiten: Schreibt, kommentiert, blogt, komponiert, dreht, modelliert-dreidimensional, programiert!
Heiliger Kerzentropfen, der Dezember! Er rauscht ungefähr so schnell an mir vorbei wie das Impeachmentverfahren an Trumps Ego und im Grunde ist er nun auch schon wieder fast vorbei. Eigentlich war ja das „Projekt Tisch“ auf Dezember geplant, aber ich bin schlichtweg nicht dazu gekommen das ganze aus der Planungsphase in das praktische Arbeiten zu heben.
Dafür gibt es aber hier eine kleine Weihnachtsschrauberei zum Nachbauen und Falschmachen für alle Interessierten: Ich habe wieder seit gefühlt 4000 Jahren für’s Christfest selbst gebastelt. Tja warum nur? Nun, weil sich meine liebe Mama schon im Sommer ein sogenanntes „Insektenhotel“ gewünscht hat und ich immer versprochen habe, ihr aus dem Wald in Frankreich einen entsprechenden Holzklotz mitzubringen. Was nie passiert ist.
Disclaimer: Im Internet finden sich zahlreiche Anleitungen und Klugscheißervideos für sogenannte „Insektenhotels“ (blödester Name seit jemand ein Klo „Watercloset“ genannt hat). Alle möglichen Insektenfreunde, Kleingartenwissenschaftler, Wildbienenzoophile und Wiesenvielfaltinfizierte erklären auf 84 Arten wie ein Stück Holz mit Löchern beschaffen sein muss bzw. wie unendlich dumm doch die meisten Bastler von Holzklötzen mit Löchern aus Wildbienenperspektive sind, sogar noch viel dümmer als ein AfD-wählender Tiefsachse. An alle Doktor*innen der Insektenhotelographie sei hier gesendet: Alle zoologischen Fehler und Sünden an diesem Stück Holz mit Löchern sind mir jetzt, wo’s fertig ist, scheißegal. Erzählt das lieber irgendwelchen Bienen auf der Wiese als im Internet.
So genug über Naturfreunde gelästert, nun zum Bastelvorgang.
(1) Man nehme einen Wald.
Das gewählte Holzstück, bereits mit zwei Schnitten versehen
Natürlich hab ich beim letzten Besuch im französischen Wald nicht daran gedacht auf Holzsuche zu gehen, also musste ich in einen Stuttgarter Wald am Kesselrand, den es ja gottseidank auch gibt und ich habe ja gerade Zeit. Allerdings habe ich dort keine von Experten vorgeschlagene „Baumtellerscheibe“ gefunden und auch eine Kettensäge, um einfach zwei Schnitte durch einen umgefallenen Baum zu ziehen, habe ich auch nicht. Dafür fand ich aber einen dicken Sägekeil (ist dass der holzfällertechnische Fachbegriff?) der von irgendwelchen Baumfällarbeiten liegen geblieben war, wohl ein oder zwei Jahre alt, also gut abgehangen für ein Stück Holz.
Erste Probleme: nach dem Reinigen erwies sich das obere Ende leider schon als ziemlich morsch, darüber hinaus zeigten zahlreich Fraßspuren und Löchlein, dass schon andere Insekten an dem Stück dran waren, die ich nicht unbedingt unterm Weihnachtsbaum haben möchte.
(2) Stichsäge, schönes Wetter.
Nachdem es dann drei Tage hundskalt und verregnet war wurde dann Anfang der Woche das Wetter endlich so, dass ich die Sägeböcke hinter das Haus stellen konnte und mit der Stichsäge an die Ecken meines Stück Baums konnte. Drei ziemlich anstrengende Schnitte später stellte ich fest:
Neue Probleme: Mit der von Hand geführten Stichsäge werden die Schnitte leider nicht so gerade, wie es gut gewesen wäre.
Erste Erfolge: So sieht das Ding tatsächlich aus wie ein kleines Haus!
Danach wurde die Oberfläche noch einmal gründlich von Staub, Walddreck und Schmodder befreit und alles Morsche und Weiche vom Baumstamm geschliffen, Darunter kam tatsächlich schönes Holz zum Vorschein, allerdings ging der Graustich von der Vorderseite nie ganz weg. Egal, used look und so.
(4) Wasserbad und Ofen
Dann kommt der Vorgang, der mein Karma sicherlich wieder etwas in Richtung Regenwurm (eher wohl Borkenkäfer, als Strafe) zieht: Thermische Holzwurmbehandlung. Hört sich geil an für den Akt, ein Stück Holz bei 85 Grad eine Stunde in den Backofen zu stellen. Zuvor wurde der Klotz noch einmal gründlich gewässert, weil ich Angst hatte, dass die Hitze die Trocknungsrisse des alten Brocken zu tief aufreißt.
Kein Braten für Vegetarier, sondern eine thermische Maßnahme
Im Grunde gehe ich vor wie die „Neues Wohnen“ in Großstädten: Alte Substanz günstig unter den Nagel reißen, etwaige bisherige Mieter mit brachialen und moralisch widerwärtigen Ideen herausekeln, den Block danach hochsanieren und aufhübschen und dann auf neue, schicke und hippe Mieter warten, die Profit bringen. Holzbock: Out, Wildbiene: Megahype.
Probleme: An einem 80 Grad heißen Holzklotz sich die Finger verbrennen, weil man keine Handschuhe anzieht. Darwin-Award.
(5) Restholz, Restlack.
Alte Farbdosen, eigentlich Sondermüll, hier Arbeitsmaterial
Das Hotel braucht ein Regendach, Ziel war es alles mit Resten, die so herumliegen, hinzukriegen. In meiner Restholzkiste fanden sich noch zwei Lattenabschnitte und ein kleines Verbundholzbrett in der passenden Größe. Zunächst bekamen die Bauholzteile einen gründlichen Anstrich mit alter Ikea-Behandla-Lasur, danach mit einem vergessenen ziemlich orangen Möbellack. Als der fertig war gab’s noch eine kräftige Schicht Sprüh-Klarlack, für den Glanz und als Oberflächenversiegelung. Auch die Oberfläche des Klotz bekommt Klarlack (wegen der Optik unterm Weihnachtsbaum), ich hoffe für Wildbienen ist das kein No-Go in der Fassadengestaltung. Ein kleines Stück Leiste finde ich auch noch, das ein Schild auf dem Dach ergibt, weil man ja am Ende wie bei den meisten meiner Werkstücke nicht erkennen wird, was es sein soll.
Orange is the new Block
Der Möbellack kommt ganz schön knallig orange rüber, bin gespannt ob das nicht zu kräftig war, das sieht man erst im Sommer im Garten …
Mehr Probleme: Eigentlich ist keine dieser Restdosen aus meinem Keller für den Außeneinsatz gedacht – wir werden sehen, wie sehr mein Dächlein der Witterung trotzen wird. Behandla braucht überraschenderweise etwa eine Legislaturperiode zum Durchtrocknen, das hat meinen Arbeitsprozess ganz schön ausgebremst.
Kleine Erfolge: Ja. Es ist tatsächlich alles da und das könnte funktionieren.
(6) Leim, Schrauben, Bohrer, Akkuschrauber
Das Dach wird auf den schrägen Anschnitt an der „Spitze“ meines Wohnblocks angeleimt, den nötigen Anpressdruck liefern die Schrauben. Achtung: vorbohren! Links und rechts sollen eine Latte zusätzlich Stabilität und schönere Gestaltung liefern, auch die werden geleimt und geschraubt. Mein gesägter Winkel an den Latten passt sogar einigermaßen, aber …
… natürlich gibt es Probleme: Der ungerade Sägeschnitt an der linken Seite verhindert ein wirklich bündig-dichtes Abschließen der Latte und warum zum Henker hatte ich die Rückseiten der Stützen denn nicht lackiert? Außerdem gibt es hässliche Lackstreifen. Und nur wer ein kleines bisschen dumm ist und verträumt vor sich hinbaut, setzt das Dach rechts bündig auf die Latte, so dass es nun links zwei Zentimeter übersteht. Da ich geleimt habe, hilft hier nur noch einmal die Stichsäge und noch einmal Lack + Farbe = Zeit. Bei Regen wird das untere Drittel der Fassade trotzdem Nass werden, aber Parterre-Wohnungen sind sowieso nicht so beliebt, also lassen wir einfach das Bohren von Wohnungen im unteren Teil.
Erfolge, immerhin: ich finde dieses Design viel hübscher als eine dämliche Baumscheibe mit Dach.
(7) Akkuschrauber, Bohrerkasten, Edding
Wenn ich es in die Wintersonne stelle und aus einem bestimmten Winkel knipse, geht es sogar einigermaßen.
Nachdem der erste Pfusch mit einem zweiten Pfusch halbwegs kaschiert wurde (leider ist mir schon wieder kein gerader Schnitt gelungen) kam endlich der Hauptakt: Löcher bohren. Laut Netz mit einem Durchmesser zwischen 4 und 10 Milimetern. Das Bohren in einen massiven Holzklotz ist auch mit einem Akkuschrauber übrigens anstrengender und zäher als gedacht, mein Maschinchen muss ganz schön ackern. Ich könnte mehr Löcher bohren, belasse es aber bei etwa zwei Dutzend. Am Schluss wird noch mein beschriftetes Hotelschild angeschraubt, das macht auch das etwas kurze Vordach einen Daumen länger.
Fazit
Verdammt, das war ja schwieriger und fehleranfälliger als gedacht! Das Ergebnis ist im Großen und Ganzen ganz hübsch, genauer hinkucken darf halt keiner, dann sieht man das, was schief ging. Und in der Sonne glänzt das alte Holz schön.
Öfters mal was basteln zu Weihnachten, Leute. Ist viel befriedigender als ein Einkauf im städtischen Weihnachtswahnsinn oder ein Paket vom Versandhandel. Braucht 10 Mal so lang und man flucht 20 Mal so oft, aber es tut gut.
Jetzt, wenige Tage vor Heilig Abend, wünsche ich mir vom Schicksal einfach drei Tage Weltfrieden für alle Menschen auf diesem Planeten.
Wenn man wie ich seit einigen Jahren in die vernarbten Wälder zieht, dann rechnet man bereits mit bestimmten Dingen, die da auf einen warten. Natürlich das Netz der Gräben und das Niemandsland der Trichter; Stacheldraht und Sperrelemente; Blindgänger aller Art; Weinflaschen ganz und in Bruchstücken („Champs de Bouteilles“); Essgeschirr, Rinderknochen, Feldflaschen; Gewehrmunition (ganz oder als verschossene Hülse); Splitter, Splitter, Splitter, meist findet man die großen, die kleinen schlummern im Humus.
Und dann gibt es immer wieder die Funde, die einen überraschen, berühren, faszinieren. Überreste, die eine Geschichte haben, die nach einer Geschichte verlangen, die zur historisch unsachlichen Spekulation geradezu zwingen, die Rätsel aufgeben. Dinge, die näher am Menschen sind, als die random rostige Granate im Wald. Funde, an die man sich lange erinnert.
Warum es mich in die tiefen, einsamen Wälder Ostfrankreichs zieht, habe ich vor geraumer Zeit hier dargelegt. An dieser Stelle geht es um die Entdeckungen, die mich nicht loslassen, um die Funde, die mich immer wieder dazu antreiben, mich auf die Spuren des menschlichen Leidens im Ersten Weltkrieg zu wagen.
Über den Fund eines Gewehrs habe ich kürzlich hier geschrieben.
Der Kutschenkasten in der Schlucht
Fundort: Verdun, Côte-du-Poivre
Große Metallgegenstände sind auf den Schlachtfeldern einigermaßen selten. Die französische Regierung hat in den zwanziger Jahren versucht, wenigstens einen Bruchteil der Kriegskosten dadurch aufzufangen, indem sie Schlachtfeld-Konzessionen an Schrotthändler vergab. Die deutschen Reparationen konnten die massiven Schäden und Vernichtungen nicht ansatzweise abdecken. Die Arbeit der Schrotthändler war gefährlich, aber die meisten große Wracks im Kampfgebiet landeten im Stahl-Recycling.
Um so überraschender war das Auftauchen des Kutschenkastens an einem nebligen Januarmorgen direkt neben einem überwachsenen Waldweg unter dem Südhang des Pfefferrückens. Natürlich sind alle Holzteile längst vermodert, welchen genauen Zweck das Gefährt hatte, dazu bin ich zu wenig Militärkutschenkenner. Eventuell verweisen die tiefen Transportkästen auf Munition ..? Hier beginnt die Spekulation, der Zwang zum Narrativ. Wie strandete das Gefährt auf dem Schlachtfeld, noch zudem auf einem der schwierigsten Gelände des Ersten Weltkriegs? Erhielt der Wagen einen Treffer, brach eine Achse, verendeten die Zugtiere? Kam die Mannschaft davon? Versuchten sie noch, die Pferde auszuschirren, erschossen sie hastig die verletzten Tiere um dann zu fliehen oder schallte das entnervende Brüllen der langsam sterbenden Pferde noch stundenlang durch die Schlucht? Oder blieb der Wagen an einem ruhigen Tag 1918 einfach im berüchtigten Schlamm von Verdun stecken und wurde aufgegeben, ganz undramatisch?
Es ist immer nur rostiger Stahl. Doch dahinter verbergen sich Dramen, Geschichten, menschliche Schicksale.
Der Fetzen Stahlhelm
Fundort: Verdun, Ravin de Bazil
Auch Helme sind selten. Neben dem erwähnten Schrottwert taugen sie wunderbar als Trophäe und Kaminschmuck. In vielen Dörfern der Region zieren deutsche und französische Helme seit Jahrzehnten die Scheunen. Gefunden habe ich bisher nur dieses kleine Stückchen.
Man hätte das Stück Eisen leicht mit einem der zahlreichen Metallsplitter auf dem Gelände verwechseln könne, die zerfetzten Ränder, die zerdrückte Struktur sind typisch für den Effekt von Explosionen auf das von uns als so hart empfundene Material Stahl. Aber das gut erkennbare „Hörnchen“ ist typisch für den Stahlhelm M1916 und auch ein Stück Umbördelung am Rand ist noch zu erkennen.
Der Stahlhelm M1916 sollte das Bild des deutschen Soldaten für alle Zeit prägen, die Helme der Wehrmacht, die Sillouhette des grausamen Deutschen, sind nur eine Abwandlung des ersten deutschen Stahlhelmes, der eigens für die Verdunschlacht im Februar 1916 auslieferungsbereit gemacht wurde. Die bis dahin übliche Pickelhaube hielt, wenn man Glück hatte, herumspritzende Steinchen davon ab, die Schädeldecke zu perforieren. Eine erstaunliche hohe Zahl der deutschen Kriegstoten gingen auf Metallsplitter zurück, die kleiner waren als eine Erbse und bis ins Gehirn vordrangen. Das Kriegsministerium führte eine umfangreiche Untersuchung typischer Kopftreffer durch und entwickelte daraufhin hoch wissenschaftlich den Stahlhelm. Eine Kugel oder einen größeren Splitter hielt aber auch der nicht ab.
Jenes Stück Stahlhelm erlitt ein übles Schicksal. Zerfetzt bis zur Unkenntlichkeit blieb es liegen. Womöglich ist es Zeugnis eines gewaltsamen Todes, ein junger Mensch hatte ihn auf dem Kopf, als ein direkter Treffer mit irgend etwas Großem den Helm zerplatzen ließ und den Menschen gleich mit ihm. Womöglich war es auch weniger spektakulär, ein junger Mann bleibt mit Lungenschuss zwischen den Trichtern liegen, röchelt noch 15 Minuten blutigen Schaum und reiht sich dann in die Armee der unbestatteten Leichen im Niemandsland ein. Das nächste Trommelfeuer zerfetzt den Leichnam und seine Ausrüstung, als letzter Rest liegt das Helmstück noch heute im Wald. Oder es geht gut aus: Der Schütze verliert den Helm beim Angriff, stolpert weiter, die Offensive bleibt im Trichterfeld liegen, bei Einbruch der Dunkelheit ziehen sich die Überlebenden in die eigenen Linien zurück, er gehört dazu, ohne Gewehr, ohne Helm, aber am Leben.
Unwahrscheinlich. Die Dinger wurden unter dem Kinn festgeschnallt.
Der Blumenteller im Stollen
Fundort: Saint Mihiel, Spada-Stellung
Nicht alle Stellen der Westfront waren so hart umkämpft wie Verdun oder die Somme. Das Spada-Wäldchen lag bequeme 2 Kilometer von den französischen Gräben entfernt, die Deutschen hatten sich auf dem Höhenzug gut verbunkert, dazwischen lag eine offene Senke mit dem zerschossenen Dörfchen Spada darin. Man wagte nie einen Angriff durch dieses perfekte gegenseitige Schussfeld. Im September 1918 werden die deutschen Bunkerlinien hastig und in letzter Minute verlassen, weil die amerikanische Offensive die Flanken des Frontbogens rasend schnell eindrückt und man sich der Gefahr der Einschließung gegenübersieht.
Als Resultat sind die Gräben, Bunker und Stollen sehr gut erhalten. In einem Unterstand im Fels liegen die zurückgelassenen Reste der Truppen, Handgranaten, Telefondraht, Offenbleche, verzinkter Maschendraht auf vermoderten Holzleisten, die einmal Betten waren. Und Splitter von Geschirr. Irgendjemand muss es doch noch zerdeppert haben. Ob’s die Deutschen beim Rückzug waren?
Militärgeschirr ist zweckmäßig und freudlos. Man isst im Feld aus verzinktem Metall, in der Ruhestellung mag es Steingut und Porzelan geben, aber auch hier legt man wenig Wert auf frohes Dekor. Der Tellersplitter mit dem klassischen blaugrünen Blumenschmuck stammt also definitiv aus ziviler Produktion. Vermutlich schleppte niemand seinen Lieblingsteller aus dem Reich an die Front; Mit ziemlicher Sicherheit stand unser Teller, als er noch ganz war, in einem französischen Bauern- oder Landhaus in der Küche. Eine französische Familie aß davon, vielleicht auch nur Sonntags, das verzierte Geschirr war oft die gute Aussteuer.
Die Franzosen wurden aus den frontnahen Dörfern evakuiert, man kann auch sagen „vertrieben.“ Man muss zugestehen, dass Sicherheits- und Schutzaspekte nicht ganz verneint werden dürfen, immerhin wurden fast alle Dörfer in Stellungsnähe bombardiert. Zu sehr dienten sie dem Feind als Stützpunkte, also legten die deutschen Geschütze die Ortschaften hinter der französischen Front flach, die Franzosen zerschossen die Häuser ihrer Landsleute hinter der deutschen Front.
Warum nicht mitnehmen, was zurückgelassen wurde, bevor es dem nächsten Feuerüberfall zum Opfer fällt? Und sei es nur ein schöner Teller um davon seine Rationen zu essen. So landet der französische Sonntagsteller im deutschen Stollen. Vielleicht.
Die Rasierwasserflasche im Wald
Fundort: Saint Mihiel, Spada-Stellung
„Karlsruhe“
Flaschen im Wald sind typische Überreste des Krieges. Wenn eine außergewöhnlich geformt ist, sollte man einen zweiten Blick wagen. Und seine deutsche Herkunft konnte dieses Fläschchen wirklich nicht verleugnen.
„F. Wolff & Sohn“ war kleiner auf der anderen Seite zu lesen. Etwa einen Viertel Liter mag die dickwandige Flasche wohl fassen. Schnaps? Likör?
Keineswegs. Die „Parfümerie- und Toilettenseifenfabrik Wolff & Sohn GmbH“ aus Karlsruhe war bis 1973 ein bedeutendes Kosmetik- und Seifen-Unternehmen. Sie ging dann im Schwarzkopf-Konzern auf. Das Fläschchen mag wohl einmal Rasierwasser beinhaltet haben, zumindest scheint mir das am ehesten im Frontbereich wahrscheinlich. Während die Franzosen ihre Soldaten „Poilu“, also „Haarige“ nannten, war der Deutsche demnach gut rasiert. Vielleicht gehörte das badische Aftershave aber auch eher einem Offizier, der auf ein gepflegtes Äußeres noch stärker wert legen musste, als ein Mannschaftsdienstgrad. Irgendwann war die Rasierwasserflasche leer, hoffentlich hatte die Frau in einem Paket Nachschub geschickt, die leere Flasche wanderte in den Müll. Weil sie dickwandig ist, ist sie bis heute unversehrt.
Bezeichnenderweise war der Frontabschnitt Spada 1917 tatsächlich drei Monate von einem badischen Regiment besetzt.
Ein Stück Luxus im höllischen Weltkrieg. Ein süßer Hauch zivilen Lebens im Gestank der Schlachtfelder.
Die Schuhsohle neben den Granaten
Fundort: Hartmannswillerkopf
Leder ist ein zähes Zeug.
Der Hartmannswillerkopf im Elsass schaut bis heute prominent auf die Rheinebene hinaus. Dadurch war der Berg strategisch von hohem Wert, zudem symbolisch, weil dort französische Truppen auf Reichsgebiet standen. 1914 und 1915 fanden hier zahlreiche extrem blutige Schlachten statt. Obwohl vermutlich die Gefallenenzahlen in der Legendenbildung um den Berg stark übertrieben wurden, hat der Vieil Armand (so der französische Name) den Beinamen „Menschenfresser“ verdient.
In einem Kiefernwäldchen liegen neben einem alten Baum zwei deutsche Handgranaten. Ihre Holzstiele mit der Zündschnur sind längst verfault, ihre recht dünnen Metallköpfe löchrig gerostet, so dass man sie mit einiger Vernunft als nicht besonders riskante Blindgänger einschätzen kann. Daneben fallen die braunen Lederfetzen auf dem Waldboden erst beim zweiten Blick auf: Ein Stück Sohle, etwas bröckliges Obermaterial, ein sohlenförmiges Lederband, fein für den Nähfaden perforiert.
Die Reste eines Soldatenstiefels.
Wer zieht auf einem Schlachtfeld seine Schuhe aus? Irgend ein grummeliger Landwehrmann, der sich jetzt gleich um die lästige Blase am großen Zehen kümmern muss, und dann von einem Kugelhagel verscheucht wird, mit nacktem Fuß fliehend? Oder war der Stiefel einfach durchgelaufen, flog über die Grabenwand, nachdem der glückliche Empfänger ein neues Paar von Vater Staat in Empfang nehmen durfte?
Ich fürchte, die wahrscheinlichste Story hinter einem Stück Schuh – und man findet sie gelegentlich – ist viel düsterer. Niemand zieht seine Schuhe auf dem Schlachtfeld aus. Sie bleiben an und zwar über den Tod hinaus. Der Rest des Trägers ist verwest, wahrscheinlich hat jemand nach dem Krieg die dickeren Knochenreste – Schädel, Schenkel, Oberarme – aufgelesen und auf einen der zentralen Soldatenfriedhöfe geschafft, vielleicht auch den Helm und das Gewehr mitgenommen. Zurück bleiben die alten Granaten im Gürtel und die langsam verrottenden Schuhe.
Als Robert Ballard 1985 das Wrack der Titanic entdeckte, stellte die Forschercrew fest, dass von den Ertrunkenen in vielen Fällen nichts übrig war, als ein Paar Lederschuhe auf dem lichtlosen Grund des Atlantiks.
Der Bierkrughenkel an der Feldküche
Fundort: Sainte-Marie-aux-Mines, Chena-Wäldchen
Die Westfront hat einen typischen Aufbau: Vorne die Kampfgräben, meist im Zickzack gebaut (wegen den Explosionen), verbunden durch Laufgräben, gestaffelt in drei Reihen, falls es dem Gegner gelänge die vorderste Linie zu erobern; davon ins Hinterland führend: Annäherungsgräben, so dass die Ablösung einigermaßen sicher durch den Beschuss kommt, und dahinter, an beschusssicheren Stellen, die Infrastruktur: Verbandsplätze, Kommandoposten, Feldküchen, Munitionslager, Ruhestellungen. In flachem Gebiet liegen zwischen Frontlinie und Ruhestellung viele, viele Kilometer. Im bergigen Elsass reicht schon der nächste, frontabgewandte Abhang, um vor den gegnerischen Granaten Ruhe zu haben.
Die rückwärtigen Stellungen sind oft sehr fundreich. Der Zerstörungsgrad von Dingen ist dort deutlich geringer als im Kampfgebiet. Hier wurde viel weggeworfen oder einfach liegen gelassen.
Der Chena-Wald hoch über dem winzigen Örtchen Wisembach war 1914 und 1915 von bayerischen Pionieren besetzt. Wie um einen Witz auf das Klischee des bayerischen Mannes zu reißen, liegt bei einer Feldküche zwischen Rinderknochen und Flaschenscherben eine elegant geschwungener Bierkrug-Henkel, von der Größe her vermutlich sogar ein Maßkrug.
Alkohol war wichtig im Leben der Soldaten des Ersten Weltkriegs, auf allen Seiten stellte er neben Karten, Würfeln und Gesang das einzige regelmäßig zu bekommende Vergnügen dar. Die Armeeführung wollte keine besoffenen Soldaten, aber noch weniger wollte sie mehr Meutereien wegen „schlechter Verpflegung.“ Offensichtlich gab es sogar Glas-Bierkrüge bei den Bayern. Ob das eine Art Standard-Ausstattung bayerischer Feldküchenwagen war („50 Bierkrüge zu 1 Liter“) oder ein seltenes Einzelstück, das seinen Weg an die Front fand, entzieht sich meiner Kenntnis. Fest steht nur: jemand hat einmal daraus getrunken, hat versucht mit Bier die insgesamt beschissene Situation etwas zu mildern.
Wie ging unser Bierkrug zu Bruch? War der Hang gar nicht so sicher, gab es doch Granatfeuer, zerschoss unsere bayerische Maß ein französischer Granatsplitter? Warf ein gestandenes bayerisches Mannsbild im Zorn auf den hundsblöden „Saupreußen“ von Kaiser (ich halte diese Einschätzung für historisch fundiert) den Krug besoffen gegen den nächsten elsässer Fels? Oder rutschte er simpel dem Küchenbullen beim Spülen aus der Hand und knallte auf den harten Boden?
Was immer es war, einstmal hielt ihn die Hand eines Betroffenen / bzw. Besoffenen. Und schön geformt ist er auch noch heute, nach 100 Jahren.
Das Medizinfläschchen im Müll
Fundort: Argonnen, oberhalb von La Harazee
Auch im Stellungskrieg gibt es einen Platz für Dinge, die nach Gebrauch einfach weggeworfen werden. Meist liegen diese Abfallhalden mittlerweile unter dem Waldboden. In den Argonnen wurde vor einigen Jahren eine ganze Lichtung in den Wald geschlagen, Sonne, Wind und Regen haben dort den Humus größtenteils abgetragen, zum Vorschein kommt der kalkige Fels, der schon 1914-1918 dort heraus sah. Zwischen bröckeligen Konserverdosen, Draht und kleinen Knochen liegt ein Medizinfläschchen. Eine sorgfältige Entziferung der Schrift auf der Flasche ergibt: „Alcool de MENTHE DE RICQLÈS.“
Also Alkohol mit Minze. Tatsächlich lässt sich mit einiger Recherche feststellen, dass der Minzalkohol von Ricqlés eine beliebte Hausmedizin in Frankreich war. Viele Soldaten baten in Briefen ihre Angehörigen zu Hause darum, ihnen in den Frontpaketen Minzalkohol dieser Marke zu schicken. Warum?
Das Mittelchen galt als Helfer gegen Verdauungsbeschwerden, Apetitlosigkeit und Übelkeit. Dass der Militärfraß und der Stress sicherlich der Verdauung nicht zuträglich waren, versteht sich von selbst. Allerdings ist wieder die Story hinter dem Fundstück womöglich düsterer und morbider als rein das.
Das Schlachtfeld stank gottserbärmlich. Nach Verbrannter Erde, Holzrauch, fauligem Wasser in Trichtern; nach Fäkalien und Urin aus den Latrinen. Nach Sprengstoff und Gas. Und wenn es besonders schlimm war, im Sommer, nach verfaulenden Kameraden und Feinden im Niemandsland, deren Verwesungsbrodem der Wind in die Gräben trug, wo er schwer wie ein Leichentuch auf Riechorganen und Gemüt lastete.
Natürlich ist unter Gesichtspunkten der modernen Medizin, die magenheilende Wirkung des Minzalkohol zweifelhaft. Aber wenigstens war es hochkonzentrierter Alkohol, der möglicherweise die Sinne etwas betäubte. Als sein Fläschchen leer war, warf es der Poilu auf den Müll. Wie es wohl danach für ihn weiterging?
Die Kalksteinplatte an der Mörserstellung
Fundort: Verdun, rückwärtige Stellung am Toten Mann
Sicherlich der rätselhafteste Fund der Sammlung. Und alleine, dass mir die Kalksteinplatte zwischen den vielen anderen kalkweißen Splittern an dem Hang in meinen Blick geriet, ist Wunder genug.
Der Mort-Homme am linken Maasufer war auf Karten vor dem Krieg mit 295 Metern verzeichnet, heutzutage nur noch mit 285 Metern Höhe. Alleine das zeugt von der Heftigkeit der Kämpfe um die Anhöhe. Auf der Hügelkette dahinter legten die Deutschen ein zweites Stellungssystem an, falls es dem Gegner gelingen sollte die Gräben am Toten Mann und auf der Höhe 304 komplett einzunehmen. Im Wald hinter dem Dörfchen Béthincourt (im Krieg zerstört) finden sich noch zahlreiche Gräben und Artelleriestellungen, von denen aus das gnadenlose Feuer auf den Mort-Homme geleitet wurde.
Irgendjemand hat dort auf einer für die Höhenzüge typischen Kalksteinplatte drei Kreise gekratzt. Sie sind regelmäßig angeordnet, einer ist sehr tief, einer mittel und der dritte nur leicht angeritzt.
Was war das? War es eine Art Spielbrett für die Soldaten? Ein mir unbekanntes Erkennungsschild für einen Lagerplatz? Einfach nur ein Zeitvertreib für die Langeweile, die durchaus oft über den Schützengräben hing?
Oder ist auch hier wieder die Entstehungsgeschichte düsterer, ein Soldat versucht im Trommelfeuer nicht dem Wahnsinn zu verfallen, er nimmt einen Nagel oder eine Patrone und sagt sich: Ich kratze so lange Kreise in dieses Stück Kalk bis es aufhört oder ich tot bin.
Hier lässt sich nun wirklich gar nichts mehr erraten. Es ist nur sicher, dass ein Mensch dieses Stück Stein bearbeitet hat, ihm seinen Stempel aufdrückte, an einem natürlichen Objekt eine Art Kulturprägung vorgenommen hat.
Und damit stellt die Kalkplatte eine ziemlich gute Metapher auf die alte Westfront insgesamt dar.
Die Spuren, die wir von 1914-1918 hinterlassen haben, werden länger zu sehen sein als die Mona-Lisa, der Kölner Dom, die Freiheitsstatue, vermutlich sogar länger als die chinesische Mauer und die Pyramiden. Selbst wenn dieser Planet irgendwann nur noch eine hitzeflirrende Steinwüste wäre, könnten außerirdische Archäologen uns als kulturschaffende Zivilisation noch feststellen, an den Narben im Boden, die wir unserer Heimat geschlagen haben. Es ist sehr bezeichnend, dass das prägendste und größte Kulturdenkmal des Menschen ein Weltkrieg ist.
Eine Art Tor zwischen Welten, einer der wenigen Kultplätze in der heutigen Zeit, an dem sich das magisch-animistische Weltbild des voraufklärerischen Europas noch entdecken lässt.
Wer jetzt glaubt, dass ich die Bar, einen Tresen zum Picheln, ein wenig zu hoch hänge, der hat noch nie hinter einer solchen gearbeitet.
Stellen wir zunächst fest, dass eine Bar ohne Zweifel ein trennendes Element ist, sogar eine Art massive Barriere; denn so sehr sie notwendig ist, damit Gäste ihr Getränk dort abstellen oder ihre Brieftasche nach dem letzten 10er durchwühlen, so sehr hält sie gleichfalls Trinkende vom Trinkgut ab, so lange nicht eine Vermittlungsinstanz, eine Entität der Grenzüberschreitung, also der Barmensch als Vermittler zwischen dem Diesseits der Trinkenden und dem Jenseits der Kühlschränke, Zapfhähne und Flaschenregale auftritt. Eine Schranke. Niemand käme auf die Idee, ungefragt einfach hinter den Tresen einer Kneipe zu laufen und sich ein Bier zu zapfen.
Gleichzeitig aber – und jetzt beginnt die Magie – ist die Bar auch ein Mittel der Grenzüberwindung, ein Kulminationspunkt von unterschiedlichsten existentiellen Aggregatzuständen, ein Katalysator, der die Synthese zwischen diversen Menschen beschleunigt. An der Bar kommt man sich näher, alleine, dass dieses Möbelstück einer ganzen Sorte von Trinkstätten einen Namen gibt, und zwar der Sorte, in der klischeehaft alleintrinkende Frauen und Männer nach Gesellschaft schielen, legt von dieser verknüpfenden Eigenschaft der Theke beredetes Zeugnis ab. Aber auch alleine der Akt der Kontaktaufnahme zum Barpersonal – also der Vorgang des Bestellens – reißt diese Grenze ein und sorgt dafür, dass ein Abglanz des Zapfhahns in die eigene Biographie des Abends integriert wird.
Die Bar: Mauer und Vereinigungsangebot in einem.
Seit etwa zwei Monaten betreibe ich nun gelegentlich bei abendlichen Veranstaltungen des KKT, des Kulturkabinetts Stuttgart, die kleine Bar in den Vorführräumlichkeiten und ich muss offen gestehen, dass ich den Job mittlerweile sehr liebe. Man muss natürlich vorrausschicken, dass der betreffende Tresen für eine ganz kleine Bar außergewöhnlich hübsch ist, mit bunten, leuchtenden Glasbausteinen als Front, alles selbst gebaut, wie die KKT-Mitarbeiter voll Stolz betonen. Zwei Leute passen bequem dahinter, bei drei wird’s schon eng, aber sie sehen dabei echt gut aus. Aber selbst wenn meine Theke optisch fad wäre, wäre Barmann immer noch eine sehr schöne Tätigkeit.
Es ist der Vorgang des Ausschenkens und das damit verbundene vorgehende Ritual: Getränkebestand vorher checken, nachfüllen, Teelichter aufstellen und anzünden, den Bestand an Gläsern aus der Spülmaschine wieder aufstocken. Ein bisschen selbst wie die Vorbereitung auf ein Date, nur dass man ein Date mit einer Rolle haben wird, eben der des Barmanns. Vielleicht ist es auch eine Art klerikale Investitur im Dienst am Getränk.
Der Barmann (ich behaupte Barfrau sein wäre ganz ähnlich, Erfahrungsberichte dürfen gerne in die Kommentare), der Barmann ist allseits beliebt, zumindest wenn er sich einigermaßen ok benimmt, denn er versorgt alle mit Getränken. Der Barmann muss andererseits aber auch allen Belangen zuhören, denn im Grunde ist er ja hinter seiner Theke fest installiert, er kann nicht weg. Als Barmann kann man sich schlecht weigern. Man will es auch gar nicht mehr. An einem Abend sieht der Barmensch alle Sorten von Leuten durch seine Hände gehen.
Man stellt sich auf jeden ein.
Automatisch habe ich mir mittlerweile eine Theken-Mentalität zugelegt. Ich höre immer zu und antworte freundlich. Ich höre sogar wirklich zu, was man im echten Leben von mir nicht immer verlangen kann, da muss Vortäuschen oft ausreichen. Aber in dieser Position wäre nicht Zuhören unangebracht. Viele Gespräche beziehen sich rein auf den Vorgang des Getränke-Überreichens und Kassierens, manche gehen weit darüber hinaus und entwickeln weltanschauliche Tiefe. Auch Flachheit. Ich habe mich bereits über Heavy-Metal-Getränke der 80er Jahre, die Cannstatter Papageien, und die erstaunlich hohe Qualität von Weinen aus dem Tankstellen-Sonderangebot unterhalten. Immer versuche ich so weit es irgendwie geht bestätigend zu sein, auch wenn ich beim Thema völlig ahnungslos bin – ein wenig wie ein Irrenarzt aus einem alten Schwarz-Weiß-Film. So sind nun mal die Regeln.
Es gibt auch – selten – Leute, die haben einen Schuss und/oder nerven mit ihrer Art. Tatsächlich scheint der Barmann eine Art Anziehungspunkt für verlorene Seelen zu sein. Ich schätze, über kurz oder lang muss ich ein Witzblatt-Gespräch führen, in dem sich jemand von seinem Ehepartner nicht verstanden fühlt. Man kann aber immer darauf setzen, dass zeitnah der nächste Kunde kommt und einen aus schrägen Konversationen erlöst.
Ich mag meine Barguy-Persönlichkeit.
Wein einschenken, zu allen nett sein, ab und zu ein Witz, wenig Meinung, viel Getränk. Letztendlich ist ein Tresen auch nur eine unendlich verlängerbare Achse, um die sich das Universum dreht. Und ich stehe am Glasscheiben-Kühlschrank und lächele freundlich am Drehpunkt der Dinge.
Schaut ruhig mal vorbei. Ihr werdet feststellen, dass ich bei dieser Tätigkeit ein sehr angenehmer Mensch bin. Ich, an meinem transzendenten Tor-Schranke im Mittelpunkt des Universums.
Update, 02.01.2020: Rückkehr zu einer Landgemeinde
Wie die Epic-Empires-Orga am, 19. Dezember meldete zeichnet sich eine vorläufige Lösung der Probleme zwischen Behörden und LARP-Veranstalter ab.
Zwischen Pächter, Stadt und übergeordneten Behörden scheint es jetzt zu einer Eingung zu kommen, die zumindest einen Verbleib auf dem Utopion für das Jahr 2020 ermöglicht. Eventuell hat auch ein großes Presse-Echo dazu beigetragen, dass man sich von Seiten der Offiziellen jetzt an einen Lösungsversuch der Misere macht.
Damit ist mir zunächst ein großer Stein vom Herzen genommen – nicht nur, dass es für mich wahrscheinlich ein Wiedersehen mit dem kleinen Bexbach gibt, auch muss das Epic Empires nicht umziehen. Für Außenstehende ist es nur schwer nachzuvollziehen, wieviel Zeug eine LARPer-Gemeinde auf und neben einem Großcongelände eingeweckt hat, Insidern wird wohl alleine beim Begriff „Waldfundus“ schlecht, wenn sie darüber nachdenken, wie das Material von Bexbach nach X kommen soll. Soweit so gut, auch die Damen beim Zöllner sehe ich also wieder. Schön.
Unklar ist aber wohl nach wie vor, wie die weitere Zukunft der Großcon aussieht und ob man für spätere Jahre nicht doch noch die Location wechseln wird, weil auf dem UTOPION-Gelände verordnungstechnische Bremsklötze nicht komplett beseitigt werden können. Das bleibt jetzt also abzuwarten. Auch die politische Provinzposse zwischen Partei-Ortsvereinen scheint nicht beigelegt zu sein, sofern ich das aus dem fernen Schwaben bei der Lektüre saarländischer Zeitungen einschätzen kann.
Mir am liebsten wäre natürlich, das Epic könnte für alle Zeit auf dem Utopion bleiben. Offensichtlich waren wir beim letzten Event derart vorbildlich, dass der von uns im Landschaftsschutzgebiet zurückgelassene Müll von 1000 LARPern nach der Con in einen A5-Beutel passte. (Quelle)
Das soll uns die SPD Bexbach beim Thema Landschaftschutz mal nachmachen.
Dennoch: Allen Beteiligten, die sich für eine Lösung der Verwaltungswirren eingesetzt haben, sei mit gezogenem Eisenhut und angelegter Latex-Langwehr gedankt.!
seit nunmehr über 10 Jahren komme ich nun in eure Kleinstadt an der Autobahn, die etwas vernachlässigt zwischen Homburg und Saarbrücken liegt. Ich bin ehrlich: Ich fand Bexbach nie schön oder sehenswert, aber aufgrund der vielen positiven Erlebnisse, die ich mit eurer Stadt verbinde, habe ich die kleine Gemeinde doch irgendwie lieben gelernt.
Ich bin LARPer.
Aber nicht nur das Utopion-Gelände, mit den Wäldern, den Steinbrüchen, dem wunderbaren Bach, den sanften Hügeln liebe ich inniglich. Ich habe auch in eurer Eisdiele auf dem Marktplatz gegessen, in der Pizzeria, beim Zöllner Brot und Käsewecken gekauft, bei Rewe, Lidl und Real Lebensmittel und Wasser besorgt, auch eine Badehose, ein Handtuch oder ein T-Shirt aus eurem Handel liegen noch in meinem Stuttgarter Kleiderschrank. Zum Baumarkt mussten wir ja immer nach Homburg, aber wenn es ging, versuchten wir die lokale Wirtschaft zu fördern. Mit vielen Bexbacher*innen hatte ich dabei freundliche Kontakte. Zu den Bäckereiverkäuferinnen an der Hochstraße, zu der Dame hinter der Esso-Kasse daneben sagte ich im August, wie jedes Jahr, seit über 10 Jahren: „Bis zum nächsten Jahr – ich freue mich.“
Über dieser Erinnerung liegt jetzt leider ein Schatten der Ironie. Vermutlich wird es kein nächstes Mal geben, keinen nächsten Einkauf, keinen nächsten Eisbecher, keine nächste Tankfüllung für die Rückfahrt.
Bexbach, was ist bloß los mit dir?
Du willst mich nicht mehr, als Kunden, als Hobbyisten, als Freizeitgestalter. Und das hat man, bei aller Zuneigung zu dir als Städtchen, in den letzten Jahren gemerkt. Denn langsam aber sicher hast du uns, als EPIC EMPIRES-Gemeinde, die Atemluft und den Spaß an der kreativen Freiheit abgedreht.
Wer sich erinnern kann, wie ungebunden wir 2009 auf dem Gelände waren, der hat Bexbach 2019 kaum noch wiedererkannt. Nicht vom Stadtbild her – da hat sich nicht viel getan – sondern von der vorherrschenden Atmosphäre.
Regeln, Verbote und Beaufsichtigungen und ja, wohl auch Verwaltungschaos – das ist kein gutes Konzept für einen Standort, der um Gäste etwas kämpfen muss, weil andere Ziele im Saarland bekannter sind als, nun ja, als Bexbach, ein Ort, bei dem ich meinen Freunden hier immer erklären muss, wo das liegt. Aber gerne halte ich mich an die Regeln. Ich habe meine Feuerstelle nach Vorschrift gebaut und abgesichert, ich bin nicht mehr zum Bach gegangen, ich habe Feuchtwiesen und Sperrzonen respektiert und ich habe Holzstückchen aus der Wiese am Übhaus mit den Fingern gepult, weil man das so von mir wollte. Aus Zuneigung zu diesem Ort.
Aber diese miesepetrige Koalition aus Vogelschützern – der BUND scheint mir in Zeiten von globalen Bewegungen wie „Friday for Future“ doch etwas von der momentanen Ökologiediskussion abgekoppelt – und verständnislosen Lokalpolitikern, Bexbach, das sage ich dir ehrlich, das war für mich menschlich schwierig. Dieses Grundmisstrauen, das mir als bravem Menschen entgegenschlug, das hat den Sympathiegehalt doch irgendwie gemindert. Dazu kamen besorgte Bürger, die bei Begehungen vor Ohrenzeugen aus unseren Reihen äußerten, ich, als Liverollenspieler, sei so etwas wie eine Sünde an der Natur. Große Fragezeichen tun sich da auf, auch wegen der stilistisch unangenehmen Nähe zur wöchentlichen Pegida-Demo auf dem Stuttgarter Schlossplatz, und nein, liebe Bexbacher, das brauche ich nun in meinem Urlaub wirklich nicht.
Bexbach, was ist los mit dir?
Wo ist die Freiheit um deine Hügel hin? Um ehrlich zu sein, nach dieser Äußerung war ich mir nicht mehr sicher, ob ich deinen Gewerbetreibenden, liebes Bexbach, noch mein Freizeitbudget anvertrauen möchte. Ich fühle mich als Kunde nicht mehr gut behandelt. Und wie kürzlich zu lesen war, geht es unserer ganz fantastischen Epic-Orga da leider ähnlich. Und jetzt dämmert das Ende einer langen, meist schönen Beziehung. Aber irgendwann geht die Liebe weg und man trennt sich.
Wir waren 1300 Brötchenkäufer, Getränkebedürftige, Grillgutbezieher, 1300 potentielle Gäste für Freibad, Restaurants und Cafes. Einige von uns sollen gerüchteweise sogar im Hotel geschlafen haben, weil das Alter zu Wohlstand und geringerer Verträglichkeit von Zeltnächten führt.
Bexbach, was ist los mit dir?
Ein neues Großveranstaltungs-Gelände, das findet sich nicht so leicht. Das zeigt, wie unerträglich für die EE-Orga die Planungsunsicherheit mit euren Behörden und Gemeindevertretern geworden sein muss. Aber andere Städte leben vor, wie es geht, und ja, auch da sind wir ehrlich, wie es besser geht, als ihr es am Schluss noch konntet. Brokeloh in Niedersachsen und Wacken in Schleswig-Holstein, da hätte man sich mal erkundigen können, wie man aus Horden von Gästen ein Medienereignis und eine Trademark für kleine Orte macht. Aber ehrlicherweise sind das auch noch mal mehr Besucher als völlig vernachlässigenswerte 1300 Gäste mit Geld in der Tasche.
Bexbach, ich möchte nicht so bitter enden, wie ich in einigen Absätzen wurde. Ich wünsche dir alles Gute, deiner staubigen Dorfstraße mit den Kleine-Leuten-Siedlungen dahinter, dem kleinen Zentrum – möge es dir wohl ergehen! Viel Glück mit deinen öffentlichen Vertretern und den Aktivisten in deiner Mitte – möge das alles gut für dich enden.
Aber ich, ich werde, so Gott will, mit den Anderen, die über 10 Jahren zu deinen grünen Hügeln kamen, mein Glück in meinem Hobby wohl woanders suchen.
Titel sind typischerweise „Ich als Ressource“, „Antistresstraining“ oder „Resilienz im xxx-Beruf.“ In den letzten Jahren spült die Fortbildungstimeline zunehmend Kursangebote mit solchen oder ähnlich schönen Überschriften auf die Vorschlagsliste, die einladend so wirken, als würden sie mir das Berufsleben leichter und weniger anstrengend gestalten.
Ich weiß nicht, ob dieser Trend nur mein Berufsfeld betrifft. Ich fürchte nicht.
In der Regel, so schwant es mir, sitzt man einem krassen Lockvogel auf, der von einem Klingelton-Abo, Pay-to-win-Game-Hoster oder E-Zigaretten-Werber nicht perfider formuliert hätte werden können. Auf dem freundlichen Titelblatt sagt man dir: „Du lernst wie dein (Berufs)leben leichter wird.“ Auf der Botschafts-Ebene am Ende des Lehrgangs steht: „Du musst dich optimieren.“ Du. Dich.
Denn das Problem bist Du.
„Sie müssen sich immer sagen: Am System können Sie ohnehin nichts ändern.“ Ich weiß nicht ob dieser Satz auf einer Resilienz-Fortbildung genau so wörtlich fiel, wie ihn die Kollegin kolportierte. Aber von der grundsätzlichen Idee hinter dieser Fortbildungssparte passt diese Haltung wie die Faust aufs Weltbild.
Die Fortbildner*innen haben das Stewardessen-Lächeln gelernt, das Fach-Vokabular drauf und wissen, wie man empathisch Leute abholt und für sich einnimmt. Aber im Kern geht es immer um Selbstoptimierungsimpulse für das Personal. Du musst das verbessern, du musst Jenes neu organisieren, du musst deine Einstellung zu dir und deinem Beruf polieren, du musst besser, effektiver, kosteneffizienter für deine Dienstherren sein, du musst mehr Arbeitsleistung für dein Gehalt raushauen. Dass du Stress hast, ist deine falsche Taktik. Dein Fehler.
Fortbildner*innen sind vergleichsweise günstig und der Arbeitsleistungshebungseffekt billig erkauft. Damit es irgendwann besser geht, musst du tun, was wir empfehlen.
Moment mal, funktionieren Sekten nicht ein wenig auf der selben Argumentationsschiene?
Egal, du musst effektivere Stressbewältigungsstrategien entwickeln, denn „am System können Sie sowieso nichts verändern.„
Mir, als Demokraten, geht bei einem solchen Satz auf gut Schwäbisch das Messer in der Tasche auf, ach was, eine ganze Bazooka klappt sich hoch, wenn eine der Demokratie verpflichtete staatliche Institution Ihren Beschäftigten solche Weltbilder predigt.
Am System können wir etwas verändern. Hier, in der westlichen Welt. Als mündige Bürger eines Staates mit verbrieften Rechten. Shit, wir hätten geradezu die Pflicht dazu.
Denn in der BRD optimieren wir als Bürger Staat und Gesellschaft, nicht er uns als Arbeitskräfte. Und es ist geradezu erschreckend, dass ein Bildungsministerium, das großgestig einen „Leitfaden Demokratiebildung“ für die Schule zusammentippelt, dann auf Stressbewältigungskursen die resignative Unveränderlichkeit der Bedingungen propagiert.
Und das Problem, dass du dich gestresst fühlst, das bist ja auch meistens gar nicht du. Du fühlst dich ja nicht von dir selbst gestresst. Der Stress, der kommt von Ressourcenmangel, überforderten Vorgesetzten, verfallenden Investitionsgütern, problematischen Kund*innen und renitenten Eltern. Von Forderungen und Überforderungen, die an dich herangetragen werden, weil die ganze Sache eben von vorneherein Scheiße funktioniert und am Auseinanderfallen ist.
Weil man mal wieder das System optimieren müsste.
Aber das ist halt leider teuer. Fortbildner*innen mit eingefrorenem Zuckerlächeln sind im Vergleich viel günstiger. Dabei wäre die logische Strategie, wenn Stress von außen auf uns einprasselt, doch nicht sich zu überlegen, wie ich diesen Forderungen erholter begegne, sondern wie ich mir die Quellen des Ärgers besser vom Leib halte. Sich wegducken statt freundlich anzulächeln. Sich im Schneesturm auf die andere Seite des Deichs stellen, anstatt mental daran zu arbeiten, die Kälte zu ertragen.
Ich habe allen Resilienz-Versuchten einen Gegenvorschlag anzubieten. Vergesst die Kurse mit Butterbrezeln und Kaffee. An euch ist im Grunde nichts falsch, und wenn ihr wirklich den Eindruck habt, mit euch stimme was nicht, dann wendet euch an eine professionelle Therapeut*in, die weiß, was sie tut.
Falls ihr zu dem Schluss kommt, das ihr selbst als Tätige eigentlich ganz in Ordnung seid, und dass das, was euch zu schaffen macht, von Kräften außerhalb eures eigentlichen Selbstbestimmungsbereiches kommt, dann macht euch an die Optimierung des Systems.
Der erste Anfang wäre, öfters den Mund aufzumachen, Haltungen nicht nur mit den besten Freund*Innen gekränkt zu vertuscheln und auf Sitzungen und in Gremien seine Stimme zu erheben. Und sich die verdammte Enthaltung bei Abstimmungen zu verbieten und sein inneres Ja und Nein wieder zu entdecken.
Denn so läuft es in einer Demokratie.
Es gibt Parteien. Es gibt Berufsverbände. Es gibt Gewerkschaften. Es gibt gemeinnützige Vereine. Als Interessenvertretung, als Mehrheit können wir Dinge gestalten. Auch um- und anders. Viel zu viele legen resignierend jegliches öffentliches Leben beiseite und emmigrieren in die private Küche. Cocooning und Scheuklappen als vorletzte Station. Am Ende steht die Selbstoptimierung, um für andere besser zu sein, als für sich selbst. Besser wäre es um unser Wohlbefinden bestellt, wenn mehr es wagen würden, sich mit anderen für Dinge zu engagieren. Denn das Stewardessen-Lächeln ist am Ende immer ein Fake: Wir können etwas an ihrem System verändern.