Into the great wide O

Donnerstag, 24.10.2019

Es beginnt. Zwölf Uhr, die Reisetaschen sind gepackt und es ist höllenviel Scheiß. Drei Wochen Segeln ist fast so etwas wie Umzug. Morgen muss ich die beiden tonnenschweren Taschen von der Haustür 500 Meter bis zur S-Bahn schleppen, davor graut mir jetzt schon.

Ohnehin ist gerade das dominierende Gefühl bei mir die Sorge. Das ist tragisch, ich weiß, im Grunde sollte man sich auf 22 Tage auf See mit Vorfreude, hoffnungsvollen Erwartungen und abenteuerlustiger Sektlaune vorbereiten. Aber im Moment kann ich damit nicht dienen.

Das Reisegepäck türmt sich und muss irgendwie in zwei Taschen. Dumm gelaufen.

Dabei Sorge ich mich nicht einmal um Stürme, leckgeschlagene Mietyachten oder tyrannische, mir völlig unbekannte Mitsegler. Das gesamte „So ein Scheiß“ – Gefühl erstreckt sich von dem Moment, an dem ich aus der Haustür bin, bis zu dem Moment, wo die „Baltica“ lostuckert. Aber bis dahin:

  1. Hab ich an alles gedacht? Das letzt mal an Pfingsten hatte ich ausgerechnet die Segelhandschuhe vergessen, und musste mir dann am ersten Morgen in Athen neue kaufen. Na ja, jetzt hab ich halt „gscheite“, und weil ich keine Rechnung wollte, waren sie sogar 10 % billiger, ihr kleinkriminellen Griechen.
  2. War es eine gute Entscheidung, die Gummistiefel und die Hose vom Ölzeug zuhause zu lassen? Heißt das nicht unweigerlich, weil sie jetzt nicht dabei sind, wirft uns ein gehässiges Schicksal eine Kaltfront mit Sturmböen entgegen, so dass das Deck nur so mit Brechern geflutet wird und ich mit eiskalten Zehen und klammer Hose mir mein Ölzeug unten rum herbei sehne? Aber die Gummistiefel wiegen gefühlt 8 Kilo und mein Gepäck ist jetzt rippelrappelvoll. Punkt.
  3. Klappt das mit den Anschlüssen? Vor allem weil ich von Stuttgart nach Frankfurt wieder dummerweise die deutsche Bahn als Reiseelement zwischengeschaltet habe, die sich beim letzten Versuch als zuverlässige Problemmacherin für Reisende erwies. Warum tue ich so was schon wieder?

Vor allem: Sei wann ist Fliegen eigentlich so scheiße geworden?

Klimatechnisch ja ohnehin. Wenn ich diese blöden Flüge nicht relativ hirnlos bereits vor acht Wochen gebucht hätte, würde ich heute sagen: Fahr mit dem Zug, Achim. Für’s Gewissen und weil du ja Zeit hast und dann siehst du was von Frankreich und Spanien. Das heißt, sobald du aus dem Zuständigkeitsgebiet der Deutschen Bahn raus kommst, wird’s schön, siehe Punkt 3. Jetzt habe ich aber die Flüge eben schon bezahlt.

Früher, wenn man flog, gab man relativ viel Geld dafür aus und dann war alles klar und komfortabel. Heute ist diese Art zu reisen viel zu billig und ein Ärgernis. Sich durch den Tarifdschungel der Flugportale zu klicken, sich im Netz Tickets zu kaufen, sich online einzuchecken und endlose Daten in Masken einzugeben, ist in etwa so erfreulich wie sich ein totes Frettchen ans Knie zu nageln. Zuerst hatte mir das eine Billig-Portal eine ungewollte Reiserücktrittsversicherung untergeschoben (irgendwo auf der 12. Seite ein Kästchen mit Haken versteckt, das ich übersehen hatte), der ich zeitintensiv bei einer irisch-schweizerischen Versicherungsgesellschaft widersprechen musste. Wenn du eine Firma siehst, die ihre Hauptsitze in der Schweiz und Irland hat, weißt du, dass du nicht weit vom organisierten Verbrechen weg bist.

Dann ploppt heute bei der Deutschen Lufthansa (also auf ihrer wie üblich unübersichtlichen Homepage) die Meldung auf, mein Ticket sei ohne Reisegepäck, obwohl ich mir sicher bin, dass ich beim Billig-Flugportal extra auf das kleine Koffersymbol geachtet hatte. Ist natürlich jetzt nach 8 Wochen schwer nachzuvollziehen. Also Reisegepäck nachbuchen.

Insgesamt macht mich das unfroh. Es ist Scheiße für’s Klima und für den Kunden so angenehm, als müsse man die DSGVO für eine Grundschule umsetzen. Vielleicht fahre ich beim nächsten Mal mit dem Auto und buche mir für das Geld einfach 2-3 kleine Zimmer auf dem Weg? Dann müsste ich mir auch keine Gedanken um die Gummistiefel machen ….

Wäre aber genau so klimascheiße.

Unsere Route! Die Pfeile entsprechen keiner seglerischen Ideallinie. (Beim Hochladen des Bildes machte sich jetzt doch Vorfreude breit).

Sorry, lieber Leser, dieser Einstieg in den Text stammt eher von Grumpy Old Boy als vom entspannten Segelonkel. Ich gelobe Besserung. Und dass ich auf dieser Seite versuche, einigermaßen regelmäßig Reiseimpressionen festzuhalten. Dazu brauche ich aber Netz, und das gibt’s nur in den Häfen: A Coruna – Bayona – Cascais – Portimao oder Lagos – Madeira – Gran Canaria. Ich versuche Updates regelmäßig zu machen, kann aber sein, dass ich in buddhistische Seglerstarre verfalle und nur noch auf das Wasser starre und auf einem Strohhalm herumkaue.

Vielleicht gibt’s also demnächst was zu lesen über die Große Fahrt, vermutlich schon morgen Abend aus dem Hotel in A Coruna.

(Ja, ich weiß, das hat so ein blödes liegendes „S“ auf dem „n“, aber ich werde den Teufel tun, das jetzt irgendwie aus den Sonderzeichen heraus zu kramen).

Edit, 22:00: Um Kap Finisterre am Samstag bis zu 6 Beaufort und 3 Meter Welle. Habe die Ölzeughose doch noch reingequetscht. Sicher ist sicher.

Update 1: 25.10.2019, 9:35

Flughafen Frankfurt. Uffz – soweit hat alles geklappt – bei mir. Der Skipper schreibt, dass er Angst hat, den Flug zu verpassen, weil sein Zug Verspätung hat. Bei mir haben nur die Sitzplatzreservierungen nicht funktioniert („Guten Morgen sehr geehrte Damen und Herren, wir fahren heute eine andere Modellreihe des ICE, deshalb …) und in Mannheim gabs 8 Minuten Verspätung wegen … was auch immer. Für eine Bahnfahrt eine respektable Leistung.

Ich hasse Flughäfen.

Ich empfinde sie als sterilste Welt gleich nach dem Reinraum für Computerchips. Ich habe immer den Eindruck, ich wandele durch ein Level aus meinen Computerspielen: Alles sieht gleich aus und ist aus den immer selben Bausteinen zusammengefügt, viele spiegelnde Oberflächen, alle Menschen tun das selbe, so dass 6 Motion-Capturing-Sequenzen reichen um einen Flughafen glaubhaft mit NSCs zu füllen. Es ist eigentlich egal ob man in Frankfurt, Paris oder Nairobi sitzt, die Flughafenwelt ist immer gleich künstlich-sandgestrahlt. Auch die Geräusche – Durchsagen, Gemurmel, schreiende Kinder, elektrisch betriebene Golfkarren – sind überall gleich. Der Flughafen ist der globalisierte Tempel der Normierung, Mittelmäßigkeit mit Mamorboden, entindividualisiertes Reisen als Massenbetrieb. Ich bin froh, wenn der Vogel abhebt.

Dazuhin wurde ich beim Security-Check ganz besonders widerlich kontrolliert. Obwohl ich mich für völlig unverdächtig halte und meine Handgepäck-Abgabe völlig flüssig lief, bin ich noch nie von einem Security-Guy dermaßen intensiv befummelt worden. Der Typ war alt und fett, erinnerte an einen orientalischen Potentaten aus einem alten Karl-May-Film und hatte ein gesteigertes Interesse an meiner Unterhose. Außerdem konnte er nicht sprechen sondern nur gestikulieren. Mittlerweile habe ich den Eindruck, einem Perversen zum Opfer gefallen zu sein und habe mir auf dem Klo erstmal gründlich die Hände gewaschen. Eventuell ist die Flughafen-Security so was wie die katholische Kirche der Sicherheitsbranche. Wurx.

Noch ein Grund nicht so häufig zu fliegen.

Aber jetzt gehts erst mal in 20 Minuten in den Flieger. Sobald ich auf meinem Platz hocke und der Vogel startet wird die Lage entspannter. Dann muss ich nur noch rausfinden, wo man a.) in Santiago de Compostella eine große Tasche einschließen kann, b.) wo diese fette Kirche ist, c.) wo der Bahnhof ist, von dem ich Abends weiterfahre. Eventuell lassen sich a,) und c.) verknüpfen.

Wow, ich gehe mir eine Pilgerkirche anssehen – wär hätte das gedacht. Eventuell kann ich da ja stellvertretend für den Scheich vom Frankfurter Security-Band mal sein Problem beichten.

Soviel zum Link zwischen Katholizismus und Unterhose für den Moment.

P.S.: Wow, ich blogge mit einem Laptop vom Flughafen. Der Sascha Lobo vom Lehrerklo …

Update 2, 25.10.2019 16:45, Santiago de Compostella

Die Sonne lacht über de(n)m Zielpunkt des Jakobswegs

Ich bin dann mal weg – na hier ganz sicher nicht. Santiago ist eine Welt für sich, aber unter Garantie ist man hier nicht alleine oder weg von irgendwas. Der Platz vor der Kathedrale hat definitiv etwas Erhabenes, es ist strahlender Sonnenschein und bei aller Dominanz von schwerem Stein ergibt sich etwas Luftiges, nahezu Metaphysisches im Ensemble. Contrapunkt sind die Heere von Menschen, die den Platz mit – na nennen wirs mal wertneutral „Leben“ füllen. Neben vielen ganz üblichen Touris sind das auch noch im Oktober höllisch viele Pilger.

Der Schnellbus vom Flughafen führt eine zeitlang offensichtlich an der Haupt-Pilger-Einfallroute entlang und in letzter Zeit schreibe ich ja häufiger über einfallende Armeen. Tatsächlich hat das Geschehen auf dem Gehweg etwas vom Einlauf eines Halbmarathons, zwar viel langsamer, aber genau so dicht gedrängt. Man erkennt die Pilger leicht. Sie sind bonbonfarben, was vor allem an der nicht zu brechenden Vorliebe der Käufer*Innen von Outdoor-Jacken für kräftige Farben liegt. Unten rum darfs beim Pilgern militärisch sein – khakifarbene, graue oder beige Hosen mit aufgesetzten Munitionstaschen – aber der Oberkörper muss definitiv farblich knallen. Dazu gehören im oberen Pilgersegment zwei Skistöcke, und ja, ich weiß was jetzt viele Insider sagen werden, das seien „Wanderstöcke“, aber sorry Leute, ich fahre Ski seit ich sechs bin, und ich erkenne einen Skistock wenn ich einen sehe, auch als Teleskopstock.

Eine liebe Freundin von mir hat das Pilgern auch vor einiger Zeit angefangen. Ich versuche sie mir in knalliger Mammoth-Jack Wolfskin-Vaude-Northface-Jacke und Skistöcken vorzustellen, scheitere aber bei dem Versuch.

Diese kinderkreidenbunte Gesellschaft läuft im Moment, während ich an der sonnengewärmten Wand der Kathedrale lehnend schreibe, laut juchzend und unter Applaus der Vorpilgernden auf dem Platz ein. Ich freue mich auf den Tag, an dem die Menschheit wieder zum guten alten „Hurra“ übergeht, auch ein zackiges „Vivat!“ oder ein „Jippie!“ ist allemal besser als dieses cartoonhafte, immer leicht ironisch klingende „Wuhuhuhuuuu!“ Auch auf Konzerten immer ein echtes Scheißgeräusch.

An sich ja ein erhebender Anblick: Aber man kann froh sein, dass Bilddateien nicht laut sein können …

Auf dem Platz hat jemand den Bass abgeklemmt und die Hochtöner völlig überdreht. In der Unterführung links von der Kathedrale spielt ein Dudelsackspieler galizische Volksweisen im Hochfrequenzbereich und zwar konsequent in 16teln und 32steln. Auf der anderen Seite hat sich eine pilgernde Schulklasse (?), maximal Klassenstufe 7, dünne Plastiktröten im Großhandelspack gekauft und erzeugt damit eine Musik, die ich nur als „höllisch“ bezeichnen kann. Der arme heilige Jakob muss wohl im Moment seine gesamte göttliche Kraft einsetzen, damit sich unter den minderjährigen Geräuschterroristen nicht der Erdboden öffnet und sie vom ewigen Höllenfeuer als willkommene Zugabe an Qual für die Insassen integriert werden, was ehrlicherweise das beste wäre, was die Hölle je getan hätte. Dazwischen wuhuhuhut es gelegentlich hier.

In der engeren Peripherie tummeln sich Touribüdchen in allen Formen, Heiligenstatuen und Muscheln sind in jeder Größe und aus jedem Material zu erstehen. Weil es hier so furchtbar laut ist, müssen sich Touris und Pilger anschreien um zu kommunizieren. 20 Meter weiter von mir hockt im Schneidersitz eine Instagrammerin vor ihrem Kameramann und schreit irgend etwas in die Linse, man kann ihrem Gesichtsausdruck entnehmen, dass alles ganz fantastisch und supertoll ist. Ein Tieflader manövriert einen kleinen Bagger über den Platz und hupt gelegentlich vor religiöser Entrückung blind gewordene bunte Pilger aus seinem Weg. Irgendwie rechnet man damit, dass Hieronymus Bosch das Ganze in Wirklichkeit nur gemalt hat und man in einem rauschartigen Gemälde sitzt..

Trotzdem irgendwie ein schöner Ort. Zu viele Menschen.

Aber schön hier in der Sonne.

Leider wird die Kathedrale von innen großflächig renoviert, so dass die meisten Gemälde und Statuen von Gerüsten und Abdeckplanen verdeckt sind. Mein Tipp: in drei Jahren hier her gehen, an einem kalten und verregneten Januartag.

17.05: Der Vatikan hat gemerkt, dass der Bass weg ist und hat den genretypischen Didgeridoo-Spieler aufgeweckt. Der sitzt jetzt an der Ecke und produziert tiefe Brummschwingungen in das Chaos. Aus anderen Städten längst als unerträgliches Klischee verbannt, bekommt er hier sein Gnadenbrot im Geiste der frommen Barmherzigkeit. Auch gut, um 19:30 macht die Gepäckaufgabe zu, dann muss ich wieder am Bahnhof sein und die Tonnage nach A Coruna schaffen. Und dann Hotel und eine Cerveza. Muss da noch ein Dächlein auf einen Buchstaben?

17:42 – Jetzt hat doch noch eine Pilgergruppe der Welt gezeigt, wie es besser geht. Die zogen nämlich laut auf Französisch singend auf dem Platz ein. Sogar die Höllenkinder waren währenddessen kurz still. Niemand hat wuhuhut.

Und ja: es war ein kleines bisschen ergreifend.

Update 3, 18:30, A Coruna

Zwischen der Kirche des heiligen Jakob und einer Yacht-Marina liegt ein kleiner Kulturschock. Atmosphäre und Grundthema könnten nicht anders sein. Aber man kann sich in A Coruna ganz gut verlieben.

Die große Hafenstadt verfügt über eine riesige Uferpromenade, gesäumt von diesen hohen Gebäuden mit weiß verglasten Balkonen, die hier regiontypisch zu sein scheinen. A Coruna ist groß, aber nicht riesig; In der Innenstadt findet man zahlreiche Cafes, Restaurants und Läden, das Ganze ist aber nicht so touristisch wie andere spanische Großstädte. Die Nordregion Spaniens scheint einigermaßen wohlhabend zu sein.

Erstaunlicherweise ist man hier ohne Spanisch im Gepäck einigermaßen aufgeschmissen. Während man in Griechenland jeden Hafenjungen auf Englisch anquatschen kann, und dabei eine zwar ein wenig schrullige aber gut verständliche Version der Fremdsprache zurück bekommt, ist hier das höchste der Gefühle „a little“ auf die Frage „Do you speak English?“ Dafür scheint Halloween hoch im Kurs zu stehen, etwa jedes zweite Schaufenster ist mit Kürbissen, Totenköpfen und künstlichen Spinnenweben verziert. Eventuell ist im katholischen Raum der mexikanische „Dias de los Muertos“ geeignet, die Leute hier für die etwas weniger ernsthaften Feiertage zu gewinnen. In Deutschland muss ja Feiertag und Fest immer mit nationaler Größe oder religiöser Bedeutung gefüllt werden.

So eine Hochseeyacht ist schon etwas anderes als die Mittelmeerboote, mit denen ich bisher unterwegs war. Zunächst mal ist die „Baltica“ ein sehr schönes Schiff, mit 51 Fuß geräumig und mit jeder Menge Stauraum. Das erste Mal habe ich den gesamten Inhalt meiner Taschen in Schapps und Klappen verstauen können und habe eine Kabine für mich alleine. Luxus. Zum zweiten ist das Boot gefühlt mit mehr Sicherheitsausrüstung und Seefahrtsvorschriftskram gefüllt, alleine drei Werkzeugkästen bieten Ausrüstung für alles mögliche.

Heute Abend ist die Crew dann zunächst komplett, ich bin für dieses Mal zum Zahlmeister ernannt worden und führe Bordkasse. Auch gut. Außerdem bin ich „Wachführer“, also Verantwortlicher auf Doppelwache, die wir bei Tag im Vierstunden-, bei Nacht im Dreistundenrhythmus führen. Ich bin gespannt.

Schapps, Kisten und Bilge sind mit Vorräten wohl gefüllt, ca. 80 Dosen Bier sind an Bord, zwei Kühlschränke sind gepackt bis an den Rand – alles bereit zur großen Fahrt.

Morgen gehts los nach Osten, bis Kap Finisterre kommt der Wind seitlich, ab da bis Lissabon bekommen wir ihn wahrscheinlich direkt auf die Nase und müssen vermutlich motoren – mal schauen wie es draußen wirklich wird.

Ich hab echt Lust auf Meer …

Update 4, 27.10., Muxia, Finisterra

Was für ein Tag auf See. Hier gehts definitv anders zu als vor Griechenland.

Um die Ka(o)tze aus dem Sack zu lassen: Ich kann mir heute die selbstgebastelte „Seemannsmagen-Medaillie“ von der Brust nehmen. 11 Törns ohne Magenprobleme absolviert, die Welle im Rückzugsgebiet von Ex-Hurrican „Pablo“ killt diesen Rekord. Ja, ich gebe ohne Umschweife zu: Ich habe einen Becher halbverbauter 5-Minuten-Terrine in einen schwarzen Gummieimer gekotzt, danach gings besser. Zu meiner Ehrenrettung – ach was, da gibts keine Ehre mehr zu retten.

Ich sag nur: Geht nicht zu lange unter Deck.

Dabei war heute nichts mit Segeln. Der Wind war erst zu schwach, kam dann von fast direkt vorne. 50 Seemeilen motort. Dass wir nun in Muxia fest liegen, liegt auch nur daran, dass ein Mitsegler den Törn abbricht und dringend von Bord will.

Mir gings nach dem Kotzen wieder super.

Zu den Freuden des Tages: Den ganzen Nachmittag waren Delfine zu beobachten. Zuerst in der Ferne, dann sicher eine halbe Stunde ganz nah um unseren Kahn herum. Wenn man Delfine sieht, dann löst das etwas anderes in dir aus, als wenn du ein Reh oder ein Eichhörnchen beobachtest. Von den eleganten grauen Schwimmern, unseren vielleicht intelligentesten Mitbewohnern, geht eine Faszination aus, die fast bei jedem ähnlichen Laute entlockt, wie bei Menschen, die ein Feuerwerk beobachten. Kraftvolle Sprünge aus dem Wasser, pfeilschnelles, müheloses Mitflitzen mit dem Boot und eine deutlich festzustellende Neugier an der Umgebung. Tolle Tiere.

Die Küste Nordspaniens ist darüber hinaus der Hammer – wild, zerklüftet, hoch und gischtumnebelt. Im Abendsonnenschein ein Anblick wie aus einem romantischen Gemälde.

Morgen geht es dann los mit 48 Stunden in Wachschichten. Der nächste Halt ist Portugal.

Blick vom Duschenfenster auf das Ende der Welt.

Update 5: 28.07.2019, Muxia

Stimmt aber gar nicht.

Nautik ist eine nasse Angelegenheit. Von oben und von unten, das liegt in der Natur der Sache.

Die ganze Nacht hat es gewindet und geregnet. Das Deck ist nass, der Steg ist nass, meine Hosenbeine sind nass, in der Hafendusche steht das Wasser und der Duschendampf, Wasser ist das dominierende Element des Tages.

Wir bleiben heute liegen.

Draußen sind es drei Meter Welle und 20 Knoten Wind. Und leider von vorne. Das heißt, wenn wir dagegen andampfen, brauchen wir ewig, weil uns die Gegenbewegung immer wieder für drei Schritte nach vorne zwei Schritte nach hinten drückt. Es wäre eine ewige Quälerei, die sinnlos Diesel verbrät und die uns garantiert keinen Spaß machen würde. Unserem Studenten ist immer noch flau, damit wären wir vier einsatzfähige Leute an Bord. Nicht sinnvoll.

Also gammeln wir einen Tag in Muxia. Schöner, gut geschützter Hafen, kleines Städtchen, nicht viel los. Die örtliche Tankstelle ist gleichzeitig die Hafenmeisterei, es gibt einen Supermarkt und ein leckeres Restaurant.

Ich sitze in der Tankstelle unter dem W-Lan-Router, ärgere mich über die Wahl in Thüringen und frage mich, wie ich den Tag durchkriege. Mit der Pause fällt der geplante Tag Lissabon vom Zeitplan her ins Wasser, aber unter den gegebenen Umständen ist das die vernünftigste Entscheidung.

Ein französischer Skipper lädt mich auf einen Kaffee ein und wir versuchen ein wenig zu plaudern. Aber mein schwaches Französisch scheitert an seinem harten südfranzösischem Akzent, wenigstens bekomme ich mit, dass er nach einem Jahr auf Reise gerade zurück auf dem Weg nach Frankreich ist. Und dass er der Meinung ist, morgen wäre es draußen genau so ungünstig wie heute.

Ein Tag am offiziellen Ende der Welt.

Update 5, Porto, 13.45

Die Welt ist sehr nass.

Im ersten Teil des Beitrages habe ich prophezeit, dass ich die Gummistiefel reichlich vermissen werde. Wie so oft hätte ich mehr auf mich hören sollen. Das Wasser kam die ganze Nacht von oben, gegen morgen wie aus Kübeln, Starkregen für mehrere Stunden. Mein Ölzeug hat seine Taufe gut bestanden, aber das Zeug lief mir in den Kragen, über die Hände in die Ärmel und vor allem in die Schuhe. Dabei waren Wind und Welle durchaus erträglich (Halt direkt von vorn), aber die Fahrt war trotzdem wenig angenehm.

Jetzt hängt das ganze Schiff voller dampfender Klamotten.

Bei Nacht ist das Meer kohlrabenschwarz und man segelt in einen finsteren Schlund, immer angestrengt nach Lichtern Ausschau haltend. Gearbeitet haben wir in Schichten von 3 Stunden Wache und 3 Stunden Schlaf. Das ging einigermaßen, mir sind die Augen kaum zugefallen. Zum Glück gibts im Jahr 2019 elektronische Helferchen, die die meisten anderen Schiffe in der Dunkelheit schon Meilen vorraus anzeigen, vor 20 Jahren muss eine Nachtfahrt noch ganz anders Herausforderungen gestellt haben.

Ach ja, und Delphine, habe ich die Delphine erwähnt? Sie sind mittlerweile regelmäßige Begleiter geworden und scheinen unser Schiff zu mögen. Also: Delphine auf diesem Schlag – check, done, next. Und der Seemannsmagen war auch wieder zurück.

Am Freitag müssen wir gegen Nachmittag in Lissabon sein, deshalb geht’s morgen bei Sonnenaufgang wieder los. Von der zweitgrößten Stadt Portugals mit seiner Altstadt und seinen Portweinkellern sehen wir also nur wenig und hier gibts die witzigste und freundlichste Hafenmeisterin der Welt. Dafür ist uns dann ein Tag in Lissabon vergönnt.

Bei hoffentlich besserem Wetter

Update 6, Cascais, 31.10.2019, 14.45

Das Leben ist fies – aber für dieses Mal nicht zu mir.

Während unser Skipper Hinrich all morgentlich die Nachtfrostwerte in Norddeutschland verkündet, sitze ich in Cascais in T-Shirt und Flipflopps und trinke am hellen Nachmittag eine Halbe an der Bar. Im Moment bekomme ich das Grinsen mal wieder nicht aus dem Gesicht, wenn ich daran denke, was für ein dumpfdreister Glückspilz ich bin.

Na ja: Das Bier ist Heineken. OK.

Aber perfekt ist ein Zustand, an dem man nichts mehr verändern muss und damit das Ende jeder Ambition im Leben, also quasi manifestierte Langeweile.

Apropos: So eine Nachtfahrt ist gar nicht mal so spannend. Zumindest wenn nichts los ist und alles von mehr oder weniger dicker Nebel-Suppe verdeckt wird. 27 Stunden sind wir von Porto bis Cascais gefahren, einem Vorort von Lissabon am Meer. Außer ein bisschen Segel justieren war nicht viel zu tun. Auch der Wind hatte Langeweile und war nicht in Gang zu kriegen, zumindest nicht so, um die 6 Knoten zu laufen, die wir brauchen, damit Hans-Peter seinen Flieger von Lissabon bekommt. Der Motor lief die meiste Zeit und entsprechend hoch war die Diesel-Rechnung. Wir verdächtigen bereits die Vorgänger-Crew nicht ganz vollgetankt zu haben.

Mehr Segeln wäre schön gewesen, aber dafür war das Meer relativ ruhig und wir mussten auch nicht mehr gegen Wind und Welle anbolzen wie zuvor. Das macht es entspannter. Bis jetzt stecke ich Nachts den Rhythmus ganz gut weg: drei Stunden Wache, drei Stunden Koje. Meistens penne ich sehr schnell wieder ein und stehe dadurch die dunklen Nachtwachen einigermaßen durch, auch wenn mir gegen Morgen ab und zu mal die Augen schwer wurden. Leider war nix mit spektakulärem Sonnenaufgang, der zähe Dunst ließ nur ein langsames Morgengrauen zu.

Ich habe großen Respekt vor den Seefahrern vergangener Zeiten. Bei uns ist alles mit einem Click zu machen, Satelitennavigation, Radar bis zu 24 Seemeilen, One-Touch-Navigation, sehr genauer Autopilot. Die vielen elektronischen Helferchen an Bord machen das Navigieren komfortabel. Auf einer alten portugiesischen Nao muss das eine ganz andere Sache gewesen sein.

Ziemlich coole Stadt: Porto (Foto by Hans-Peter Blei)

Unser letzter Startpunkt Porto ist nebenbei ein kleiner Geheimtipp. Die zweitgrößte Stadt Portugals, Namensgeberin des berühmten Portweins, liegt an einem Flusslauf des Meeres und zieht sich ein steiles Flusstal hoch. Links und rechts liegen alte Kais, an denen früher der Handel blühte. Eine spektakuläre Eisenbahnbrücke von niemand geringerem als Gustav Eifel verbindet die beiden Seiten, unten für Fußgänger und Autos, hoch oben für Züge. Auch eine Gondel führt über den Fluss, ein bisschen wirkt Porto bei Nacht wie ein Streampunk-Setting. An den alten Kais tobt Abends das Leben, eigentlich würde ich da gerne noch mal in Ruhe hin.

Jetzt ist erst einmal ein wenig Landgang angesagt, bevor wir den langen Schlag nach Madeira wagen. Das sind dann etwa vier Tage zu viert. Länger war ich noch nie auf dem Wasser unterwegs. Morgen dann fast den ganzen Tag Lissabon, eventuell jeder für sich, tut auch mal gut.

Ach ja: Delphine, Delphine, Delphine. Hinrich behauptet sogar mal etwas in Richtung Schweinswal gesehen zu haben. Ich glaube ab jetzt finde ich Tage ohne zwei bis drei Delphinschulen zum Zukucken etwas enttäuschend.

Alles in allem scheint mir also die Sonne aus dem Arsch. Ja, hasst mich ruhig dafür.

SY Baltica (Foto by Hans-Peter-Blei)

Das würde ich ja auch tun. Und nehmt euch unbedingt einjahrraus, wenn ihr irgendwie könnt.

Update 7, Lissabon, 2.11.2019

Was soll ich über Lissabon schreiben? Wahnsinnig, wunderschön, quirlig, hip, cool, touristenverseucht, geschichtschwanger, maritim, klerikal, kulinarisch, bergig … und tausend andere Sachen, die ich heute versäumt habe.

Losgezogen bin ich gegen 11.00, alleine, weil die restliche Crew vom vorherigen Abend noch etwas ausgebremst war und unser Skipper Hinrich lieber an Bord blieb. Cascais war voller Engländer, die sich um Bildschirme drängen, die das Rugby-Meisterschaft Endspiel übertragen (England vs. Südafrika). Man erkennt sie schnell, die meisten sehen aus wie kleine Schweinchen in grün-weiß gestreiften Trikots, nur nicht wie diese süße Art Schweine. Man muss ihnen zugestehen, dass sie mit jedem Spielzug ziemlich mitfiebern.

Es gewinnt Südafrika.

Von Cascais bis Lissabon fährt eine hervorragende S-Bahnlinie, ca. 40 Minuten von Endbahnhof zu Endbahnhof. Die Züge fahren pünktlich und sind günstig, die Linie führt immer an der Küste entlang und offenbart spannende Blicke auf Meer und Stadtlandschaft. Man merkt auf dieser Linie, dass Lissabon eine uralte Handels- und Industriestadt ist, der Charme der verfallenden Anlagen fängt mich sofort ein. Ich gehe bei Sonnenschein los und komme im strömenden Regen an. Von allen Balkonen tropft Wasser auf die gepflasterten Straßen und zwar in diesen ekelhaft großen Tropfen, die unangenehmer sind, als durchgehender Regen.

Vor dem modernen Bahnhof steht eine dieser berühmten alten Trams und wirbt um Touris für geführte Touren, Ich gehe zu Fuß los, drifte durch die Gassen, verliere irgendwann den Strom der Besucher und lande in einem kleinen Park, in dem Papageien um einen viktorianischen Kiosk Nüsse knacken. Ich glaube, es handelt sich um die selben grünen Sittiche, die auch in Stuttgart eine Kolonie gegründet haben.

Lissabon ist steil. Ich schaue mir eine random Kirche an, die wirklich beeindruckend ist, finde gruslige Bronzedenkmäler und lande schließlich in einem Viertel, das in etwa einem portugiesischen Kreuzberg entspricht, wo ich Spaghetti-Pesto und ein Glas Weißwein genieße.

Spätestens jetzt bin ich in Lissabon verliebt.

Gegen später stolpere ich ins nationale Militärmuseum Portugals, gelegen direkt vor den riesigen Kreuzfahrtschiffen am Kai, dessen Besuch umsonst ist. Es besteht zu 95 % aus Kanonenläufen zwischen 1450 und 1900. Ich stelle fest, dass ich Kanonenläufe spannend finde, nicht nur, weil ich mich ständig mit Geschossen auseinandersetze, sondern weil auf alten Kanonen Schriftzüge, Wappen und Verzierungen zu entdecken sind. „This piece was made by Thomas Bancroft of Birmingham.“ Der Nächste Lauf ist kurz und mit japanischen Zeichen bedeckt, der übernächste riesig und voller arabischer Sprüche. Die Eisenrohre stehen im Inneren rostsicher, im Hof stehen die Bronzegeschütze, die witterungsbeständig sind. Nach einer Stunde Kanonen gehe ich Kaffeetrinken, versuche (erfolglos) mit der wahnsinnig sympathischen Kelnerin zu flirten, gerate Richtung Castello.

Auf dem Balkon eines besetzten Hauses stehen zwei Typen mit E-Gitarre und Akkordeon und produzieren Gipsy-Swing für die Touri-Ströme. Über den leeren Fensterhöhlen steht „Fuck Capitalism“, am Balkongitter hängt ein buntes Körbchen für milde Gaben. Aber der Gipsy-Swing ist astrein. Vor dem Castello sieht es aus wie vor dem Tokapi-Palast in Instanbul oder den Uffizien in Florenz, lange Schlangen von Menschen, kein Bock zum Anstehen.

Es dämmert bereits als ich die berühmte Kathedrale von Lissabon besuche. am Eingang hängt ein riesiges, viersprachiges Schild, das um Ruhe an einem heiligen Ort bittet. Innendrin geht es zu wie auf einem Landfrauentag in der Spargelstube. Alles schnattert aufgeregt in höchsten Tönen. Man kommt kaum durch.

Drei Versuche scheitern kläglich:

  1. Einen Barbier zu finden der mir, die Wolle aus dem Gesicht schabt. Alle die ich finde, haben keinen Termin.
  2. Brot kaufen für die Überfahrt. Eine Landeshauptstadt ohne Bäcker.
  3. Mich gegen Abend mit der restlichen Crew zusammen zu telefonieren, denn mein Smartphone macht nach einem Tag Google-Navigation schlapp.

Also sitze ich am Ende in einer portugiesischen Sportsbar, trinke zwei Halbe und lasse den Datenknecht laden, und stelle fest, dass alle hier Franzosen sind, inklusive der mit einem Portugal-Trikot bekleideten Kellnerin, die darunter nicht viel mehr trägt. Der Chef ist ein absoluter Schmierlappen, der seine Kellner hetzt, mit Stammgästen plaudert, gelegentlich das Programm eines der sieben Smart-TVs mit einer Fernsteuerung von der Größe eines Baguettes ändert und ein gigantisches Goldkreuz um den Hals trägt, für das ein portugiesischer Conquistador locker drei südamerikanische Hochkulturen vernichten würde.

Ich liebe Lissabon. Die Sportsbar „Spot Lissboa“ könnt ihr aber getrost auslassen.

Jetzt sitze ich leicht angesoffen im Salon, die Crew plaudert über Bundeswehr-Manöver und ich sehe vier bis fünf Tagen Atlantik entgegen. Kein Stop, kein Netz, kein Scheiß, Wachen, Essen und Meer. Ich kanns kaum erwarten.

Heute keine Delphine. Hässliche Engländer und schmierige Exilfranzosen ersetzen das nicht im Ansatz.

Update 8, Funcal, 07.11.2019

Der Atlantik ist gewaltig.

Es war keine harte Überfahrt. Nachdem wir am Sonntag zunächst vor einem richtig üblen Sturmausläufer Richtung Süden davonliefen, der sich über der Biscaya eingerichtet hatte, bekamen wir bald eine ganze Palette an Bedingungen: Lange, hohe Fünfmeterwellen, kleine, kabbelige Kreuzseen, ruhige, flache Wellen; Wolkenverhangene Himmel mit kleinen Nieselschauern, hohe Wolkentürme mit Sonnenlöchern, klare, strahlende Himmel; Mondaufgänge, Monduntergänge, bombastische Sternenzelte über dem Mast und Wolkendecken; majestätische Sonnenuntergänge, klägliches Verdämmern von Tagen und flammend-rosane Wolkenfeuerwerke am Morgen.

Wasser und Himmel. Thats it.

Ziemlich bald bläst uns ein gleichmäßiger Nordwind mit 15-25 Knoten perfekt nach Südwesten. Der Motor wird nur noch zum Batterienladen angeworfen. Tagesabläufe gleichen sich. Regelmäßige Wachen an Deck nachts, meine von 00.00 – 2.00 und von 06.00 – 8.00. Glück: ich sehe den Mond sinken und die Sonne auferstehen. Alle 15 Minuten checke ich Windrichtung, Geschwindiigkeit, Radar und AIS, das automatische Schiffsidentifizierungssystem.

Abwechslung ist selten. Frachter und Fischer passieren uns, immer im sicheren Abstand. Ein gewaltiger Supertanker gibt uns einmal Lichtzeichen, dass er nicht ausweichen kann, also weichen wir aus; Ein Kreuzfahrtschiff überholt uns nachts, hellbeleuchtet wirkt es wie eine viktorianische Vergnügungspier, die sich losgerissen hat. Da drinnen sitzen jetzt alte Menschen in Themenrestaurants.

Abgefahren.

Wir schmieren regelmäßig Stullen und erwärmen Dosen. Morgens, nach meiner letzten Wache, mache ich Gemüsebrühe für den Skipper und mich. Gespräche ersterben. Ich schlafe viel. Auch bei stärkstem Seegang mache ich unter Deck alles: Kochen, umziehen, kacken, in Kästen kramen, pennen, Schwimmweste und Ölzeug anlegen. Schlecht wird mir keine Spur mehr, meine Welt schwankt, das ist das Normalste hier.

Der Atlantik ist gigantisch. 5 Tage sind genug.

Als die Inseln nachts auftauchen, mit Lichtpunkten übersäht, empfinde ich das als Erlösung. Wieder habe ich das Gefühl, die Seefahrer früherer Zeiten ein wenig besser nachvollziehen zu können. Land!

Nun sitze ich auf Madeira in einem hippen Cafe in Funchal. Krasser Kulturschock. Habe ich erwähnt, dass ich fünf Tage und Nächte nicht geduscht habe (wie alle)? Die erste Dusche, das erste Shampoo im Haar ist pures Glück. Um mich herum: Lauter Rentner. Und Sommer, während mich aus Deutschland düstere Nachrichten und frostige Wettermeldungen erreichen.

Noch bis Sonntag liegen wir hier und bekommen vier neue Mitsegler*innen. Ab jetzt wird es voll auf der Baltica. Morgen erkundige ich erst einmal Madeira.

Update 9, Funcal, 09.11.2019

Meine Tour gestern – einfach wow.

Gestern ein ganzer Tag Madeira – noch einmal ganz alleine, nachdem ich zuvor vier Tage ununterbrochen Schiff hatte und wir ab heute zu acht auf der Baltica segeln werden.

Beim abendlichen Landgang mit gepflegtem Besäufnis treffen wir in einer Cocktailbar eine Gruppe sehr netter Münchner*innen, die uns definitive Empfehlungen für eine Madeiratour mitgeben: Nimm ein Auto mit kräftigem Motor, fahr weg von Funchal und der Küste und fahre ins Inselinnere.

Sie hatten völlig Recht.

Die von mir am nächsten morgen gemietete Rennsemmel, ein Smart mit viel Motor, hätte kaum größer sein dürfen für diese Sträßchen und braucht auch jedes PS. Madeira ist ein im Meer versenktes Gebirge (nicht ganz korrekt, aber als Bild nützlich). Von der Küste geht es steil bergauf bis auf 1800 Meter. Und jeder Meter ist anders. Und überraschend. Und großartig.

Madeira ist nicht eine Insel, sondern 15.

Im Laufe einer halben Stunde Autofahrt durchquert man zahlreiche Klima- und Vegetationszonen. Von Tropen bis Nordeuropa scheint alles dabei. Die Landschaft ist in ihrer Steilheit bombastisch. Madeira ist zu dramatisch, um sich wirklich zu verlieben, aber dramatisch genug, um mich mit Begeisterung und kindlichem Staunen zu erfüllen. Der Norden ist anders als der Süden. Oben ist anders als unten. Alles ist in ständigem Wandel. Heißer Sonnenschein, eisige Winde, nebelverhangene Wälder, sturmumtoste Klippen, verregnete Heiden.

Es gibt auch Schattenseiten. Abseits des hippen und reichen Zentrums Funchal sind die Dörfchen trostlos. Viele Häuser wirken leer, viele Ruinen liegen direkt an der Dorfstraße. Alte Menschen, die so ärmlich gekleidet sind, dass mir das im Deutschen nur noch selten gebrauchte Wort „Lumpen“ in den Sinn kommt, humpeln mit einem Stock die Landstraßen entlang. Junge Leute sieht man selten.

Immer, wenn ich so etwas sehe, wird mir die Arroganz bewusst, mit der viele Deutsche über ihre Opferrolle als Geldgeber der Europäischen Union lamentieren. Angesichts solcher verarmter Dörfer sollte uns nur Dankbarkeit über unseren eigenen fetten Wohlstand erfüllen und die Bereitschaft, zu helfen.

Point made.

Nun genieße ich wieder besagten fetten Wohlstand und trinke Tee (Ich! Tee!) im Teespezialitätencafe in Funchal und genieße frisch gepressten Orangensaft zu Spottpreisen – im Verhältnis zur BRD. Man bleibt halt immer ein wenig Heuchler.

Morgen gehts raus nach Lanzarote. 48 Stunden nonstop.

Lächerlich.

Update 10, 12.11., 15:58, Lanzarote (Baya Blanca)

„Lächerlich.“ My Ass.

Offensichtlich liest der inzwischen an Bord viel zitierte Rasmus mit und war mehr als bereit, den leicht überheblichen Hobby-Segler eines Besseren zu belehren. Um es kurz zu machen: Die Überfahrt war ein harter Brocken. Wirklich hart. Das härteste, was ich bisher gesegelt bin.

Von Madeira nach Lanzarote in 5 Szenen.

Szene 1: „Clean? No more Hair?“

Der Vorteil an der südländischen Barbiertradition ist dreierlei: Zum einen rasieren sie sehr viel sorgfältiger und eleganter, als ich es zuhause mit meinem Braun könnte; Zum anderen spart mir der Besuch eines solchen die Pflicht, den Rasierer auch noch irgendwo hinein zu stopfen und herum zu schleppen. Zum dritten kann man das Erlebnis eines Barbier-Salons jedem Mitteleuropäer nur ans Herz legen.

Sie sind schon äußerlich nicht mit den Friseurläden für Damen zu verwechseln. Altersdunkel, die Bestuhlung eher an einen Zahnarzt wie an einen Haarschnippler erinnernd, werden sie vor allem von Männern umlagert. Sie scheinen so etwas wie ein Hauptquartier für einen bestimmten Typ Madeirer darzustellen: Klein, drahtig, mit tätowierten Armen und extrem gepflegten Bart.

Man wird erst einmal beäugt. Natürlich. Die Rasur kriegt man dann aber trotzdem. Der Barbiere ist definitiv ein Könner, mit einem Blick scannt er deine Gesichtsfältchen, deine Hautunreinheiten und deine Konturen. Dein Gesicht ist für ihn nur ein Garten, den er mäht und pflegt. Bei mir ist es Arbeit und Abriss. Zunächst muss der grobe Langhaarcutter ran, dann ein feinerer Elektrorasierer, um meine drei Wochen alte Fusselwolle aus dem Gesicht zu schaben. Die Borsten fliegen nur so.

Dann kommt die Krönung: Rasiercreme gefolgt vom Rasiermesser. Aus den Boxen läuft portugiesische Volksmusik, wovon sie singt, das weißt du nicht, aber du ahnst: Du bist im Zentrum der madeirischen Mafia angekommen. Und hier lässt du dir nun ein rasiermesserscharfes … ähm … Rasiermesser an den Hals setzen.

Der Nervenkitzel ist im Preis mit inbegriffen. Du weißt, wenn du zwischen diesen knallharten Kerlen zuckst, grinst oder dumm nach einem Rasierfoto für deinen Instagram-Account fragst, dann werden sie erkennen, dass du der Vollhonk bist, der du bist. Also zuckst du nicht, schluckst nur selten (der Barbiere merkt Sekundenbruchteile vor dem Schlucken, dass er das Messer einen Milimeter abheben muss), und versuchst cool und entspannt zu wirken, sonst endest du als Müllgrubenfund oder Drogenkurier. Wenn du der Männlichkeitsprüfung gewachsen warst, wird am Ende noch eucalyptusduftende Creme in die frisch geschliffene Wangen masiert und aus dem Spiegel grinst dich dein neues, babypoblankes Ich an.

Natürlich knöpfen dir die Typen den Touri-Tarif von 10 Euro ab. Und natürlich zahlst du. Denn, es ist ja eigentlich unbezahlbar.

Szene 2: „Na, ist das nicht wunderbar?“

Die Baltica läuft aus dem Hafen von Funchal, mit voll geblähten Segeln, hinter dem stolzen Anblick erhebt sich der noch stolzere der Stadt mit ihren hohen Steilwänden. Der Wind pfeift, die Yacht macht feine 8 Knoten. „So sind wir aber viel zu schnell und mitten in der Nacht da!“ „Egal, das ist viel zu schön um das jetzt abzubrechen.“

Wir sind mehr geworden, nun zu acht, es nimmt mehr den Character eines üblichen Mittelmeertörns an. Gestern Abend waren wir gemeinsam essen, die Stimmung ist gut. Irgendjemand, der auf der Luv-Seite sitzt reißt die Arme hoch und sagt etwas in Richtung „Wuhuhuu.“ Kann sein, dass das Ich war.

Dann kommt die Welle. 25 Minuten später beginnt das Entleeren diverser Mägen. Wer anfängt ist egal, Endstand ist jedenfalls 4:4. Also Seekranke gegen 4 seefest Gebliebene. Uffz: Ich gehöre zu den Letzteren.

Szene 3: Der Sherrif von Asserbaidschan

Ich fliege. Das ist schön. Sollte ich nicht auf dem Schiff helfen? Mein Fallschirm muss sich geöffnet haben, jetzt hänge ich an einer langen Leine am Schiff und fliege über eine europäische Frühlingslandschaft. Der Wind hebt mich auf und ab. Auf und ab.

Mit welcher Taste deaktiviert man nochmal den Fallschirm? Egal, das Fliegen ist viel zu schön. Unter mir hat in einem Flusstal jemand einen Rennkurs abgesteckt, er leuchtet mit weißen, hellen Würfeln in der Dämmerung. Vielleicht kann ich mir gegen später ein Rennauto oder ein Speedboot holen. Egal. Jetzt fliege ich. Das ist schön. Auf und ab. Auf und ab.

Leider kommt der Boden näher. Mario und Felix sind mit dem Schiff auch schon da. Logisch, mit meinem Fallschirm muss ich ja hinten dran hängen. Auf und ab. Dann geht es nicht mehr. Ich lande. „Der Mario ist hier der Sherriff vom Checkpoint Bravo in Asserbaidschan“, weißt mich Felix auf die Gepflogenheiten hin. „Wie hat er denn das geschafft?“, will ich etwas ungläubig wissen. „Hat er sich erspielt.“ Logisch, das macht ja Sinn. Vielleicht habe ich Mario unterschätzt.

Ich schlage die Augen auf. Rotlicht erleuchtet den Salon, ich liege zusammengerollt in meinem Schlafsack auf der kurzen Seite der Salonbank. In der Achterkabine ist zu zweit bei der Schräglage durch den hohen Seegang kein Auskommenn möglich. Eine Welle wirft das Schiff herum. Schmutzige Tassen klirren in der Spüle. Auf dem Boden liegen drei Maggitüten, ein Kaffeefilter und ein einsamer Segelhandschuh, Strandgut, dass die Brecher aus den Ablagen gefegt haben. Irgendwo auf dem Klo würgt gottserbärmlich eine arme Sau. Ich will nicht auf dieses Klo, aber ich muss bald.

Die Wirklichkeit hat mich wieder.

Szene 4: Dark Dessert Highway.

Der Mond drückt sich leichenblass durch die Wolkenfetzen. Plötzlich sehe ich die mächtigen Wellen ganz klar. In den Wanten singt der Wind, meistens um die 30 Knoten, in den Böen mehr. Wir haben nur ganz kleines Segel gesetzt.

Manchmal glaube ich, in den Wellen oder im Wind Stimmen zu hören. Ganz deutlich vor 20 Minuten eine Art helles Gelächter. Das ist der Rasmus, der mich verspottet. Oder ich drehe gerade ein bisschen durch.

Noch zwei Stunden, bis mich Hinrich an Deck ablöst. Gerade kommen wieder einige Kawenzmänner, sie kommen immer in Gruppen von vier oder fünf Riesenwellen. Dann kann es sein, dass das Deck von Gischt und brechendem Wasser geduscht wird. Passiert immer dann, wenn das Ölzeug gerade wieder einigermaßen trocken gepustet ist. Mein Arsch bleibt feucht, dafür habe ich aber wenigstens bei Windstärke 7-8 ziemlich wenig Sorge und Schiss. Die Welt ist, wie sie gerade ist.

Um mich auf Wache zu unterhalten singe ich Songs durch, die ich komplett auswendig kenne. Im Wind hört dich ja niemand. Gerade bin ich bei „Hotel California“, was gut ist, denn vor 15 Minuten war ich bei „Country Roads“ von John Denver, wofür ich mich ein bisschen schäme.

Egal, wird nie jemand heraus bekommen, wenn ich das nicht dummerweise blogge.

Szene 5: „Du bist aber auch ganz schön räudig.“

Lanzarote ist eine staubige Wüste die irgend ein Gott in eine nasse Wüste geschissen hat. Aber uns Gebeutelten kommt sie vor wie ein kleines Paradies. Festes Land.

So übel das Schiff nach dem Korkentanz über den Atlantik aussah, so schnell ist es mit vereinten Kräften wieder geputzt und aufgeräumt. Das schöne an Seekrankheit ist, dass sie ohne See schnell vergeht, so dass auch die betroffenen Crewmitglieder bei allem mit anpacken.

Die Laune steigt nach zwei Ankerbier sekündlich. Gegen 15.00 ist Landgang angesagt. Die Marina wirkt zwar ein wenig, als hätte ein Designbüro einen Urlaubsort zusammenkonzepiert, aber hier kann man sich freibewegen, ohne sich krampfhaft mit einer Hand festhalten zu müssen.

In einem Anfall von Albernheit beschließe ich, heute ein Duschsnickers mit in den Sanitärbereich zu nehmen, anstatt ein Duschbier. Worauf mich Felix, unser Drecksstudent, als „ganz schön räudig“ klassifiziert.

Ein Snickers unter einer heißen Dusche essen. Glück hat einen Namen. Das Leben ist schön.

Update 11: Lanzarote, 13.11.2019, Playa Blanca

Tja … viel mehr gibt’s hier nicht zu sehen.

Lanzarote ist … deprimierend.

Gut kommen wir gleich zu den Gegenaspekten. Ich bin auf einem Kamel geritten (Armes Tier, aber Bucket-List, Kamelritt, abgehakt) und der Vulkanische Nationalpark ist beeindruckend. Der Anfang allerdings ist schwer. Man steht vor einer Abzweigung mit Schranke, bezahlt 10 Euro pro Nase und steht dann erst einmal 30 Minuten im Stau. 10 Autos werden herausgelassen, 10 Autos fahren in den Nationalpark hinein, das heißt nein, sie fahren zum Busparkplatz mit Restaurant. Dort wird die ganze Kundschaft effektiv in Reisebusse verfrachtet und dann 40 Minuten im Kreis durch die Krater und Lavafelder gefahren. Dazu dröhnt in Spanisch, Englisch und Deutsch mehr oder weniger spannende Information aus Lautsprechern. Na gut, das meiste davon fand ich ganz interessant und wissenswert. Die sichtbare Gewalt der Erdkräfte in dem Vulkanfeld erzeugt ein gewisses Gefühl der Ehrfurcht. Nichts, was wir können, kann diese Gewalten beeinflussen, wenn sie sich irgendwo auf der Welt die Bahn brechen. Zwischendurch läuft Mozarts Requiem und bei der Einfahrt auf den Autoparkplatz „Also sprach Zaratustra.“

Na gut, das gibt’s auch noch zu sehen.

Soweit so gut. Kann man machen.

Der Rest der Insel ist so, dass ich nach einem Tag wieder weg will. Die karge, absolut freudlose Landschaft, die immer gleichen weißen Touristen-Bungalows erzeugen in mir ein Gefühl von leichter Verzweiflung. Über alles pfeift der ewige, gnadenlose Wind, selbst ein streunender Hund ist hier ein Zeichen von lebensfreundlichen Bedingungen, Nach drei Tagen Lanzarote würde ich Kinder treten, nach einer Woche mit aufgeschnittenen Pulsadern auf einem Hotelbett liegen. Wie Leute hier zwei Wochen Urlaub verbringen können, ist mir schleierhaft.

Tiefpunkt ist definitv die Inselhauptstadt Arrecife. In den besseren Teilen wirkt sie wie die Fußgängerzone von Bochum an einem kirchlichen Feiertag, in den schlechteren wie Beirut in einem Tagesschaubeitrag der 80er. Böge man um die Ecke und da stünde ein zerschossenes Panzerwrack, man wäre keine Spur überrascht. Die Hälfte der Läden ist pleite, vor dem Einkaufszentrum sitzen die Bettler.

Nach Madeira ist Lanzarote, als würde man aus einem Disneyfilm in eine Endzeitserie zappen. Man könnte hier gut ein südeuropäisches Spin-Off von „The Walking Dead“ drehen und bräuchte nicht mehr als ein paar Absperrbänder für Passanten.

Das größte (Wild-)Tier auf Lanzarote ist anscheinend ein Aasgeier. Enough said.

Genug über die Vulkaninsel abgelästert. Sie kann ja nichts für ihre Unwirtlichkeit, vermutlich wäre sie ohne Menschen und Heere von Touris sogar von einer fremdartigen Schönheit erfüllt. Ich bin froh dass es morgen weiter geht. Nächste Station: Gran Canaria. Alle sagen, da sei’s besser.

Update 12: Gran Canaria, 15.11.2019, Las Palmas

Na, das ging jetzt doch.

Die ersten beiden Drittel des 24-Stunden-Rittes nach Gran Canaria waren ein absolutes Segelvergnügen. Am Anfang war es reines Mittelmeer: volles Deck, Sonnenbrille, kaum Welle, angenehmes Lüftchen im Segel. Alle haben beste Laune, keiner ist seekrank. Gegen Abend sehen wir zwei Wale. Na ja, es sind ziemlich entfernte Rückenflossen, vermutlich zwei Grindwale, also Grad-noch-so-Wale, die man oft mit einem fetten Delfin verwechselt, aber: Auch das kann ich jetzt von der Liste streichen. Been there, done that.

Die Nacht wird von einem fantastischen Sonnenuntergang eingeleitet. 12 Dreamworks-Disney-Prinzessinen-Film-Animateure könnten keinen romantischeren programmieren. Auch die Nacht ist wie gezaubert. Der Vollmond überstrahlt am Anfang alles, taucht die moderaten Wellen in silbernes Licht, ein kräftiger Wind füllt die Segel, währen wir Fuerte Ventura an der Südspitze umrunden und uns an den Lichtern erfreuen. Horden romantischer Dichter*innen hätten in solch einer Nacht ganze zweite und dritte Zyklen ihrer Naturlyrik in Papier ergossen und auch mich verleitet sie zur schmonzettigen Altherren-Poesie im Stil von Hermann Hesse.

Gegen Morgen verdrängen böige Winde, fiese Seitenwellen und einsetzende Regenschauer diese Entgleisungen. Dem Meer sei Dank. Las Palmas, das vor uns auftaucht, ist viel größer und viel industrieller, als sich das der völlig uninformierte Individualreisende vorgestellt hat. Die Marina liegt weit außerhalb und ist vollgepackt mit ARC-Schiffen, also Kähnen, die in einer Woche die Massen-Regatta über den Atlantic mitfahren. Eine halbe Stunde muss unser Skipper Hinrich im Hafenbecken Kreise ziehen, bis ich in der völlig überforderten Rezeption der Marina in der Lage bin, an einen von zwei geöffneten Countern zu gelangen und zu erfragen, welcher Slot an den Stegen für die Baltica reserviert ist. Während der Wartezeit – ich musste sogar eine Nummer ziehen, wie auf dem Arbeitsamt – stirbt mein Handy-Akku, so dass ich die Informationen bezüglich des Liegeplatzes über den Funk der Hafenmeister an die Baltica weitergeben muss. Welche Szenen sich derweil an Deck abspielen, bleibt meiner Fantasie überlassen. Die Software der Hafenbehörde streikt, aber wenigstens kann ich noch Zugangskarten für Klo und Dusche abstauben.

Die Marina ist scheißhässlich, neben der Stadtautobahn und abgesehn von 4000 ARC-Yachten tot und unbelebt. Dahinter erheben sich Geschäftshochhäuser. Bis jetzt ist Gran Canaria in meinem Ranking der 10.000 Plätze, die man vor seinem Tod gesehen haben muss, nicht weit vor meinem Keller in Bad Cannstatt.

Aber ich habe ein Cafe gefunden, habe WiFi, sitze vor einem großen Glas spanischem Bier (Plörre) und genieße fritierte Auberginen-Stäbchen mit Palmherzensirup.

Ging mir schon schlechter.

Kann mir allerdings jemand verraten, warum man mit jeder* portugiesischen Wurstverkäufer*in im Supermarkt eine differenzierte Unterhaltung auf Englisch führen kann, aber Spanier*innen auf jede Anfrage, ob sie Englisch sprächen, mit einem Redeschwall in der Landessprache antworten, überzeugt, das würde schon jeder verstehen, wenn man es nur laut und eindringlich genug wiederhole? Francis Drake hatte völlig Recht damit, diese arroganten Diegos aus ihren Galeonen herraus zu ballern.

Scheiße, mein großer Tripp, er ist jetzt eigentlich vorbei. Das war der letzte Anleger, das erste Crew-Mitglied ist bereits auf dem Weg zum Flughafen. Gerade fühle ich mich wie Horatio Hornblower nach der Beförderung zum Kapitän, wie Jack Aubrey nach dem Sieg über die „Acheron“, wie Roald Amundsen nach der Nordwestpassage, wie Käptn Blaubär nach der Entdeckung der Schmatzinsel. Das Seemannsherz, das ein humorvolles Schicksal in den nicht all zu breiten Brustkorb eines Schwaben pflanzte, ist übervoll, meine Brust breiter als der Wendekreis des Krebses, mein Horizont heller als ein Sonnentag auf dem Atlantik.

Ich weiß, das ist lächerlich. Sonntag gehts zurück.

Update 13: Gran Canaria, 17.11.2019, Las Palmas Airport

Déjà-vu: Ich sitze in einem Flughafen und nutze das Wifi.

Las Palmas Aeropuerto ist wesentlich kleiner und weniger steril-gesandstrahlt wie Frankfurt. Dennoch macht sich das übliche Flughafengefühl breit. Aber diesmal habe ich Glück: Mein Flug geht direkt nach Stuttgart, keine Zugfahrten und Zwischenstationen, nur noch die S-Bahn bis in mein Viertel. Komfortabel. Ach ja: Das Sicherheitspersonal schimpft auf Spanisch auf Leute ein und ist auch auf Nachfrage nicht zu Englisch fähig. Spanien halt.

Déjà-vu: Ich gehe durch eine Kathedrale.

Die mächtige Bischoffskirche von Las Palmas ist eine echte Perle. Was am 26.10. in einer Kirche begann, eine große Reise, endet nun mit einem letzten Touribesuch in einer solchen. Aber der Unterschied zum Selfie-Rummelplatz in Santiago de Compostella könnte nicht größer sein. Ich bin fast alleine am späten Nachmittag unterwegs, nur ein älteres Ehepaar schleicht bedächtig und ehrfurchtsvoll durch das gegenüberliegende Schiff. Kostet ja auch drei Euro. Inbegriffen ist der Besuch des alten Bischoffs-Palais, der eine veritable Galerie sakraler Kunstwerke ist, für die ich leider kaum noch Zeit habe. Das Gebäude selbst ist spätgotisch, die Ausstattung Schwerbarock, mit diesem südlichen-okkulten Einschlag, inklusive erdolchter Heiliger, leidend augenrollenden Christusstatuen und streng dreinblickender Marien, alles von einer beunruhigenden Lebensechtheit erfüllt. In einer Seitenkapelle ruht ein mumifizierter Bischoff hinter Glas, er ist ganz kleingeschrumpft und beige, eine Art Taschenbischoff mit halbgeöffnetem Mund, den irgendjemand in Spitze und Seide gesteckt hat. Ein Blick auf die Uhr – ich muss aufs Schiff, Verabredung zum Großreinemachen. Schade. Die Altstadt von Las Palmas ist ganz nett.

Déjà-vu: Ich stehe im T-Shirt in heißer Sonne und frischem Wind.

Zum letzten Mal für lange, das macht ein wenig wehmütig. Die Bergwelt von Gran Canaria ist mehr als einen Blick wert, leider reicht meine Zeit nur für einen kurzen Tripp nach Ayagaures, einem Winzdorf an einem hoch gelegenen, nun fast ausgetrocknetem Stausee. Die scharfen Felsen hier sehen aus, als wäre man tief im Apachengebiet, mindestens 20 Spaghetti-Western könnte man vor dieser bombastischen Bergkulisse drehen. Gran Canaria ist eine Naturschönheit, wenn man die Küste hinter sich lässt, nicht so abwechslungsreich wie Madeira, aber immerhin.

Das Sträßchen ist voller Rennradfahrer, einmal rauf und runter ist vielleicht ein halber Tag, mit Stop an der Dorfkirche, wo eine kleine Tapasbar steht. Sonst gibts im Dorf nichts. Ich esse einen schönen Teller Pimientos und stelle fest, dass Rennradfahrer (maskulin) immer in ihren Klamotten aussehen wie alternde, hässliche Prostituierte, die ihren körperlichen Verfallsgrad durch möglichst enge und grelle Kleidung auszugleichen versuchen. Es scheint eine Art Tradition zu sein, in der Tapas-Bar ein Bier zu trinken. Ich verbiete mir das, auf der Straße passen kaum zwei Wagen aneinander vorbei und der Abgrund ist steil, aber ich bin mir sicher die Rennradfahrer wissen was sie tun. Sie gelten gemeinhin als vernünftige Verkehrsteilnehmer, haben ordentlich Knautschzone am Gefährt, dicke Schutzkleidung und sind den Berg hinab sicherlich sehr langsam unterwegs, besonders vor den engen, unübersichtlichen Kurven, da kann mit Alkohol im Kopf wohl gar nichts schiefgehen.

Déjà-vu: Ich hänge in einer Touristenhölle fest.

Eigentlich dachte ich, es sei eine gute Idee mit dem Wagen die berühmten Dünen von Maspalomas anzusehen, vielleicht mit nackten Füßen über einen Sandstrand laufen oder die Zehen in die Brandung stellen. Aber hier klebt ein synthetisches Großhotel neben dem anderen, die Zwischenräume hat man mit baugleichen Ferienwohnungen aufgefüllt. Bei den Hotels muss die Anweisung für die Architekt*in folgende gewesen sein: „Soll aussehen wie Las Vegas, nur viel kleiner, ok?“ Ich bin nicht in der Lage, einen Parkplatz in Strandnähe zu ergattern, man muss beim Fahren höllisch aufpassen, weil sich Reisebusse durch enge spanische Sträßchen quetschen („Nur viel kleiner, hörst du?„) und Scharen von hässlichen alten Männern in Unterhemd und Goldkettchen zwischen den geparkten Fahrzeugen hervorschießen. Entnervt gebe ich auf. Ich will in die Berge, weg vom Massentourismus.

Déjà-vu: Ich miete mir einen Wagen.

Wie immer ist gerade keiner mehr da, wie immer muss er erst mal telefonieren, wie immer hat er dann doch zwei Autos für mich und den verbleibenden Rest der Crew. Mein Plan scheint aufzugehen: Sich am Flughafen ein Fahrzeug mieten, dass ich am Morgen vor dem Abflug hier zurückgeben kann, ist die einfachste Art, mein Gepäck zu transportieren und heute noch mal ein wenig von der Insel zu sehen. Alleine das Taxi zum Aeropuerto hat etwa 30 Euro gekostet, der kleine Corsa kostet dagegen nur 35 mit Vollkasko-Sorglos-machsovieleKratzerwieduwillst-Paket. Das günstigste Auto bisher überhaupt. Es folgen weitere Abschiedsszenen, Altcrew, Neucrew, seit gestern Abend geht das so. Der Punkt kommt auf jedem Törn, aber nach drei Wochen an Bord fällt es tatsächlich schwerer wie nach 6 Tagen oder so. Der Corsa läuft mir rein, er fährt sich wie der kleine, zurückgebliebene Bruder von meinem Astra in Stuttgart, ich kenne mich gleich aus. Rein ins Auto, nächste Tanke, Cola, Wasser und Kekse kaufen. Dann aufs Gas treten, Richtung Süden, Radio hochdrehen.

Freiheit.

Im Radio läuft erst Cher („Believe“), dann „Personal Jesus“ (Depeche Mode), dann unvermittelt „Lili Marleen“ von Lale Andersen. Kein Scheiß, mitten im spanischen Popradio ist für fünf Minuten Landserfunk a la Frühjahr ’44 angesagt. Scheint so eine Art Hit geblieben zu sein hier, eventuell so wie „entre dos tierras“ bei uns. Kopfschütteln.

Egal. Ich will ans Meer, zu den Dünen von Maspalomas. Scheint mir ne gute Idee zu sein.

Déjà-vu: Ich lade ein Update und Bilder für den Blog hoch.

Der Beitrag ist mittlerweile viel zu lang, hat kaum noch Traffic, niemand liest so langen Scheiß. Aber thats how it is on the interet, Muchachos. Ich freue mich auf meine Wohnung. Aber die Reise war fantastisch.

Hier endet sie.

Sons of Bitche

Es ist manchmal überraschend, wie sich Kreise im Leben schließen und man wieder auf Dinge stößt, die man vorher schon einmal auf den Schirm bekam.

Einige werden sich erinnern, dass ich vor geraumer Zeit über eine völlig zugewucherten Bürgersteig und einen nagelneuen Fahrradhighway daneben geschrieben habe. Vor über 70 Jahren war die selbe Straße keinesfalls ein Tummelplatz von E-Bikerinnen oder schlecht gelaunten Tretroller-Tretern. Im April 45 war diese breite Einfallsroute nach Stuttgart tatsächlich für einen Einfall gut, allerdings für keinen verkehrsplanerischen Einfall zur Vermeidung von Dieselfahrverboten, sondern für einen militärischen Einfall. Im April 45 fuhr eben jene Strecke, wo heute der Fahrradweg glänzt, die 100ste US Infanteriedivision , auf ihrem Weg von Waiblingen kommend, hinunter in den Kessel, um eine weitere Deutsche Großsstadt zu besetzen.

Vorstellen muss man sich diese Fahrt in den Kessel als eine schier endlos scheinende Kolonne von LKW und Jeeps, aufgelockert durch einen gelegentlichen Panzerjäger „Wolverine“ und einige Sherman-Panzer (vermutlich alles Diesel). Im Gegensatz zu den Deutschen waren die US-Streitkräfte voll motorisiert. Die letzten Wehrmachtseinheiten waren Stunden zuvor über Untertürkheim Richtung Alb abgezogen, zu Fuß, mit Handkarren und mageren Gäulen. Deutlicher konnte man die Niederlage des tausendjährigen Reiches nicht versinnbildlichen.

Wie die damaligen Anrainer auf den Einmarsch der Amerikaner reagierten, ist in meinen Quellen nicht überliefert. Vermutlich existierte die typische emotionale Gemengelage der Stunde Null, wenigstens verlief das Kriegsende hier fast ohne Schüsse. Die Besetzung von Stuttgart war der Zieleinlauf eines lustigen Wettrennens um Württemberg. Die Franzosen, vom Schwarzwald her kommend, hatten den Amerikanern klar gemacht, dass Schwaben ureigenes französisches Interessengebiet sei. Die Amerikaner hatten verständnisvoll genickt und dann „I dont give a Shit, Frenchie“ geantwortet. Somit besetzten die gaullistischen Truppen Stuttgart bis zum Neckar, in Bad Cannstatt setzte sich die 100te Infanteriedivision an den Fluss. Halbe-Halbe, das französische Oberkommando schäumte. Das amerikanische Oberkommando grinste.

Auf die 100te Infanteriedivision stieß ich bei privaten Recherchen zum Kriegsende in Württemberg. Diese Episode des Kriegsendes hat also einen Berührungspunkt direkt vor meiner Haustür, denn jene Haustür war Baujahr 1936.

Warum spreche ich aber von Kreisläufen?

Seit Dezember ’44 hatte die 100te ihren Spitznamen weg, bzw. sogar zwei davon. Einige sprachen von der Division als „The Century.“ Die Männer der 100ten selber nannten sich „Sons of Bitche.“

Bitche wiederum ist eine kleine Stadt direkt an der deutschen Grenze. Überthront von einer Zitadelle aus der Hand des absolutistischen Festungsbaumeisters Vauban, umgeben von einem Ring von unterirdischen Festungen, die Teil der Maginotlinie waren, ein unendlich aufwendiger französischer Verteidigungswall aus den 30er Jahren, um die Deutschen im Falle eines Angriffs an der Grenze abzuwehren. Die Verheerung weiter französischer Gebiete durch einfallende Teutonen von 1914-1918 hatte so bleibende Traumata hinterlassen, dass man für die Zukunft den unangenehmen Nachbarn gleich am Gartenzaun gründlich aufhalten wollte. Dass die Deutschen über Belgien 1940 einfach an den französischen Forts vorbeifuhren, ist ein ähnlicher Treppenwitz der Geschichte wie die „Ratrace“ zwischen Amis und Franzosen um Stuttgart.

Die 100ste war keine Traditionseinheit wie andere, sie konnte auf keine Bürgerkriegsschlachten verweisen oder auf Schützengrabenkämpfe aus dem vorherigen Weltkrieg. Sie war eine Neugründung, 1944 aufgestellt, um den steigenden Bedarf an Truppen für das europäische Theater zu stillen. Besonders häufig wurden Collegestudenten der 100ten zugewiesen. Sie bestand also aus gebildeten jungen Männern, nein, sind wir ehrlich: Im Grunde war es eine Abiturienteneinheit aus halben Kindern, die sich da durch Europa kämpfte.

Und die 100te hatte schwere Kämpfe. Ausgeschifft in Marseille im Spätsommer 44 schlug sich die Division zunächst durch die Vogesen um dann im Spätherbst, man ahnt es, in Lothringen eingesetzt zu werden. Ziel: Erstürmung der Panzerforts der Maginotlinie bei Bitche, in denen jetzt die Deutschen die französischen Geschütze ölen. Hauptpreis.

Wie war das nochmal mit dem Kreis, der sich schließt?

Gerade, beim Schreiben dieser Zeilen, sitze ich in einem kleinen Häuschen im Örtchen Enchenberg, 10 Autominuten von Bitche entfernt. Wie ich in dieses ganz entzückend rustikale Chalet komme, ist eine andere und lange Geschichte, sagen wir einfach kurz, dass es lieben Freunden gehört. Zentral für diesen Text ist allerdings ein Gedanke, der mich nicht mehr los lässt: Die Leute, die sich hier in den tiefen einsamen Wäldern im Winter 44 den Allerwertesten abfroren, fuhren dann im April 45 mehr oder weniger an meiner Wohnung vorbei in das Kriegsende hinein. Mehr oder weniger, weil nicht alle, die vor Bitche noch dabei waren, es bis nach Stuttgart schaffen sollten. Schon seltsam.

Bereits der Anmarsch auf Bitche verlief blutig. Für Lemberg, der Ort neben dem besagten kleinen Chalet, brauchten die Amerikaner vier Tage, heute durchfährt man ihn in drei Minuten.

Erstaunlicherweise machten die „Sons of Bitche“ mit den gefürchteten Panzerforts relativ kurzen Prozess. Statt sie unterirdisch zu erobern und sich die Zähne an der Aufgabe auszubeißen, in die ausgeklügelten Beton-U-Boote im lothringischen Boden zu einzudringen, sprengten sie die Panzertürme kaputt oder schütteten die oberirdischen Teile ganz simpel mit Bulldozern zu, um die Geschütze zum Schweigen zu bringen. Die 100te machte ihre Sache hervorragend. Mitte Dezember richtete man sich eigentlich darauf ein, in Bitche Weihnachten feiern zu können, um dann Neujahr auf Reichsgebiet begehen zu können. Daraus wurde nichts.

15. Oktober 2019. Ich steige auf den „Hill 425“ wie er zutiefst militärisch im Regimentstagebuch genannt wird. Es ist ein kühler Oktobermorgen, mir wird aber bei dem steilen Hügel schnell ziemlich warm. Von dieser Erhebung aus kann man Lemberg wunderbar kontrollieren und die Straße nach Mouterhouse gleich mit, die steilen Hänge machen den Berg zu einer Art natürlichem Burgfried. Laut Kriegstagebuch der 100ten hatte die Wehrmacht den Hügel mit diversen Stellungen und Mörserbatterien gesichert, so dass ihn die 100te in blutigen Kämpfen erstürmen musste. Heute sind die Wälder sehr friedlich und färben sich sanft im Herbstlicht. Wer aber genau hinsieht, stellt fest, dass es auf der Kuppe kräftig gerumst haben muss. Wer weiß heute noch, dass die runden Löcher im Waldboden Einschläge sind? Mitten auf dem Waldweg finde ich einen kupfernen Führungsring eines Artilleriegeschosses. Der Größe nach, muss es ein gewaltiges Kaliber gewesen sein. Von Stellungen sehe ich nichts, dafür aber Krater noch und nöcher. Im Wald liegt dann auch eine schlecht krepierte kleinere Granate, der Sprengkörper ist seitlich aufgeplatzt, anstatt wie geplant in kleine, tödliche Stücke zu zerspringen, das Ganze sieht aus wie ein hässlicher toter Fisch. Wer mit offenen Augen durch die europäischen Wälder läuft, dem offenbart sich die ganze Scheußlichkeit unserer Geschichte. „Über allen Wäldern ist ruh“ – ja Goethe, das war einmal, jetzt schießen wir aber in unserer beachtlichen Dummheit regelmäßig mit lauten Granaten herum.

Die 100te sollte länger in diesen Bergen bleiben, als sie sich erhoffte. Viel länger. Die Ardennenoffensive machte den Plan von der Neujahrsfeier in Westdeutschland zunichte. Die flankierenden Einheiten der Division wurden abkommandiert, um gegen Hitlers letzte, sinnlose Offensive weiter nördlich zu helfen, die 100te sollte den Raum Bitche alleine sichern. Die Front der Division war so lang, dass 2/3 der Soldaten im Winter 45 ständig in Schützenlöchern und verschneiten Feldbefestigungen ausharren mussten, um überhaupt den Abschnitt verteidigungsbereit halten zu können. Dazu kam ab Neujahr die „Operation Nordwind“ eine Art kleiner Ardennenoffensive mit weniger Panzern im Elsass. Die 100te musste den Hauptstoß auffangen und sollte irgendwie die Linien in einem Halbkreis hinter Bitch herum halten. Um es kurz zu machen: Die „Sons of Bitche“ sollten im Grunde von Dezember bis März ohne Pause in eisigen Schützenlöchern auf den Hügeln um die Festungsstadt sitzen. Dass sie die meisten Angriffe mehr oder weniger zurückschlugen, dass der Gegner 10 Mal so viele Soldaten verlor wie die Amerikaner, änderte nichts daran, dass es ein außerordentlich beschissener Kriegswinter für die 100te war.

17. Oktober 2019. Zwischen Lambach und Reyersville liegt ein bewaldeter Hügel. Hinter dem nächsten Hügel, hinter Reyersville, liegt Bitche. Auf der einen Seite saßen die Amerikaner, auf dem anderen Hügel die Deutschen. Nahezu drei Monate lang, mit ein bisschen hin und her. Auch hier verbringe ich einen wolkigen Morgen, wandere zwischen den Spuren herum. Die Stellungen sind auf dem Höhenzug quasi unübersehbar, auch für Laien. Gewaltige Vierecke im Wald, verstärkt mit dem typischen rötlichen Stein der Region, vermutlich für Mörser errichtet. Dazwischen immer wieder die sogenannten „Foxholes“, auf Deutsch „Schützenlöcher“, in denen man(n) alleine oder zu zweit hockte um eine Linie zu halten. Es ist ziemlich warm für Oktober, bzw. ein normaler Oktober des Jahres 2040 in Deutschland, nur dass die Tannen und Buchen im Moment noch stehen. Ich versuche mir vorzustellen, wie es im Schnee gewesen sein muss, im eiskalten Januar, oder im März, wenn das Schmelzwasser in die Erdlöcher lief. Ein Gutes hatte der Schnee für die Kids aus der 100ten, wie sie in der Regimentsgeschichte bemerken: Die verschneiten Stellungen waren für den Gegner kaum zu entdecken, so dass er häufig blind ins automatische Feuer lief. Gegen Frühjahr beginnen sich die Deutschen vermehrt zu ergeben. Dann geht alles plötzlich ganz schnell weiter, dem zurückziehenden Feind hinterher.

Ostern auf Reichsgebiet. Hätte man schon Neujahr so machen sollen.

Für die „Sons of Bitche“ sollte Stuttgart übrigens die Endstation im Weltkrieg sein. Das Oberkommando entschied, dass die 100te die letzten paar Bewegungen und Schießereien nicht mitmachen musste, sondern Besatzungsdienst schieben sollte. Das war die Belohnung für’s Franzosenschlagen in der „Ratrace“ nach Stuttgart. Zu dem harten Winter in den Bergen war darüber hinaus Anfang April für die Division noch die Schlacht um Heilbronn gekommen, etwas theatralisch „German Stalingrad“ genannt. Noch einmal musste man einen bereits völlig besiegten Gegner mühsam aus jedem Schutthaufen ballern, hinter dem ein paar fanatische Offiziere noch auf sinnlose Widerstandsschlacht setzten, der Ehre, des Führers, der Gläubigkeit an den Faschismus wegen. Heilbronn war bereits als die „Century“ den Neckar erreichte völlig zerbombt und die dann folgende sechstägige Schlacht, die noch einmal hunderte Menschen in den Tod riss, machte die Situation der Stadt nicht besser. Danach hatte selbst die amerikanische Generalität die Einsicht, dass die 100te genug für den Sieg über Hitler-Deutschland geleistet hatte. Man schickte sie in den Besatzungsdienst in Stuttgart und Esslingen. Teile der 100ten sollten dort bis Frühjahr 1946 bleiben.

„Some of us got drunk. A few of the more volatile Centurymen shot off steam by firing small arms into the air. But most of us, choked with happiness, merely shook a buddy’s hand, laughed like a boy again, or just sat quietly and gave thanksgiving to God.“

So beschreiben die unbekannten Autoren in „Story of the Century“, der divisionseigenen Kriegsdarstellung, etwas theatralisch den „VE-Day“, den Tag des europäischen Kriegendes. Und womöglich ist diese Betonung von stiller Dankbarkeit am Ende des Krieges näher an den wahren Gefühlen der Überlebenden, als jede laute Heldenerzählung, die um Bitche, Heilbronn oder andere Schlachten des zunächst letzten großen Krieges gesponnen wurde und noch gesponnen werden wird.

Schon verrückt, wie Geschichte vor unserer Haustür liegt. Wir müssen sie nur sehen wollen, bzw. ihre Spuren auf dem Angesicht unserer Gegenwart lesen.

Das wäre heute wichtiger denn je.

Übergänge

Wo genau das Land zu Meer wird ist nicht wirklich zu bestimmen. Der Weg auf den Deich ist bereits von einer zunehmenden Abnahme des Festlandes geprägt, Kanäle, Gräben und Siele durchziehen das Land, das nur noch aus Äckern besteht, auf denen jetzt im Oktober niedriges Kraut wächst. Bäume sind definitiv Mangelware. Das, was der Mitteleuropäer als allgemeines Bild der „Landschaft“ mit sich trägt, wird zunehmend weniger. Der Wind bläst hier oben ganz schön kräftig um die Nase, ich fröstele leicht trotz dickem Pulli unter der Jacke.

Auch hinter dem Deich beginnt das Meer nicht , es fängt nur an zu dominieren. Zunächst kommt die harte, graue Deichstraße, einige Schafe blicken mich neugierig darum herum an, lassen sich aber vom entspannten Wiederkäuen nicht abhalten. Dahinter: Salzwiesen, zumindest glaube ich, dass das der Name dafür ist. Nicht zu verwechseln mit einer volkstümlichen Alpenwiese oder gar einem biologisch sterilen Gartenrasen, hier wachsen Spätblüher und seltsame Kräuter, die entfernt schon an Meeresgewächse erinnern. Einige holländische Kühe grasen die Fläche in mittlerer Entfernung ab, aber mein Schuhwerk ist für die Begehung dieses Zwischenreiches definitiv zu schlecht. Dazwischen immer wieder Kanäle und Abläufe sowie morsche Bohlenreihen.

Dahinter: Das Watt, dieser graubraune Pudding, der prototypisch für die Halbwelt an dieser Stelle ist, eine Trans-Existenz, die je nach Tageszeit als begehbares Land oder flüssiges Wasser auftritt. Gerade ist Ebbe, so dass sich die glatte, spiegelnde Sandfläche unendlich weit zu erstrecken scheint. Fast. Denn dahinter ist es endlich in der Ferne zu sehen, bleigrau unter diesem Oktoberhimmel, das Meer. Weit draußen liegen einige größere Schiffe auf Reede, ihre Aufbauten sind zu sehen, in Wartestellung auf ein geheimes Signal, das sie reaktiviert.

Ich bin an diesen Punkt geraten, in dem ich in Groningen den Entschluss fasse, noch ein Stündchen an die Küste zu gehen und zwar auf dem schnellsten Weg. Im Grunde habe ich nur einen Ping auf der Kartensoftware gesetzt, dort wo mir das Satellitenphoto noch eine graue Linie als Straße versprach. Mich dann hier her navigieren zu lassen war dann recht abenteuerlich, den auch schon wieder älter werdenden Opel habe ich hinter dem ersten Deich zurücklassen müssen und bin zu Fuß über die Felder gegangen.

Ich bin an diesen Punkt geraten, weil ich 2012 ein Formular ausgefüllt habe. Im Grunde war es derselbe Vorgang: Einen Ping ins Unbekannte setzen, dort wo ich mir etwas versprach. Was mich dort genau erwartet, das wusste ich nicht und stellenweise bin ich noch heute überrascht.

Ob Küstendeich oder Freistellungsjahr: Es hat sich gelohnt.

Ich bin an diesen Punkt geraten, weil wenig im Leben klar beginnt und endet. Wir bewegen uns in Übergängen voran. Und genau so, wie das Festland, wie Europa einige Phasen und Metamorphosen braucht, bis es zum Meer wird, genau so wie ich hier keine feste Trennungslinie zwischen Holland und Nordsee ausmachen kann, genau so frage ich mich an diesem wechselhaften Oktobertag, wo denn meine alte Existenz endet /enden wird und wo ich ankomme in diesem anderen Jahr.

Bis jetzt hat es mir unendlich Zeit und Drucksenkung gebracht. Ich genieße es, momentan geht es mir fantastisch. Dass gerade keiner Ansprüche auf mich erheben kann, tut mir sichtlich gut. Dass ich meine Tage gestalte und nicht andere Menschen oder Systeme, gibt mir ein lange vermisstes Freiheitsgefühl zurück. Und ich stehe erst am Anfang.

Die Schafe beobachten mich noch immer. Der Himmel ist wolkenverhangen, sehr niedrig und unendlich weit um mich herum. Manchmal brechen Sonnenstrahlen durch eine Bresche und tauchen Teile der Herbstlandschaft in gleisendes Licht. Ich stehe mutterseelenallein auf einem Deich in Westerwolde, es ist ein normaler Montag um die Mittagszeit. Und ich kann ohne schlechtes Gewissen hier auf das Meer am Horizont starren.

Natürlich ist alles anders, als ausgemalt. In Groningen, im Cafe, dachte ich an einen Sandstrand, an Muscheln, an eine Brandungslinie, durch die man mit hochgekrempelter Jeans waten kann und spannendens Strandgut findet. Wenn man erst einmal da ist, stellt man fest, dass sich die Wunschvorstellung nicht bewahrheitet. Aber die Freude liegt nicht in dem, was man sucht, sondern in dem, was man trotzdem findet.

Und im Grunde ist dieser Augenblick am Meer eine riesige Metapher auf mein Jahr raus.

Ich bin endgültig im Übergang angekommen.

Pinsel in der Hand, Biedermeier im Kopf

Ich tauche die Rolle in die milchige Flüssigkeit. Alpinaweiß, die liebste Farbe der Deutschen. Die Rolle taucht bis zur Hälfte in das dicke Weiß und wird dann auf dem schon ganz weißen, rautenförmigen Gitter von mir abgewälzt. Einzelne Karos des Hilfsmittels schließen sich kurzfristig mit einer blasigen Membran, nur um beim Abtropfen wieder aufzugehen wie Atemlöcher einer Uhrzeitkreatur. Auf der Oberfläche des Farbeimers werden sich nach und nach beim Herabtropfen der überschüssigen Farbe seltsame Muster bilden, die an Botschaften einer außerirdischen Intelligenz erinnern, die in Zeitlupe wieder eins werden mit der restlichen dicken Suppe. Bis ich mich wieder zum Farbeimer umdrehen werde, wird die Oberfläche der weißen Farbe wieder glatt und unberührt da liegen, als wäre nie etwas gewesen. Nur langsam weniger wird sie werden.

Ich trete das Stahlblatt mit einem kräftigen Sohlenstoß in die braune feuchte Masse. Der trockene Sommer hat den Boden härter werden lassen als in vergangenen Jahren. Mit Druck auf den Holzstiel breche ich den Boden auf, mit einer Drehung um die Längsachse werfe ich eine Spatenschaufel voll Erde in das rechts davon befindliche spatenblattgroße Loch, das durch eine genau gleiche Bewegung, durch die eben angewandte Technik vor einigen Minuten entstanden ist. Mit der Umkehrung des Untersten nach oben gerät eine Welt ans Tageslicht, die bisher die Finsternis liebte. Dicke, hellrosa Regenwürmer winden sich eilig zurück Richtung der sicheren Erde, kleine weiße Asseln wuseln davon. Die meisten haben Glück und mein Spaten zerteilt sie nicht. Dazwischen werden verborgene Schätze ans Tageslicht gefördert, leere bleiche Schneckenhäuser, zwei vergessene sehr kleine Karotten, ein rostiger Nagel. Unwillkürlich denke ich an Günter Kunerts „letztes Gartengedicht.“

Wer noch nie ein Beet umgegraben hat, der wird das Werk nie erfassen. Wer schon einmal umgegraben hat, der wird das Gedicht automatisch kapieren.

Zwei Tätigkeiten, die aus der regelmäßigen Wiederholung des selben Vorgangs heraus leben. Der aktuellen Farbrolle sind bereits viele vorraus gegangen, noch viele werden folgen, bis jeder Fleck, jede Seite des impferfekten Quaders, in dem ich stehe, sich von einer grauen, fleckigen Fläche in eine blütenweiße verwandelt hat. Der Boden natürlich ausgenommen, der ist abgeklebt. Bis ich alle vier Beete umgegraben habe, werde ich den Stich, den Zug, die Drehung … wer weiß schon wie oft wiederholt haben? 100 Mal? 200 Mal?

Es ist ganz gleich. Wichtig und aufmerksamkeitsfordernd ist immer nur der aktuelle, gerade auszuführende Vorgang. Er erfordert auf der einen Ebene meines Geistes meine gesamte Aufmerksamkeit für die Aufgabe, damit sie gelingt und ich den Vorgang an die kleinen Variationen und Ungleichmäßigkeiten des Lebens anpassen kann – hier ein Lichtschalter, da eine dicke braune Wurzel. Eine andere Ebene meines Geistes ist völlig frei herumzuschweifen und zu wandern. Gedanken, Themen, Ideen geraten völlig natürlich in meinen Kopf und werden von anderen Einfällen überlagert. Es ist mir völlig unmöglich festzulegen, welcher Vorgang nun von meinem Bewusstsein oder Unterbewusstsein gesteuert wird.

Ich glaube in der Psychologie heißt mein Zustand „Flow.“

Ob ich nun im Kulturzentrum einen Raum neu anstreiche oder bei meinen Eltern im Garten die schwere Arbeit übernehme: Immer merke, ich dass mir diese körperliche Arbeit, die aber mit sehr wenig Zeit- und Systemdruck auskommt, unglaublich gut tut. Ich werde dabei ziemlich entspannt.

Gelegentlich stellt mir eine der beiden Hauptamtlichen eine gekühlte Cola hin oder fragt, ob ich noch einen Kaffee möchte. Nach der Hälfte der Beete setze ich mich mit meiner alten Mama auf die wacklige Bank vor der Hütte und trinke eine Halbe aus Papas Sixpack in der Hütte.

Biedermeier macht sich in mir breit.

Abends habe ich dann angenehmen Muskelkater und merke, dass ich etwas getan habe. Irgendwie macht mich das zufrieden. Es ist nicht, wie diese nie enden wollende Arbeit vor der Tafel, bei der man immer wieder an den Punkt kommt, mit allem von vorne anzufangen, die von politischen, also im Kern der Idee unsachlich-emotionalen, Interessen beeinträchtigt wird, bei der man ständig irgendwelche anderen Leute in ihren Erwartungen bedienen muss. Die meisten von diesen anderen Leuten arbeiten mit Jammern und Heulen, das Ergebnis ist nie ganz deins, sondern nur dein Kompromiss mit dem Fremdinteresse, du kannst nie sagen: So, das ist jetzt fertig und gut. Es ist nie etwas fertig und es ist auch nie etwas gut, sondern Ansichtssache. Und Anspruchssache im Verteilungskampf Bildungssystem.

Erschreckend.

Der simple Trott eines Anstreichers oder Feldarbeiters, das monotone ungelernte Arbeiten entspannt mich und löst bei mir Heimatfilmreflexe aus. Muss man sich da als bisher aktiver und eher komplex denkender Mensch Sorgen machen? War geistige Arbeit am Ende ein Irrweg?

Ich denke nicht. Mindestens nach dem dritten Tag Anstreichen hätte ich die Schnauze voll von klebrigen Arbeitsklamotten, schmerzenden Schultern und kleinen Alpinaweiß-Tropfen auf dem Brillenglas. Würde es sich nicht um vier größere Gemüsebeete sondern um ein durchschnittliches Feld drehen, hätte ich wenig Lust tagelang mit meinem Spaten Erdportionen auszustechen und einmal schön zu wenden.

Aber für ein paar Stunden ist es sehr schön.

Denn es liegt wohl auf der Hand, das mir so etwas gefehlt hat. Tätigkeiten, bei denen Kriterien klar und faktenorientiert sind, bei denen man den Körper aktiviert und bei denen man am Ende feststellbar sagen kann: Es ist etwas fertig.

Und nun kommt das Geilste: Am Schluss sagt jemand sogar „danke“ für das, was man getan hat. Ob das jetzt die Hauptamtlichen vom Verein sind oder die eigene Mutter: Gut und ungewohnt ist das eigentlich immer.

Ich bin jedenfalls in diesem sonnigen Herbst ziemlich dankbar, dass ich mich dankbaren Aufgaben widmen kann.

Grumpy Old Boy: Der letzte Tretrollerer

Ja, Sie haben richtig gelesen. Tretrollerer, mit „er“, das ist kein Tippfehler, wie ich sie zuhauf mache und manchmal noch nach Wochen in meinen Beiträgen entdecke, das ist ganz bewusst. Denn ich meine gar nicht das Fahrzeug, den Tretroller, ich meine mich, den Mann der ihn bedient. Also ganz analog wie der Fahrradfahrer zum Fahrrad. Nur dass ich in letzter Zeit gar nicht mehr analog zu diesem Menschenschlag wahrgenommen werden will.

Aber der Reihe nach.

Ich besitze einen Tretroller. Das ist für einen älteren Herrn kein besonders würdevolles Fahrzeug, aber ich habe ihn nun mal. Er ist ein Relikt aus einem früheren Leben, angeschafft hatten wir und meine damalige Partnerin zwei von diesen Rollern. Jetzt ist sie schon lange weg und das eine Fahrzeug immer noch bei mir. Jahre lag es vergessen in meinem Tiefkeller – dem feuchten alten Luftschutzraum bei uns im Haus, die feuchte Luft macht aber einem Tretroller nix aus – kürzlich, vor einigen Monaten habe ich ihn da wieder entdeckt und festgestellt: Er ist praktisch und funktional.

Das liegt vor allem daran, dass dieses Modell an der Lenksäule zusammenklappbar ist. Auch die Griffe und die Lenkstange kann ich möglichst klein zusammenklappen oder -stecken, dann wiegt das Ding ca. 8 Kilo, ist so groß wie ein Skateboard und man kann es sich an einem Gurt über den Rücken hängen. Das ist praktisch: Ein Fahrzeug, dass man im Falle, dass man es gerade nicht braucht, zusammenklappen und verstauen kann. Und herumtragen. Neben dem schon erwähnten Skateboard, für das ich zu doof bin, fallen mir nicht viele andere Verkehrsmittel ein, die das könnten.

Also habe ich wieder mit dem Tretrollern angefangen, auch im Zuge der Klimadebatte, denn mein Getrete ist ziemlich CO2-neutral. Und macht außerdem Spaß, auch wenn ich dabei doof aussehe. Zugegeben, am schönsten ist es bergab, berghoch ist es nicht mehr besonders effektiv, aber bei all zu steilen Gefällen kann ich das Ding ja immer noch zusammenklappen und schultern. Perfekt.

Nur, dass ich seitdem Fahrradfahrer noch weniger leiden kann, als früher.

Beispiele gefällig?

Fall 1: Ich fühle mich grob vernachlässigt und nicht wahrgenommen durch die Verkehrspolitik in Stuttgart, das ich vom Tretroller aus gar nicht mehr als Landeshauptstadt der Autoindustrie wahrnehme. Denn so kuschelig, wie sich die Diesellobby im Vorzimmer der grünen Landesregierung eingenistet hat, so viel verkehrspolitische Kosmetik ist natürlich auch als Ausgleich notwendig. Und Stuttgart hat irgendwann erkannt, dass Fahrradwege im Gegensatz zu wirksamen klimapolitischen Maßnahmen (Dieselfahrverbot, CO2-Bepreisung für Industrie und Verkehr, Stromtrassen und Windräder durch schwäbisch-bürgerlich Sichthorizonte …) sehr günstig sind. Weil man aber als schwäbischer Grüner einerseits einen sauschwarzen Koalitionspartner hat, zum anderen sich vor den echten, linken Grünen auf Parteitagen irgendwie für das, was man tut, rechtfertigen muss, hat sich also das südliche Rußgrün hierzulande darauf verlegt, Radwege zu bauen. Was heißt bauen: In der Regel muss man weiße Farbe neu auf dem Asphalt verteilen, und schon kann man wieder einen Fahrradweg herumzeigen.

Ich bin auf dem anderen Dings unterwegs, dem … wie hieß das früher …? Bürgersteig! Oft sogar zu Fuß. Wenn ich nicht rollere, dann gehe ich sehr gerne. Der Bürgersteig, der von mir nach Bad-Cannstatt-Zentrum führt, sieht so aus, und nun beachte man das Foto.

Rechts Busch, Links Fahrradweg (im Ernst), in der Mitte meins. Das heißt, sobald ich eine Machete gefunden habe.

Fällt Ihnen was auf? Nein, das ist kein Autobahnbegrenzungsstreifen oder ein Waldsaum, das ist mein Bürgersteig. Die glattgekärcherte Rollbahn links davon, das ist ein 3-meter-breiter Fahrradweg, links davon wiederum ist die Autospur, in der Mitte die U-Bahnschienen. Das, was hierzulande für Fußgänger und Tretrollrer geboten wird, ist der bröckelige Betonsockel vor diesem Heckendschungel. Also, eher IN diesem Heckendschungel.

Kann man es mir vorwerfen, dass ich angesichts dieses Angebots mich als treibhausgasarmer Verkehrsteilnehmer wenig geschätzt vorkomme? Um so mehr, wenn mich Frau Dr. Kleinesam-Rübenzieher links mit ihrem nagelneuen E-Bike und surrendem Atomstromaggregat an der Nabe lässig überholt, während ich noch versuche meinen Roller aus dem Astverhau, in dem er sich verheddert hat, zu befreien.

Jetzt könnte ich natürlich einfach auch auf dem Fahrradweg fahren. Aber: Ich habe Angst. Denn ich ahne, wie ein Fahrradfahrer auf einen schwächeren Verkehrsteilnehmer im Visier vorraus reagieren würde, und Blindgänger, Wildschweine und Systemsprenger im Diktat, all diese Risiken halte ich für kalkulierbar, aber eine schwäbische Fahrradfahrer*in, das ist mir zu heiß. Also schiebe ich durchs Gebüsch und … entwickle eine Abneigung. Gegen die bevorzugte, privilegierte Klasse im Verkehrsgeschehen, gegen die Systemheinis, die einfach so schöne Wege dahingestellt bekommen.

Zweites Beispiel?

Wenn ich nicht gehe oder rollere fahre ich im Stadtgebiet meistens S-Bahn oder U. Das ist zwar in Stuttgart sauteuer und scheiße getaktet, aber was tut man nicht alles um auf das Auto zu verzichten. Dann kann man einmal später, wenn der ÖPNV endlich in ganz Deutschland nur 365 Euro pro Jahr kostet und gut ausgebaut ist sagen: „Ich habe das schon gemacht, bevor es bequem wurde.“ Haha, nein, natürlich ist das nur ein zynischer Scherz, so was wird in Deutschland nie kommen, das wäre ja klimahysterischer Kommunismus. Das machen wir nicht.

Jedenfalls gibt es in der S hinten einen etwas größeren freien Platz mit längs angebrachten Klappsitzen. Das ist zwar nicht beliebt, aber da die S trotz hoher Preise und wegen der groben Taktung zu bestimmten Zeiten rappelvoll mit armen Menschen ist, lässt man sich hier trotzdem gelegentlich nieder.

Bis diese Fahrradfahrerin einsteigt (diesmal ohne *, es war wirklich eine Frau. Obwohl ich einen Mann in einer dummen Rolle für Beispiele lieber habe). Sie schiebt ein E-Bike in der Größe eines Müllcontainers in den Wagen, ja sie ist kaum in der Lage den riesigen Elektromotor mit dem fetten Akku anzuheben und über die S-Bahnkante zu wuchten, obwohl sie weder uralt aussieht noch wirklich unsportlich. Aber dieses Fahrzeug ist für sie ohne externen Antrieb offensichtlich kaum zu bewegen. Sobald sie ihr in Trendfarben gehaltenes Monstrum im Wagon hat – zwei mal hat sich die Tür schon versucht zu schließen, 400 Menschen warten geduldig – , wirft sie uns Sitzenden missbilligende Blicke zu und hüstelt: „Also das hier ist eigentlich der Platz für Fahrräder.“

Wir Sitzenden blicken auf. Ein Rentner mit karierter Schiebermütze, eine dicke Kopftuchmama, eine Jugendliche mit Katzenohren-Kopfhörern und ich. Ich überlege mir, ob ich nun Dinge sagen soll wie: „Wenn die Maschine wieder wichtiger wird als der Mensch, dann werden in Deutschland auch wieder Bücher brennen“, oder „Fick dich ins Knie, Alte.“ Doch natürlich sage ich wie immer nichts, und nach einigen Sekunden blicken alle Sitzenden wieder einfach zu Boden, als wäre nichts passiert. Die Botschaft ist auch so klar, siehe meine zweite Antwortidee.

Fräulein Fahrrad schiebt ihre Gucci-Sonnenbrille im 50er-Jahre-Design in den blondierten Pferdeschwanz, tippelt etwas missmutig mit den blendend weißen Adidas-Turnschuhen und zieht dann ihr Iphone 10 aus der unglaublich eng anliegenden Gesäßtasche der Stretch-Jeans, um während der Fahrt zu versuchen gleichzeitig zu telefonieren, ihren tonnenschweren Elektropanzer mit einer Hand auszubalancieren (was ihr nur mäßig gelingt, weil ihr mageres Handgelenkchen einfach nicht genug Kilopond dafür aufbringt) und ihrer Freundin, am anderen Ende der Iphone-Leitung zu erzählen, wie unglaublich fahrradfeindlich Stuttgart als Stadt ist, und dass man als Fahrradista in der S-Bahn nicht einmal einen reservierten Platz bekommt.

Hättest du halt nen Tretroller genommen, Ische, den könntest du einklappen! Oder wärst gleich mit deinem Akku die spiegelglatte, topgepflegte Fahrradautobahn hochgesurrt, so wie Frau Dr. Kleinesam-Rübenzieher, ich habe ohnehin den Eindruck, ihr beide würdet euch super verstehen.

Beispiel 3? Beispiel 3.

Lasst uns dafür hinausgehen, in den großstädtisch geprägten suburbanen Raum, in den Speckgürtel. Dort, jüngst geschehen auf einer Großveranstaltung auf einer großen, großen Wiese: Abbruch der Veranstaltung gegen 15.00, da zwei Flugzeuge sich am Boden berührt haben und verunfallten. Nun liegen zwei Flugzeugwracks auf der Piste und vier Leute haben sich ein bisschen verletzt, währen sie mal lieber E-Bike in der S-Bahn gefahren.

Jedenfalls strömen jetzt, nachdem klar ist, dass es das war mit Flugshow, ein paar 1000 Leute über Feldwege vom Gelände. Und es sind wirklich sprichwörtlich Feldwege, links ein Maisfeld, rechts irgend etwas Getreidiges, dazwischen zwei gekieste Traktorreifenspuren, getrennt durch einen Grasstreifen. Gefüllt ist diese ländliche Szenerie mit Pärchen, Kindern, Familien, teils mit Picknickkörben und Klappstühlen unter dem Arm.

Kommt von hinten angerollt, man ahnt es inzwischen: Der Fahrradfahrer. Diesmal sind es zwei, das ist schlecht, da fühlen sie sich noch stärker. Vornweg radelt er, ca. Mitte 60, ein wenig an den Weihnachtsmann im Sommerurlaub gemahnend, einen Schlapphut im Gesicht und ein weißes Poloshirt, das einen sichtbaren Streifen gut gebräunten Schmerbauch offenbart. Gefolgt wird der Renter auf Selbstfahrlafette von seiner Gattin, zumindest sieht das für alle ganz danach aus, klein, mager, wirkt ein wenig wie ein Stück Frühstücksbacon vom Hotelbuffet mit Fliegerbrille und 150-Euro-Frisur.

Er schreit schon aus sicherer Entfernung zu seiner hinter ihm tretenden Frau (klar, dass er vorne fährt): „Die sollen doch den Fahrrädern hier mal Platz machen!“ „Die Fahrräder hier“ sind im Moment er und seine Frau, aber Hauptsache sich selbst schön verallgemeinern. Und dann kommt, was alle kennen, das selbstbewusste Wegklingeln der schwächeren Verkehrsteilnehmer, die tatsächlich alle auch brav die rechte (sic!) Traktorreifenspur räumen, aber klar, dass der rechts fahren will, passt irgendwie. Anstatt dass wir Fußgänger uns alle verbünden und die beiden mit dem Zorn der Gerechten ins Maisfeld treten, ziehen wir schicksalsergeben das, was Fußgänger immer ziehen: den Kürzeren.

Klar: Man hätte seinen Drahtesel auch von der Veranstaltung schieben können. Haben ja auch ein paar gemacht.

Aber hier galt das Motto: freie Fahrt für freie Bürger.

Drei Beispiele, die mir als Tretrollrer / Sneakerläufer das Gefühl geben, dass ich definitiv im Kastensystem der Verkehrswege ganz unten gelandet bin. Und ich fürchte darüber hinaus, dass wir hier eine psychologische Substituiton beobachten können: Alles, was der Fahrradrambo dem Autoverkehr vorwirft – grob, rücksichtslos, den Vorteil des Stärkeren gnadenlos ausspielend, sich als Krone der Schöpfung begreifend – lebt er gegenüber dem schwächeren Verkehrsteilnehmer aus, einfach, um sich mal auch in dieser Rolle erleben zu können. Mit der Mentalität eines deutschen Panzerfahrers im rückwärtigen Raum der Ostfront.

Ich hingegen fühle mich in der Rolle des rückwärtigen Raums der Ostfront nicht besonders.

In meinem Keller vegetieren neben dem jüngst wiederbelebten Roller noch zwei alte Fahhräder vor sich hin, mit platten Reifen, brösligen Bremsen und eingetrocknetem Öl auf der Shimano-Gangschaltung. Seit Jahren habe ich immer wieder behauptet, irgendwann brächte ich die beiden mal auf Vordermann und in Einsatzbereitschaft. Ich glaube, ich lasse sie verrotten und bleibe zäh bei meinem Tretroller. Als stummer Protest gegen den Kriegszustand auf der Straße.

retour à l’école

Ich packe mir eine Schultasche. Die eine Sache, die nicht hätte passieren dürfen, jaja, war ja klar, seine Auszeit geht gerade zwei Wochen, dann dreht er durch und rennt zurück in die Schule.

Könnte man meinen. Dieses mal packe ich die Tasche aber von der anderen Seite aus gesehen – von der des Lernenden aus. Und damit ist die Reise zurück noch viel weiter als in meine berufliche, kurzfristig unterbrochene Laufbahn. Ich fühle mich bei dieser Tätigkeit durchaus an meine Schülertage erinnert. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich auf einen alten Ordner meinen Namen und die Abkürzung „Franz“ kritzele, mir eine Blechdose mit Stiften und „Ratzefummel“ packe und einen College-Block in einen kleinen Rucksack schiebe. Mit diesen Dingen auf dem Rücken schlendere ich zur U-Bahn und fühle mich kurzfristig und seltsamerweise tatsächlich wieder wie 17 oder 18 und auf dem Weg zur Samstagsschule (die wir noch hatten, das sei nur mal angemerkt, wenn man über die Belastungen des modernen Schulsystems für Kinder diskutiert). Wenigstens kurz.

Ich habe mich entschlossen, einen Französischkurs zu machen, vier Abende Intensivkurs zu jeweils zweieinhalb Stunden. Ich möchte zum einen meine freie Zeit auch zur persönlichen Fortbildung nutzen. Ich finde, die Tatsache, dass ich die Sprache unseres wichtigsten Partners in Europa und der besten Freunde, die Deutsche (unverdientermaßen) jemals hatten, viel zu bruchstückhaft beherrsche. Als Schüler hatte ich drei Jahre „Franz“, Pflichtfach für Leute, die nach der Realschule noch Abitur machen wollten, von Klasse 11 bis Klasse 13. Ich war faul wie ein toter Esel in dem Fach, fand, dass einigermaßen gut Englisch doch im 20. Jahrhundert ausreichen muss und war der Grammatikübung gänzlich abhold; darüber hinaus hielt es unsere Lehrerin für gute Politik, auch für höchst inkompetente Leistungsstände die Note 3-4 zu vergeben (das beugt Beschwerden vor), so dass ich auch gar keinen Notendruck hatte, mich mit den Phänomenen der Französischen Sprache zu beschäftigten. Ein schwerer Fehler, der mir für die eigene Karriere immer als leuchtende Warnung vor Augen stand. Bei mir gibt’s Fünfer für Scheißleistungen, weil eine ordentliche Note eine Scheißleistung nicht besser machen kann.

Sei’s wie es sei, mein Abitur ließ mich mit einem Französch zurück, das über „je m’appelle“ und „j’habite à“ nicht groß hinausging. Ich habe das schnell im Kontakt mit Franzosen bedauert, heute um so mehr, da ich die letzten Jahre viel in Frankreich herumhing und dort auch immer wieder mit Leuten in Berührung kam und feststellte, dass die Franzosen zu Deutschen in der Regel total nett sind. Und dass trotz der vielen Granaten, die wir da im Wald haben liegen lassen, nicht zu sprechen von denen, die wir auf sie geballert haben.

Das europäische Wunder.

Denn bei aller Kritik an Brüssel bleibt doch die eigentliche unschätzbare Leistung der Europäischen Union, für 70 Jahre des Friedens auf dem ehemaligen Kontinent der nationalistischen Wahnsinnigen gesorgt zu haben. Nebenbei gesagt kann ich in letzter Zeit nicht verstehen, wie sich einzelne Völker aus diesem Schutzkreis hinaus wünschen. Ich fürchte, es ist einfach zu lange her, dass sich die aktuelle Generation noch daran erinnert, wie es war, als sich die Europäer gegenseitig mit Explosivmitteln beharkten. Nämlich hundsbeschissen. Und die nationalistischen Wahnsinnigen kehren zurück,.

Zurück zu Franz: Wenn ich also mal mit einem unserer Freunde rede, dann leider nur in der Gegenwartsform und ohne Bedingungen und Konjunktive, ein zweites Bier kann ich bestellen, über die europäische Sache sprechen leider nur sehr gebrochen.

Also nochmal zur Schule, Monsieur! Die Strafe für`s Faulsein kommt immer, manchmal mit 30 Jahren Verspätung, aber sie kommt. Heute muss ich Geld bezahlen, um unterrichtet zu werden. Unser Kurs am Institut français ist ziemlich klein und nur ausnahmsweise eingerichtet worden: 5 Lernende und Émilie unsere Kursleiterin, die noch ziemlich jung ist, aus dem Süden Frankreichs stammt und Paris doof findet.
Da sitze ich in vertauschter Rolle, höre aufmerksam zu, schreibe eifrig von einer Tafel ab und zucke ein wenig zusammen, wenn mein Name fällt, weil ich dann richtig auf Französisch antworten muss, und Angst habe, ich mache etwas nicht richtig.

Schülerrolle, here we go again.

Aber ich mache auch Dinge anders wie 1992, ich trage keine Stonewashed-Jeans mehr, höre nicht mehr Beasty Boys auf Chromdioxid-Kassette* und wohne bei Mama; und darüber hinaus möchte ich ekelhafter Weise der Schüler sein, denn ich mir als Lehrer wünsche.

Zugegeben, das fällt einem leichter, wenn man für Bildung bezahlt und das Gefühl hat, man müsste das Maximale aus seiner Pauschale für sich herausholen. Also schreibe ich wirklich vollständig von der Tafel ab, höre zweieinhalb Stunden aufmerksam und konzentriert zu (Émilie unterrichtet ohne Pause durch, ziemlich frontal und spricht eigentlich nur Französisch. Nix für Weicheier also.) und mache alle Übungen so, wie es gewünscht wird. Zuhause schreibe ich meine Transkripte noch einmal sauber und strukturiert ab und mache natürlich die Hausaufgabe, obwohl sie „optionnelle“ ist.

Ich weiß, abstoßend.

Mein früheres Ich würde mich hassen, aber mein früheres Ich war auch ein Depp. Ich fürchte, jeder ist mit 17 ein Depp, das kann man dem Menschen nicht immer vorwerfen (manchmal andererseits aber schon). Nun möchte ich die Zeit, die noch bleibt auch nutzen. Mein grammatisches Verständnis ist immer noch scheiße (wie geht dieses Imparfait?) mein Wortspeicher im Vergleich eigentlich ganz gut und gesprochenes Französisch verstehe ich zunehmend besser.

Nach diesen Abenden, wenn ich in der U sitze, dann schwirrt mir immer kräftig der Schädel und irgendwo im Hintergrund laufen Konjugationen leise verrauscht durch den Gedankenstrom. Seit gestern weiß ich das „COD“ nicht nur die Abkürzung für „Call of Duty“ ist, und ich glaube, das macht mich zu einem besseren Menschen. Mehr wissen ist immer besser. Die Hälfte vom Kurs ist rum, ich freue mich auf die zweite Woche

Vive l’education!

*Es sei angemerkt, dass das Hören von Beasty-Boys-Alben noch immer eine musikalisch hochgradig lohnenswerte Angelegenheit darstellt, sowohl das brachiale Frühwerk als auch die eleganteren späteren Alben. Nur die Chromdioxidkassette im Beispiel ist ein Relikt aus anderen Zeiten. Bien sur!

Into the Night

Protokoll einer Nacht

18:00

Das Lager ist aufgeschlagen. Ich habe den Platz tatsächlich von der Abzweigung von der Bundesstraße gefunden, dort wo es zum zerstörten Dorf Beaumont abgeht am Pfefferrücken entlang, dann kann man rechts in die „Ravin de la Charbonière“ abbiegen, was ich als „Köhlerschlucht“ verstehe. Mein Übernachtungsrucksack ist wesentlich schwerer als mein sonstiger Exkursionspack, ich hätte ihn gewogen, wenn ich eine Waage hätte, aber da stecken alleine drei Liter Wasser drin, ein Edelstahlkochset, Schlafsack, Unterlage, ein halber Liter Milch … ach ja, und dieser Laptop, auf dem ich gerade tippe. Von der Stelle, an der man das Auto stehen lassen muss, sind es laut Google etwa zwei Kilometer bis zur Köhlerschlucht.

Ich bin nun relativ stolz, dass die Planung bis hier hin aufging. Ich war in der Lage, das schwere Ding in den Wald zu schleppen, es fiel mir sogar weniger schwer, als ich dachte. Den Einstieg in die Ravin habe ich sofort wieder erkannt und auch meine Erinnerung an den Abhang trügte mich nicht: Wunderschöner, offener Buchenwald, den Hang hinauf ist man vom Fußpfad schon nach kurzer Zeit nicht mehr zu entdecken. Punktuell haben die Franzosen nach der Rückeroberung mächtigere Erdwerke angelegt, zwischen den Gräben sollte sich ein schönes, ebenes Plätzchen finden lassen.

Es fand sich.

Nun scheint die Abendsonne durch die Stämme, der Wind rauscht sacht und ich sitze hier mit einem Datenknecht und fange ein wenig an zu protokolieren. Um es kurz zu machen:

Ich werde auf dem Schlachtfeld von Verdun übernachten.

Hier, und mutterseelenalleine. Ja, ich weiß was ihr denkt.

Ich habe auch die Umgebung abgesucht, keine Spur von Wildschweinsuhlen, dafür aber ein Blindgänger in etwa 30 Meter Entfernung. Jemand hat ihn schön orange angesprüht, er leuchtet in fröhlichen Farben in der Abendsonne, und ich denke, mit 30 Metern Abstand wird er mich als Genossen für eine Nacht tolerieren.

Meine Iso-Matte ist bereits Probe gelegen. Ja, alle Natur-Verklärung beiseite, eine Nacht auf dem Waldboden, das wird kein Spaß. Aber für einen Waldboden liegt sichs nicht schlecht, mein Kopf ruht leicht erhöht am Buchenstamm hinter mir. Füße vorraus ist auch eine Buche, Tja, wenn ich jetzt eine Hängematte hätte. Hab ich aber nicht, nur Isomatte(n) und Schlafsack. Im Halkreis läuft ein alter Schützengraben um mich herum, sonderlich tief ist er nicht mehr – siehe Skizze. Ich als Stadtdepp halte den Ort für einen tollen Lagerplatz.

Ein farbenfroher Bettgenosse: Markierter Blindgänger

Auch der Holzverbrenner ist aufgestellt und zwar auf einer Kalksteinunterlage. Ja ja, ehrlicherweise ist Campen und Lagerfeuer auf dem Gelände des ehemaligen Schlachtfeldes streng verboten, aber ich campe ja nicht, ich penne ohne Zelt unter einem Baum, und auf den Schildern ist immer ein durchgestrichenes Lagerfeuer und kein Edelstahltopf mit brennenden Ästen. Aber ich fürchte eine juristische Diskussion mit einem Forstbeamten werde ich so nicht überstehen, und zwar nur in zweiter Linie wegen meinem miesen Französisch. Allerdings: Hier kommt keiner vorbei. Ganz sicher. Es kommt abseits der Denkmäler und Museen nämlich nie einer vorbei.

18:14

So langsam wird es Zeit für das zweite Wagnis des Outdoor-Abenteuers. Abendessen kochen im Wald. Alles instant, also sollte es kein Problem sein. Ich muss nur Wasser zum Kochen bringen, und laut Netzauftritt des Anbieters ist der kleine Holzbrenner darin super. Wir werden sehen.

19:00

Der Feuertopf macht heiß wie Hölle, auch wenn er ziemlich hungrig nach kleinen Stöckchen ist. Ein halber Liter Wasser kocht nach drei Minuten – wow. Die Käsenudeln aus der Instanttüte wurden wegen der Gewichtsersparnis gewählt – und schmecken entsprechend. Ich hatte kurz mit der Idee gespielt, eine Dose mitzunehmen, aber Gewicht und Umfang sprachen dagegen. Etwas Salz wäre noch von Seiten der Instantkäsenudelnfirma eine gute Idee gewesen. Egal, für meine ersten warme Mahlzeit im Wald war das gar nicht schlecht.

Auf dem Foto noch gelber als in Wirklichkeit: Instant-Tüten-Käsenudeln

Langsam schwindet das Licht. Ich suche lieber noch mehr Hölzchen, bevor es zu dunkel ist. Das geht bei Tageslicht besser.

19:38

Problem 1: Käsenudelgeschirr ohne Seife reinigen. Das wird nix, es wird käsig bleiben bis ich wieder in gesittete Gefilde komme. Darüber hinaus ist das Alukochgeschirr natürlich auch rußig, das liegt in der Natur der Sache. Also habe ich käsige und rußige Hände. Ich werde bis morgen stinken, dass es dem Ersten Weltkrieg graust.

Langsam wird es dämmrig. Zwischen den Blättern leuchten zwar noch ein paar Wolken golden zwischen dem Blau herab, aber hier, an meinem Graben, ist es schon einigermaßn duster. Und sehr still. Ab und zu scheppert mein Handy – Kollegen schreiben aus der Zivilisation und betreiben ganz normale Donnerstag-Abend Konversation. Manchmal schreibe ich zurück. Ich finde es irgendwie reichlich absurd.

Wenn die wüssten, wo ich hocke und was ich tue.

Regelmäßig ein Stöckchen ins Feuer stecken nämlich. Ich glaube jetzt reicht der Vorrat. Gegen später gibt’s noch Nachtisch, Experiment Nr. 2: Grießbrei-kochen im Wald.

20:00

Jetzt ist es schon ziemlich dämmrig und der Wald erwacht. Irgend etwas hat in gar nicht so weiter Ferne gebellt. Und dann etwas produziert, was wie ein wütendes Rülpsen klang. Bis jetzt rede ich mir ein, es sei wohl ein Fuchs. Ich habe mal gelesen, dass die „kläffen.“ So wird’s sein.

Werde ich heute Nacht überhaupt schlafen können? Meine Sinne sind bereits jetzt ziemlich gespannt, ich scanne jedes Geräusch aus der Dämmerung. Es ist jetzt auch kühler, die Wärmejacke und das Mützchen ist an, und die Stirnlampe habe ich auch auf.

Für alle Fälle.

Ich glaube, ich versuche jetzt einen Grießbrei zu kochen. Das lenkt mich von den Geräuschen eventuell ab.

20:07

OK, das war jetzt definitiv ein hohes, langgezogenes Quieken. Irgendwo in der Nähe sind Wildschweine. Shit, Wölfe wären mir genehmer, liebe AfD. Hoffentlich mögen die Viecher mein Feuer nicht. Und gehen bald woanders hin.

20:23

Perfekter Griesbrei, liebe Firma Hier-deutsche-Traditions-Pudding-Firma-einsetzen, und klumpte nur ein kleines Bisschen. Da ein halber Liter etwas viel ist, habe ich nur die Hälfte angerührt, so habe ich noch eine schöne frische Portion zum Frühstück. Falls ich eins brauche.

Das Schweineproblem scheint sich von rechts nach links und weiter hinter mich bewegt zu haben. Seit einigen Minuten ist es wieder völlig still. Ab und zu Verkehr ganz entfernt von der Bundesstraße nach Verdun, aber auch da ist nicht mehr viel los. Und zappendunkel außerhalb meines winzigen Feuerkreises.

Könnte wenigstens ein Käuzchen mal rufen? So weil’s dazu gehört?

Jetzt habe ich Harndrang und müsste zum Strullen ein wenig ins Dunkel, weg vom kleinen Feuer. Soll ich? Feigling.

Und da ist es: 20:28, ein Käuzchen. Geil. Ganz schön unheimlich.

Scheiße, ich muss wirklich pullern. Mann, sind Sie eine Memme, Herr Abenteurer.

20:44

Unglaubliche Begegnung. So ein Feuer macht nicht weit hell. Gerade raschelt es extrem verdächtig wirklich ziemlich nahe gerade aus. Ich klicke die Stirnlampe an. Zwei grüne Augen leuchten tief am Boden zurück.

Ein Dachs, ganz nah.

Er linst noch drei Sekunden neugierig in meine Richtung und wieselt dann relativ elegant weg. Alleine für diesen Moment hat sich der Blödsinn gelohnt.

21:22

Es war jetzt lange Zeit sehr, sehr still im Wald. Nun hat sich ein komischer Kauz im Baum über mir eingenistet und produziert dort ein ständiges Quietschen irgendwo zwischen Wellensittich und Katze. Vielleicht ist es auch die Blair Witch, wer weiß. Jedenfalls hoffe ich, dass der nächtliche Sänger sich dann demnächst einen weiter entfernten Baum sucht. Er nervt.

Kochgelegenheit, Hitzequelle, Lichtspender, Mutmacher, Unterhaltungsmedium, Aufgabe

Ansonsten beschäftige ich mich damit, ins Feuer zu starren und es gelegentlich zu füttern. Es ist erstaunlich, wie lange man das tun kann und wie sehr einen die Tätigkeit erfüllt. Vermutlich gehört es mit zu den ältesten Dingen, die Menschen schon immer getan haben: nachts, in der Dunkelheit, in ein Feuer zu starren. Und ins Dunkel lauschen. Und Holz beim Vergehen zusehen.

Kämen nicht Nachrichten aus dem Irish Pub in Ludwigsburg hier an, ich wäre aus der Welt gefallen.

21.32

Soeben haben sie mich in 15 Meter Abstand passiert: 2 Bachen und 1W6 Jährlinge. Irgendwie scheine ich doch den Sauwald erwischt zu haben. An Schlaf ist so natürlich nicht zu denken. Wenigstens schienen sie großen Respekt vor mir zu haben und schlichen sich durch den Lichtkegel. Ich lass mal das Feuer noch eine Weile flackern, Holz habe ich.

Am Ende ist das hier irgendwie ihr Lieblingskackplatz, und ich sitze drauf.

Die gute Nachricht: Der rappende Piepskauz ist weg.

21.56

Jetzt röhrt auch noch ein Hirsch in der Nähe. Sehr nah und sehr laut. Ach je, wann wage ich mich ins Bett? Nie?

22.18

So, ich wage es jetzt. Jetzt ist alles wieder ruhig, hoffentlich bleibt es so. Ich ziehe nun meine Schuhe aus und schlüpfe in den Schlafsack. Die Stirnlampe bleibt aber auf der Rübe, damit das klar ist.
Die guten Nachrichten: Es ist warm und es scheint keine Mücken zu geben. Nicht, dass ich nicht vorbereitet wäre.

Bei allem Durchgangsverkehr hier umfängt mich dennoch innerlich und äußerlich eine große Ruhe. Es herrscht hier gefühlt viel Frieden, auch wenn ich natürlich weiß, das gerade 1000 Nachträuber da draußen irgendwelchen anderen Tieren nachstellen. Ich bin gerade ziemlich froh, bekloppt zu sein und mich auf diesen Tripp begeben zu haben. Auch wenn ich natürlich bescheuert bin.

So, Rechner aus. Ich lass jetzt alle dummen Sprüche in Richtung „kein Morgen“ und so.

6.30

Es wird hell. Was für eine Nacht.

Ich war zu müde zum Protokollieren oder die Kiste noch einmal hochzufahren, wenn etwas passiert. Aber es waren ereignisreiche und durchaus aufregende Stunden.

Die ganze Nacht röhrten die Hirsche in den Wäldern von Verdun. Ein archaischer Laut, der irgendwie klingt, als wären die Saurier nicht einem Komenten zum Opfer gefallen. Aus der Ferne ist es ja ganz romantisch, die Riesenviecher singen zu hören. Gegen 1.30 Uhr ist der Hirsch aber hier im Waldstück, und bewegt sich von Rechts im Halbkreis um mich herum. Und er ist laut. Sehr laut. Ich traue mich aber nicht die Lampe an zu machen. Warum eigentlich? Dann klingt es so, als würde der Hirsch minutenlang einen Baumstumpf mit seinem Geweih bearbeiten. Faszinierend. Was macht er da? Gegen später zieht er von dannen, röhrt regelmäßig und bekommt Antworten von den anderen Hügeln des Höhenzuges.

Es ist hell in diesem Wald. Ich hatte nicht recherchiert, dass heute Vollmond ist, und der Effekt ist atemberaubend. Das Mondlicht wirft silberne Flecken durch das Blätterdach und taucht die Baumstämme in ein unwirkliches Licht, da wo er durch die Lücken scheint. Das ergibt eine Szenerie wie in einem Hollywoodfilm der Schwarzweiß-Ära, wie gemalt der nächtliche Wald, man kann den Effekt kaum beschreiben. Ich kann locker die Uhr ablesen.

Bis der Mond untergeht. Dann ist es wieder zappenduster.

Gegen 3.30 Uhr saugt irgend etwas vor mir, ca. 15 Meter, prüfend die Luft ein. Das schnaubende Geräusch macht mich in einer Sekunde hellwach und ich greife zur Lampe. Das ist viel zu nah und dieses Geschnüffel gilt definitv mir. Natürlich steht sie da im Lichtkegel und wittert mich an: Eine Bache. Und diesmal sieht sie nicht so aus, als würde sie ängstlich weiter schleichen, diesmal checkt sie mich ab: Mal sehen was der Typ so drauf hat. Das ist nicht gut. Das Tier merkt an meinem Lichtkegel, dass ich weiß, dass sie da ist, trippelt einige Meter nach rechts, dann wieder nach links und fixiert mich. Wenigstens scheint sie meine Fähigkeit, sie anzuleuchten zu iritieren, aber von abhauen ist da keine Spur. Sie produziert Geräusche, die ich nur als „missbilligend“ beschreiben kann und schnüffelt mich an. Was soll ich tun?

Ich beschließe Feuer zu machen. Glücklicherweise habe ich den wirklich ungesunden Grillanzünder dabei, der weiße, der so ekelhaft nach Benzin stinkt. Ich werfe ein paar große Stücke in den Feuertopf und erzeuge damit sehr schnell eine hohe Flamme, die ich sofort mit Stöckchen aus meinem Vorrat füttere. Das scheint sie zu überzeugen, dass es besser ist, den liegenden Menschen in Ruhe zu lassen.

Die Sau verzieht sich, Uffz, gut so.

Im Hintergrund höre ich das Getippel und Quietschen von ein paar anderen. War wohl eine Art Kundschafterin, hoffentlich kommen sie nicht in einer Stunde zurück und schauen nochmal nach mir. Aber das war definitiv die dramatischste Begegnung der Nacht.

Kaffee und am Leben – was will ich mehr?

Von vier bis sechs war es im Wald tatsächlich totenruhig. Und ich schlafe tatsächlich ein bisschen, wenn auch eher oberflächlich. Auch um halb sieben ist es unter den Blättern noch ziemlich dunkel, aber der graue Himmel spitzt durch. Leider ein wolkiger Morgen hier in Ostfrankreich.

Ich habe die Nacht überstanden – Hurra. Es war ein echtes Abenteuer. Richtig Angst hatte ich glücklicherweise nicht, aber holla, das Wildleben hier!

So. Zeit für Kaffee.

7:10

Hmmm … Kaffee. Eigentlich ist es eine ziemliche Instantplörre, aber meine Lieblingkollegin sagt ja sowieso, dass ich vor allem Kaffeeplörre trinke. Ich finde meine Plörre hier heute morgen richtig geil.

Eben, als ich den Ofen angeheizt habe, hat es schon wieder im Abhang links von mir ganz verdächtig geknackt und gehuscht. Ich glaube, ich lagere wirklich in ihrem Wohnzimmer. Aber Feuer mögen sie nicht, nimm das von der dominanten Spezies, du Sau.

Lasst mich noch ne Stunde in Ruhe, Leute. Danach seht ihr mich nie wieder, ok?

Zweiter Teil der haute cuisine de ravin de la charbonière: Grießbrei-Frühstück.

7:32

Ich habe es geschafft die heiße Milch vom Feuertopf auf den Boden zu schmeißen. Gottseidank am Wanderschuh vorbei. Aber der unersetzliche Verlust schmerzt.

Geht Grießbrei auch mit Wasser? Was würde Bear Grylls in dieser Situation tun?

7:47

Na ja, mit Milch schmeckt’s besser. So ein warmes Griessüppchen am morgen ist aber immer noch was Feines.

To Do:

Kaffee trinken
Kacken gehen
Feuer ausbrennen lassen.
Ganzen Kladderadatsch zusammenpacken. Und zwar so, dass er wieder in den Rucksack geht.

8:11

So, ich habe wieder Schuhe und Jeans an. Jetzt kommt der blöde Schlepptop in den Rucksack und dann zurück. Am Auto wartet ne Zahnbürste und ein frisches T-Shirt.

Was für ein Erlebnis. Ich kann mich lange nicht an so eine aufregende Nacht erinnern. Ob mir wenigstens jetzt ein bisschen die Düse geht? Ein bisschen. Wenn diese Sau noch selbstbewusster geworden wäre …

Aber: Ich würde es wieder tun. Obwohl mich alle für völlig bekloppt halten. Der Wald bei Nacht ist ein faszinierender Ort. Ich hätte nie gedacht, dass so viel hier passiert. Mal zuhause reflektieren.

19:15, wieder in der Wohnung

Ich bin noch immer ziemlich geflasht und konnte mir auf der Heimfahrt ein Grinsen nicht verkneifen. Das war alles irgendwie schon cool. Als Stadtmensch ist man so viel unmittelbare Natur nicht gewohnt, und wenn man ehrlich ist, dann kennen sich Leute, die „auf dem Land leben“, auch eher mit Baumärkten, Aufsitzmähern und dem jährlichen Dorffest aus, als mit dem Wald.

Obwohl die Planung eigentlich ziemlich geklappt habt, würde ich im nachhinein sagen, dass mein Lagerplatz ein Fehlgriff war. Wäre ich ein besserer Waldläufer, Indianer, Bushcrafter, dann hätte ich wohl merken müssen, dass sich in der Ecke nicht nur Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, sondern die komplette „Was-ist-was-im-Wald“-Auflage.

Eigentlich wollte ich das machen, um diesem besonderen Ort noch näher zu kommen. Das ist wohl so transzendent, wie ich werden kann: Der Versuch, mir einen Platz, der mich fasziniert, durch Übernachtung noch stärker anzueignen. Und dann habe ich mich nur mit Feuer und Tieren beschäftigt. Null Geschichte, nur Natur. Hätte mir auch im Bayerischen Wald passieren können.

Und dann geschieht etwas auf dem Rückweg, das ich eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Da mein Rucksack nun leichter ist und der Wald so schön offen und unterholzfrei beschließe ich neben dem Weg zurück zu gehen, jedenfalls bis dieser niedrige, zugewucherte Scheißwald beginnt, aus dem so viele Flächen des Schlachtfeldes bestehen. Und dann kuckt etwas am Rande eines Trichters aus der Erde, das ich zunächst für ein Stacheldrahtelement halte, wie man es hier ständig findet. Irgend so ein Metallpfosten.

Ist es aber gar nicht. Es ist ein Gewehrlauf.

Nun, man darf hier schon einwenden, das ich bis dato alles Mögliche aus dem Krieg gefunden hätte: Patronen, Blindgänger, Essgeschirre, Weinflaschen, Gasmaskenfilter, Handgranaten, Kochtöpfe, Feldflaschen, Porzellanisolatoren, Stiefelsohlen, halbe Pferdewagen …

Ich hätte aber nie gedacht, dass ich über ein Gewehr stolpere. Noch dazu knappe 20 Meter abseits vom Weg. Nach dem Krieg hat man die Schlachtfelder von übrig gebliebenen Schusswaffen einigermaßen befreit, weil sie einen gewissen Wert darstellten. Oder jeder französische Bauer eine Umsonst-Flinte sein eigen nennen wollte.

Deswegen ist der Karabiner ein sensationell seltener Fund, zumindest als Oberflächenfund. Natürlich musste ich ihn vorsichtig aus der Erde holen, ich konnte nicht anders. Natürlich ist es nur ein rostiges Stück Rohr mit festgefressener Mechanik und der selben braunen Farbe wie alles Alteisen auf dem Gelände. Und natürlich habe ich ihn da gelassen, in diesem gewaltigen Freilichtmuseum für ziemlich Unerschrockene.

Aber der Militärkarabiner ist auch so etwas wie ein Symbol für diesen ganzen Krieg geworden. Und wie der Lauf dort am Rande des Trichters herausragte, wie im künstlich erstellten Denkmal des tranchée des baionnettes auf dem zentralen Gedenkfeld, stellt sich unwillkürlich die Frage: Wie kamst du hier hin, Knarre? Liegt die arme Sau, die dich zuletzt in der Hand hatte, eventuell ganz in der Nähe, unter meinen Füßen?

Es ist doch kein Wald wie jeder andere. Und ich muss am Ende des Tages der missmutigen Bache ganz recht geben. Eigentlich gehören wir nicht mehr ganz in diese Wälder, wir sind nur Tagesgäste.

Außer man ist ein bisschen bekloppt.

Der Deserteur

Ist heute nicht eigentlich schon der erste Schultag?“ fragt mich Ralf, der mir seit zwei Jahren die Haare schneidet. Ralf weiß natürlich, dass ich Lehrer bin, und seine Frage ist wahrscheinlich nur neugierig gemeint. Aber in meinen Ohren klingt sie tatsächlich wie ein gewisser Vorwurf: Was machst du hier morgens um 8.00 beim Friseur und warum bist du nicht bei deinen Schülern?

Tatsächlich war er heute gekommen, der große Tage, der Diaz Ultima, der magnum tempus, ab heute beginnt das Sabbatical zwar nicht amtlich, aber praktisch. Heute morgen stehen alle anderen bereit und erklären irgendwelchen Gören, welchen Ordner sie brauchen, wie viele Tests geschrieben werden und wie viel Prozent die Unterrichtsnote zählt. Hektisch werden vor der ersten Stunde Kaffees herausgelassen, Postwurffächer ausgeräumt und Willkommen-zurück-Gespräche geführt, sich hinter vorgehaltener Hand über Stundenpläne beschwert, Tafelstifte entstaubt und Sitzplätze neu bezogen. Nur ich, ich bin nicht da.

Ich fühle mich ein bisschen schlecht dabei.

Ja, jetzt ist es angekommen, das schlechte Gewissen, das halb scherzhaft schon vor den Sommerferien durch die Gespräche und Verabschiedungsriten mit dem beruflichen Freundeskreis geisterte: Achim, du Kameradenschwein, lässt uns einfach mit der ganzen Scheiße hier allein.

Im Grunde fühle ich mich ein wenig wie ein Deserteur. Es gab gute Gründe die sogenannte ganze Scheiße erst mal hinter sich zu lassen und sich aus der Schusslinie zu nehmen, völlig richtige Entscheidung, aber trotzdem, die Pflicht, die anderen, meine Schüler*innen, alle-die-jetzt-das-alles-weiter-machen-müssen …

Warum beginne ich das Freistellungsjahr nicht mit einer rosaroten Wolke aus Glücksgefühlen, regenbogenfurzenden Einhörnern und kleinen Engelchen, die mir halleluja-singend um den Kopf flattern? Warum fühle ich mich versucht, auf Ralfs harmlose Frage defensiv zu reagieren?

Gut, zum einen wird mich niemand erschießen, wenn ich zurückkehre, das unterscheidet mich vom Desserteur. Zum anderen frage ich mich, ob ich vielleicht-eventuell nach sechs Wochen Kinder und Jugendliche ein wenig vermisse. Wäre nicht ungewöhnlich. Eigentlich stehe ich ganz gerne vor Schulklassen, was an Schule nervt und was an Schule hierzulande schiefläuft sind nicht die Kids, sondern Eltern, Kolleg*innen, Strukturen, Hierarchien, Verordnungen, Politiker*innen, Bildungsideologien und Ämter. Aber die Jugend von heute – immer wieder ein angenehmes Gegenüber.

Andererseits: Wenn ich in 10 Sekunden tippen spontan so viel dummen Shit im Pädagogenalltag aufzählen kann, warum bin ich nicht happy wie ein Schwein im Eichenwald, dass ich diesmal nicht hin muss? Ist es dieses treudeutsche Pflicht-Gen, das einem von klein auf eingeimpft wird, mir als Beamtenkind ganz besonders, der deutscheste aller Moralsätze: Man verlässt den Schützengraben nicht bevor alle tot sind? Man hält aus? Man bleibt kameradentreu bis zum Schluss – und wann Schluss ist bestimmt die Generalität?

Was es auch sei: Ich fühle mich an diesem ersten Schultag für alle anderen armen Schweine zunächst ein wenig seltsam.

Kann ich mich ja schon mal auf das erste Pensionierungsjahr einstimmen.

Jedenfalls beschließe ich mit frisch gekürztem Haarschnitt und ausgiebiger Aufklärung Ralfs über das System des Freistellungsjahrs mit Ansparphase mich zunächst mal mit einer Zeitung in ein Kaffee zu hocken. So machen das nämlich brave Rentner. Vor einem gewaltigen türkischen Schokohörnchen wird mir schon ein wenig wohler zumute. Geil, ich kann heute vor einem medientechnisch völlig überholten Stück Printmedium Kaffee saufen und muss nicht ackern. Oder mir anhören, was Kollegin X Anfang August in Nepal erlebt hat (nämlich eigentlich nix außer Berge und Essen, sie fand’s aber trotzdem toll). Oder mich fragen lassen, wie meine Ferien waren.

Schon nicht ganz so schlecht.

Und dann habe ich ja auch gar keinen sinnlos unbeschäftigten Morgen, nein, heute wartet ja der erste Schritt zum Projekt: Tue Gutes.

Und zwar ab 10.00 beim Kulturkabinett Bad Cannstatt e.V., einem Kulturverein, der auf der Stuttgarter Freiwilligenbörse nach einer ehrenamtlichen Thekenschlampe für abendliche Veranstaltungen sucht. Passt auf mich.

Heute morgen hat der Verein, der in einem ziemlich coolen alten Cannstatter Hinterhaus sitzt, große Eintütaktion, das heißt, dass für das kommende Quartal Briefe mit Spielplänen und Flyern raus müssen, und irgend jemand muss diese Briefumschläge ja füllen.

Also sitze ich nach einer kurzen, sehr sympathischen Hausführung an einem langen Tisch und schiebe einen bestimmten Werbemittelmix in einen Umschlag. Eigentlich unterscheidet diese Tätigkeit sich gar nicht so groß von vielen meiner beruflichen Aufgaben: als hochqualifizierter, intellektuell zugedröhnter Hochulsabsolvent simple und unterfordernde Arbeiten mit tonnenweise Papier durchzuführen. Ironie des Schicksals: In meiner Funktion als Kulturheini habe ich an der Schule pro Woche etwa 5 solcher Infoschreiben von irgendwelchen Kulturanbietern ungeöffnet im Altpapier versenkt. Aber nun büße ich ja dafür, und das Büßen ist gar nicht so schlimm.

Mir gegenüber sitzt ein Theaterpädagoge, links von mir eine esoterisch angehauchte Seniorin, schräg gegenüber ehemalige Weinkönigin und Amateurtheaterfrau, etwas weiter eine türkische Mama (könnte auch pakistanisch oder kurdisch sein, ich habe nicht nachgefragt), ein Handwerker, dann noch mehr Theaterleute, eine Musikhochschulabsolventin – im Grunde ein Umfeld, mit dem ich sofort Themen habe und das ich im Umgang als angenehm empfinde. Weil: Locker. Im Gegensatz zu Eltern, Kolleg*innen, Strukturen, Hierarchien, Verordnungen, Politiker*innen, Bildungsideologien und Ämtern.

Um es kurz zu machen: ca. 200 Briefumschläge weiter weiß ich, dass ich großen Bock hätte, bei denen mal vor den Vorstellungen die Bar zu managen (Hey: Ich und Bar – soooo! *presst Zeige- und Mittelfinger fest zusammen und hält sie vor sein Gesicht*). Und weil der Verein gerade renoviert und versucht weitere Räumlichkeiten im Hinterhaus für die Nutzung als Kulturverein herzurichten, melde ich mich auch gleich noch als Renovierungshelfer an. (Weil: Ich und Akkuschrauber – soooo!)

Als ich kurz vor eins heraus laufe ist das dumme Gefühl des Deserteurs verschwunden. Ich renne ja nicht nur weg, ich renne wohin! Also: wohin genau – mal sehen. Aber ich bin mir sicher, es ist in meine Richtung.

Zuhause setze ich mich an ein wohlverdientes Mittagsvesper, schließlich habe ich ja morgens gearbeitet.

Lustig: Ich war heute ziemlich genau von 8.00 bis 13.15 unterwegs.

Hipsterlandung am Ammerufer

Baggersamstag in Bayern: Hier also der zweite Teil. Zum ersten Teil geht es hier. Ich kann verraten, dass sich die Stimmung verändern wird.

Von Burggen nach Inning am Ammersee sind es etwa 45 Minuten mit dem Auto über bayerische Landstraße, das heißt, dass die Straße ziemlich schnurgerade und neu ist, alle 2 Kilometer für einen Kilometer dreispurig wird, was dann ein schwarz lackierter BMW-Kombi zu einem wütenden Überholmanöver nutzt, obwohl ich eher 120 fahre wie 80. Ich bin kurz versucht zu glauben, dass es jedesmal der selbe schwarze BMW-Kombi ist, der mich wie in einem Horrorfilm jagt, aber dann erkenne ich, dass der schwarze Familien-BMW mit dem durchgetrappten Gaspedal einfach nur ein Stück bayerische Volkskultur ist wie das Bauerntheater, die Zitter oder die Königsschlösser. Apropos Volksgut: Die Hoffnung auf die Schmierkäsespezialität mit Brezen hält mich am Leben.

Inning, an der Nordspitze des Ammersees, ist wunderschön gelegen und weiß etwas aus dieser Lage zu machen. Neben einem vollen Parkplatz mit professionellem Einweiser erwartet mich das Restaurant mit angeschlossenem Biergarten und eine „Eis-Manufaktur.“ Schon hier schlägt mein Lifestyle-Alarmsensor an, denn man weiß, wenn jemand seinen Betrieb im Jahre 2019 „Manufaktur“ nennt, dann ist das meistens kein merkantilistischer Alleinherrscher sondern eine Klebefalle für Hipster und Bürgerliche. Während es in den 80ern und 90ern völlig selbstverständlich war, dass der Gino in seiner Eisdiele mit den Plastikstühlen vor der Tür natürlich sein Eis selber machte, ist das heute ein Werbemittel, das als Alleinstellungsmerkmal auf das Ladenschild gehört. Wobei natürlich „handgemacht“ auch so ein falsches Label ist, natürlich hat sich auch schon Gino aus Catania 1987 einer Rührmaschine für sein Eis bedient, aber geschenkt. „Manufaktur“ ist ja nur eine Modephrase.

Regenbedingt hat der mit einem wirklich schönen Blick gesegnete Biergarten leider geschlossen, so dass ich ins Restaurant selber gehe. Es ist relativ gut besetzt mit wohlsituierten Menschen, gehobenes Familienklientel, die Frauen nahezu alle in bunten Steppjacken oder -westen (Jaja, der Herbst kommt), die Ehemänner alle mit Designerbrille, Sehschwäche scheint so eine Art soziales Rangmerkmal zu sein. Niemand hier ist ganz jung oder ganz alt, außer die Bedienungen, die alle weiblich und sehr jung sind. Das Publikum hat aber beschlossen in der Mitte von allem zu leben. Der Tiefschlag ist unvermeidlich:

Obatzda gibts nur im Biergartenbetrieb.

Es wird also nichts mit Schmierkäse, der hipsterverseuchte Ammersee reißt mich aus dem proletarischen Baggersitz in die bourgeoise Speisekarte, die auf International Cuisine macht und Currys, Mediteranes und Fischgerichte anbietet. Scheiße gelaufen.

Ich denke also um und bestelle einen Beyond-Meat-Burger, erstens um mich mental meiner Umgebung anzupassen, zweitens um das Fleischersatzprodukt, über das sogar der Spiegel berichtet, anzutesten. Erster Eindruck: Der Edelburger für 17 Euro ist extrem klein, ungefähr MacDonalds-Cheeseburger-Größe, allerdings wenigstens gut drei mal so hoch. Ich habe also keine Chance in den länglichen Zylinder zu beißen, nicht mal wenn ich das Maul einer oberbayerischen Buntgefleckten hätte, zudem fürchte ich, ein Essen aus der Hand löst in diesem Ambiente eine veritable Stepjackenkrise aus. Ich habe also keine Chance, außer das Ding mit dem Messer zu filetieren und vorzugehen wie ein Chirurg, der eine komplizierte Hirnoperation vornimmt. Dazu gibts ein kleines Drahtkörbchen wenigstens heißen Pommes, und sonst … nix: Kein Coleslaw, auch kein grüner Salat, nicht mal drei Radieschen als Beilage sind drin.

Meine Laune sinkt noch weiter.

Überraschung: Der Burger schmeckt tatsächlich ziemlich nach Fleisch, nur die Konsistenz ist nicht hackfleischig sondern eher amerikanisch-brätartig, der Geschmack überzeugt aber völlig. Wenn ich es nicht wissen würde, würde ich sofort von einem Fleischprodukt ausgehen. Erstaunlich was heute geht. Damit ist die Beyond-Meat-Variante tatsächlich eine echte Alternative für alle Carnivoren, die bisher nicht auf das Dauerverfurzen von Regenwaldsoja verzichten wollten, allerdings nicht zu dem Preis. Wobei, wenn ich mir überlege, was die Designerbrillenfamilien hier beim Biometzger wohl für ein Steak für den dicken Weber ausgeben, dann eventuell schon.

Der Burger war klein, aber lecker, das Bier wenigstens von Augustiner. Zeit mich voll und ganz dem schicken Konsumleben Innings zu ergeben und die Eis-Manufaktur zu testen, die neben 12 Eissorten auch noch folkloristisch angehauchte Markenpullis verkauft (die Marken heißen alle „Edelvice“, „Alpensturz“ oder „Bergwild“ und arbeiten mit Geweihsymbolik) und columbianischen Kaffee ausschenkt. Waffel für’s Eis gibts nicht, nur Becher, Eis in Waffeln ist zu altmodisch, dazu gibt’s zum Becher einen elegant geformten Plastiklöffel, der von der Dicke her sicherlich einige Jahrzehnte im Plastikstrudel schwimmen wird. Aber ich habe ja Ökopunkte im Hauptgericht gesammelt, jetzt darf ich auch wieder Plastikmüll produzieren. Der Preis für einen kleinen Becher Eis geht sogar einigermaßen, ich entscheide mich für den hier beliebten Mix aus Klassik und Postmoderne: Stracciatella und Spicy Maracuja.

Niederlage zwei: Nach dem vegetarischen Burger ist auch noch das Eis ziemlich lecker.

Einzig der scharfe Nachgeschmack, der mich an roten Wrigleys-Spearmint-Gum erinnert, ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Nach einer Stunde Inning bin ich also völlig verhipstert und habe Angst, dass ich mir umgehend eine bunte Lodenjacke mit „Steilwand“-Logo kaufen werde, wenn ich nicht fliehe. Wie geplant als Abschluss das Buchheim-Museum am Starnberger See zu besuchen, würde mich nochmal 45 Minuten an Fahrtzeit kosten – einfach. Und ich habe Angst, dass es voller bunter Steppjacken und Designerbrillen sein wird.

Ich fahre also nach Hause.

Baggertipps aus Oberbayern

Ja ja, was waren das für Zeiten: Dienstag Nachmittage in einem langsam zerfallenden Klassenraum, vor mir 24 mehr oder weniger am Thema desinteressierte Abiturent*innen, unten vor dem Fenster ein dröhnender … Abrissbagger.

Moment mag sich da der eine oder andere Leser außerhalb des Bildungssystems fragen, sich an die eigene weit zurückliegende Schulzeit erinnernd, ein Bagger gehörte noch nie zur üblichen Nachmittagsunterrichtausstattung. Und das will ich normalen Leuten auf normalen Schulen auch ruhig zugestehen, doch an meiner Schule im vergangenen Frühjahr gehörte der Bagger zum 12er-Unterricht wie die Potsdammer Konferenz oder das Frauenbild bei Hermann Hesse.

So ein Bagger ist ein zweischneidiges Schwert: Zum einen ist er recht laut, vor allem wenn er mit dem Abriss des Parkdecks vor der Schule beschäftigt ist, entwickelt er ein relativ breites Frequenzspektrum, das er mit hoher Dezibelzahl relativ zuverlässig noch durch die dickste Fensterscheibe transportiert. Die Bässe werden vom sonoren Dröhnen des Dieselaggregats abgedeckt, gelegentlich bei Fahrtstrecken zum übertönenden Crescendo anschwellend; Im mittleren Tonbereich haben wir diverse Hydraulikzylinder, die zum Bedienen des Greifarmes notwendig sind und die Hochtöne werden vom Kratzen der Baggerschaufel über den im Todeskampf kreischenden Beton geliefert oder durch das Zerreißen der Stahlarmierungen im Parkdeck. Ganz besondere Specialeffects liefern verschiedene Aufsätze am Arm, denn auch ein blechscherenartiger Riesenkneifer oder ein Hydraulikhammer, der schön laute BPMs beisteuert, können für die abwechslungsreiche Setlist des Parkdeck-Requiems genutzt werden.

Ein Höllenlärm. Vor allem wenn man auf das Deutsch-Abi lernen will, und ich kann im Nachhinein nun nicht verneinen, dass am Ende der 12. Klasse einige Leute im Raum diese Absicht entwickelt hatten.

Der Bagger war also der tägliche Begleiter unseres Weges zur Reifeprüfung.

Andererseits ist so ein Bagger ein faszinierendes Ding. Ausgestattet mit brutaler Kraft, der das Stahlbetongerüst des alten Parkdecks ungefähr so viel Widerstand entgegenzusetzen hatte wie eine Schachtel alter Butterkekse einem hungrigen Flusspferd, zerpflügt er eine doch bisher stabil wirkende Struktur mit der Beiläufigkeit eines Metzgers vor seiner 400sten Schweinehälfte. Dazu kommt eine fast elegante Agilität des Baggerarms, der wählerisch die Bautrümmer durchstöbert, um hier Eisenstangen, dort Bodenbleche herauszupflücken und auf der Seite zu sortenreinen Stapeln auftürmt, ganz als wäre das kein 1000-PS-Monster sondern eine wählerische ältere Dame vor einem griechischen Salat.

Man sieht, ich hatte einige Zeit diesen Bagger zu beobachten. Im Laufe jeder Stunde kommt der Punkt, an dem die Schüler*innen schwer beschäftigt sind (sein sollten). Einer meiner geschätzten Fachleiter vertrat damals, als Bildungspläne noch bilden und nicht nur kompetent machen sollten, den Wahlspruch: „Der Lehrer arbeitet am Schreibtisch, die Lerner im Klassenzimmer„, etwas was ich immer ziemlich beherzigt habe. Irgendwann kommt also der Punkt, an dem alle mephistophelische Knittelverse aus dem 1. Akt heraussuchen, die Argumentation von Carlo Schmid über den Charakter der 1949 zu gründenden BRD zu verstehen versuchen oder die Krähenmetapher in „Käme doch Schnee“ auf den Punkt bringen sollen. Bagger-Time for me! Das ist der Zeitpunkt, wo ich mir in Ruhe einen Bagger beim Abreißen einer Betonstruktur ansehen kann und im Nachhinein betrachtet ist das eventuell auch keine schlechte Metapher auf die alte 12d am Ende ihrer Karriere.

Irgendwann muss ich bei so einem Blick aus dem Fenster geäußert haben, dass ich wirklich einmal Lust hätte mit so einem Gerät selber durch die Botanik zu heizen.

Schwerer Fehler. Denn wenn sich mein Klientel eins aus meinem Munde merkt, dann nicht, wo die wichtigen Knittelverse für Mephistos Spötterei stehen, oder dass Carlo Schmid die BRD zunächst als Reorganisation eines Deutschen Staates sieht und nicht als Neugründung oder dass die Krähen den schwierigen Entscheidungsprozess der jungen Mutter versinnbildlichen, sondern dass der Alte gerade geäußert hat, er, der Deutschheini, würde gerne einmal Bagger fahren.

Folgend war eine solche Stunde „Baggerspaß“ das Abschiedsgeschenk meiner Schäfchen auf dem Abiball an mich und ich muss sagen, es hat mich wirklich, wirklich sehr gefreut. Es hatte etwas Persönliches und zeigte, dass sie mir einmal zugehört hatten.

Mit einem Gutschein in der Tasche fahre ich also an einem etwas kühlen und regnerischen Septemberwochenende Richtung Oberbayern, da der einzige baden-württembergische „Baggern für Nichtbaggerer“ – Anbieter kürzlich sein Geschäft eingestellt hat. Ich bin guter Dinge, die A8 ist morgens ohne Probleme zu bewältigen, spätestens auf der A7 wird der Verkehr dünn und die Hälfte aller Autos haben sich Mountainbikes auf die Heckklappe geklebt. Eigentlich ein seltsames Hobby, Fahrräder mit dem SUV herumzufahren, aber gut, wem erzähle ich etwas von seltsamen Hobbies.

In Burggen, Landkreis Weilheim-Schongau gibt es nicht viel außer einigen großen Wellblechhallen, einem großen Haufen Dreck neben einem Maisfeld und Stefan, den Getriebekonstrukteur, der als Ausgleich zum Schreibtisch-Job am Wochenende Hinz und Kunz, und ja, auch Deutschlehrer, in Baggerkabinen setzt und sie zum Dreckbuddeln bittet.

So ein Bagger ist ein ziemlich sensibles Ding, oder eben ein Gerät, in das man sich einfühlen muss, denn statt Gas und Lenkrad (das Konzept ist mir gut bekannt) oder Mast und Ruder (auch immerhin grundsätzlich bekannt) herrscht hier die Regel: Zwei Joysticks – acht Funktionen. Das alles bedient dann also einen hydraulischen Arm, der einem menschlichen Arm gar nicht so unähnlich ist. Weil man sich daran gewöhnen muss, setzt Stefan seine Gäste zunächst in einen Minibagger zum Üben.

Niemand sieht in einem Minibagger gut aus, maximal so ein bisschen wie ein 14-Jähriger der auf dem rosa Pony vom Kirmes-Karusell gelandet ist, aber ich baggere brav den Dreck weg. Und versuche mich an den „Spielen“ die man mit der Baggerschaufel lösen muss: Ein Pendel an einem Ring greifen und von einer Röhre in die andere schieben (Ähmmm – als ich’s getan habe, habe ich gar nichts Schmutziges gedacht, aber jetzt wo ich’s schreibe …) und vier Autoreifen stapeln.

Meine ehemaligen Schüleris würden sich freuen, mich mal bei einer Sache zu sehen, die ich im Gegensatz zu Deutsch und Geschichte nicht besonders gut kann. Während mir das Dreck Baggern einigermaßen gelingt und ich mit viel Gefrickel auch das Pendel rübertauschen kann, scheitere ich beim Stapeln der Reifen im Grunde komplett. Aber dann ist die halbe Übungsstunde auch rum und Stefan macht mich bereit für den großen Bagger.

Hell yeah, I’m ready.

Gegenüber sitzt ein achtjähriges Kind im zweiten Minibagger und stellt sich noch etwas dümmer an als ich. Das freut mich. Gut, er ist erst acht Jahre alt, aber immerhin war ich ein bisschen besser. Ich habe aber keine Zeit mich mit meiner eigenen Jämmerlichkeit als Persönlichkeit zu konfrontieren, denn jetzt werde ich in den großen Dicken eingewiesen. Leider ist Fahren auf dem Platz verboten, dafür ist er zu klein (bzw. der Bagger zu groß), das ist ein bisschen schade, wenn ich schon mal Ketten unterm Hintern hätte. Aber gut, bleibt Drehen und die Schaufel einsetzen, man muss nehmen, was man kriegt. Ich werde noch dezent darauf hingewiesen, dass eine volle Schaufel an dem Teil drei Tonnen wiegt und man hier mit dem langen Arm, wenn man sich blöd anstellt, die eigene Windschutzscheibe herausdrücken kann. Ich nehme das als Aufforderung, mich nicht blöd anzustellen.

Machen wir es kurz: Der große Bagger ist ein Mega-Spaß. Die Joysticks reagieren wesentlich sensibler und das Gefühl, richtig viel Kraft unter dem Arsch zu haben, spricht mich schon an. Auch hier meistere ich das Pendel mit einigen Versuchen, und Mühe mich an den Reifen ab, bis ich beschließe, dass ich meine halbe Stunde großer Otto zu dem nutzen sollte, was Spaß macht: Dreck schaufeln. Und so baggere ich den Dreckhaufen, den mein Vorgänger aus einem Loch geholt hat, in das Loch zurück. Hirnloser, sauberer Spaß. Und dann, wenn es dir gelingt, mit einer relativ flüssigen Bewegung von kurzem Arm, langen Arm und Baggerschaufel, eine wirklich große Schaufel voll Dreck aufzuheben und sie lässig herumzuschwenken, die Freude zu genießen wenn das braune Zeug mit diesem typischen Braunes-Zeug-rutscht-über-Blech-Geräusch im Loch verschwindet … dann werden da Träume wahr. Zugegeben, kleine-Jungen-Träume. Aber nichtsdestotrotz Träume.

Dem aufmerksamen Leser entgeht nicht das Fehlen eines Schmierkäses auf diesem Brotzeittischbild.

Leider ist an dem Punkt, an dem ich so weit bin flüssig zu schaufeln, auch meine halbe Stunde abgelaufen. Kam mir kürzer vor, also muss ich Spaß gehabt haben. Ergebnis des Tages: Sinnlos Diesel in ein Maisfeld gepustet (ich bin mir sicher, die waschen das Zeug, bevor sie es den Schweinen in der Wellblechhalle geben, oder?), sinnlos einen Dreckhaufen systematisch weggebaggert, um ein Loch zu füllen, dass es ohne diese Aktion gar nicht geben würde. Insgesamt kein schlechter Samstag Morgen, Aufsätze korrigieren lässt einen stärker an der Sinnhaftigkeit der eigenen Zeitgestaltung zweifeln.

Noch ein schnelles Foto, dann ab in das Golfklasse-Gefährt und weiter Richtung Ammersee. Da kenne ich von früher einen hübschen Biergarten und ich denke ich habe mir nun nach dem harten Alltag im Baugeschäft ein Radler und einen bayrischen Obatzda verdient. Aus dem CD-Player dröhnt extra mitgebrachte bayrische Rap-Musik: „Wooaah – Dompf döa Giganten, wenn dia Bullen Wossa weafa, weafa mia Hydranden …

Irgendwie kein unpassender Soundtrack zum Tag. Eventuell berichte ich vom Ammersee mal in einem Folge-Beitrag. Um es kurz zu machen: Mit Obatzda war da nix. Aber dafür Spicy-Maracuja-Eis.

Edit: Den zweiten Teil des bayerischen Samstags gibt’s hier.

P.S.: Danke 12d!